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Aktuelle Rezensionen

belletristiktipps.de veröffentlicht regelmäßig Rezensionen von neuen Büchern aus dem Bereich Belletristik.

Hier die aktuellen Rezensionen bei belletristiktipps.de:


Flake: „Die Welt hat heute Geburtstag“

Flake ist ein Mitglied der Gruppe Rammstein. Der mit den Glitzeranzügen und auf dem Laufband stehend im Hintergrund. Nicht so archaisch wie seine Kollegen. Und wahrscheinlich unterschätzt. Denn sein Keyboard ist wichtig.

Im Buch heißt es, er erzählt und wir dürfen zuhören. Das ist die exakte Beschreibung. Er erzählt ungefiltert (so scheint es) und mit einigen Abzweigungen in die Vergangenheit oder die Hintergründe einfach so vor sich hin. Maßgeblich vertreibt er sich mit der Aufschrift seiner Gedanken einfach die Wartezeit bis zum Auftritt.

Sympathische Grundstimmung entsteht. Es ist ein normaler Mensch mit nicht geradem Werdegang. Getrieben von seiner Leidenschaft, der Musik. Erwachsen geworden, angekommen und noch immer die kindliche Freude, das machen zu können, was ihm Spaß macht, und sogar mittlerweile davon leben zu können!


Anne Østby: „Zartbitter ist das Glück“

So etwas Aufregendes, Überraschendes und letztendlich auch Schönes wie einen Brief von einer alten Freundin sollte jeder bekommen: Eine Freundin schreibt ihren vier ehemaligen besten Freundinnen aus der Jugend überraschend eine Einladung — in einer liebevollen und wissenden Art, wie der Leser später feststellt.

Sie sind alle über 50 und haben, jede auf ihre Weise, einen wichtigen Abschnitt ihres Lebens hinter sich. Und nun kommt also ein Brief, der liebevoll auf die jeweilige Freundin und auf ihre Eigenarten eingeht oder auch Vermutungen anstellt: So zum Beispiel wird bei der einen ganz richtig unterstellt „…du hast dir sicher den Brief zunächst beiseitegelegt und dir eine Tasse Kaffee gemacht…“; oder es wird eine Vermutung geäußert: „…vielleicht ist das Leben mit dem Prinzen nicht immer märchenhaft…“. Die Formulierungen treffen immer. Und jeder Brief ist formuliert als eine vorsichtige Einladung. Als altmodischer Brief, denn er könnte ja verloren gehen und die Adressatin braucht nicht reagieren, er könnte ja gar nicht angekommen sein.

Letztendlich reagiert jede. Und kommt nach Fidschi! Um mit Kat, der Absenderin, zusammen zu schauen, was noch im Leben steckt. Dabei macht jede ihre eigenen Erfahrungen und wächst am Ende über die eigenen Grenzen hinaus. Im positiven Sinne, denn es werden nur die Persönlichkeiten erweitert. Sie erfahren mehr in dieser fremden Kultur über sich und andere Menschen.


Leonie Swann: „Gray“

Ein Kriminalroman mit Spannung und Schmunzeln. Dr. Huff ist ein verschrobener Dozent in Cambridge. Umgeben von einigen skurrilen Charakteren, die ihre Geheimnisse haben. Nach einem Unglücksfall, der eventuell ein Mord war, bekommt er einen Vogel. Den des Opfers, einen Graupapagei. Der Vogel hat seinen Seelenverwandten erkannt und als neues Herrchen ausgesucht.

Zwar ist Gray ziemlich vorlaut und kann oft in unpassenden Momenten einfach nicht den Schnabel halten, doch er stellt die richtigen Fragen. So motiviert er Dr. Huff zum Handeln, und beide machen sich auf die Suche nach Wahrheiten.

Im Verlauf kommen einige Dinge ans Licht. So war der Verstorbene kein netter Mensch, und es gibt einige Mitmenschen, die ihm nicht nachweinen. Auch in der Familie liegt einiges im Argen.


Gayle Forman: „Manchml musst Du einfach leben“

Zu viel zu tun; nicht wissen, woher Kraft und Zeit kommen sollen, allen Ansprüchen genügen wollen und doch immer hinterherhinken – das ist Überforderung. Kennt jeder, nicht nur Frauen. Aber diese übernehmen ganz gerne noch soziale Aufgaben, das Pflegen der Beziehungen, der Familie usw. Oft aber auch nur im Gedanken, es klappe sowieso nicht so gut oder so, wie es aus eigener Sicht am besten wäre, wenn sie es nicht selber machen.

In dieser Falle sitzt Maribeth Klein, eine New Yorker Mutter, Arbeitnehmerin und Ehefrau die alles zur vollsten Zufriedenheit aller bewältigen will. Der sich ankündigende Herzinfarkt wird als Sodbrennen, Kopfschmerzen eingeschätzt und am liebsten ignoriert. Erst eine auch noch zu erledigende Untersuchung bei einem Facharzt ergibt den Verdacht darauf und die sofortige Einweisung in die Klinik.


Uwe Timm: „Ikarien“

Ende April 1945. Der junge deutsch-amerikanische Offizier Michael Hansen kommt in der allerletzten Kriegsphase von Frankreich nach Deutschland. Sein Spezialauftrag ist die Sichtung der Unterlagen des 1940 verstorbenen Rassentheoretikers Alfred Ploetz sowie die Befragung von Zeitzeugen und Mitarbeitern. In einem Münchner Antiquariat findet er einen alten Mann, Wagner, der seit der Studentenzeit mit Ploetz lange Jahre eng befreundet war, bevor die Freundschaft aus politischen Gründen in die Brüche ging, deren Wege sich aber immer wieder bis zuletzt kreuzten.

Wer war Alfred Ploetz? Geboren 1860 in Swinemünde, hatte Ploetz zunächst Ökonomie studiert und danach Medizin. Während der Studentenzeit gründete er mit einigen Mitstreitern, unter Anderem auch den Brüdern Carl und Gerhart Hauptmann, den Verein Pacific, der sich für die Ideen der ikarischen Gemeinden in Übersee begeisterte. Nach dem Studium der Medizin und arbeitete er im berüchtigten Burghölzli, der Zürcher Psychiatrischen Universitätsklinik mit Auguste Forel zusammen; auch politisch wechselte Alfred Ploetz in jener Zeit radikal Seiten und fühlte sich schon bald in nationalkonservativen, rassistischen und antisemitischen Kreisen zuhause. Das Ende des 19. Jahrhunderts war die Blütezeit eines neu aufkeimenden und sich politisch formierenden Rassismus. Zusammen mit Wilhelm Schallmayer gilt Alfred Ploetz als Begründer der Eugenik in Deutschland, er war es auch, der den Begriff der Rassenhygiene prägte.


Peter von Becker: „Céleste“

Vielleicht liegt es an der zu geringen Spannkraft meiner Aufmerksamkeit beim Lesen von literarischen Werken? Denn es passiert mir immer wieder, dass ich einen Roman zu lesen beginne, durchaus interessiert und vom Plot gebannt, doch nach etwa hundert Seiten lässt das Interesse immer mehr nach, bis ich an einen Punkt komme, wo ich mich ernsthaft frage, was das Ganze soll? Wohin führt diese Geschichte? Und interessiert mich eigentlich noch, wie sie endet? Ob sie endet?

Ein derartiges Verhalten schwächelnder Lektüre befällt mich selten bei den sogenannten Klassikern, beim Lesen moderner Autoren jedoch immer wieder und immer öfter. Das ist keine schöne Erfahrung, und sie betrifft nur denjenigen Teil des Kritikers, der sich bei der Ausübung seines Berufes auch ein bisschen unterhalten will. Die anderen Ebenen der Kritik sollen jetzt in den Vordergrund treten.

