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Günter Grass (Hg.): „Das Alfred Döblin Lesebuch“

Am: | August 20, 2009

Alfred Döblin: "Das Alfred Döblin Lesebuch" (Hg.: Günter Grass)Verschmitzt lächelt Alfred Döblin auf dem Cover dieses schönen Sammelbandes in sich hinein. Die runde Nickelbrille auf der langen Nase, sieht er aus wie Klaus Staeck, der jetzige Präsident der Berliner Akademie der Künste. Alfred Döblin ist den meisten Lesern bekannt als Autor des Welterfolges „Berlin Alexanderplatz“, aber dann hört die Kenntnis auch schon auf. Dabei zeichnet Döblins Werk und Leben eine faszinierende Vielschichtigkeit und Originalität aus, die ihn zu Recht zu einem „Klassiker“ der deutschen Literaturgeschichte machen.

Als Kind jüdischer Eltern 1878 in Stettin geboren und nur wenige Tage später mit den vier Geschwistern und den Eltern nach Berlin gezogen, wächst er in der Hauptstadt des wilhelminischen Deutschen reiches auf. Als Lazarettarzt dient er im Ersten Weltkrieg. Bereits vorher erscheint 1911 seine erste Erzählung „Der Ritter Blaubart“. Seine expressionistischen Texte sind in dem Büchlein „Die Ermordung der Butterblume“ zusammengefasst.

Die Weltwirtschaftskrise befindet sich auf dem Höhepunkt, als 1929 der Roman „Berlin Alexanderplatz“ erschien, der Döblin weltberühmt machen sollte.

Die ungeschönte Darstellung der proletarischen Lebensumstände und der gesellschaftlichen Realität wurden von Döblins schonungsloser Ehrlichkeit und der Lebendigkeit der oft schroffen Dialoge unterstrichen. „Berlin Alexanderplatz“ ist zu Recht ein Klassiker der Weltliteratur geworden; aber Döblins Werk lediglich auf diesen einen Roman zu reduzieren, hieße, seine künstlerische Bedeutung zu unterschätzen.

Günter Grass, der als Herausgeber für die Auswahl der Texte dieses Sammelbandes mitverantwortlich zeichnet, hat bei seiner Würdigung Döblins in seiner 1967 anlässlich des zehnten Todestages des Autoren an der Akademie der Künste in Berlin gehaltenen Rede, die an den Anfang dieses Buches gestellt ist, Döblin mit Thomas Mann und Bertolt Brecht verglichen und von ihm gesagt, dass Döblin für ihn ein Lehrer gewesen sei, dem er als Schüler zu tiefstem Dank verpflichtet sei.

Alfred Döblin vollzog in seinem leben mehrere Metamorphosen, vom Kind jüdischer Eltern zum Dichter und gleichzeitig praktizierenden Arzt im Berliner Osten, zu einem zur Emigration gezwungenen Menschen unter der Nazi-Herrschaft bis hin zu seiner Konvertierung zum Christentum und später sogar zu einem überzeugten Katholiken. Dabei war Alfred Döblin oft ein Mensch und Künstler, der schwer einzuordnen war und dem es vielleicht sogar Freude machte, sich diesen versuchten Zuordnungen bewusst zu entziehen:

Den Futuristen um Marinetti widersprach er bereits 1913 in einem offenen Brief und bekannte sich zu seinem „Döblinismus“ als Gegengewicht zum Futurismus. Den Avantgardisten war er zu wenig radikal und zu gläubig, den Katholiken zu anarchistisch. Alfred Döblin war ein Mann, der Widersprüche anzuziehen schien, und er war auch in seinem Werk ein Künstler, der sich nicht in feste Kategorien stecken ließ. Aber macht dies nicht gerade auch den bedeutenden Künstler aus und unterscheidet sein Werk vom schriftstellerischen Mittelmaß?

Mit dem „Alfred Döblin Lesebuch“ ist dem S. Fischer-Verlag wieder ein sehr schönes Buch gelungen, das sowohl durch die Auswahl der literarischen und autobiografischen Texte und Briefe Alfred Döblins als auch wegen seiner gesamten Aufmachung, Buchbindung und Druckqualität überzeugt. Also ein rundum erfreuliches Buch, das dem Leser den Zugang zu einem der wichtigsten deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts eröffnet und Lust auf die weitere Lektüre macht.

 

Autor: Günter Grass (Hg.)
Titel: „Alfred Döblin – Das Lesebuch“
Gebundene Ausgabe: 752 Seiten
Verlag: Fischer (S.), Frankfurt
ISBN: 3100155122
EAN: 978-3100155122

 

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