belletristiktipps.de

Mehr lesen. Mehr erleben.

Aktuelle Rezensionen

belletristiktipps.de veröffentlicht regelmäßig Rezensionen von neuen Büchern aus dem Bereich Belletristik.

Hier die aktuellen Rezensionen bei belletristiktipps.de:


Erica Jong: „Angst vorm Sterben“Erica Jong: „Angst vorm Sterben“

Erica Jong? Da war doch was? — Richtig. „Angst vorm Fliegen“ hieß der Roman, der die Schriftstellerin Anfang der 1970er Jahre auf einen Schlag berühmt gemacht hatte. Das Buch wurde nicht zuletzt wegen seiner Freizügigkeit berühmt und wurde auch zu einem modernen Klassiker der feministischen Literatur, weil in ihm die Frau selbstbestimmt ihre Sexualität entdeckte und lebte. Nach „Angst vorm Fliegen“ wurde es stiller um Erica Jong, aber mit ihrem Roman „Fanny“ (1983) konnte sie einen weiteren Bestseller landen.

Jetzt hat Erica Jong wieder einen Roman geschrieben: „Angst vorm Sterben“. Das klingt schon anders als die Angst vorm Fliegen. Die Autorin lebt in New York und ist Baujahr 1942, gehört aber noch lange nicht zum alten Eisen.

Denn anders als der Titel vermuten lässt, ist „Angst vorm Sterben“ wieder ein sehr freizügiger Roman, in dem es um das Liebesleben der Vanessa Wonderman geht — in vielen Aspekten scheinbar ein Alter Ego der Autorin.


Franziska Kamp: “Arro Ganter – Der eingebildete Kranke 2.0”Franziska Kamp: „Arro Ganter – Der eingebildete Kranke 2.0“

Dr. Franziska Kamp ist Allgemeinärztin. Sie hat sich mit Molières „Der eingebildete Kranke“ beschäftigt und die Geschichte in unsere Gegenwart transportiert. — Das klingt vielleicht ein wenig platt, aber die Autorin weiß, wovon sie spricht. In ihrer Praxis begegnet sie so manchem schrägen Vogel.

Wer kennt nicht — zumindest ab und an — das Gefühl, von seiner Umwelt überfordert zu sein? Unsere schöne neue, digitale Welt eröffnet uns derartig viele Möglichkeiten, dass wir oft gar nicht so recht wissen, wo wir anfangen sollen. Und was noch schlimmer ist: Die unbegrenzten Möglichkeiten fordern natürlich auch dazu auf, sich ihrer zu bedienen. Die Folgen sind Stress und Überforderung.

Wer seine Zeit — seine Arbeits-, Freizeit und Lebenszeit — nicht bis zur letzten Sekunde effektiv nutzt, der fällt im Wettbewerb der „Winner“ ganz schnell ins hintere Läuferfeld zurück. Wer so denkt, hat natürlich ein Problem. Ein solcher Mensch ist Arro Ganter, der Protagonist und die Zentralfigur dieser schönen kleinen Satire.


Günter Stolzenberger (Hg.): „Der komische Kafka — Eine Anthologie“Günter Stolzenberger (Hg.): „Der komische Kafka — Eine Anthologie“

Kafka und Komik, das klingt zunächst nach zwei unvereinbaren Dingen. Kafka ist doch nicht lustig, schon gar nicht komisch! Denken wir an seine Erzählungen — Die Verwandlung, Ein Hungerkünstler, Ein Landarzt, In der Strafkolonie, Das Urteil — oder an seine großen Romanfragmente — Das Schloss, Der Prozeß, Amerika: All das ist doch nicht komisch! Oder vielleicht doch?

Im Marix-Verlag ist vor einer Weile eine Anthologie mit dem provozierenden Titel „Der komische Kafka“ erschienen. Schon das erste Durchblättern dieses immerhin 320 Seiten starken Bandes lässt erahnen, dass sich der Rezensent (wie hoffentlich die meisten Leser dieser Rezension) in Kafka getäuscht hat. In der Tat wird auf den zweiten Blick klar, wo Kafkas Witz verborgen liegt: im Detail!

Natürlich gibt es auch eine ganze reihe von witzigen kleinen Erzählungen. Hier fallen einem nicht nur spontan jener Blumfeld, ein älterer Junggeselle oder Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse ein; auch Der Bau oder die kurze Erzählung Großer Lärm kommen einem in den Sinn.