Zum einen wäre da der Plot. Der Roman hat etwas Fadenhaftes, womit nicht gemeint ist, dass er etwas Fadenscheiniges hätte! Fadenhaft ist seine Erscheinung, weil sich die Handlungen dieses Romans erst am Ende zu einer Einheit verbinden.


Jean-Paul Didierlaurent: „Macadam oder Das Mädchen von Nr. 12“

Es gibt Bücher, die machen es einem nicht leicht. Ich meine das durchaus im ganz physischen, materiellen Sinne. Es gibt Bücher, die sich mir, dem Puristen, widersetzen und einen inneren Widerstand auslösen, der im ersten Moment schwer zu erklären ist.

Im zweiten Moment wird klar, dass der Leser ein Buch in den Händen hält, das nicht nur durch seine Geschichten, sondern auch schon durch seine Aufmachung darauf hinweisen will, dass wir es hier mit zauberhaften kleinen Geschichten zu tun haben, welche das Leben feiern und die Schönheit der Welt betonen möchten.

Nimmt man dieses Buch in die Hand, durchblättert man seinen Inhalt, so sieht man den unterschied. Der Text ist durchgehen in einem Himmelblau gesetzt, welches die luftige Leichtigkeit des himmlischen Inhalts unterstreichen soll; die Buchseiten selbst changieren von einem cremefarbenen Weiß zu einem Babyblau und wieder zurück. Es fällt schwer, hier nicht die Nerven zu verlieren.


Matthias Zschokke: „Ein Sommer mit Proust“

Matthias Zschokke ist nicht der Erste, der seine Leseerfahrungen mit Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit aufschreibt, um sie mit Anderen zu teilen oder um sich selbst zu vergewissern, was man da eigentlich gerade macht.

In den letzten Jahren gab es gleich mehrere Autoren, die sich an einer Proust-Lektüre versucht und ihre Erfahrungen in Buchform veröffentlicht haben. In den meisten Fällen bleibt das Werk als solches, abgesehen von den beschriebenen Mühen der Lektüre, in seinem Status als Jahrhundertwerk der Weltliteratur unangefochten, wenn es nicht sogar, wie es der Kanon vorschreibt, über allen grünen Klee gelobt wird. — Hier nicht.

Proust gehört als fester Bestandteil zum Kanon der Weltliteratur, doch seien wir mal ehrlich: Wer von uns hat dieses über 5300 Seiten (Frankfurter Gesamtausgabe) umfassende Prosawerk wirklich und komplett gelesen? Da muss es schon einen ganz besonderen Anschub geben, einen Anlass und einen wirklich guten und triftigen Grund, sich diesem Mammut zu nähern und den Kampf mit der Prosa aufzunehmen.


Theresia Enzensberger: „Blaupause“

In ihrem Debütroman erzählt Theresia Enzensberger die Geschichte einer jungen Frau, die am Weimarer Bauhaus studiert, sich zunächst in den einen, dann in einen anderen Mann verliebt und am Ende, nach anfänglichen Widerständen, ihren eigentlichen Traum, am Bauhaus Architektur zu studieren, doch noch verwirklichen kann. Alles begann sehr hoffnungsvoll, als ihre Mappe mit Architekturzeichnungen von Walter Gropius höchstpersönlich begutachtet und sie daraufhin für ein Probesemester am Bauhaus in Weimar angenommen wurde! Doch dann wurde sie, nur weil sie eine Frau ist, in die Textilwerkstatt gesteckt; als Frau wurde ihr keine besondere Begabung für konstruktives Denken zugetraut. Ob dieses Vorurteil auch am fortschrittlichen Bauhaus der gängigen Praxis entsprach, lässt sich in diesem Rahmen nicht nachverfolgen, doch die vergleichsweise geringe Anzahl von Architektinnen am Bauhaus könnte ein Indiz dafür sein.

Luise ist eine jener Neuen Frauen, die wir als den selbstbewussten und modernen Frauentyp mit jener Zeit der Weimarer Republik verbinden. Am Bauhaus hat es solche Frauen mit kurzen Haaren und neuen Ansichten natürlich gegeben, denn hier waren freies Denken und ein Leben abseits der gesellschaftlichen Konventionen schon früh möglich, während sich weibliche Emanzipation und alternative weibliche Lebensentwürfe abseits eines Lebens als Ehefrau und Mutter in den kleinen Städten und auf dem Lande erst sehr viel später etablieren konnten. Zu jener Zeit des Romans, Anfang der 1920er Jahre, sollte sich erst langsam, vor allem in den Großstädten und vor allem in Berlin jener neue Typus der emanzipierten Frau herausbilden.


Joseph von Eichendorff: „Aus dem Leben eines Taugenichts — Bilder von Hans Traxler“

Es ist schön, nach einer gewissen Zeit auf einen alten Bekannten zu treffen. Wie Goethe in seinem Faust schon bemerkte: „Von Zeit zu Zeit seh‘ ich den Alten gern, Und hüte mich, mit ihm zu brechen.“ Eichendorffs Taugenichts ist solch ein guter alter Bekannter. Wir alle haben den Text, meist in der preisgünstigen kleinen Reclam-Ausgabe, im Deutschunterricht gelesen, und die meisten dürften diesen Text, im Gegensatz zu so mancher anderen Lektüre, in guter Erinnerung behalten haben.

Jetzt hat der Insel-Verlag eine hübsche Neuauflage dieses romantischen Klassikers herausgebracht: eine von Hans Traxler illustrierte Ausgabe! Hans Traxler lag vor kurzem schon einmal auf dem Tisch des Rezensenten, natürlich nicht persönlich, sondern in Form einer wunderschön gestalteten und kongenial von seiner Frau zusammengestellten Lichtenberg-Anthologie. Nun also Eichendorff. Insgeheim fragt man sich, was wohl als nächstes kommt?


Deborah Feldman: „Unorthodox“

Im vierten Jahrhundert verfasste Augustinus seine „Confessiones“. Diese Bekenntnisse eines zum Christentum Bekehrten gehören zu den ersten autobiografischen Schriften der Weltliteratur. Seine Bußschrift liest sich wie ein viele Hundert Seiten langes Gebet; es ist die (für christliche Leser berückende, für atheistische Leser bedrückende) Entwicklungsgeschichte einer Abkehr vom weltlichen Leben und der selbstgewählten Unterwerfung unter den Willen Gottes.

Deborah Feldmans Autobiografie „Unorthodox“ ist das genaue Gegenteil: Es ist die Geschichte einer Befreiung aus einem (eben gerade nicht selbst gewählten) religiösen Gefängnis. Von ihrer Geburt an war sie Mitglied in der ultraorthodoxen Sekte der Satmarer. Mitten in Williamsburg, einem Stadtteil von Brooklyn, wuchs sie auf in einem abgeschlossenen Universum mit eigenen Regeln und Gesetzen, mit wirklich sehr eigenen Gesetzen und Ansichten.


Stefan Geyer (Hg.): „Vom Glück Fahrrad zu fahren — Ein literarischer Rückenwind“

Im Grunde braucht man keinen Rückenwind, um beim Fahrradfahren Glück zu empfinden. Der Wind in den Haaren, das befreiende Gefühl, sich schnell und ohne Motorkraft durch die brodelnde Stadt, über das weite Land oder durch den tiefen Wald bewegen zu können, die Schönheit des Augenblicks und die Freiheit der Richtungswahl zu genießen — dies alles trägt zu jenem Glück bei, das der Radfahrer empfindet, wenn er ganz in der Gegenwart verweilt und seine Ruhe im Tun findet.

