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David Vogel: „Eine Ehe in Wien“

Am: | Juli 24, 2017

Man muss sich nur Vogels Lebensstationen vor Augen führen um zu begreifen, wie kosmopolitisch, aber auch wie tragisch sein Leben verlaufen ist:

Geboren 1891 in der russischen Westukraine; von 1909 an im damals ebenfalls russischen Wilna und kurz im österreichisch-ungarischen Lemberg. 1912 Wien, wo er als Hebräisch-Lehrer tätig war und Deutsch lernte. Während des Ersten Weltkriegs zwei Jahre als feindlicher Ausländer interniert; 1925 im „Asyl für mittellose Juden“ in Meran; im gleichen Jahr Übersiedelung nach Paris, wo er drei Jahre lang blieb und auf Hebräisch schrieb. 1929/1930 Reise nach Palästina, dann Rückkehr nach Europa, bis 1933 in Polen und in Berlin. Nach 1933 Exil in Paris. 1940 erneute Internierung als feindlicher Ausländer; 1944 Verhaftung durch die Gestapo und Deportation nach Auschwitz.

David Vogel darf also zurecht als ein europäischer Schriftsteller gesehen werden, auch wenn er überwiegend in hebräischer Sprache schrieb. Auch „Eine Ehe in Wien“, das 1929 entstand, schrieb er auf hebräisch. Es erschien erstmals 1929/1930 unter dem Titel „Chaie nissuim“ in Tel Aviv, Jerusalem und Mitzpe. Hier liegt uns nun die deutsche Übersetzung von Ruth Achlama vor, das lobende Nachwort schrieb kein Geringerer als Maxim Biller.

David Vogel konnte deutsch, aber seine sprachliche Heimat blieb zeitlebens das Hebräische. Wir dürfen also den vorliegenden Text, ungeachtet seiner im Wien der 1920er Jahre angesiedelten Handlung, nicht wie ein Werk der deutschsprachigen Literatur lesen, sondern müssen uns klarmachen, dass es sich um den Roman eines Schriftstellers handelt, der zwar durchaus über einen kosmopolitischen und multikulturellen Hintergrund verfügte, ursprünglich jedoch aus dem aschkenasischen Kulturraum der Juden Galiziens stammte.

Diesen Ursprung hatte David Vogel mit vielen (auch deutschen) Schriftstellern, wie Selma Meerbaum-Eisinger, Paul Celan, Rose Ausländer und vielen Anderen, aus der nahegelegenen Bukowina und dem Schmelztiegel Czernowitz gemein. Es wäre also nicht ungewöhnlich, in seinem Werk auch gewisse stilistische Anklänge oder Verwandtschaften zu entdecken. Doch Vogels Stil ähnelt eher dem des zehn Jahre älteren Stefan Zweig oder des fast gleichaltrigen Joseph Roth. Es mag vielleicht an dem langen Aufenthalt in Wien während der Zeit des Ersten Weltkriegs gelegen haben, die den Anfang Zwanzigjährigen besonders geprägt hat.

David Vogel war seinerzeit wichtig für die Entwicklung der hebräischen Literatur. Indem er auf hebräisch schrieb, eröffnete er auch der Leserschaft des hebräischen Sprachraumes einen Zugang zur Bilder-und Gedankenwelt der europäischen Moderne.

„Eine Ehe in Wien“ erzählt die Geschichte und letztlich das Scheitern des jungen Rudolf Gordweil, der sich nichts sehnlicher wünscht, als Schriftsteller zu werden. Er verliebt sich Hals über Kopf in eine Femme fatale, die Baronin Thea von Tako; er verfällt ihr, heiratet sie und lebt fortan unter ihrem Bann. Am Ende geht es um Leben und Tod, für den einen oder die andere. Die Geschichte einer fatalen Liebe und einer Ehe in Wien.

David Vogel schreibt spannend und lebensnah, so dass diese Geschichte auch uns Heutige noch zu fesseln imstande ist. Lichtjahre entfernt vom Kitsch moderner Liebesromane erschafft Vogel eine dichte und bedrückende Atmosphäre gegenseitiger Abhängigkeiten und zeigt, wie eine Ehe auch am Rande des Abgrunds funktionieren kann, bis einer die Reißleine zieht.

Ein fast vergessener Schriftsteller der klassischen Moderne. Eine Wiederentdeckung. Ein lesenswertes Buch.

 

 

Autor: David Vogel
Titel: „Eine Ehe in Wien“
Gebundene Ausgabe: 527 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag
ISBN-10: 3351036647
ISBN-13: 978-3351036645

 

 




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