Leonardo da Vinci: „Der Esel auf dem Eis - Miniaturen“Leonardo da Vinci: „Der Esel auf dem Eis – Miniaturen“

Welcher Name fällt Ihnen bei dem Begriff Universalgenie ein? — Richtig, natürlich Leonardo da Vinci! Okay, als richtige Antwort könnte auch Galileo Galilei gelten, doch hier geht es um den Erstgenannten.

Leonardo war nicht nur Maler, Architekt, Bildhauer, Anatom, Ingenieur und Philosoph. Mit anderen Worten: Er war, was wir heute unter einem Universalgelehrten verstehen — eine Spezies, die längst ausgestorben ist. Leonardo lebte im 15. Jahrhundert und gilt als einer der wichtigsten Künstler und Gelehrten der italienischen Renaissance.

Jeder kennt die wichtigsten Kunstwerke Leonardos: das Abendmahl, die Mona Lisa, die Dame mit dem Hermelin. Jeder weiß, dass Leonardo da Vinci Leichen seziert hat, obwohl dies strengstens verboten war. Leonardo war ein hervorragender Ingenieur und Erfinder, der sein Talent nicht zuletzt auf dem Gebiet der Waffentechnik einsetzte. — Doch Leonardo als Schriftsteller?!?


Irmgard Keun: "Kind aller Länder"Irmgard Keun: „Kind aller Länder“

Die Erzählstimme dieses Exil-Romans von Irmgard Keun ist ihre zehn Jahre alte Tochter Kully. Sie ist die (fiktive) Tochter von Irmgard Keun und Joseph Roth. Der Roman erschien 1938 im Amsterdamer Querido Verlag. Er ist auch das literarische Zeugnis jener Zeit, in der Keun und Roth nach ihrem Aufeinandertreffen in Ostende zu einem Paar wurden, das gemeinsam trank und schrieb. Die Keun war damals zwar mit dem 23 Jahre älteren Schriftsteller und Regisseur Johannes Tralow verheiratet, doch was heißt das schon in einer Zeit, wo in Deutschland der Hass und die Gewalt regieren?!

Irmgard Keun wurde früh zu einer der berühmtesten deutschen Schriftstellerein ihrer Zeit. 1905 geboren, erlebte sie in den Zwanziger Jahren, wie ein neuer Frauentyp entwickelte, wie die „neue Frau“ mit Selbstbewusstsein ihren Platz in der Gesellschaft behauptete. Diesen neuen Frauen gab die Keun eine literarische Stimme. Schon ihr erster Roman „Gilgi, eine von uns“ war in einer Sprache geschrieben, die von der deutschen Hochsprache der besseren Literatur derart weit entfernt war, dass man Irmgard Keun zunächst in die Schublade „Unterhaltung“ stecken wollte.


Karen Duve: "Macht"Karen Duve: „Macht“

Wir schreiben das Jahr 2031. Die Welt ist kalt geworden. Ganz anders das Klima: Hitzewellen wechseln sich ab, Dürrekatastrophen und Überschwemmungen sorgen für unwirtliche Lebensbedingungen. Der verordnete Staatsfeminismus, der Vegetarismus und die allgegenwärtige Vernetzung aller Lebensbereiche machen die Sache nicht besser.

Es ist eine Zeit, in der die Jungen Racke und die Mädchen Binja-Bathseba genannt werden. So wie die Kinder von Sebastian und Christine. Christine war Ministerin für Umwelt, Naturschutz, Kraftwerkstilllegung und Atommüllentsorgung; seit zwei Jahren ist sie verschwunden, aber sie ist nicht tot. Sie lebt im Prepper-Raum des Hauses, backt Kekse und ist Basti auch sexuell zu Willen.

Dann trifft man sich zum 50-jährigen Abitreffen in einer Hamburger Kneipe. Die meisten sehen aus wie um die Dreißig; dank der Ephebo-Pillen, die den Alterungsprozess nicht nur aufhalten, sondern sogar rückgängig machen können. Das Risiko liegt in einer etwa 60 Prozent hohen Krebsrate der Tablettenschlucker. Es gibt nichts umsonst in diesem Leben. Auf dieser Feier begegnet Sebastian seiner Jugendliebe Elli, die immer noch so jung und schön ist wie damals. Damit beginnt die Geschichte, an Fahrt aufzunehmen. Alles wird komplizierter und nimmt ungeahnte Wendungen.


