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Interview mit Kathrin Weßling auf der Frankfurter Buchmesse 2012 über „Drüberleben“

Am: | Oktober 24, 2012

RALPH KRÜGER: Frau Weßling, ich muss gestehen, dass ich, als ich Ihr Buch bekommen habe, zunächst ein bisschen ängstlich war. Denn wenn man in Kürze den Inhalt Ihres Buches zusammenfasst – Jemand leidet seit Jahren an Depressionen und schreibt nun ein Buch über die Therapie in der Klinik – so kann solch ein Text natürlich fürchterlich gegen die Wand fahren. In Ihrem Fall ist es jedoch hervorragend gelungen, soviel kann ich jetzt schon sagen.

KATHRIN WESSLING: Dankeschön, das freut mich.

RALPH KRÜGER: Es ist schon allein deswegen gelungen, weil es nicht diesen larmoyanten und wehleidigen Ton hat, den man bei solch einem Thema erwarten könnte, sondern Ihr Buch strahlt eine große Kraft aus und ist in seiner Form auch spannend gemacht. Denn es changiert ja im Ton, so dass man sich als Leser manchmal fragt, was man denn nun eigentlich vor sich hat – ein Sachbuch oder einen Roman -, und das ist natürlich viel spannender zu lesen als ein eindimensional strukturiertes Buch. – Normalerweise frage ich meine gesprächspartner, wie sie auf die Idee zu diesem Buch kamen. In Ihrem Fall erübrigt sich die Frage nach dem Stoff, aber mich würde interessieren, wie Sie darauf kamen, ein Buch zu schreiben, also überhaupt zu schreiben, und nicht auf andere Art und Weise die Erfahrungen Ihrer Depression künstlerisch zu verarbeiten? – Es gibt da ja wohl eine Vorgeschichte zu dem Buch, nämlich Ihren Internet-Blog „Drüberleben“ [http://drueberleben.wordpress.com]…

KATHRIN WESSLING: Das hat eine längere Vorgeschichte: Ich schreibe eigentlich schon seit meiner Kindheit. Ich weiß, das sagen immer alle, aber es stimmt eben. Ich habe immer Geschichten geschrieben und habe auch vor dem Buch für Magazine und Zeitungen gearbeitet, ganz viel auf Lesebühnen gelesen und auch mal Poetry Slams mitgemacht. Für mich war jedoch immer klar, dass ich mal eine Therapiegeschichte schreiben möchte, unter Anderem auch weil ich dieses Kammerspielartige total faszinierend fand. In der Therapie hat man ja wirklich einen geschlossenen Raum, und für die Geschichte ist das Setting ähnlich wie bei einem Kammerspiel.

RALPH KRÜGER: So ein bisschen wie bei „Zauberberg“ von Thomas Mann…

KATHRIN WESSLING: Ja, genau! Deswegen fand ich das immer so faszinierend, denn ich mag Kammerspiele auch sehr und wollte ein Buch schreiben, dessen Handlung indieser kleinen „Blase“ stattfindet. Mit dem Blog ist eine gewisse Popularität um meine Person entstanden, jedoch die Idee, dieses Buch zu schreiben, bestand schon viel, viel länger. Der Blog war, wenn man so will, eigentlich mehr eine Recherche und Vorarbeit zu dem Buch.

RALPH KRÜGER: Und doch hätten Sie ja, bezogen auf das Thema Depression und Therapie, auch was Anderes schreiben können: Sie hätten eine Ich-Erzählung schreiben oder den Ablauf einer Therapie beschreiben können – also einerseits noch weiter ins Autobiographische hinein gehen oder das Ganze als ein Sachbuch konzipieren können. Sie haben jedoch den Mittwelweg gewählt und eine fiktive Hauptfigur, Ida Schaumann, erfunden – ein schöner und vielsagender Namen, übrigens! Aber natürlich fragt sich jeder Leser, wieviel an der Ida Schaumann ist autobiographisch und wieviel ist erfunden?

KATHRIN WESSLING: Die Handlung im Buch ist weniger real, als man denkt. Es gibt natürlich Parallelen zwischen Ida und mir, aber eigentlich interessant ist natürlich, dass diese Frage gerade bei jener Thematik so oft gestellt wird. Denn im Prinzip könnte man natürlich jeden Autor fragen, wieviele autobiographische Anteile seine Geschichte hat.

RALPH KRÜGER: Aber genau das mache ich auch!