Dennoch kann ein bisschen Rückenwind nicht schaden, im Gegenteil! Mit dem Wind von hinten macht die schnelle Fahrt noch einmal so viel Spaß! Damit man das Radfahren aber auch genießen kann, sollte man sich der Anmut und Schönheit jener individuellen Bewegung durch den Raum immer wieder bewusstwerden. Hierzu hilft vielleicht unterstützend ein Kompendium literarischer Kleinode, die das Thema des Radfahrens auf die eine oder andere Weise behandeln oder zumindest streifen.


David Vogel: „Eine Ehe in Wien“

David Vogel darf also zurecht als ein europäischer Schriftsteller gesehen werden, auch wenn er überwiegend in hebräischer Sprache schrieb. Auch „Eine Ehe in Wien“, das 1929 entstand, schrieb er auf hebräisch. Es erschien erstmals 1929/1930 unter dem Titel „Chaie nissuim“ in Tel Aviv, Jerusalem und Mitzpe. Hier liegt uns nun die deutsche Übersetzung von Ruth Achlama vor, das lobende Nachwort schrieb kein Geringerer als Maxim Biller.

David Vogel konnte deutsch, aber seine sprachliche Heimat blieb zeitlebens das Hebräische. Wir dürfen also den vorliegenden Text, ungeachtet seiner im Wien der 1920er Jahre angesiedelten Handlung, nicht wie ein Werk der deutschsprachigen Literatur lesen, sondern müssen uns klarmachen, dass es sich um den Roman eines Schriftstellers handelt, der zwar durchaus über einen kosmopolitischen und multikulturellen Hintergrund verfügte, ursprünglich jedoch aus dem aschkenasischen Kulturraum der Juden Galiziens stammte.


Emmy Hennings: „Das Brandmal / Das ewige Lied“

Emmy Hennings´ Roman Das Brandmal (1920) und die drei Jahre später erschienene Erzählung Das ewige Lied (1923) sind zwei Passionsgeschichten. Die „Aufzeichnungen einer durch die Städte vagabundierenden und dabei gottsuchenden Schauspielerin […] und der Fiebermonolog einer Typhuskranken sind zwei ebenso verstörende wie verstörte Texte, in denen sich mystische Rede, Bekenntnisse und wirre Träume miteinander verschränken“, schreibt Nicola Behrmann im ausführlichen Nachwort zu dieser neuen Doppelausgabe im Wallstein-Verlag.

Beide Texte „erzählen keine Geschichte, sind psychologisch nur ungenügend motiviert und stehen ganz im Zeichen jenes ‚dunklen‘ Lebens, das Emmy Hennings von 1908 bis 1910 als Schauspielerin an kleinen Revuetheatern du Varietés führte.“ Wer jedoch unter den damaligen Lesern autobiographische Details in diesen beiden literarischen Texten erwartete, wurde enttäuscht. Emmy Hennings hatte stets beharrlich über ihr Privatleben geschwiegen; dabei hätte sie als Ehefrau des Dadaisten Hugo Ball wohl eine Menge erzählen können.


Sinclair Lewis: „Das ist bei uns nicht möglich“

Dieser Roman wird in den Feuilletons als die Wiederentdeckung des Jahres 2017 gefeiert, in jenem denkwürdigen Jahr, das durch die Wahl eines Donald Trump zum US-Präsidenten überschattet wird. So einen wie Trump hätte man sich nie im Weißen Haus vorstellen können: einen skrupellosen Machtmenschen und Populisten, der auch nicht davor zurückschreckt, in die Mikrofone zu lügen, was das Zeug hält — ja, mehr noch: der das Instrument der „Fake News“ so schamlos für die Verfolgung der eigenen Ziele einsetzt und gleichzeitig alle anderen seriösen Medien eben als „Fake“ bezeichnet.

„Das ist bei uns nicht möglich“, dachten viele US-Amerikaner noch vor und während der Wahl, doch dann wurde über Nacht das Unfassbare Wirklichkeit: ein fanatischer Verführer der Massen und nur von den eigenen Machtinteressen geleiteter Populist wird Präsident der Vereinigten Staaten.


Kurt Tucholsky: „Irgendwas ist immer“

Sie kennen das: man ist dem Ziel ganz nahe – sei es, dass man endlich eine Ruhe hat vor dem wilden Weltgetriebe; sei es, dass man alle Voraussetzungen geschaffen hat, um jetzt endlich, endlich… – und dann kommt doch wieder irgendetwas dazwischen! – Wie Tucholsky schreibt: „Etwas ist immer. Tröste dich. / Jedes Glück hat einen kleinen Stich. / Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten. / Daß einer alles hat: / das ist selten.“

Tucholsky geht immer. Ähnlich wie „Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke“ sind auch Tucholskys Gedichte stets ein wohltuender Balsam für die geschwächte Seele des vom Tempo des modernen Lebens zermürbten Großstädters. Aber auch in Liebesdingen weiß Tucholsky guten Rat. Man sah es dem kleinen dicken Berliner gar nicht an, wie faustdick er es hinter den Ohren hatte! Zwischen den Zeilen raschelt leise so mancher Unterrock. Aber vielleicht war es auch alles nur Idel und gar nicht Wirklichkeit? In seinem Gedicht „Die arme Frau“ schreibt sie, die Seine, über ihn, ihren „dicken Mann, den Dichter“, dass er seine Abenteuer nur auf dem Papier erlebe und nicht im wahren Leben; dort läge er vielmehrt nur „faul und fett und so gefräßig“ herum. „Und dabei gluckert er unmäßig / vom Rotwein, den er temperiert.“


Erich Kästner: „Der Zauberlehrling“

Dr. Kästner, wie man ihn kennt und liebt. In diesem hübschen kleinen Bändchen sind zwei Romanfragmente sowie seine „Briefe an mich selber“ versammelt. Es sind allesamt Texte, die Kästner im inneren Exil geschrieben hat. Das darf man so sagen, obwohl das kürzere Fragment („Der Doppelgänger“) noch 1933 erschienen ist, also im Jahr der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten.

Im Mai desselben Jahres brannten auch Kästners Werke auf den Scheiterhaufen der Bücherverbrennung; Kästner war selbst Augen- und Ohrenzeuge dieses Nazi-Spektakels in Berlin. Dennoch blieb er, anders als viele seiner Kollegen, in Nazi-Deutschland. Dafür mag es drei Gründe gegeben haben: zum einen hatte Kästner sein Leben lang eine sehr starke Mutter-Bindung; die Mutter lebte in Dresden, und er wollte sie nicht zurücklassen; zum anderen sagte er, er wolle Chronist der Ereignisse sein und über das Leben im Dritten Reich schreiben; und nicht zuletzt mag auch seine nicht-jüdische Herkunft dafür ausschlaggebend gewesen sein, sich nicht ins Ausland abzusetzen, sondern das innere Exil zu wählen.

Seit dem Publikationsverbot im Dritten Reich erschienen (und erscheinen bis heute) seine Bücher im Schweizer Atrium-Verlag. Kästner blieb während der Jahre der Nazi-Herrschaft fast durchgehend in Berlin, schrieb seine Beobachtungen und Gedanken auf, um sie später einmal literarisch zu verwenden. Solch ein bemerkenswertes Zeugnis der Ereignisse sind auch Kästners Tagebuchaufzeichnungen, die er in einen unscheinbaren blauen „Blindband“ geschrieben hat; sie wurden später von ihm unter dem Titel „Notabene 45“ veröffentlicht.


Edgar Allan Poe: „Unheimliche Geschichten – Herausgegeben von Charles Baudelaire“

Die meisten Leser kennen die Geschichten von Edgar Allan Poe oder zumindest einige der bekanntesten: „Der Untergang des Hauses Usher“, „Der Gold-Käfer“, „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ oder auch Poes berühmtes Gedicht „The Raven“. Doch kennen wir ihn wirklich?