Wladimir Kaminer: "Das Leben ist (k)eine Kunst"Wladimir Kaminer: „Das Leben ist (k)eine Kunst“

Kaminer mal wieder… Die Geschichten scheinen aus ihm herauszusprudeln wie aus einem niemals versiegenden Brunnen. Wie er in einer seiner neuesten Geschichten erzählt, war das eigentlich schon immer so. Schon im Kindergarten hatte das Geschichtenerzählen sein Leben gerettet. Es gab damals nämlich einen absolut ungenießbaren Grießbrei, den er einfach nicht essen wollte.

Doch er konnte andere Kinder dazu überreden, seinen Brei aufzuessen, indem er ihnen Geschichten erzählte. Hierzu fabulierte er ganze Fortsetzungsgeschichten, die sich aus Bruchstücken von Actionfilmen zusammensetzten, die der kleine Wladimir im Kino sah.

Später ging das in der Schule weiter, was seine Lehrer an den Rand des Wahnsinns brachte und ihn fast von der Schule fliegen ließ. Im Militärdienst wurde er zum Hieromanten und Wahrsager für seine Kollegen. Das Geschichtenerzählen liegt ihm also im Blut. Und trotzdem ließ sich Kaminer zunächst zum Toningenieur ausbilden. Heute legt er immer noch regelmäßig für die „Russendisko“ Platten auf – für „betrunkene Teenager“, wie sein Vater mürrisch anmerkt.


Erich Kästner: „Der Herr aus Glas - Erzählungen“Erich Kästner: „Der Herr aus Glas – Erzählungen“

Wenn man ein Buch von Erich Kästner in den Händen hält, kann man eigentlich nichts falsch machen: Wenn man es schon kennt, macht es Spaß, die Geschichten wieder und immer wieder aufs Neue zu lesen. Und wenn man das Buch noch nicht kennt, umso besser!

Trotzdem wird Kästner nach wie vor oft nur als ein Kinder- und Jugendbuch-Autor oder als Lyriker mit spitzer Feder wahrgenommen, was beides viel zu kurzgefasst ist. Denn der Mann war ein fleißiger Schreiber und hat neben seinen Gedichten, Kinderbüchern und Romanen eben auch einen ganzen Berg an Erzählungen geschrieben: 140 davon wurde veröffentlicht.

Jetzt hat der Schweizer Atrium-Verlag, der „Haus-Verlag“ Kästners, eine Auswahl der interessantesten Erzählungen unter dem geheimnisvollen Titel „Der Herr aus Glas“ veröffentlicht. Interessant sind diese Erzählungen nicht nur, weil sie die besten des Autors sind, sondern weil sie ihn als einen ungeheuer vielseitigen und zum Teil auch überraschenden Schriftsteller präsentieren.


Erich Kästner: „Ein Mann gibt Auskunft – Gedichte“Erich Kästner: „Ein Mann gibt Auskunft – Gedichte“

Die meisten Leser kennen Kästner als einen erfolgreichen Kinderbuch-Autor: „Pünktchen und Anton“, „Emil und die Detektive“ oder „Das fliegende Klassenzimmer“ hat wohl jeder irgendwann in seiner Kindheit gelesen. Kleiner wird der Kreis der Leser, wenn es um die Bücher für Erwachsene geht. Den „Fabian“ (1931) hat man vielleicht, wenn man Glück und einen fähigen Deutschlehrer hatte, in der Schule gelesen. Die Gedichte von Kästner kennt man hingegen nur auszugsweise. Dabei waren „Herz auf Taille“ (1928), „Lärm im Spiegel“ (1929) und „Ein Mann gibt Auskunft“ (1930) seinerzeit echte Bestseller. Sie wurden gerne gelesen und noch lieber verschenkt.

„Ein Mann gibt Auskunft“ liegt zeitlich genau zwischen „Emil und die Detektive“ (1929) und dem „Fabian“ (1931). Wer nun glaubt, ein leichtes, lockeres Gedichtbändchen vorzufinden, sieht sich jedoch arg getäuscht: Kästner hat es nämlich faustdick hinter den leicht abstehenden Ohren. Seine Gedichte in diesem Band orientieren sich eher am „Fabian“ und sind sicherlich nicht für Kinderohren bestimmt. Kleine Kostprobe gefällig?


Christopher Isherwood: „Leb wohl, Berlin“Christopher Isherwood: „Leb wohl, Berlin“

Christopher Isherwood lebte von 1929 bis 1933 in Berlin. Er folgte seinem Freund W. H. Auden nach Berlin, das seinerzeit nicht nur die angesagteste Metropole Europas, sondern auch einer der weltweit wichtigsten schwul-lesbischen Hotspots war. Berlin war modern, mondän, abgefuckt, billig und permanent in Feierlaune. — Eigentlich so wie heute, nur ein bisschen doller.

