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Interview mit Arnon Grünberg auf der Leipziger Buchmesse 2012 über „Mit Haut und Haaren“

Am: | April 18, 2012

RALPH KRÜGER:  Herr Grünberg, auch Ihr neuer Roman „Mit Haut und Haaren“ ist wieder einmal eine sehr komplexe Gerschichte. können Sie unseren Lesern in ein, zwei Sätzen erklären, worum es in Ihrem neuen Buch geht?

ARNON GRÜNBERG: Es geht um Roland Oberstein, einen Ökonom, und um die Geschichten um ihn herum. Da sind viele Frauen und ein Kind: seine Exfrau Sylvie, seine Freundin Violet; dann lernt er auf einer Konferenz über die Shoa in Frankfurt am Main Lea, seine Geliebte, kennen… Wenn er dann am Ende des Buches wieder aus den USA nach Holland zurück kehrt, um wieder mehr Zeit mit seinem Sohn verbringen zu können, begegnet er Gwenny, einer jungen Studentin. In meinem ganzen Buch geht es eigentlich um Beziehungen und um die Verknüpfungen, durch die die eine Beziehung die folgende Beziehung hervorruft. Es geht darum, wie diese Beziehungen wie ein Netzwerk sind. Und natürlich geht es um die Ökonomie von Liebesbeziehungen und Freundschaften!

RALPH KRÜGER:  Roland Oberstein ist ein bekannter Wirtschaftswissenschaftler, und wie er immer wieder gern betont, ist er ein Forscher, wobei die Forschung seine eigentliche Heimat ist. In Ihrem Buch gibt es auch einen sehr schönen und charakteristischen Satz, der diese Geisteshaltung der akademischen Welt verdeutlicht: „Was ist schon ein Privatleben, wenn man seine Studenten hat und seine Forschung?!“ – Das ist auch das Credo Roland Obersteins.

ARNON GRÜNBERG: Ja, das ist richtig. ich möchte nicht sagen, dass Roland ein typischer Akademiker ist, aber er ist ein typischer Mann, der vor allem in und für seine Untersuchungen und Forschungen lebt. Eigentlich versucht er die ganze Zeit – und es ist schon eine Ironie, dass ihm das nicht gelingt -, die Leute, die er ja trotzdem braucht, denn sonst würde er auch keine Beziehungen knüpfen oder geschehen lassen, auf einer gewissen Distanz zu halten und seine Arbeitszeit zu verteidigen. Aber das gelingt ihm nicht. Doch er ist jemand, der meint, in und für seine wissenschaftliche Arbeit zu leben.

RALPH KRÜGER:  Im Laufe der Geschichte wissen auch alle Frauen voneinander und kommunizieren auch aktiv miteinander. Das ist ja auch eine erstaunliche Situation, die die Frage nach der Ökonomisierung der Liebesbeziehungen auf eine eindrucksvolle Weise beantwortet.

ARNON GRÜNBERG: Ich hatte auch schon, als ich das Buch begann, dass dieser Mann ein Ökonom sein musste. Für diesen Roman musste ich auch eine Menge in der Welt der Ökonomie recherchieren, von der ich noch nicht viel wusste. Das war und ist ein wichtiges Thema für mich.

RALPH KRÜGER:  Wie sind Sie an diese Geschichte heran gegangen? Gab es irgendwelche Vorbilder, an denen Sie sich orientiert haben?