KATHRIN WESSLING: Genau. Aber natürlich wird fast alles immer irgendwie wahr sein, weil das alles im Kopf des Autors entsteht. Natürlich habe ich alle meine Erfahrungen in diesem Buch verarbeitet, was mir passiert ist und womit ich mich beschäftige. Wenn man die Frage so beantwortet, dann ist natürlich alles Kathrin Weßling. Wenn es aber jetzt um den strikten Vergleich zum Beispiel der charakterlichen Eigenschaften von Kathrin Weßling und Ida Schaumann geht, dann ist Ida Schaumann nur bestenfalls zur Hälfte Kathrin Weßling.

RALPH KRÜGER: Ich fand auch die Sprache sehr schön, die Sie in Ihrem Buch finden. So zum Beispiel gleich am Anfang der innere Monolog der Ida Schaumann, als sie Dr. Kropka gegenüber sitzt: Da kommt eine ursprüngliche Wut und Leidenschaft zum Ausdruck, die die Authentizität Ihrer Geschichte sehr verstärkt. Solche Stellen gibt es viele in Ihrem Buch.

KATHRIN WESSLING: Wir führen ja alle auch ständig diese inneren Monologe und ringen um die richtigen Worte.

RALPH KRÜGER: Wir filtern und zensieren sehr stark, was wir sagen.

KATHRIN WESSLING: Das müssen wir auch. Wenn wir ständig sagten, was wir denken, dann hätten wir alle wahrscheinlich schlagartig keine Freunde mehr.

RALPH KRÜGER: Man nennt dieses Filtern auch Kultur. Man sagt nicht immer das, was man denkt, sondern das, von dem man denkt, dass es dem Anderen besser ins Ohr geht und trotzdem den eigenen Intentionen entspricht. – Kommen wir mal kurz zu einem anderen Thema. Im Klappentext steht, dass Sie aus Ahaus stammen. – Wo liegt denn Ahaus?

KATHRIN WESSLING: In NRW. Ahaus ist ein kleines Dorf in NRW.

RALPH KRÜGER: Ein Möglichst-schnell-weg-von-hier-Dorf?

KATHRIN WESSLING: Oh ja. Der Teil mit der Bushaltestelle in der Geschichte, der stimmt zum Beispiel. [lacht]

RALPH KRÜGER: Und wie sind Sie dann in Hamburg gelandet? War dies der erste Zug, der fuhr…?

KATHRIN WESSLING: Ich bin zunächst zum Studieren nach Köln gegangen für ein Jahr und wollte weder in Köln bleiben, noch mein Studium dort fortführen. Ich wollte eigentlich gleich nach Hamburg, hatte dort jedoch keinen Studienplatz bekommen. Ich habe dann tatsächlich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion meine Sachen gepackt, die Wohnung gestrichen und bin da weg, weil ich Hamburg einen Job am Theater bekommen habe. Das war zwar erst einmal nur für drei Monate, aber mir war klar, dass ich dann dort bleiben wollte. Ich habe Germanistik, klassische Literatur und Philosophie studiert im ersten Magisterstudium, aber das habe ich, wie gesagt, nicht zu Ende gemacht. Und dann habe ich noch einmal ganz kurz Germanistik und Kulturanthropologie studiert, aber auch nicht zu Ende gemacht, ganz einfach weil ich gemerkt habe, dass ich an Unis nicht glücklich werde. Ich werde dieses Studium im nächsten Jahr zu Ende machen, allerdings als Fernstudium.

RALPH KRÜGER: Kommen wir zurück zu Ihrem Buch. Es teilt sich in drei große Abschnitte: Fallen, Liegen und Steigen. Das ist eine schöne Gliederung, die die Handlung und den Weg in und durch die Therapie korrespondiert. Aber mir ist auch, wie bereits gesagt, die schöne Sprache Ihres Buches aufgefallen. Es gibt auch viele geradezu philosophische Gedanken in Ihrem Buch. Um nur ein Beispiel zu nennen, schreiben Sie auf Seite 264: „Unsere Erinnerungen und unser Umgang mit ihnen machen uns zu dem Menschen, der wir sind.“ – Das klingt sehr nach Empirismus, und ich habe mich gefragt, von welchem Philosophen dieser Satz stammt.