Isherwood wechselte immer wieder die Wohnungen, bewohnte meistens nur ein Zimmer zur Untermiete und bewegte sich im glitzernden Schein des Berliner Nachtlebens ebenso wie in den zwielichtigen und verruchten Ecken der Stadt. Es fand sich schnell eine englische Community aus Künstlern, Schriftstellern und vor allem Lebenskünstlern zusammen, die der spießigen Enge der britischen Gesellschaft entkommen wollten. In Berlin war´n se da richtig! Hier konnte man was erleben, konnte die Elektrizität in der Luft spüren, die vom berüchtigten „Tempo! Tempo! Tempo!“ der Großstadt, von ihrem großen Gefälle zwischen Arm und Reich und den politischen Spannungen zwischen Kommunisten und Nazis herrührte.


Daniel Glattauer: "Die Wunderübung"Daniel Glattauer: „Die Wunderübung“

Geschichten von und mit Paartherapeuten scheinen zurzeit in Mode zu sein. Das Theaterstück „Die Wunderübung“ von Daniel Glattauer macht hier keine Ausnahme. Es geht um ein Ehepaar Anfang vierzig, das sich bei seiner ersten Sitzung einer beginnenden Paartherapie befindet. Der Therapeut, ein Herr Magister, scheint sehr erfahren, durchaus positiv gestimmt und relativ euneinfühlsam gut gelaunt. Das ändert sich im Laufe des Stücks noch, doch zunächst versucht er das zerstrittene Paar aus seiner Verkrampfung zu lösen und mit kleinen Übungen aus dem permanenten Gegeneinander wenigstens vorübergehend ein Miteinander und Füreinander zu machen. Dies gelingt ihm nur bedingt.

Nach der Pause wirkt der zuvor so auffallend gut gelaunte und aufgeräumte Therapeut seltsam abwesend und fahrig in seinen Antworten. Was passiert ist oder zu sein scheint, wird an dieser Stelle nicht verraten. Den psychologisch Geschulten mag der Terminus „paradoxe Intervention“ einen kleinen Hinweis geben. Aber soviel darf verraten werden: Die Handlung vollzieht nach der Pause eine radikale Wendung.


Patrick Ness: „Die Nacht des Kranichs“

George Duncan, ein durchschnittlicher Mann mit einem ganz normalen Leben und einem Druckerladen in London hört eines Nachts einen Laut im Garten. Klagend, wehklagend, ein Ton, der sich direkt an sein Herz wandte. Ab da war seine Welt im Wandel. Denn selbst in dem Moment des Hörens staunte er über seine plötzlich poetischen Beschreibungen, Worte, die ihm in den Sinn kamen.

So geht es dem Leser auch. Diese Schreibweise, die Poesie der Worte zieht ihn förmlich in das Buch. Auch wenn man normalerweise lieber Krimis liest. Und nicht wirklich für Fantastisches ist. Dieses Buch ist wie ein Märchen für Erwachsene in Form eines Romans und in einer besonderen Sprache. Sie vermischt Schönes mit normaler Alltagskommunikation. Derbe Situationsbeschreibung mit umschreibender Schilderung der Gefühle, der Irritation.

Und es handelt dazu noch in der Gegenwart, zeigt das beinahe nicht erwähnenswerte, durchschnittliche Leben eines 48-jährigen. Und vor allem dass Leben zweier Frauen. Denken Sie nicht an eine Dreiecksgeschichte – zu profan. Und doch. Duncan erklärt aber auch seine Vergangenheit, versucht mit seiner eigentümlichen Tochter Amanda klar zu kommen. Ist beschäftigt mit seinem Enkel J.P..


Marcel Reich-Ranicki (Hg.): „Die besten deutschen Gedichte“

Wir leben in einer hektischen und ruhelosen Zeit. Wer dennoch nicht auf den Genuss von Literatur verzichten möchte, muss sich etwas einfallen lassen. Statt sich wie früher oft über Tage und Wochen in einen dicken Roman vertiefen zu können, ist man heute gezwungen, sich mit kürzeren literarischen Formen wie Erzählungen oder Kurzgeschichten zu begnügen. Und wenn die Zeit nicht einmal mehr zum Lesen einer Kurzgeschichte langt, so bleiben uns immer noch die Gedichte als eine der kürzesten literarische Formen.