Wer Poe im amerikanischen Original gelesen hat, kommt diesem Ziel deutlich näher als jene Leser, die sich auf eine deutsche Übersetzung dieses faszinierenden Schriftstellers verlassen müssen. Es ist der akribischen und einfühlsamen Arbeit des Übersetzers zu verdanken, wenn neben dem reinen sprachlichen Transfer des Inhalts auch etwas von der Form des Originals auf die Übersetzung abstrahlt.

Poe wurde seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die jüngste Gegenwart immer wieder übersetzt. Nun gibt es noch eine weitere neue Übersetzung von Andreas Nohl. Ist das wirklich nötig? Was ist an dieser neuen Übersetzung anders?


Erich Kästner: „Verlobung auf dem Seil — Vom Heiraten und sonstigen Schwierigkeiten“

Es zählt jener Moment zu den schönsten im Berufsleben eines Rezensenten, wenn ein neues Buchpaket eintrifft. Schnell ist der unbekannte Schatz ausgepackt und bietet sich dem zukünftigen Leser an: noch ganz jungfräulich und in eine die Inhalte konservierende Folie eingeschweißt liegt das frische Rezensionsexemplar auf dem Tisch, den Rezensenten lockend und ihn einladend, die dünne Folie vorsichtig einzureißen und zu entfernen, die den Inhalt von seinem Leser trennt.

Walter Benjamin sprach in seiner Berliner Chronik ganz zurecht von jener „Beseligung, mit der man das neue Buch entgegennahm, kaum wagte, einen flüchtigen Blick hineinzuwerfen“. So geht es wohl jedem empfindsamen Leser, der von einem interessanten und verheißungsvoll klingenden Titel magisch angezogen wird, mit dem ein Buch sich seinem potenziellen Liebhaber auf verführerische Art zeigt und mit seinen Reizen nicht geizt.

So ergeht es mir mit jedem neuen Buchpaket, das ich aus den Vorschauen der großen und kleinen Verlage ausgewählt habe und dessen druckfrische Exemplare nach einer langen Weile des Wartens nun endlich bei mir eintreffen; ganz besonders geht es mir aber so, wenn ein neuer Auswahlband mit Kästner-Texten auf meinem Rezensenten-Tisch landet. So auch dieses Mal — bei dem neuen Band mit dem Titel „Verlobung auf dem Seil“.


Mascha Kaléko: „Das lyrische Stenogrammheft“

Es gibt Bücher, die muss man einfach kennen. Besser noch, man besitzt sie. Stehen sie erst einmal im eigenen Bücherregal, so kann man sie jederzeit zur Hand nehmen und sich an ihnen erfreuen. Ein solches Buch ist zweifellos Mascha Kalékos Klassiker „Das lyrische Stenogrammheft“.

Was fasziniert den heutigen Leser an diesem Büchlein? Sicherlich ist es zunächst die Sprache, mit der die Autorin das Großstadtleben beschreibt. Es ist das Leben einer jungen Frau im Berlin der 1920er und 1930er Jahre, welches hier seine lyrische Form erhält. Das alles ist gut 90 Jahre her, und trotzdem wirken Kalékos Texte so modern, als ob sie erst gestern geschrieben worden wären.

Wie macht sie das? Es ist die schonungslose Ehrlichkeit und das Unmittelbare dieser Aufzeichnungen aus einem Tollhaus der Gefühle. Kaléko ist niemals die teilnahmslose Beobachterin, sondern sie steckt mittendrin im Trubel der Großstadt. Ihre Liebschaften, ihre Sehnsüchte, Träume und Enttäuschungen, das Hoffen und das Warten, oft auch das vergebliche Warten, all dies beschreibt sie in ihren Texten; sie schreibt auf, was sie bewegt, und auf diese Weise bewegt sie auch die Leserin und den Leser.


Erica Jong: „Angst vorm Sterben“Erica Jong: „Angst vorm Sterben“

Erica Jong? Da war doch was? — Richtig. „Angst vorm Fliegen“ hieß der Roman, der die Schriftstellerin Anfang der 1970er Jahre auf einen Schlag berühmt gemacht hatte. Das Buch wurde nicht zuletzt wegen seiner Freizügigkeit berühmt und wurde auch zu einem modernen Klassiker der feministischen Literatur, weil in ihm die Frau selbstbestimmt ihre Sexualität entdeckte und lebte. Nach „Angst vorm Fliegen“ wurde es stiller um Erica Jong, aber mit ihrem Roman „Fanny“ (1983) konnte sie einen weiteren Bestseller landen.

Jetzt hat Erica Jong wieder einen Roman geschrieben: „Angst vorm Sterben“. Das klingt schon anders als die Angst vorm Fliegen. Die Autorin lebt in New York und ist Baujahr 1942, gehört aber noch lange nicht zum alten Eisen.

Denn anders als der Titel vermuten lässt, ist „Angst vorm Sterben“ wieder ein sehr freizügiger Roman, in dem es um das Liebesleben der Vanessa Wonderman geht — in vielen Aspekten scheinbar ein Alter Ego der Autorin.


Franziska Kamp: “Arro Ganter – Der eingebildete Kranke 2.0”Franziska Kamp: „Arro Ganter – Der eingebildete Kranke 2.0“

Dr. Franziska Kamp ist Allgemeinärztin. Sie hat sich mit Molières „Der eingebildete Kranke“ beschäftigt und die Geschichte in unsere Gegenwart transportiert. — Das klingt vielleicht ein wenig platt, aber die Autorin weiß, wovon sie spricht. In ihrer Praxis begegnet sie so manchem schrägen Vogel.

Wer kennt nicht — zumindest ab und an — das Gefühl, von seiner Umwelt überfordert zu sein? Unsere schöne neue, digitale Welt eröffnet uns derartig viele Möglichkeiten, dass wir oft gar nicht so recht wissen, wo wir anfangen sollen. Und was noch schlimmer ist: Die unbegrenzten Möglichkeiten fordern natürlich auch dazu auf, sich ihrer zu bedienen. Die Folgen sind Stress und Überforderung.

Wer seine Zeit — seine Arbeits-, Freizeit und Lebenszeit — nicht bis zur letzten Sekunde effektiv nutzt, der fällt im Wettbewerb der „Winner“ ganz schnell ins hintere Läuferfeld zurück. Wer so denkt, hat natürlich ein Problem. Ein solcher Mensch ist Arro Ganter, der Protagonist und die Zentralfigur dieser schönen kleinen Satire.


Günter Stolzenberger (Hg.): „Der komische Kafka — Eine Anthologie“Günter Stolzenberger (Hg.): „Der komische Kafka — Eine Anthologie“

Kafka und Komik, das klingt zunächst nach zwei unvereinbaren Dingen. Kafka ist doch nicht lustig, schon gar nicht komisch! Denken wir an seine Erzählungen — Die Verwandlung, Ein Hungerkünstler, Ein Landarzt, In der Strafkolonie, Das Urteil — oder an seine großen Romanfragmente — Das Schloss, Der Prozeß, Amerika: All das ist doch nicht komisch! Oder vielleicht doch?

Im Marix-Verlag ist vor einer Weile eine Anthologie mit dem provozierenden Titel „Der komische Kafka“ erschienen. Schon das erste Durchblättern dieses immerhin 320 Seiten starken Bandes lässt erahnen, dass sich der Rezensent (wie hoffentlich die meisten Leser dieser Rezension) in Kafka getäuscht hat. In der Tat wird auf den zweiten Blick klar, wo Kafkas Witz verborgen liegt: im Detail!

Natürlich gibt es auch eine ganze reihe von witzigen kleinen Erzählungen. Hier fallen einem nicht nur spontan jener Blumfeld, ein älterer Junggeselle oder Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse ein; auch Der Bau oder die kurze Erzählung Großer Lärm kommen einem in den Sinn.