KATHRIN WESSLING: Der Satz ist schon vor mir. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, gerade am Ende des Buches, und mich gefragt, wie die Geschichte enden sollte. Die längste Zeit beim Schreiben habe ich dafür gebraucht zu überlegen, wie das Ende der Geschichte gestaltet wird, und im Rahmen dessen habe ich mich viel mit Erinnerungen beschäftigt. Ich habe mit Ärzten und Psychologen gesprochen und auch viel darüber gelesen, inwieweit Erinnerungen und Erfahrungen einen Menschen beeinflussen. Ich glaube schon, das es genau diese Frage ist, die sich alle am Ende stellen, die solch eine Erkrankung haben: „Warum habe ich das bekommen und warum nicht die Anderen?!“ Dann wäre natürlich ein möglicher Ansatz darüber nachzudenken, ob es an dem liegt, was mir widerfahren ist, oder habe ich das immer schon in mir drin gehabt.

RALPH KRÜGER: Aber dieser Satz ist ja wirklich Empirismus pur: Alles was wir wissen und wie wir kommunizieren, beruht auf den Erfahrungen, die wir zuvor gemacht haben.

KATHRIN WESSLING: Genau.

RALPH KRÜGER: Jetzt könnte man natürlich sagen, Kant hatte dazu eine etwas andere Meinung…

KATHRIN WESSLING: Kant?! Oh, mit Kant tue ich mich ganz schwer…

RALPH KRÜGER: Aber ich denke, der normale Durchschnittsmensch würde diesem Satz durchaus zustimmen. Wir lernen etwas und machen unsere Erfahrungen und versuchen, unser Verhalten anhand des Gelernten oder Erfahrenen zu korrigieren. „Aus Fehlern lernt man“, das sind so die typischen Sprüche, die damit einher gehen.

KATHRIN WESSLING: Für mich stellt sich immer nur die Frage, stimmt das wirklich? Oder ist das nur ein Trick unserer Wahrnehmung, dass wir wirklich glauben, dass wir uns selbst oder dass Dinge uns ändern könnten. Ist nicht vielleicht alles schon in uns angelegt? Wie ich heraus gefunden habe, gibt es dazu auch bei Ärzten oder Neurologen keine einheitliche Meinung. Man ist mittlerweile nur überzeugt, dass die Gene sehr wenig ausmachen und die Erinnerung und die Erfahrung sehr viel. Aber es gibt eben auch Fachleute, die genau die gegenteilige Position vertreten. Man weiß es halt nicht.

RALPH KRÜGER: Darüber könnten wir uns jetzt noch stundenlang unterhalten. Denken wir zum Beispiel an die Plastizität des Gehirns und seine Fähigkeit, die Fähigkeiten verlorener Areale zumindest teilweise in anderen Bereichen zu rekonstituieren… Aber wenn wir schon beim Thema Erfahrung sind: Es muss ja für eine Depression keinen externen Auslöser – wie einen Unfall oder den Tod einer Freundin oder was auch immer – geben, um die Erkrankung auszulösen. Das ist ja, von außen betrachtet, auch das Spannende an einer Depression, dass es dieser äußeren Auslöser manchmal gar nicht bedarf, um daran zu erkranken. Oft kommt die Depression schleichend und scheint eher endogenen Ursprungs, weil schon immer eine gewisse Disposition zur Schwermut im Charakter angelegt war. – Wie war es denn bei Ihnen selbst? Gab es bei Ihnen solh einen schweren Enschnitt, der die Depression ausgelöst hat?

KATHRIN WESSLING: Nein. Bei mir war es ein schleichender Prozess, den ich auch selbst ganz lange nicht verstanden habe. Das kann man, glaube ich, auch nicht wirklich selbst verstehen. Da müsste man schon eine sehr starke Fähigkeit zur Selbstreflexion besitzen, um sich ständig selbst zu diagnostizieren. Bei mir gab es kein einschneidendes Erlebnis. Deswegen habe ich ja in dem Buch den Leser auch ein bisschen an der Nase herum geführt mit der Geschichte der Nebenrolle der Julia. Mir war eben wichtig zu zeigen, seht Ihr, jetzt denkt ihr, es gab diesen Auslöser, aber in Wahrheit gab es den gar nicht, weil die Depression einfach immer schon zu Ida gehörte. Die leute suchen nämlich zunächst immer nach äußeren Gründen: ich habe zuviel gearbeitet, ich bin geschieden worden, was auch immer.

