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Harald Martenstein: „Ansichten eines Hausschweins – Neue Geschichten über alte Probleme“

Am: | Oktober 20, 2011

Von A wie Altersvorsorge bis Z wie Schnecken dürfen wir in dem neuen Buch „Ansichten eines Hausschweins“ in den gesammelten Kolumnen der letzten Jahre lesen, wie Harald Martenstein die Welt sieht. Um es für alle, die Harald Martenstein nicht kennen (solche Leute soll es tatsächlich noch geben), ganz deutlich zu sagen: Harald Martenstein gehört zu den witzigsten und dabei auch scharfzüngigsten Zeitkritikern weit und breit.

Dabei schreckt er auch vor scheinbar schwierigen Themen wie Antifaschismus, Berlusconi, Drogenhandel, Glücksspiel und Orgasmusproblemen nicht zurück – im Gegenteil. Es macht ihm Spaß, besonders heiße Themen anzufassen und seine unkonventionelle Meinung in solch entwaffnender Logik zu entfalten, dass dem Leser am Ende oft nichts anderes übrig bleibt als dem Zeitgeist zu widersprechen.

Denn immer öfter begegnet der Autor dem wohlklingenden Kanon der so genannten öffentlichen Meinung mit gesunder Skepsis und fragt sich: „Was würde eigentlich passieren, wenn die sich alle irrten?“ – Nicht selten ist die Antwort verblüffend. Aus solch einer zweifelnden Haltung bezieht er oft die Inspiration für seine Kolumnen.

Am Freitag setzt sich der Autor vor den Computer und überlegt. Bis Montagabend hat er Zeit, dann muss die Kolumne für die ZEIT fertig sein. Manchmal hat er Glück, und die zwei Themen, die er im Text miteinander verbindet, sind schnell gefunden. Doch an anderen Tagen will der Text einfach nicht gelingen. Dann wird überarbeitet, gestrichen oder auch neu geschrieben. Was am Ende so leichtfüßig und flüssig daher kommt, ist oft das Ergebnis harter Arbeit und eiserner Disziplin.

Ich schaffe es nicht zu schreiben, ohne dass mich jemand dazu zwingt“, sagt Harald Martenstein in seinem Interview mit kulturbuchtipps. Ohne Abgabetermin würde er wohl gar nichts schreiben. Zum Glück gibt es Leute bei der ZEIT, die ihn nicht in Ruhe lassen und die regelmäßige Abgabe seiner Texte einfordern.

Die humoristischen Kolumnen von Harald Martenstein verleiten viele Menschen am Donnerstag zum Kauf der Wochenzeitung DIE ZEIT. Seit einigen Jahren veröffentlichen die Hamburger wöchentlich eine neue Kolumne des Autors. Ein ähnliches Glück haben die Berliner, wenn der TAGESSPIEGEL, für den der Meister auch noch schreibt, am Wochenende regelmäßig einen schmunzelnden Einblick in Harald Martensteins Gedankenwelt gewährt.

Doch was ist eigentlich so komisch an diesen Texten, die selten länger sind als zwei Buchseiten? Es ist der zögerliche Stil des Autors bei der Behandlung kultureller Themen. Der Leser wird zunächst mit einem Satz konfrontiert, der ihn verblüfft, erschreckt, verwirrt. Dann jedoch erzählt Martenstein oft etwas völlig anderes, das jedoch auf einer unausgesprochenen Ebene sehr wohl einen Bezug zum ersten Thema hat. Je länger der Autor nun über das zweite Thema und eben gerade nicht über das erste redet, umso deutlicher wird der Zusammenhang, der oft erst am Ende der Kolumne mit einem Knalleffekt zur Entladung kommt.

Diese schwebende Balance zu halten, versteht Harald Martenstein meisterhaft. Er beherrscht diese Technik scheinbar im Schlaf. Doch es ist gar nicht so leicht, die richtigen Themenpaare zu entdecken. Seine Ideen findet Martenstein im eigenen Leben und im Chaos der Großstadt. Seit 1988 lebt er mit Unterbrechungen in Berlin; er ist überzeugter Wahl-Berliner, wie er im Interview bekennt. Harald Martenstein kennt noch das alte West-Berlin mit seinen dörflichen Strukturen und dem verschlafenen Charme der Mauerstadt, aber gerade das neue, bunte und laute Berlin ist seine Welt. Trotzdem zieht er sich gern zum Schreiben zurück und braucht ungestörte Ruhe um kreativ zu sein. So hat er sich vor einiger Zeit ein Ferienhaus in der Uckermark gekauft, in dem er auch einen Großteil seines letzten Romans „Gefühlte Nähe“ geschrieben hat.

Den seltsamen Titel des neuen Sammelbands erklärt Harald Martenstein in seinem Interview mit kulturbuchtipps: „Es hat vor einiger Zeit eine Rezension in der Süddeutschen Zeitung gegeben, die sich mit meinen letzten Roman befasste, der durchweg so ganz positiv besprochen wurde und teilweise sogar sehr positiv – diese Rezension aber war ein Verriss. In diesem Verriss wurde ich als ein Hausschwein bezeichnet. Und ich dachte mir, damit gehe ich jetzt mal ganz offensiv um. Das mache ich jetzt zum Markenzeichen.

Dass hier das Hausschwein wieder einmal die schönsten Trüffel aus dem Mutterboden unserer Kulturlandschaft gebuddelt hat, soll als Kompliment verstanden werden. Schweine sind intelligente Tiere. Wer dieses Buch liest, wird dem nur zustimmen können.

Doch nun endlich genug mit dem Schweinkram und ran an die Lektüre! Lesen Sie „Ansichten eines Hausschweins“ und schmunzeln Sie Ihre falschen Vorstellungen über unser Leben in dieser Gesellschaft weg. Harald Martenstein zeigt Ihnen die Wahrheit.

Halten Sie es mit Immanuel Kant („Sapere aude“) und benutzen Sie ihren Kopf zum Denken, wenn Sie das nächste Mal merken, dass alle, alle auf derselben Welle schwimmen und derselben Meinung sind. Dies ist ein untrügerisches Warnzeichen, dass etwas nicht stimmt.

Doch in Martensteins Welt stimmt dann doch wieder alles, auch wenn vieles zunächst politisch nicht ganz so korrekt klingt. Am Ende macht es Sinn, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Wer selbst denkt, hat mehr vom Leben. – In diesem Sinne: viel Spaß beim Leben!

Lesen Sie auch das vollständige Interview mit Harald Martenstein auf der Frankfurter Buchmesse 2011.

Autor: Harald Martenstein
Titel: „Ansichten eines Hausschweins“
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: C. Bertelsmann Verlag
ISBN-10: 3570101118
ISBN-13: 978-3570101117

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