Leonardo da Vinci: „Der Esel auf dem Eis - Miniaturen“Leonardo da Vinci: „Der Esel auf dem Eis – Miniaturen“

Welcher Name fällt Ihnen bei dem Begriff Universalgenie ein? — Richtig, natürlich Leonardo da Vinci! Okay, als richtige Antwort könnte auch Galileo Galilei gelten, doch hier geht es um den Erstgenannten.

Leonardo war nicht nur Maler, Architekt, Bildhauer, Anatom, Ingenieur und Philosoph. Mit anderen Worten: Er war, was wir heute unter einem Universalgelehrten verstehen — eine Spezies, die längst ausgestorben ist. Leonardo lebte im 15. Jahrhundert und gilt als einer der wichtigsten Künstler und Gelehrten der italienischen Renaissance.

Jeder kennt die wichtigsten Kunstwerke Leonardos: das Abendmahl, die Mona Lisa, die Dame mit dem Hermelin. Jeder weiß, dass Leonardo da Vinci Leichen seziert hat, obwohl dies strengstens verboten war. Leonardo war ein hervorragender Ingenieur und Erfinder, der sein Talent nicht zuletzt auf dem Gebiet der Waffentechnik einsetzte. — Doch Leonardo als Schriftsteller?!?


Irmgard Keun: "Kind aller Länder"Irmgard Keun: „Kind aller Länder“

Die Erzählstimme dieses Exil-Romans von Irmgard Keun ist ihre zehn Jahre alte Tochter Kully. Sie ist die (fiktive) Tochter von Irmgard Keun und Joseph Roth. Der Roman erschien 1938 im Amsterdamer Querido Verlag. Er ist auch das literarische Zeugnis jener Zeit, in der Keun und Roth nach ihrem Aufeinandertreffen in Ostende zu einem Paar wurden, das gemeinsam trank und schrieb. Die Keun war damals zwar mit dem 23 Jahre älteren Schriftsteller und Regisseur Johannes Tralow verheiratet, doch was heißt das schon in einer Zeit, wo in Deutschland der Hass und die Gewalt regieren?!

Irmgard Keun wurde früh zu einer der berühmtesten deutschen Schriftstellerein ihrer Zeit. 1905 geboren, erlebte sie in den Zwanziger Jahren, wie ein neuer Frauentyp entwickelte, wie die „neue Frau“ mit Selbstbewusstsein ihren Platz in der Gesellschaft behauptete. Diesen neuen Frauen gab die Keun eine literarische Stimme. Schon ihr erster Roman „Gilgi, eine von uns“ war in einer Sprache geschrieben, die von der deutschen Hochsprache der besseren Literatur derart weit entfernt war, dass man Irmgard Keun zunächst in die Schublade „Unterhaltung“ stecken wollte.


Karen Duve: "Macht"Karen Duve: „Macht“

Wir schreiben das Jahr 2031. Die Welt ist kalt geworden. Ganz anders das Klima: Hitzewellen wechseln sich ab, Dürrekatastrophen und Überschwemmungen sorgen für unwirtliche Lebensbedingungen. Der verordnete Staatsfeminismus, der Vegetarismus und die allgegenwärtige Vernetzung aller Lebensbereiche machen die Sache nicht besser.

Es ist eine Zeit, in der die Jungen Racke und die Mädchen Binja-Bathseba genannt werden. So wie die Kinder von Sebastian und Christine. Christine war Ministerin für Umwelt, Naturschutz, Kraftwerkstilllegung und Atommüllentsorgung; seit zwei Jahren ist sie verschwunden, aber sie ist nicht tot. Sie lebt im Prepper-Raum des Hauses, backt Kekse und ist Basti auch sexuell zu Willen.

Dann trifft man sich zum 50-jährigen Abitreffen in einer Hamburger Kneipe. Die meisten sehen aus wie um die Dreißig; dank der Ephebo-Pillen, die den Alterungsprozess nicht nur aufhalten, sondern sogar rückgängig machen können. Das Risiko liegt in einer etwa 60 Prozent hohen Krebsrate der Tablettenschlucker. Es gibt nichts umsonst in diesem Leben. Auf dieser Feier begegnet Sebastian seiner Jugendliebe Elli, die immer noch so jung und schön ist wie damals. Damit beginnt die Geschichte, an Fahrt aufzunehmen. Alles wird komplizierter und nimmt ungeahnte Wendungen.


Wladimir Kaminer: "Das Leben ist (k)eine Kunst"Wladimir Kaminer: „Das Leben ist (k)eine Kunst“

Kaminer mal wieder… Die Geschichten scheinen aus ihm herauszusprudeln wie aus einem niemals versiegenden Brunnen. Wie er in einer seiner neuesten Geschichten erzählt, war das eigentlich schon immer so. Schon im Kindergarten hatte das Geschichtenerzählen sein Leben gerettet. Es gab damals nämlich einen absolut ungenießbaren Grießbrei, den er einfach nicht essen wollte.

Doch er konnte andere Kinder dazu überreden, seinen Brei aufzuessen, indem er ihnen Geschichten erzählte. Hierzu fabulierte er ganze Fortsetzungsgeschichten, die sich aus Bruchstücken von Actionfilmen zusammensetzten, die der kleine Wladimir im Kino sah.

Später ging das in der Schule weiter, was seine Lehrer an den Rand des Wahnsinns brachte und ihn fast von der Schule fliegen ließ. Im Militärdienst wurde er zum Hieromanten und Wahrsager für seine Kollegen. Das Geschichtenerzählen liegt ihm also im Blut. Und trotzdem ließ sich Kaminer zunächst zum Toningenieur ausbilden. Heute legt er immer noch regelmäßig für die „Russendisko“ Platten auf – für „betrunkene Teenager“, wie sein Vater mürrisch anmerkt.


Erich Kästner: „Der Herr aus Glas - Erzählungen“Erich Kästner: „Der Herr aus Glas – Erzählungen“

Wenn man ein Buch von Erich Kästner in den Händen hält, kann man eigentlich nichts falsch machen: Wenn man es schon kennt, macht es Spaß, die Geschichten wieder und immer wieder aufs Neue zu lesen. Und wenn man das Buch noch nicht kennt, umso besser!

Trotzdem wird Kästner nach wie vor oft nur als ein Kinder- und Jugendbuch-Autor oder als Lyriker mit spitzer Feder wahrgenommen, was beides viel zu kurzgefasst ist. Denn der Mann war ein fleißiger Schreiber und hat neben seinen Gedichten, Kinderbüchern und Romanen eben auch einen ganzen Berg an Erzählungen geschrieben: 140 davon wurde veröffentlicht.

Jetzt hat der Schweizer Atrium-Verlag, der „Haus-Verlag“ Kästners, eine Auswahl der interessantesten Erzählungen unter dem geheimnisvollen Titel „Der Herr aus Glas“ veröffentlicht. Interessant sind diese Erzählungen nicht nur, weil sie die besten des Autors sind, sondern weil sie ihn als einen ungeheuer vielseitigen und zum Teil auch überraschenden Schriftsteller präsentieren.


Erich Kästner: „Ein Mann gibt Auskunft – Gedichte“Erich Kästner: „Ein Mann gibt Auskunft – Gedichte“

Die meisten Leser kennen Kästner als einen erfolgreichen Kinderbuch-Autor: „Pünktchen und Anton“, „Emil und die Detektive“ oder „Das fliegende Klassenzimmer“ hat wohl jeder irgendwann in seiner Kindheit gelesen. Kleiner wird der Kreis der Leser, wenn es um die Bücher für Erwachsene geht. Den „Fabian“ (1931) hat man vielleicht, wenn man Glück und einen fähigen Deutschlehrer hatte, in der Schule gelesen. Die Gedichte von Kästner kennt man hingegen nur auszugsweise. Dabei waren „Herz auf Taille“ (1928), „Lärm im Spiegel“ (1929) und „Ein Mann gibt Auskunft“ (1930) seinerzeit echte Bestseller. Sie wurden gerne gelesen und noch lieber verschenkt.