ARNON GRÜNBERG: Für einen Schriftsteller spielt alles eine Rolle – was er miterlebt, was er sieht, was er beobachtet… Was auch nicht unwichtig war: Ich habe selbst 2005, 2008 und 2009 an verschiedenen Universitäten ein Semester doziert. Ich habe selbst nie studiert, aber auf diese Weise habe ich die Welt der Universitäten aus der Sicht der Dozenten mitbekommen. Damals dachte ich, dass es eigentlich schade sei, dass ich über diese Welt noch nie etwas geschrieben hatte, denn darüberr lohnte es wirklich mal zu schreiben. Was mich dann besonders gereizt hat, war die Tatsache, dass man zwar ein sehr guter Experte auf seinem Fachgebiet, andererseits jedoch sozial vollkommen ohnmächtig sein kann. Das fand ich interessant: intelligent und erfolgreich und trotzdem diese soziale Ohnmacht. Ich dachte immer, die Welt der Schriftsteller sei voller Intrigen; aber die Welt an der Uni, das ist ja mit einiger Übertreibung nur so von Hass und Neid aufeinander erfüllt, das ist ja unheimlich, wie da um Positionen gekämpft wird. Da wird mit Ellbogen und allen Tricks gekämpft. Und gleichzeitig ist man doch an den Universitäten in einer Welt, in der es um höhere Angelegenheiten geht als die eigenen Ambitionen. Oder besser: es sollte nicht um die eigenen Ambitionen gehen; aber es wird auch immer wieder vertuscht und unter dem Tisch geregelt…

RALPH KRÜGER:  Man liest das ja auch immer wieder, um mal ein Gegenbeispiel zu bringen, aus christlichen und kirchlichen Kreisen. Gerade dort, wo man sich der Unterstützung der Höheren Mächte einigermaßen sicher zu sein scheint, geht es doch mitunter sehr menschlich zu.

ARNON GRÜNBERG: Das klingt ja interessant. Ich habe noch nicht darüber nachgedacht, dass es auch in der Kirche so ablaufen könnte. Jetzt bringen Sie mich auf eine Idee, der ich vielleicht einmal nachgehen sollte…! (lacht)

RALPH KRÜGER:  Ich habe auch bei der Vorbereitung auf unser Gespräch auf Ihrer Website gesehen, dass Sie ja neben dem Schreiben eine Menge anderer Dinge machen – Sie haben unter anderem in einem Speisewagen gearbeitet…

ARNON GRÜNBERG: Ja, das habe ich 2008 in der Schweiz gemacht. Ich finde, diese Sachen machen nicht nur Spaß, sie sind auch für mich wichtig, um wirklich eine andere Welt aus der Nähe kennen zu lernen. Ein Schriftsteller wie Alain de Botton hat ja auch am Londoner Flughafen gearbeitet. Ich glaube, dass es wichtig für einen Schriftsteller ist, wie ich es sein will, dass er nicht nur die literarische Welt sieht, sondern auch einmal woanders hingeht, wo er die Menschen beobachten und lernen kann, wie es dort abläuft.

RALPH KRÜGER:  Herr Grünberg, können Sie in diesem Zusammenhang ein bisschen über sich selbst erzählen: Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

ARNON GRÜNBERG: Ich wollte einmal Schauspieler werden. Das ist nicht gelungen. Ich hatte das Gymnasium verlassen, weil ich dachte, warum soll ich das Gymnasium fertig machen, wenn ich Schauspieler werden will? Ich habe dann versucht, an verschiedene Schauspielschulen heran zu kommen, das ist nicht gelungen. Dann habe ich angefangen mit 17 zu arbeiten. Da bin ich dann auch rausgeflogen und habe dann einen eigenen Verlag gegründet. Ich habe immer schon sehr gern gelesen, war dann auch einmal auf der Frankfurter Buchmesse und war ziemlich beeindruckt und habe mir gesagt, ja, Verleger werden, das möchte ich wirklich. Ich habe dann auch einige Bücher verlegt.. Ich glaube, umso weniger man weiß, desto eher versucht man neue Sachen zu machen. Dieser Verlag hat dann Pleite gemacht, ich hatte noch versucht, den Verlag zu verkaufen. Ein holländischer Verleger wollte ihn nicht kaufen, aber hatte mich selbst dann gedrängt und ermutigt zu schreiben. Der war ziemlich wichtig, denn obwohl ich schon vorher meine Stücke und viele Briefe geschrieben hatte, kam ich nie auf die Idee, jetzt schreibe  ich einen Roman… Aber der hat an mich geglaubt und mich dann stimuliert, meinen ersten Roman („Blauer Montag“) zu schreiben. Der wurde dann ein Erfolg, und seit dieser Zeit im Mai 1994, als er in Holland publiziert wurde, lebe ich von meiner schriftstellerischen Arbeit. Jetzt kann ich mir eigentlich nicht mehr vorstellen, dass ich noch etwas anderes tun werde als Schreiben.