RALPH KRÜGER: Die Gründe woanders suchen…

KATHRIN WESSLING: Genau, aber erstaunlich ist auch, dass bei ganz vielen während der Therapie heraus kommt, dass der scheinbare Auslöser, von dem sie glauben, dass es den gibt, es gar nicht war, sondern dass die Depression schon ganz lange vorher da war und es dann nur irgendwann zu einem Flächenbrand geworden ist. Die Wissenschaft weiß auch bis heute nicht, woran es liegt, dass die Einen es kriegen und die Anderen nicht. Es gibt Leute, die machen unglaublich traumatische Erfahrungen und fallen danach nicht in eine Depression; und dann gibt es viele so wie mich, die ein einigermaßen behütetes Leben haben, und die werden schnell krank.

RALPH KRÜGER: Man weiß es nicht.

KATHRIN WESSLING: Genau, man weiß es nicht. Damit enden gerade alle unsere Antworten…

RALPH KRÜGER: Das stimmt. Aber wahrscheinlich gibt es eine gewisse Grunddisposition zur Depression – einen schwermütigen Charakter…

KATHRIN WESSLING: Aber selbst da stellt sich doch die Frage, woher man diese Disposition hat. Es gibt zum Beispiel Untersuchungen an Zwillingspaaren, von denen der eine es hat und der andere nicht, obwohl sie beide gleich aufgewachsen sind. Dann muss man sich natürlich fragen, sind es die Erfahrungen oder die Gene… In solch einem Fall kann es ja keines von beidem sein.

RALPH KRÜGER: Vielleicht ist ja auch die Frage falsch: Vielleicht sollte man nicht nach dem „Warum“ fragen, sondern nach dem „Wozu“ der Erkrankung?

KATHRIN WESSLING: Das ist was die Psychologen immer gerne fragen: Wozu dient die Krankheit? Und da gibt es auch das ganz gemeine Wort, den so genannten „Krankheitsgewinn“. Ich finde das furchtbar, weil es dem Kranken den Vorwurf macht, seine Erkrankung zum eigenen Vorteil einzusetzen, sich dadurch vor unliebsamen Aufgaben oder vor der Begegnung mit Menschen, die ihnen Angst machen, drücken zu können. – Was soll man zu diesem Vorwurf auch sagen? Entweder rechtfertigt man sich, und eine Rechtfertigung ist ja auch immer eine Art des Zugebens. Oder man ignoriert es halt, aber dann muss man eben auch damit leben, dass der Vorwurf stehen bleibt.

RALPH KRÜGER: Ihrer Website habe ich entnommen, dass Sie aktuell an einem neuen Buch schreiben. Ihr Buch „Drüberleben“ endet mit einem Fast-Selbstmord der Hauptfigur Ida Schaumann. Mal angenommen, Sie schreiben gerade an einer Fortsetzung der Geschichte, dann hätte ich schon einen Titelvorschlag für das nächste Buch. Nach dem „Brücken-Erlebnis“ denkt Ida nämlich: „Alles ist aus Glas, und alles ist durchsichtig.“ Das wäre doch ein schöner Titel: „Alles ist aus Glas“…

KATHRIN WESSLING: Das ist ein schöner Gegensatz zu der Wahrnehmung der Hauptfigur während der ganzen Zeit der Geschichte. Dort hat sie nämlich immer das Gefühl, die Wirklichkeit wie durch ein Milchglas wahrzunehmen. Daher war es eine logische Konsequenz, dass sich, wenn alle Mauern fallen und sich alle Maximen auflösen, auch die Wahrnehmung ändert und zu einer freien Sicht führt, die aber natürlich immer noch beschränkt ist. Es ist immer noch eine wenn auch durchsichtige Glasscheibe zwischen ihr und der Welt, auch weil ich auf keinen Fall einen Roman schreiben wollte, bei dem am Ende alles super ist und Ida vollkommen geheilt aus der Klinik kommt und sich freut. – Aber um auf Ihren Titelvorschlag zurück zu kommen: Mein neues Buch wird aber keine Fortsetzung von „Drüberleben“ sein. Zunächst wüßte ich nicht, welche Geschichte man da erzählen sollte; und außerdem stellt sich natürlich auch die Frage nach der Glaubwürdigkeit. Das war mir zu wenig anspruchsvoll.

RALPH KRÜGER: Also geht es in Ihrem neuen Buch um etwas Anderes. Können und wollen Sie uns schon ein wenig darüber erzählen?

KATHRIN WESSLING: [schüttelt den Kopf] Es ist ein Roman.

