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Patrick Ness: „Die Nacht des Kranichs“

Am: | November 17, 2014

George Duncan, ein durchschnittlicher Mann mit einem ganz normalen Leben und einem Druckerladen in London hört eines Nachts einen Laut im Garten. Klagend, wehklagend, ein Ton, der sich direkt an sein Herz wandte. Ab da war seine Welt im Wandel. Denn selbst in dem Moment des Hörens staunte er über seine plötzlich poetischen Beschreibungen, Worte, die ihm in den Sinn kamen.

So geht es dem Leser auch. Diese Schreibweise, die Poesie der Worte zieht ihn förmlich in das Buch. Auch wenn man normalerweise lieber Krimis liest. Und nicht wirklich für Fantastisches ist. Dieses Buch ist wie ein Märchen für Erwachsene in Form eines Romans und in einer besonderen Sprache. Sie vermischt Schönes mit normaler Alltagskommunikation. Derbe Situationsbeschreibung mit umschreibender Schilderung der Gefühle, der Irritation.

Und es handelt dazu noch in der Gegenwart, zeigt das beinahe nicht erwähnenswerte, durchschnittliche Leben eines 48-jährigen. Und vor allem dass Leben zweier Frauen. Denken Sie nicht an eine Dreiecksgeschichte – zu profan. Und doch. Duncan erklärt aber auch seine Vergangenheit, versucht mit seiner eigentümlichen Tochter Amanda klar zu kommen. Ist beschäftigt mit seinem Enkel J.P..

Was er sah in seinem kleinen Garten, war ergreifend in jeder Hinsicht. Ein beinahe unirdisch schöner Vogel, ein Kranich. Er sah ihn bewegungslos und vollkommen still an. Und in ihm steckte ein Pfeil. Duncan half dem Vogel. Versuchte zu begreifen, ob er dies alles wirklich erlebt hatte, und wurde auch schon am kommenden Tag in weitere Ereignisse gerissen. Denn in sein Leben trat eine ungewöhnliche und schöne Frau. Mitten in einer der üblichen Diskussionen mit seinem renitenten Mitarbeiter, der nicht zuhört, nichts von Kunden und deren Wünschen hält, sich ungefragt über das Privatleben seines Chefs auslässt und sich bei Kritik gerne als armer ausgegrenzter Ausländer darstellt, da er aus der Türkei stammt.

Sie nennt sich Kumiko. Ihre Ausstrahlung hat etwas Erhabenes, Ihr Aussehen ist schön und mit eigenem Stil. Sie ist kaum zu beschreiben und – auch nicht in der später sich entwickelnden Liebesgeschichte – zu fassen. Und sie hat eine besondere künstlerische Neigung. Zusammen mit seiner eigenen – auch ausgefallenen – Kunst ergeben sich Bilder, die beider Leben auf ein anderes Niveau heben. Menschen verhalten sich irrational, nur um diese Werke kaufen zu dürfen.

Irgendwann werden die Bilder beschrieben als eine fortlaufende durchnummerierte Geschichte in sehr kurzen Kapiteln. Das denkt sich der Leser. Es ist der Beginn einer Unterhaltung, in der Fragen zur Welt gestellt werden. Die sich in Träumen fortsetzt. Und sich in den Alltag schleicht mit merkwürdigen Zufällen. Dabei gewinnt auch Rachel, eine Kollegin Amandas, mit ihrer enervierenden Art zu sprechen eine Rolle.

Doch es wird nicht nur die Welt bewegt. Vor allem geschieht vieles im Leben aller Beteiligten. Alte Geschichten bekommen einen neuen Impuls. Wunden heilen. Schmerz geschieht und dennoch auch Freude.

Wenn das Buch ausgelesen ist, bleibt ein Nachklang. Und es hat sich auch im Leser ein wenig bewegt.

[Rezension: C.S.]

Jede Geschichte beginnt lange vor ihrem Anfang, und das Ende einer Erzählung ist nicht das Ende der Geschichte selbst. Sie geht weiter und verändert sich mit jedem Erzählen, so dass immer wieder Neues entsteht. Oder wie es Kumiko im Roman sagt: „Eine Geschichte ist am Ende niemals beendet. Es gibt immer ein Danach. Und selbst wenn die Geschichte selbst behauptet, es gäbe nur diese eine Version, sind in ihr andere Versionen angelegt. Nein, eine Geschichte ist keine Erklärung, sondern ein Netz, durch das die Wahrheit fließt. In diesem Netz verbleibt einiges von der Wahrheit, aber nie alles, nur gerade so viel, dass wir mit dem Wundersamen leben können, ohne dass es uns umbringt.“

Diese Passage beschreibt perfekt, wie diese wundersame Geschichte der Kranichfrau zu lesen und zu verstehen ist: nicht als eine unumstößliche Wahrheit, sondern als ein Netz aus verschiedenen Versionen und Interpretationen, aus Möglichkeiten und Wirklichkeiten, die sich dem Leser wie den Protagonisten offenbaren, anbieten oder auch widersetzen. Die Vielschichtigkeit der Erzählebenen und der Perspektiven macht die Lektüre dieses Romans zu einer faszinierenden Spurensuche, die den Leser auch immer wieder auf sich selbst verweisen und ihn seine eigenen Grenzen wahrnehmen lässt.

Patrick Ness ist in den USA und auf Hawaiiaufgewachsen. Er lebt seit Ende der 1990er Jahre als Literaturkritiker in London. Mittlerweile hat er auch die britische Staatsbürgerschaft angenommen. Er hat bereits einige erfolgreiche Romane für Erwachsene und auch für Kinder und Jugendliche veröffentlicht und mehrere Auszeichnungen erhalten. Der vorliegende Roman „Die Nacht des Kranichs“ erschien bereits 2013 unter dem Titel „The Crane Wife“ bei Canongate Books.

Die Geschichte der Kranichfrau basiert auf einem japanischen Volksmärchen. In Japan ist der Kranich ein Symbol des Glücks der Langlebigkeit. Als kleiner Junge bekam Patrick Ness die Geschichte der Kranichfrau von seiner japanischen Lehrerin erzählt; seitdem ließ sie ihn nicht mehr los. – „Die Nacht des Kranichs“ in der hervorragenden Übersetzung von Sibylle Schmidt gehört zweifellos zu den interessantesten und spannendsten Titeln des Jahres 2014.

 

Autor: Patrick Ness
Titel: „Die Nacht des Kranichs“
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag
ISBN-10: 3442313562
ISBN-13: 978-3442313563

 




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