Gedichte sind, wie der Name schon sagt, verdichtete, komprimierte Wirklichkeit. In manchem Gedicht sind wir in der Lage, die ganze Welt zu entdecken, und doch sind Gedichte meist kurz und schnell zu lesen. Diese Verdichtung des Lesestoffs und die Zuspitzung des Inhalts auf das Essenzielle machen Gedichte so faszinierend.


Interview mit Kathrin Weßling auf der Frankfurter Buchmesse 2012

Kathrin Weßling hat ein schönes Buch über ein unschönes Thema geschrieben: Depression. In Ihrem Debütroman „Drüberleben – Depressionen sind doch kein Grund, traurig zu sein“ erzählt sie die Geschichte einer jungen Frau, die seit Jahren an Depressionen erkrankt ist und sich einer erneuten Therapie unterzieht. Was als Plot gruselig und nach einer großen Portion Selbstmitleid klingt, ist wirklich toll und spannend geschrieben.

Auf der Frankfurter Buchmesse 2012 hatten wir Gelegenheit, mit der Autorin über das Buch, über ihr Leben und übers Drüberleben zu sprechen.

 


Kathrin Weßling: „Drüberleben – Depressionen sind doch kein Grund, traurig zu sein“

Kathrin Weßling hat ein Buch über ihre jahrelangen Depressionen und ihre klinische Therapie geschrieben. Wenn man das liest, möchte man als Rezensent am liebsten weglaufen. So etwas kann ja fürchterlich peinlich sein – larmoyant, weinerlich und selbst bezogen, bestenfalls anklagend oder nichts sagend. Kurz, man kann solch einen Text ganz schnell an die Wand fahren.

Deshalb schnell die gute Nachricht zuerst: Kathrin Weßlings Buch ist all das zum Glück nicht, sondern ein wirklich sehr schön geschriebenes und authentisches – ja, was eigentlich – Sachbuch oder Roman?

 


Rainer Maria Rilke: „Die schönsten Gedichte“

„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben […]“– Wer kennt nicht diese leise Melancholie, die von Rilkes Gedicht „Herbsttag“ ausgeht?

Rainer Maria Rilke, 1875 geboren in Prag und 1926 schon mit 51 Jahren in einem Schweizer Sanatorium gestorben, war einer der bedeutendsten, vielleicht der bedeutendste deutschsprachige Lyriker.

 

 


Rainer Maria Rilke: „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ – Faksimile-Ausgabe und Textgenetische Edition des „Berner Taschenbuches“

„Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ gehören zu den interessanten und kanonischen Texten der literarischen Moderne. Veröffentlicht 1910, ist Rilkes Roman in Tagebuchform vor allem eine Verarbeitung eigener Erfahrungen, die er zu Anfang des 20. Jahrhunderts während längerer Aufenthalte in Paris machte.

So stellt der Roman, wie viele andere Werke seiner Zeit, die Großstadterfahrung ins Zentrum der Handlung.

 

 


Jane Austen: „Lady Susan“

Im vierten Jahr nach der Französischen Revolution von 1789, während in Deutschland der Klassizismus durch Goethe und Schiller in voller Blüte steht, sitzt eine 18jährige Engländerin im Pfarrhaus eines kleinen Dorfes in der südenglischen Grafschaft Hampshire und schreibt einen Briefroman.

Angeregt durch „Pamela“ und „Clarissa“, die ungemein erfolgreichen Briefromane Samuel Richardsons, die bereits vor einem halben Jahrhundert erschienen waren, und vielleicht auch ausgelöst durch die eigene Lektüre der vor wenigen Jahren in englischer Übersetzung erschienenen „Gefährlichen Liebschaften“ des Franzosen Choderlos de Laclos, schreibt die junge Autorin ihren ersten und einzigen Briefroman – zu einer Zeit, in der diese Form des Romans längst durch neue Formen abgelöst worden war.


Werner Bartens: „Betrügen lernen“

Man kennt Werner Bartens als erfolgreichen Autor von medizinischen Sachbüchern. Seine Bücher gegen den Fitness- und Vorsorge-Wahn, über Gentechnik, Medizin-Irrtümer und Glücks-Medizin sind Bestseller.

Hauptberuflich arbeitet der mit vielen Preisen ausgezeichnete Wissenschaftsjournalist als Leitender Redakteur des Ressorts Wissenschaft bei der Süddeutschen Zeitung.