RALPH KRÜGER: Ein Science-Fiction-Roman…

KATHRIN WESSLING: Genau! Ein Science-Fiction-Roman mit Vampiren. – Nein, es wird in der Tat ganz klassische Prosa sein. Ein klassischer Roman, der nichts mit Depressionen und nicht mit Jugendlichen zu tun hat und auch nichts mit jungen Frauen, die sich noch orientieren müssen oder so etwas…

RALPH KRÜGER: Also alte Männer im Wirtshaus, die eine Schiffsreise planen…

KATHRIN WESSLING: [lacht] … und die DDR muss ich dann natürlich auch noch irgendwo unterbringen. Nee, das wird alles nicht der Fall sein.

RALPH KRÜGER: Was ganz Anderes also. – Hm. Sex muss natürlich auch noch rein! Wir sitzen hier gerade am Goldmann-Stand auf der Messe und schauen auf die hohen Stapel der deutschen Ausgabe von „Shades of Grey“.

KATHRIN WESSLING: Genau: Sex, DDR, Immigration!

RALPH KRÜGER: Die Geschichte spielt demnach in Berlin-Neukölln…

KATHRIN WESSLING: Eine türkische Immigranten-Familie in zweiter Generation, bei der die Tochter „Shades of Grey“ liest, deswegen von der Familie verstoßen wird und dann ihre Identität auf den Straßen von Neukölln sucht. – Ja, dann haben wir’s ja fast schon!

RALPH KRÜGER: Das ist ja schon fast die Hälfte des Plots! Dann haben wir noch das zufällige Treffen von Vater und Tochter im Sexshop: Sie arbeitet da, und er ist ein heimlicher Kunde…

KATHRIN WESSLING: Genau, die Tochter macht da gerade eine Ausbildung…

RALPH KRÜGER: … und der Rest der Geschichte findet sich dann, denke ich. – Sehr schön, ich bin gespannt. – Mich würde noch eine andere Sache interessieren. Nehmen wir jetzt mal wieder „Drüberleben“: Wie schreiben Sie? Wie gehen Sie an ein solches Projekt heran? In diesem speziellen Fall könnte ich mir vorstellen, dass die Herangehensweise relativ einfach war; denn Sie hatten ja die Therapie als Handlungsstrang schon vorgegeben…

KATHRIN WESSLING: Es war komischerweise schwieriger, fand ich. Mir fällt es viel leichter, rein fiktional zu schreiben, weil man dadurch diese größere Distanz hat. Deswegen musste auch die Figur Ida Schaumann her, um eine gewisse Distanz aufzubauen. Man schreibt natürlich immer zunächst ein Exposé und eine Leseprobe, und dabei entsteht natürlich auch schon was. Ich schreibe aber auch wirklich ganz viel für die Mülltonne. Am Anfang habe ich sehr viel für die Mülltonne geschrieben – unfassbar viele Seiten – mindestens fünfzig, sechzig, siebzig Seiten wieder weggeworfen, und irgendwann habe ich dann angefangen zu designen: jede Szene, jede Sequenz aus der Szene und welche Charaktere darin vorkommen sollen und natürlich auch, was die Prämisse jeder Szene ist. Ich glaube, das ist eigentlich auch das ganze Geheimnis, wie man ein ganzes Buch schreibt, das einen einigermaßen interessanten Plot hat.

RALPH KRÜGER: Das stimmt wohl. Natürlich gibt es auch die wenigen Genies, die ausgehend von einem Satz oder einem Wort einen ganzen Roman aus den Fingern zaubern können. Da steht der erste Satz und der letzte Satz auf dem Papier, und alles was dazwischen kommt, fließt nur aus dem Kopf aufs Papier.

KATHRIN WESSLING: Aber auch da gibt es eben eine Struktur, nur steht die nicht auf einem Papier, sondern im Kopf des Autors.

RALPH KRÜGER: Wenn Sie dann den fertigen Plan vor sich haben, schreiben Sie dann die Szenen wirklich der Reihe nach oder gewichten Sie die Szenen beim Schreiben.

KATHRIN WESSLING: Ehrlich gesagt, es war die Hölle, das alles am Ende zusammen zu kriegen. Ich wusste zwar, wo was hinkommt; aber bei vielen Abschnitten hat sich später heraus gestellt, dass sie an einer anderen Stelle im Buch besser passen würden, dass das Eine vorweg genommen werden muss, um das Andere zu erklären… Das war auch die Herausforderung beim Schreiben: Wenn ich einfach nur meine Geschichte aufgeschrieben hätte, dann hätte ich dafür vielleicht drei oder vier Monate gebraucht und dann wäre es auch einfach gewesen, aber ich wollte auch einen guten Plot haben.