RALPH KRÜGER:  Sie können also schon lange vom Schreiben leben.

ARNON GRÜNBERG: Ja, seit dem ersten Romanerfolg lebe ich davon. Aber es geht ja nicht nur um die Ökonomie, sondern es geht auch um das, was ich machen will und seit 15 Jahren mache und auch weitermachen werde.

RALPH KRÜGER:  Und sie leben in New York?

ARNON GRÜNBERG: Ja, allerdings bin ich auch viel in Amsterdam. 1995 bin ich wegen der Liebe nach New York gezogen und dort geblieben. In der letzten Zeit reise ich sehr viel und bin deshalb nur etwa fünf bis sechs Monate pro Jahr in New York. Aber ich bin jetzt auch viel in Amsterdam, weil meine Mutter dort lebt und ziemlich krank war, und ich möchte mehr Zeit mit meiner Mutter verbringen. Doch ich habe zum Beispiel keine Wohnung in Amsterdam. Wenn ich dort bin, wohne ich in einem kleinen Hotel.

RALPH KRÜGER:  Kommen wir zurück zu Ihrer Hauptfigur, Roland Oberstein. Das ist ja eigentlich ein komischer Typ und doch eine faszinierende Persönlichkeit. Seine Freundin Antoinette sagt, er sei wie ein Fisch, der sich überall geschmeidig durchwindet. Und doch ist er ambivalent. Er wirkt zunächst sehr rational und gut durchstrukturiert, gerade was seine Liebesbeziheungen betrifft. Immer wenn es um Liebe geht, tut er sich schwer, eine eindeutige Stellung zu beziehen und die Gefühle der anderen zu deuten. Er ist in diesem Bereich nahezu autistisch, könnte man sagen. Er hat Schwierigkeiten, eigene Gefühle wahrzunehmen, aber auch, die Gefühle seines Gegenübers zu deuten, fällt ihm nicht leicht.

ARNON GRÜNBERG: Jemand hat Roland beschrieben als einen Menschen, der an einem Asperger-Syndrom leidet. Das passt ganz gut, denn damit hat er wirklich Probleme. Wie oft beim Asperger-Syndrom können diese Leute aber eine Sache ganz besonders gut, sie sind sehr spezialisiert. Aber Roland macht das Gefühlsleben auch Angst, und er weiß auch nicht, was seine eigenen Gefühle in ihm bewirken. Deswegen braucht er auch immer wieder diese Distanz und versucht, sekundär zu reagieren und sich nicht von seienn Gefühlen beherrschen zu lassen.

RALPH KRÜGER:  Was ihm jedoch nicht so ganz gelingt…

ARNON GRÜNBERG: Nein, es gelingt ihm nicht.

RALPH KRÜGER:  Aber die Eroberung ist für ihn sehr wichtig. Wir haben ja auch gegen Ende Ihres Buches die Figur der Gwenny, die jedoch zu seinem Stolperstein wird.

ARNON GRÜNBERG: In dieser Frau hat er sich geirrt und das wird ihm zum Verhängnis. Jedoch nicht nur weil er Gwenny und ihr Spiel nicht durchschaut, sondern weil er sich selbst nicht versteht. Roland hat seine eigene Eifersucht nicht im Griff.

RALPH KRÜGER:  Wie gehen Sie mit Ihrem Stoff um? Wie schreiben Sie?