 

 


Tilman Birr: „On se left you see se Siegessäule“

Wat biste, Stadtaklära?!” – “Stadtbild-Erklärer, ja.“ So nennt man Stadtführer in Berlin. Aber Führer sagt man nicht, auch nicht Stadtführer. Deswegen nennt man das, was Tilman Birr als Aushilfsjob nach seinem Studium machte, eben politisch korrekt „Stadtbild-Erklärer“.

Wer einen Ausflug auf einem Berliner Dampfer macht, kann viel erzählen. Tilman Birr könnte auch ein Liedchen davon singen, denn als Kabarettist steht er auch gern mit der Klampfe auf der Bühne. Doch nun hat er mit „On se left you see the Siegessäule“ seinen ersten Roman vorgelegt.

 

 


Arnon Grünberg: „Mit Haut und Haaren“

Roland Oberstein ist Wissenschaftler. Die Forschung steht bei ihm an erster Stelle. Als Wirtschaftswissenschaftler interessiert er sich für die „Geschichte der Blasenbildung“, an der er seit langem schreibt. Daneben findet er durchaus auch die Untersuchung des Völkermords unter wirtschaftwissenschaftlichen Aspekten interessant. Seine Familie hat er der Wissenschaft geopfert.

Was ist schon ein Privatleben, wenn man seine Studenten hat und seine Forschung.“ – O-Ton Roland Oberstein. Der Niederländer ist als Dozent auf die Universität von Fairfax berufen worden. Fairfax nahe Washington, ein kleines Kaff, das außer dem Campus nicht viel zu bieten hat. „Wenn das Leben eine Vorbereitung auf den Tod sein sollte, war ein Aufenthalt in Fairfax geradezu ideal.“ Noch einmal O-Ton Roland Oberstein.

 


Andrej Kurkow: „Der Gärtner von Otschakow“

Igor lebt mit seinem Mutter in einem kleinen Vorort von Kiew. Das beschauliche Leben auf dem Lande ist ohne große Ereignisse. Igor ist 30, arbeitslos und eigentlich auch nicht wirklich arbeitswillig. Als Kind hat er einmal durch die Unachtsamkeit eines Verwandten ein Kettenkarussell an den Kopf bekommen und leidet seitdem immer mal wieder unter starken Kopfschmerzen. Ansonsten ist von dem Unfall zum Glück nichts zurück geblieben, aber als Entschuldigung für seine Arbeitsunlust darf der Vorfall schon mal herhalten.

Eines Tages stellt die Nachbarin einen älteren, aber noch recht rüstig wirkenden Mann vor, der sich bei Igor und seine Mutter gern als Gärtner nützlich machen würde – gegen Kost und Logis, versteht sich. Das ist Stepan, ein Mann um die sechzig und mit einer verwaschenen Tätowierung am Unterarm.

 


Veronika Peters: „Das Meer in Gold und Grau“

Eine junge Frau findet sich selbst, findet ihre Ruhe und ihren Mittelpunkt wieder. Eine junge Frau, die sich in ein kleines Hotel an der verschlafenen Ostseeküste zurück zieht.

Hier erzählt die Autorin von Ruth, ihrer alten Tante, die Spuren im Leben hinterlassen hat. Sie gab der Ich-Erzählerin einen Ort, an dem sie anderen Menschen begegnete. Das Hotel Palau in der Seestraße wird zur vorüber gehenden Heimat und zur Bühne eines Lehrstücks in Sachen Lebensweisheit. Was ist wirklich wichtig im Leben? Worauf kommt es an?

 

 


Charles Dickens lesen! – Buchempfehlungen zum 200. Geburtstag

Der zweihundertste Geburtstag von Charles Dickens am 07. Februar 2012 ist ein willkommener Anlass, um eine seiner vielen berühmten Geschichten zu lesen. Für manchen mag dies ein Wiedersehen mit alten Bekannten sein, für Andere ist es vielleicht das erste Mal, dass sie mit Charles Dickens in Berührung kommen.

 

 

 


Florian Meimberg: „Auf die Länge kommt es an – Tiny Tales“

Die Idee ist nicht neu. Kürzestgeschichten sind eigentlich eine Prosaform der deutschen Gegenwartsliteratur und waren in den 1950er und 1960er Jahren Mode. Wahrscheinlich gab es auch schon früher Kürzestgeschichten, nur nannte sie damals niemand so. Im Grunde erzählt auch jedes gute Gedicht eine Geschichte, vielleicht sogar besser als mancher lange Roman, und die visuelle Kraft eines japanischen Haikus ist ebenfalls den Meisten bekannt. – Wozu also jetzt noch „Tiny Tales“ im Twitterformat?