RALPH KRÜGER: Sie haben ja auf ihrer Werbsite schon viele positive Kommentare und Rückmeldungen zu Ihrem Buch erhalten, und die Einträge zeigen, dass es offenbar viele Leser gibt, die sich durch Ihr Buch sehr angesprochen und vor allem auch als Betroffene verstanden fühlen. War der Wunsch zu zeigen, wie solch eine Therapie abläuft die Hauptmotivation für Sie, dieses Buch zu schreiben oder gab es noch andere Gründe?

KATHRIN WESSLING: Ich denke, die Gewichtung war eine andere. Für mich war es in erster Linie wichtig, eine gute Geschichte zu schreiben. In zweiter Linie war mir wichtig, eine Geschichte zu schreiben, die faktisch von vorne bis hinten richtig ist. Wenn ich jetzt zum Beispiel wie Juli Zeh ein Buch über das Tauchen geschrieben hätte [Juli Zeh: „Nullzeit“], dann hätte ich mich auch mit Tauchlehrern unterhalten und hätte recherchiert. Nun hatte ich natürlich den Vorteil, dass ich schon viel wusste durch meine eigene Erfahrung – aber auch vieles nicht. Hier war die Motivation natürlich, dass ein betroffener, wenn er das Buch liest, eben gerade nicht das Gefühl hat, dass das ins Lächerliche gezogen wird oder dass es falsche Fakten beinhaltet. Denn das war es genau, was mich selbst an anderen Büchern über Depressionen immer so geärgert hat, wenn ich diese Bücher gelesen habe. Die Krankehiet wirkte dann fast wie so ein schickes Accessoire, das man sich für eine Weile aneignet.

RALPH KRÜGER: Fast wie eine moderne Attitüde.

KATHRIN WESSLING: Genau, aber in erster Linie wollte ich wirklich nur eine gute Geschichte erzählen, die auch unabhängig von mir und von allem, was ich dazu sage, funktioniert. Ich glaube, sonst würde es auch nicht so gut ankommen, denn es gibt schon so viele Bücher zu dem Thema, so viele Ich-Erfahrungsberichte und so. Ich denke, der Grund dafür, dass dieses Buch nicht gescheitert ist, ist, dass es eben auch eine gute Geschichte ist.

RALPH KRÜGER: Mir kommt da immer wieder ein relativ aktuelles Beispiel in den Sinn, wobei es natürlich bei um Burnout geht, der modischen Business-Variante der Depression. Ich denke an das immens erfolgreiche Buch von Miriam meckel „Brief an mein Leben“, in dem sie über ihren Burnout und die Zeit danach schreibt. Es ist gut geschrieben, keine Frage, aber es ist ein Buch für den erfolgreichen Leser, der vielleicht selbst in einem anstrengenden Berufsleben steckt und seiner Karriere sowohl seine Zeit als auch seine Nerven und seine Gesundheit opfert. – Ihr Buch beschreibt hingegen das Leben einer ganz normalen jungen Frau und wird vielen Betroffenen ungleich näher sein als Meckels Geschichte. „Drüberleben“ wirkt gerade aufgrund der Durchschnittlichkeit des Lebens der Hauptfigur viel authentischer als die Beschreibung der Lasten und Nöte einer erfolgreichen Managerin während ihrer 80-Stunden-Woche.

KATHRIN WESSLING: Danke! Das freut mich sehr. Ich glaube auch, dass es natürlich für Menschen, die sich in einer ähnlichen Position befinden durchaus interessant ist; aber es ist natürlich ein Mensch, der doch ein ganz anderes Leben hat als die meisten Otto-Normal-Menschen, die einfach mit anderen Problemen zu kämpfen haben als ein Prominenter oder eben als Frau Meckel, die natürlich auch wieder ganz andere Dinge hat, mit denen wir uns Gott sei Dank nicht auseinander setzen müssen. Deswegen halte ich es für wichtig, dass jemand mal darüber schreibt, der eigentlich… ich tue mich immer so schwer mit dem Begriff „normal“…, der zumindest ein recht gewöhnliches Leben hat.

RALPH KRÜGER: Na ja, sagen wir lieber einmal „jemand der noch ein recht gewöhnliches Leben hat“, denn jetzt werden Sie ja reich und berühmt…

KATHRIN WESSLING: Na, gucken wir mal! [lacht] – Mal gucken, wie das nun so weiter läuft mit der Schriftsteller-Karriere.

RALPH KRÜGER: Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall viel Erfolg und danke Ihnen für dieses nette gespräch!

KATHRIN WESSLING: Ich danke Ihnen.




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