„Ein Mann gibt Auskunft“ liegt zeitlich genau zwischen „Emil und die Detektive“ (1929) und dem „Fabian“ (1931). Wer nun glaubt, ein leichtes, lockeres Gedichtbändchen vorzufinden, sieht sich jedoch arg getäuscht: Kästner hat es nämlich faustdick hinter den leicht abstehenden Ohren. Seine Gedichte in diesem Band orientieren sich eher am „Fabian“ und sind sicherlich nicht für Kinderohren bestimmt. Kleine Kostprobe gefällig?


Christopher Isherwood: „Leb wohl, Berlin“Christopher Isherwood: „Leb wohl, Berlin“

Christopher Isherwood lebte von 1929 bis 1933 in Berlin. Er folgte seinem Freund W. H. Auden nach Berlin, das seinerzeit nicht nur die angesagteste Metropole Europas, sondern auch einer der weltweit wichtigsten schwul-lesbischen Hotspots war. Berlin war modern, mondän, abgefuckt, billig und permanent in Feierlaune. — Eigentlich so wie heute, nur ein bisschen doller.

Isherwood wechselte immer wieder die Wohnungen, bewohnte meistens nur ein Zimmer zur Untermiete und bewegte sich im glitzernden Schein des Berliner Nachtlebens ebenso wie in den zwielichtigen und verruchten Ecken der Stadt. Es fand sich schnell eine englische Community aus Künstlern, Schriftstellern und vor allem Lebenskünstlern zusammen, die der spießigen Enge der britischen Gesellschaft entkommen wollten. In Berlin war´n se da richtig! Hier konnte man was erleben, konnte die Elektrizität in der Luft spüren, die vom berüchtigten „Tempo! Tempo! Tempo!“ der Großstadt, von ihrem großen Gefälle zwischen Arm und Reich und den politischen Spannungen zwischen Kommunisten und Nazis herrührte.


Daniel Glattauer: "Die Wunderübung"Daniel Glattauer: „Die Wunderübung“

Geschichten von und mit Paartherapeuten scheinen zurzeit in Mode zu sein. Das Theaterstück „Die Wunderübung“ von Daniel Glattauer macht hier keine Ausnahme. Es geht um ein Ehepaar Anfang vierzig, das sich bei seiner ersten Sitzung einer beginnenden Paartherapie befindet. Der Therapeut, ein Herr Magister, scheint sehr erfahren, durchaus positiv gestimmt und relativ euneinfühlsam gut gelaunt. Das ändert sich im Laufe des Stücks noch, doch zunächst versucht er das zerstrittene Paar aus seiner Verkrampfung zu lösen und mit kleinen Übungen aus dem permanenten Gegeneinander wenigstens vorübergehend ein Miteinander und Füreinander zu machen. Dies gelingt ihm nur bedingt.

Nach der Pause wirkt der zuvor so auffallend gut gelaunte und aufgeräumte Therapeut seltsam abwesend und fahrig in seinen Antworten. Was passiert ist oder zu sein scheint, wird an dieser Stelle nicht verraten. Den psychologisch Geschulten mag der Terminus „paradoxe Intervention“ einen kleinen Hinweis geben. Aber soviel darf verraten werden: Die Handlung vollzieht nach der Pause eine radikale Wendung.


Patrick Ness: „Die Nacht des Kranichs“

George Duncan, ein durchschnittlicher Mann mit einem ganz normalen Leben und einem Druckerladen in London hört eines Nachts einen Laut im Garten. Klagend, wehklagend, ein Ton, der sich direkt an sein Herz wandte. Ab da war seine Welt im Wandel. Denn selbst in dem Moment des Hörens staunte er über seine plötzlich poetischen Beschreibungen, Worte, die ihm in den Sinn kamen.

So geht es dem Leser auch. Diese Schreibweise, die Poesie der Worte zieht ihn förmlich in das Buch. Auch wenn man normalerweise lieber Krimis liest. Und nicht wirklich für Fantastisches ist. Dieses Buch ist wie ein Märchen für Erwachsene in Form eines Romans und in einer besonderen Sprache. Sie vermischt Schönes mit normaler Alltagskommunikation. Derbe Situationsbeschreibung mit umschreibender Schilderung der Gefühle, der Irritation.

Und es handelt dazu noch in der Gegenwart, zeigt das beinahe nicht erwähnenswerte, durchschnittliche Leben eines 48-jährigen. Und vor allem dass Leben zweier Frauen. Denken Sie nicht an eine Dreiecksgeschichte – zu profan. Und doch. Duncan erklärt aber auch seine Vergangenheit, versucht mit seiner eigentümlichen Tochter Amanda klar zu kommen. Ist beschäftigt mit seinem Enkel J.P..


Marcel Reich-Ranicki (Hg.): „Die besten deutschen Gedichte“

Wir leben in einer hektischen und ruhelosen Zeit. Wer dennoch nicht auf den Genuss von Literatur verzichten möchte, muss sich etwas einfallen lassen. Statt sich wie früher oft über Tage und Wochen in einen dicken Roman vertiefen zu können, ist man heute gezwungen, sich mit kürzeren literarischen Formen wie Erzählungen oder Kurzgeschichten zu begnügen. Und wenn die Zeit nicht einmal mehr zum Lesen einer Kurzgeschichte langt, so bleiben uns immer noch die Gedichte als eine der kürzesten literarische Formen.

Gedichte sind, wie der Name schon sagt, verdichtete, komprimierte Wirklichkeit. In manchem Gedicht sind wir in der Lage, die ganze Welt zu entdecken, und doch sind Gedichte meist kurz und schnell zu lesen. Diese Verdichtung des Lesestoffs und die Zuspitzung des Inhalts auf das Essenzielle machen Gedichte so faszinierend.


Interview mit Kathrin Weßling auf der Frankfurter Buchmesse 2012

Kathrin Weßling hat ein schönes Buch über ein unschönes Thema geschrieben: Depression. In Ihrem Debütroman „Drüberleben – Depressionen sind doch kein Grund, traurig zu sein“ erzählt sie die Geschichte einer jungen Frau, die seit Jahren an Depressionen erkrankt ist und sich einer erneuten Therapie unterzieht. Was als Plot gruselig und nach einer großen Portion Selbstmitleid klingt, ist wirklich toll und spannend geschrieben.

Auf der Frankfurter Buchmesse 2012 hatten wir Gelegenheit, mit der Autorin über das Buch, über ihr Leben und übers Drüberleben zu sprechen.

 


Kathrin Weßling: „Drüberleben – Depressionen sind doch kein Grund, traurig zu sein“

Kathrin Weßling hat ein Buch über ihre jahrelangen Depressionen und ihre klinische Therapie geschrieben. Wenn man das liest, möchte man als Rezensent am liebsten weglaufen. So etwas kann ja fürchterlich peinlich sein – larmoyant, weinerlich und selbst bezogen, bestenfalls anklagend oder nichts sagend. Kurz, man kann solch einen Text ganz schnell an die Wand fahren.

Deshalb schnell die gute Nachricht zuerst: Kathrin Weßlings Buch ist all das zum Glück nicht, sondern ein wirklich sehr schön geschriebenes und authentisches – ja, was eigentlich – Sachbuch oder Roman?

 


Rainer Maria Rilke: „Die schönsten Gedichte“

„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben […]“– Wer kennt nicht diese leise Melancholie, die von Rilkes Gedicht „Herbsttag“ ausgeht?

Rainer Maria Rilke, 1875 geboren in Prag und 1926 schon mit 51 Jahren in einem Schweizer Sanatorium gestorben, war einer der bedeutendsten, vielleicht der bedeutendste deutschsprachige Lyriker.