ARNON GRÜNBERG: Ich habe zunächst eine Idee und eine Hauptfigur. Und dann habe ich Disziplin. Dann kommt der Zeitpunkt, an dem ich sage: Jetzt habe ich genug gesammelt und im Kopf, und jetzt fange ich an zu schreiben. Dann schreibe ich 800-1000 Wörter pro Tag. Wenn ich zwischendurch eine Reise mache, dann gelingt mir das natürlich nicht, und dann bleibt es eben zwei Wochen liegen, aber dann schreibe ich weiter, korrigiere und lese parallel weiter. Solch ein Buch wie „Mit Haut und Haaren“, das sind etwa 18 Monate Arbeit, würde ich sagen. Dann kommen natürlich noch die Recherchen dazu, aber das ist ja die eigentlich schöne Arbeit eines Schriftstellers. Ich habe für diesen Roman zum Beispiel mit vielen Ökonomen gesprochen, mit dem Bezirksbürgermeister von Brooklyn – also mit vielen Figuren des Buches. Ich war auch auf dem Campus für 3-4 Tage zu Gast. Denn ich denke, wenn man gewisse Orte in einem Roman als Schauplätze benutzt, dann sollte es auch alles irgendwie stimmen.

RALPH KRÜGER:  Schreiben Sie dann von A bis Z – also vom Anfang bis zum Ende – oder haben Sie vorher eine Gliederung des Stoffes in einzelne Kapitel vorgenommen?

ARNON GRÜNBERG: Ich schreibe immer von A bis Z. Ich fange an und schreibe dann weiter.

RALPH KRÜGER:  Das ist ja immer wieder eine spannende Frage, denn manche Autoren arbeiten ja völlig strukturiert. Die arbeiten dann mit einer Kapitelübersicht und schreiben dann – je nachdem – zum Beispiel ein Kapitel mit letzten Drittel, dann wieder eines aus der ersten Hälfte und so weiter.

ARNON GRÜNBERG: Nein, nein, das könnte ich gar nicht so machen. Das ist ja in etwa so, als ob man einen Film drehte und sagte: So, jetzt machen wir Szene 7 und morgen Szene 24. Das könnte ich so nicht schreiben. Aber natürlich gab es für diesen Roman eine Struktur, und natürlich braucht man auch eine Vorstellung davon, wohin das Ganze gehen soll. – Das ist dann, wenn Sie so wollen, die „Ökonomie des Erzählens“. Aber ich habe noch nie ein Buch von seinem Ende her geschrieben. Schließlich bin ich ja auch mein erster Leser, und ich möchte die Geschichte miterleben. Bevor ich schreibe, weiß ich auch noch nicht alle Details einer Geschichte. Man kann auch zuvor alles richtig geordnet im Kopf haben, und trotzdem ist es etwas völlig Anderes, wenn man es aufschreibt.

RALPH KRÜGER:  Wie sehr verändert sich der Text nach der Rohfassung?

ARNON GRÜNBERG: Sehr. Es gibt Kapitel, die sind aus einem Guss geschrieben, aber an vielen Kapiteln habe ich eine Menge geändert.

RALPH KRÜGER:  Wo und in welchen Sprachen wird „Mit Haut und Haaren“ verkauft?

ARNON GRÜNBERG: Die deutsche Übersetzung ist die zweite, danach kommen Frankreich und Italien. Mein Buch ist in 25 Sprachen übersetzt, aber natürlich sind nicht alle meine Bücher in 25 Sprachen übersetzt worden. Bei „Haut und Haaren“ kommt wahrscheinlich auch noch die USA hinzu.

RALPH KRÜGER:  Was sind Ihre nächsten Projekte?

ARNON GRÜNBERG: Ich bin jetzt gerade dabei, einen kleinen Roman zu schreiben, der Ende Mai in Holland erscheinen wird. Im Herbst gehe ich nach Afghanistan, um darüber zu schreiben. Dann schreibe ich ja jeden Tag – also sechs Mal die Woche – eine Kolumne für eine holländische Tageszeitung, das geht auch weiter. Und im Sommer habe ich eigentlich immer ein Projekt, wo ich eine Zeitlang in einem neuen Umfeld arbeite, so wie damals im Schweizer Speisewagen. Ich weiß noch nicht genau, was ich in diesem Sommer machen werde, das ist noch offen. – Vielleicht gehe ich ja zur katholischen Kirche… (lacht)

RALPH KRÜGER:  In diesem Sinne: vielen Dank, Herr Grunberg!

ARNON GRÜNBERG: Ich bedanke mich auch.

 




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