 

 

 


Heinrich von Kleist – 200. Todestag am 21. November 2011

Am 21. November 1811 erschoss Heinrich von Kleist zunächst seine Geliebte, die an Krebs leidende Henriette Vogel, und danach sich selbst. Er starb als ein Mensch, der an seinen Leidenschaften zerbrach, und als ein erfolgloser Schriftsteller, dessen Werk seinerzeit nur wenig Beachtung erfuhr.

Heute kennen wir natürlich „Die Marquise von O“, den „Zerbrochenen Krug“, das „Käthchen von Heilbronn“, die „Herrmannsschlacht“, den „Prinz Friedrich von Homburg“, den „Amphitryon“ und die „Penthesilea“ aus dem Schulunterricht. Kleist, der König der Schachtelsätze, ist ein fester Bestandteil des Kanons der deutschen Klassiker.

 

 


Interview mit Christoph Poschenrieder zu „Der Spiegelkasten“

Auf der Frankfurter Buchmesse hatten wir Gelegenheit, mit Christoph Poschenrieder über seinen neuen Roman „Der Spiegelkasten“ zu sprechen. Die Geschichte spielt im Ersten Weltkrieg und schafft es auf eindrucksvolle Weise, den Wahnsinn des Krieges erfahrbar zu machen und zu zeigen, wie unsere Sicht der Wirklichkeit letztlich immer nur in unseren Köpfen konstruiert wird.

In diesem ausführlichen Gespräch erfahren Sie, was diese Geschichte mit seiner Familie zu tun hat und wie er die Fakten für seinen Roman recherchiert hat.

 

 


Christoph Poschenrieder: „Der Spiegelkasten“

In seinem zweiten Roman erzählt Christoph Poschenrieder seine eigene Geschichte. Natürlich sind die Fakten verschleiert, die Namen zum Teil geändert und das ganze mit einer fiktiven Geschichte des Ich-Erzählers garniert.

Der Kern des Romans beruht jedoch auf Tatsachen. Seit seiner Kindheit kennt Poschenrieder die alten Fotoalben, die sein Großonkel Ludwig Rechenmacher aus dem Ersten Weltkrieg von der Westfront in Nordfrankreich mitgebracht hatte.

Diese gestochen scharfen Schwarzweiß-Aufnahmen und die mit weißer Tinte in der für ihn damals unentzifferbaren Sütterlin-Schrift geschriebenen Beschreibungen übten schon früh eine starke Faszination aus.

 


Volker Braun: „Die hellen Haufen – Erzählung“

Dieser Aufstand hat nicht stattgefunden. In einer kargen Sprache beschreibt der Erzähler ein Aufbegehren gegen die Umwälzungen der Nachwendezeit auf dem Boden der ehemaligen DDR. Die großen Bergbau-Kombinate, darunter auch die von Bitterrode und Mansfeld, werden von der mächtigen Kali und Salz AG aus dem Westen bedroht Treuhand abgewickelt.

Die Menschen kommen mit dem Kapitalismus in Berührung und erleben die vollständige Umwertung ihrer bisherigen Welt. Waren Sie nicht die Eigentümer dieser Werke? Waren es nicht ihre eigenen Produktionsmittel, mit denen sie arbeiteten? War das nicht ihre Arbeit, die sie für das Volk machten und die sie gut machten?

 

 


Interview mit Harald Martenstein auf der Frankfurter Buchmesse 2011

Harald Martenstein hat ein neues Buch mit den schönsten Kolumnen der letzten Jahre herausgebracht. Das nahmen wir zum Anlass, uns mit ihm auf der Frankfurter Buchmesse 2011 zu treffen und uns mit ihm ausführlich über seine Kolumnen, seine Inspiration und seine Art zu schreiben zu unterhalten. in den 30 Minuten unseres Gesprächs erzählt Harald Martenstein eine Menge über sich und sein Leben in Berlin.

 

 

 


Harald Martenstein: „Ansichten eines Hausschweins – Neue Geschichten über alte Probleme“

Von A wie Altersvorsorge bis Z wie Schnecken dürfen wir in dem neuen Buch „Ansichten eines Hausschweins“ in den gesammelten Kolumnen der letzten Jahre lesen, wie Harald Martenstein die Welt sieht. Um es für alle, die Harald Martenstein nicht kennen (solche Leute soll es tatsächlich noch geben), ganz deutlich zu sagen: Harald Martenstein gehört zu den witzigsten und dabei auch scharfzüngigsten Zeitkritikern weit und breit.