 

 


Rainer Maria Rilke: „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ – Faksimile-Ausgabe und Textgenetische Edition des „Berner Taschenbuches“

„Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ gehören zu den interessanten und kanonischen Texten der literarischen Moderne. Veröffentlicht 1910, ist Rilkes Roman in Tagebuchform vor allem eine Verarbeitung eigener Erfahrungen, die er zu Anfang des 20. Jahrhunderts während längerer Aufenthalte in Paris machte.

So stellt der Roman, wie viele andere Werke seiner Zeit, die Großstadterfahrung ins Zentrum der Handlung.

 

 


Jane Austen: „Lady Susan“

Im vierten Jahr nach der Französischen Revolution von 1789, während in Deutschland der Klassizismus durch Goethe und Schiller in voller Blüte steht, sitzt eine 18jährige Engländerin im Pfarrhaus eines kleinen Dorfes in der südenglischen Grafschaft Hampshire und schreibt einen Briefroman.

Angeregt durch „Pamela“ und „Clarissa“, die ungemein erfolgreichen Briefromane Samuel Richardsons, die bereits vor einem halben Jahrhundert erschienen waren, und vielleicht auch ausgelöst durch die eigene Lektüre der vor wenigen Jahren in englischer Übersetzung erschienenen „Gefährlichen Liebschaften“ des Franzosen Choderlos de Laclos, schreibt die junge Autorin ihren ersten und einzigen Briefroman – zu einer Zeit, in der diese Form des Romans längst durch neue Formen abgelöst worden war.


Werner Bartens: „Betrügen lernen“

Man kennt Werner Bartens als erfolgreichen Autor von medizinischen Sachbüchern. Seine Bücher gegen den Fitness- und Vorsorge-Wahn, über Gentechnik, Medizin-Irrtümer und Glücks-Medizin sind Bestseller.

Hauptberuflich arbeitet der mit vielen Preisen ausgezeichnete Wissenschaftsjournalist als Leitender Redakteur des Ressorts Wissenschaft bei der Süddeutschen Zeitung.

 

 


Tilman Birr: „On se left you see se Siegessäule“

Wat biste, Stadtaklära?!” – “Stadtbild-Erklärer, ja.“ So nennt man Stadtführer in Berlin. Aber Führer sagt man nicht, auch nicht Stadtführer. Deswegen nennt man das, was Tilman Birr als Aushilfsjob nach seinem Studium machte, eben politisch korrekt „Stadtbild-Erklärer“.

Wer einen Ausflug auf einem Berliner Dampfer macht, kann viel erzählen. Tilman Birr könnte auch ein Liedchen davon singen, denn als Kabarettist steht er auch gern mit der Klampfe auf der Bühne. Doch nun hat er mit „On se left you see the Siegessäule“ seinen ersten Roman vorgelegt.

 

 


Arnon Grünberg: „Mit Haut und Haaren“

Roland Oberstein ist Wissenschaftler. Die Forschung steht bei ihm an erster Stelle. Als Wirtschaftswissenschaftler interessiert er sich für die „Geschichte der Blasenbildung“, an der er seit langem schreibt. Daneben findet er durchaus auch die Untersuchung des Völkermords unter wirtschaftwissenschaftlichen Aspekten interessant. Seine Familie hat er der Wissenschaft geopfert.

Was ist schon ein Privatleben, wenn man seine Studenten hat und seine Forschung.“ – O-Ton Roland Oberstein. Der Niederländer ist als Dozent auf die Universität von Fairfax berufen worden. Fairfax nahe Washington, ein kleines Kaff, das außer dem Campus nicht viel zu bieten hat. „Wenn das Leben eine Vorbereitung auf den Tod sein sollte, war ein Aufenthalt in Fairfax geradezu ideal.“ Noch einmal O-Ton Roland Oberstein.

 


Andrej Kurkow: „Der Gärtner von Otschakow“

Igor lebt mit seinem Mutter in einem kleinen Vorort von Kiew. Das beschauliche Leben auf dem Lande ist ohne große Ereignisse. Igor ist 30, arbeitslos und eigentlich auch nicht wirklich arbeitswillig. Als Kind hat er einmal durch die Unachtsamkeit eines Verwandten ein Kettenkarussell an den Kopf bekommen und leidet seitdem immer mal wieder unter starken Kopfschmerzen. Ansonsten ist von dem Unfall zum Glück nichts zurück geblieben, aber als Entschuldigung für seine Arbeitsunlust darf der Vorfall schon mal herhalten.

Eines Tages stellt die Nachbarin einen älteren, aber noch recht rüstig wirkenden Mann vor, der sich bei Igor und seine Mutter gern als Gärtner nützlich machen würde – gegen Kost und Logis, versteht sich. Das ist Stepan, ein Mann um die sechzig und mit einer verwaschenen Tätowierung am Unterarm.

 


Veronika Peters: „Das Meer in Gold und Grau“

Eine junge Frau findet sich selbst, findet ihre Ruhe und ihren Mittelpunkt wieder. Eine junge Frau, die sich in ein kleines Hotel an der verschlafenen Ostseeküste zurück zieht.

Hier erzählt die Autorin von Ruth, ihrer alten Tante, die Spuren im Leben hinterlassen hat. Sie gab der Ich-Erzählerin einen Ort, an dem sie anderen Menschen begegnete. Das Hotel Palau in der Seestraße wird zur vorüber gehenden Heimat und zur Bühne eines Lehrstücks in Sachen Lebensweisheit. Was ist wirklich wichtig im Leben? Worauf kommt es an?

 

 


Charles Dickens lesen! – Buchempfehlungen zum 200. Geburtstag

Der zweihundertste Geburtstag von Charles Dickens am 07. Februar 2012 ist ein willkommener Anlass, um eine seiner vielen berühmten Geschichten zu lesen. Für manchen mag dies ein Wiedersehen mit alten Bekannten sein, für Andere ist es vielleicht das erste Mal, dass sie mit Charles Dickens in Berührung kommen.

 

 

 


Florian Meimberg: „Auf die Länge kommt es an – Tiny Tales“

Die Idee ist nicht neu. Kürzestgeschichten sind eigentlich eine Prosaform der deutschen Gegenwartsliteratur und waren in den 1950er und 1960er Jahren Mode. Wahrscheinlich gab es auch schon früher Kürzestgeschichten, nur nannte sie damals niemand so. Im Grunde erzählt auch jedes gute Gedicht eine Geschichte, vielleicht sogar besser als mancher lange Roman, und die visuelle Kraft eines japanischen Haikus ist ebenfalls den Meisten bekannt. – Wozu also jetzt noch „Tiny Tales“ im Twitterformat?

 

 

 


Heinrich von Kleist – 200. Todestag am 21. November 2011

Am 21. November 1811 erschoss Heinrich von Kleist zunächst seine Geliebte, die an Krebs leidende Henriette Vogel, und danach sich selbst. Er starb als ein Mensch, der an seinen Leidenschaften zerbrach, und als ein erfolgloser Schriftsteller, dessen Werk seinerzeit nur wenig Beachtung erfuhr.

Heute kennen wir natürlich „Die Marquise von O“, den „Zerbrochenen Krug“, das „Käthchen von Heilbronn“, die „Herrmannsschlacht“, den „Prinz Friedrich von Homburg“, den „Amphitryon“ und die „Penthesilea“ aus dem Schulunterricht. Kleist, der König der Schachtelsätze, ist ein fester Bestandteil des Kanons der deutschen Klassiker.

 

 


Interview mit Christoph Poschenrieder zu „Der Spiegelkasten“

Auf der Frankfurter Buchmesse hatten wir Gelegenheit, mit Christoph Poschenrieder über seinen neuen Roman „Der Spiegelkasten“ zu sprechen. Die Geschichte spielt im Ersten Weltkrieg und schafft es auf eindrucksvolle Weise, den Wahnsinn des Krieges erfahrbar zu machen und zu zeigen, wie unsere Sicht der Wirklichkeit letztlich immer nur in unseren Köpfen konstruiert wird.

In diesem ausführlichen Gespräch erfahren Sie, was diese Geschichte mit seiner Familie zu tun hat und wie er die Fakten für seinen Roman recherchiert hat.

 

 


Christoph Poschenrieder: „Der Spiegelkasten“

In seinem zweiten Roman erzählt Christoph Poschenrieder seine eigene Geschichte. Natürlich sind die Fakten verschleiert, die Namen zum Teil geändert und das ganze mit einer fiktiven Geschichte des Ich-Erzählers garniert.

Der Kern des Romans beruht jedoch auf Tatsachen. Seit seiner Kindheit kennt Poschenrieder die alten Fotoalben, die sein Großonkel Ludwig Rechenmacher aus dem Ersten Weltkrieg von der Westfront in Nordfrankreich mitgebracht hatte.

Diese gestochen scharfen Schwarzweiß-Aufnahmen und die mit weißer Tinte in der für ihn damals unentzifferbaren Sütterlin-Schrift geschriebenen Beschreibungen übten schon früh eine starke Faszination aus.

 


Volker Braun: „Die hellen Haufen – Erzählung“

Dieser Aufstand hat nicht stattgefunden. In einer kargen Sprache beschreibt der Erzähler ein Aufbegehren gegen die Umwälzungen der Nachwendezeit auf dem Boden der ehemaligen DDR. Die großen Bergbau-Kombinate, darunter auch die von Bitterrode und Mansfeld, werden von der mächtigen Kali und Salz AG aus dem Westen bedroht Treuhand abgewickelt.

Die Menschen kommen mit dem Kapitalismus in Berührung und erleben die vollständige Umwertung ihrer bisherigen Welt. Waren Sie nicht die Eigentümer dieser Werke? Waren es nicht ihre eigenen Produktionsmittel, mit denen sie arbeiteten? War das nicht ihre Arbeit, die sie für das Volk machten und die sie gut machten?

 

 


Interview mit Harald Martenstein auf der Frankfurter Buchmesse 2011

Harald Martenstein hat ein neues Buch mit den schönsten Kolumnen der letzten Jahre herausgebracht. Das nahmen wir zum Anlass, uns mit ihm auf der Frankfurter Buchmesse 2011 zu treffen und uns mit ihm ausführlich über seine Kolumnen, seine Inspiration und seine Art zu schreiben zu unterhalten. in den 30 Minuten unseres Gesprächs erzählt Harald Martenstein eine Menge über sich und sein Leben in Berlin.

 

 

 


Harald Martenstein: „Ansichten eines Hausschweins – Neue Geschichten über alte Probleme“

Von A wie Altersvorsorge bis Z wie Schnecken dürfen wir in dem neuen Buch „Ansichten eines Hausschweins“ in den gesammelten Kolumnen der letzten Jahre lesen, wie Harald Martenstein die Welt sieht. Um es für alle, die Harald Martenstein nicht kennen (solche Leute soll es tatsächlich noch geben), ganz deutlich zu sagen: Harald Martenstein gehört zu den witzigsten und dabei auch scharfzüngigsten Zeitkritikern weit und breit.

 

 

 


Axel Hacke: „Das Beste aus meinem Liebesleben“

Axel Hacke ist ein Spalter. Die Männer mögen seine Bücher, weil sie ihnen durch die Lektüre seiner larmoyanten Kritik an den Zuständen der ungleichgeschlechtlichen Beziehungen die Möglichkeit einer unterhaltsamen zeitlichen Expansion der gruppentherapeutischen Dienstagabend-Sitzungen mit den Kumpeln sowie im Rahmen der gesellschaftspolitischen Strukturen eine sogar leicht kathartische Verarbeitung der wiederholten repressiven Erlebnisse häuslicher Gewalt ermöglichen.

 

 


Doris Dörrie: „Alles inklusive“

Wenn man die Tochter einer Hippie-Mutter ist, kann es schon mal passieren, dass man „Apple“ heißt. Doch damit nicht genug, alle Versuche Apples, der chaotischen Kindheit und Jugend zu entfliehen und es im eigenen Leben geordneter und ruhiger zugehen zu lassen, scheitern, weil Apples Liebesleben von einem Desaster ins nächste schlittert.

Nie mehr soll es so schlimm sein wie damals, im Sommer 1976, als in Spanien die Hippie-Kommune von Torremolinos die freizügige Kulisse abgab für Ingrid, Apples Mutter, und Karl, einem biederen Bankangestellten aus Hannover, der mit Frau und Kind zugfällig am selben Strand Urlaub machte.

 

 


Wells Tower: „Alles zerstört, alles verbrannt“

Man erweist einem Autor einen Bärendienst, wenn man in den Klappentext schreibt: „Dieser Autor schreibt so wie xy“. Damit legt man sowohl den Autor als auch die Lektüre von vornherein auf einen Rezeptionsausschnitt fest, den der Autor selbst vielleicht niemals beabsichtigt hat.

Wenn er so schreibt wie xy, dann kopiert er lediglich dessen Stil. Ein bisschen besser wäre es dann noch, wenn er den Stil und die Art und Weise der Annäherung an den Stoff von einem berühmten Vorgänger adaptieren und auf die heutige Zeit anwenden würde.

 

 


Willem Frederik Hermans: „Das heile Haus“

„Das heile Haus“ ist ein wilder, zorniger Bericht aus dem letzten großen Krieg. Desillusioniert und gleichgültig nimmt der Ich-Erzähler an diesem Krieg teil. Er ist Partisan und unterscheidet nicht mehr zwischen töten und überleben, leben lassen und getötet werden. Alles ist gleich, und alles ist unwichtig. Der Tod hat seinen Schrecken verloren, und er kennt keine Angst mehr.

Lakonisch berichtet er, wie direkt neben ihm eine Bombe einschlägt oder wie er deutsche Soldaten aus dem Hinterhalt erschießt: „Sie krümmten sich wie Schmetterlinge, die aufgespießt werden, ich erstach sie mit einer zweihundert Meter langen Nadel.


Dorothy Parker: „Morgenstund hat Gift im Mund – New Yorker Geschichten“

Dorothy Parker war eine erstaunliche und interessante Frau. Wie interessant, das kann man in einer hervorragenden neuen Biografie von Michaela Karl („Noch ein Martini, und ich lieg unter dem Gastgeber“, erschienen im Residenz Verlag) nachlesen.

Genau so spannend und turbulent wie das Leben der amerikanischen Schriftstellerin und Theater- und Literaturkritikerin lesen sich auch ihre Kurzgeschichten. Dorothy Parker stand ständig unter Strom. Ihre Geschichten klingen oft wie die Monologe einer ennuyierten Lady aus den besseren Kreisen.

 

 


Ruth Klüger: „unterwegs verloren“

Ruth Klüger hatte in den 1990er Jahren mit ihrer Biografie „weiter leben“ über ihre Kindheit im Wien der Dreißiger Jahre und über die traumatischen Erlebnisse im Konzentrationslager Theresienstadt und Auschwitz geschrieben. Ihr Buch fand international große Beachtung und machte Ruth Klüger zu einer bekannten Schriftstellerin.

Im zweiten Teil ihrer Memoiren, wenn der romantisierende Ausdruck für die Aufzeichnung dieses bewegten und von vielen Hindernissen gezeichneten Lebens erlaubt ist, erzählt die Autorin von der Zeit ihrer Emigration in die USA 1947 bis zu Besuchen ihrer alten Heimat Wien in heutiger Zeit.

 

 





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