 

 

 


Axel Hacke: „Das Beste aus meinem Liebesleben“

Axel Hacke ist ein Spalter. Die Männer mögen seine Bücher, weil sie ihnen durch die Lektüre seiner larmoyanten Kritik an den Zuständen der ungleichgeschlechtlichen Beziehungen die Möglichkeit einer unterhaltsamen zeitlichen Expansion der gruppentherapeutischen Dienstagabend-Sitzungen mit den Kumpeln sowie im Rahmen der gesellschaftspolitischen Strukturen eine sogar leicht kathartische Verarbeitung der wiederholten repressiven Erlebnisse häuslicher Gewalt ermöglichen.

 

 


Doris Dörrie: „Alles inklusive“

Wenn man die Tochter einer Hippie-Mutter ist, kann es schon mal passieren, dass man „Apple“ heißt. Doch damit nicht genug, alle Versuche Apples, der chaotischen Kindheit und Jugend zu entfliehen und es im eigenen Leben geordneter und ruhiger zugehen zu lassen, scheitern, weil Apples Liebesleben von einem Desaster ins nächste schlittert.

Nie mehr soll es so schlimm sein wie damals, im Sommer 1976, als in Spanien die Hippie-Kommune von Torremolinos die freizügige Kulisse abgab für Ingrid, Apples Mutter, und Karl, einem biederen Bankangestellten aus Hannover, der mit Frau und Kind zugfällig am selben Strand Urlaub machte.

 

 


Wells Tower: „Alles zerstört, alles verbrannt“

Man erweist einem Autor einen Bärendienst, wenn man in den Klappentext schreibt: „Dieser Autor schreibt so wie xy“. Damit legt man sowohl den Autor als auch die Lektüre von vornherein auf einen Rezeptionsausschnitt fest, den der Autor selbst vielleicht niemals beabsichtigt hat.

Wenn er so schreibt wie xy, dann kopiert er lediglich dessen Stil. Ein bisschen besser wäre es dann noch, wenn er den Stil und die Art und Weise der Annäherung an den Stoff von einem berühmten Vorgänger adaptieren und auf die heutige Zeit anwenden würde.

 

 


Willem Frederik Hermans: „Das heile Haus“

„Das heile Haus“ ist ein wilder, zorniger Bericht aus dem letzten großen Krieg. Desillusioniert und gleichgültig nimmt der Ich-Erzähler an diesem Krieg teil. Er ist Partisan und unterscheidet nicht mehr zwischen töten und überleben, leben lassen und getötet werden. Alles ist gleich, und alles ist unwichtig. Der Tod hat seinen Schrecken verloren, und er kennt keine Angst mehr.

Lakonisch berichtet er, wie direkt neben ihm eine Bombe einschlägt oder wie er deutsche Soldaten aus dem Hinterhalt erschießt: „Sie krümmten sich wie Schmetterlinge, die aufgespießt werden, ich erstach sie mit einer zweihundert Meter langen Nadel.


Dorothy Parker: „Morgenstund hat Gift im Mund – New Yorker Geschichten“

Dorothy Parker war eine erstaunliche und interessante Frau. Wie interessant, das kann man in einer hervorragenden neuen Biografie von Michaela Karl („Noch ein Martini, und ich lieg unter dem Gastgeber“, erschienen im Residenz Verlag) nachlesen.

Genau so spannend und turbulent wie das Leben der amerikanischen Schriftstellerin und Theater- und Literaturkritikerin lesen sich auch ihre Kurzgeschichten. Dorothy Parker stand ständig unter Strom. Ihre Geschichten klingen oft wie die Monologe einer ennuyierten Lady aus den besseren Kreisen.

 

 


Ruth Klüger: „unterwegs verloren“

Ruth Klüger hatte in den 1990er Jahren mit ihrer Biografie „weiter leben“ über ihre Kindheit im Wien der Dreißiger Jahre und über die traumatischen Erlebnisse im Konzentrationslager Theresienstadt und Auschwitz geschrieben. Ihr Buch fand international große Beachtung und machte Ruth Klüger zu einer bekannten Schriftstellerin.

Im zweiten Teil ihrer Memoiren, wenn der romantisierende Ausdruck für die Aufzeichnung dieses bewegten und von vielen Hindernissen gezeichneten Lebens erlaubt ist, erzählt die Autorin von der Zeit ihrer Emigration in die USA 1947 bis zu Besuchen ihrer alten Heimat Wien in heutiger Zeit.

 

 





Suche

Autoren

Kategorien


Feed abonnieren

Links

Empfehlungen