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Theresia Enzensberger: „Blaupause“

Am: | August 14, 2017

In ihrem Debütroman erzählt Theresia Enzensberger die Geschichte einer jungen Frau, die am Weimarer Bauhaus studiert, sich zunächst in den einen, dann in einen anderen Mann verliebt und am Ende, nach anfänglichen Widerständen, ihren eigentlichen Traum, am Bauhaus Architektur zu studieren, doch noch verwirklichen kann. Alles begann sehr hoffnungsvoll, als ihre Mappe mit Architekturzeichnungen von Walter Gropius höchstpersönlich begutachtet und sie daraufhin für ein Probesemester am Bauhaus in Weimar angenommen wurde! Doch dann wurde sie, nur weil sie eine Frau ist, in die Textilwerkstatt gesteckt; als Frau wurde ihr keine besondere Begabung für konstruktives Denken zugetraut. Ob dieses Vorurteil auch am fortschrittlichen Bauhaus der gängigen Praxis entsprach, lässt sich in diesem Rahmen nicht nachverfolgen, doch die vergleichsweise geringe Anzahl von Architektinnen am Bauhaus könnte ein Indiz dafür sein.

Luise ist eine jener Neuen Frauen, die wir als den selbstbewussten und modernen Frauentyp mit jener Zeit der Weimarer Republik verbinden. Am Bauhaus hat es solche Frauen mit kurzen Haaren und neuen Ansichten natürlich gegeben, denn hier waren freies Denken und ein Leben abseits der gesellschaftlichen Konventionen schon früh möglich, während sich weibliche Emanzipation und alternative weibliche Lebensentwürfe abseits eines Lebens als Ehefrau und Mutter in den kleinen Städten und auf dem Lande erst sehr viel später etablieren konnten. Zu jener Zeit des Romans, Anfang der 1920er Jahre, sollte sich erst langsam, vor allem in den Großstädten und vor allem in Berlin jener neue Typus der emanzipierten Frau herausbilden.

Die Ich-Erzählerin Luise kommt aus gutem Hause, ihre Eltern leben im gutsituierten Berliner Westen, und so begleiten wir eine junge und selbstbewusste Frau mit einem soliden Bildungshintergrund während ihres Studienanfangs am Weimarer Bauhaus. Die Weimarer Zeit des Bauhauses dauerte von 1919 – 1925, bis die politischen Verhältnisse im reaktionären Sachsen einen Umzug nach Dessau erzwangen. 1921 beginnt Luise Schilling am Bauhaus zu studieren.

Schon bald lernt sie Jakob kennen, einen schönen und charismatischen Kommilitonen, der einer der Schüler des Lehrers Johannes (Itten) ist. Itten schart seine Anhänger mit einer ganzheitlichen und naturreligiös angehauchten Lehre um sich, die Anklänge aus esoterischen Schriften, wie der Madzdaznan-Lehre von Otto Hanisch, und fernöstlichen Religionen aufgreift. Die Reinigung von Körper und Geist des Künstlers mittels vegetarischer Ernährung, Entschlackung, anstrengenden Wanderungen und strengen Verhaltensregeln greift auch Tendenzen der Lebensreform-Bewegung auf, die nach dem Ersten Weltkrieg besondere Popularität genoss.

Luise ist fasziniert von ihren neuen Freunden; gleichzeitig fühlt sie sich von deren philisterhafter Folgsamkeit gegenüber dem Lehrer abgestoßen. Jakob stellt sich auch als ein unzuverlässiger Junge heraus, obwohl er mit Luise schläft und sie in ihn verliebt ist, scheint er sich viel mehr für Johannes (Itten) zu interessieren. Auch ihre Freundin Sidonie, die zur Itten-Gruppe gehört, verhält sich ihr gegenüber immer wieder ambivalent.

In der Tischlerei am Bauhaus, wo sie eigentlich nicht arbeiten dürfte, weil sie ja als Frau in die Weberei gesteckt wurde, arbeitet Luise an ihren Architekturmodellen. Dabei lernt sie den Studenten Friedrich kennen. Friedrich ist Kommunist und bringt Luise in das Umfeld des Lehrers Theo van Doesburg. Der Niederländer Van Doesburg ist, im Gegensatz zum eher esoterischen Itten, ein fortschrittlicher und technikbegeisterter Lehrer. Als Hauptfigur der niederländischen Kunstbewegung De Stijl verbindet Van Doesburg Malerei, Architekt, Bildhauerei, Typografie und Kunsttheorie.

Dann jedoch holen ihre Eltern sie nach Berlin zurück und stecken Luise in das Pestalozzi-Fröbel-Haus, eine Mädchenschule in Berlin. Drei Jahre lang wird sie dort in einer Warteschleife und ohne Abschluss auf eine zweite Chance hoffen. Erst 1926 unternimmt sie einen zweiten Anlauf am Bauhaus, jetzt im neueröffneten Bauhaus Dessau. Hier spielt der zweite Teil des Romans.

In Dessau trifft sie Friedrich wieder, lernt hier seine Freunde Josua und Hermann kennen; und auch ihre frühere Freundin Maria ist hier, jetzt allerdings als Leiterin der Weberei. Zusammen bilden sie einen neuen Freundeskreis. Hier in Dessau klappt es auch endlich mit der Aufnahme in die neueingerichtete Bauabteilung unter der Leitung von Hannes Meyer. Luise zeigt Walter Gropius ihre Pläne für eine Stadtsiedlung, die ihn zu interessieren und ihm zu gefallen scheinen. Auf seine Empfehlung hin wird sie in Meyers Bauabteilung aufgenommen. Fortan studiert sie mit voller Kraft und begeistert sich für ihr Fach. Viele Stunden verbringt sie nun in der Bibliothek, liest die Bauwelt und büffelt den Lehrstoff, Statik und Bauphysik. Gleichzeitig spricht sie immer wieder mit Gropius über ihre Entwürfe.

Am Ende sind ihre architektonischen Arbeiten so gut, dass man ihr bei der Prüfung vorwirft, sie hätte von Gropius abgeguckt, doch eigentlich war es umgekehrt. Dennoch wird ihr das Diplom verliehen. Gleich danach verlässt sie Dessau. Über den weiteren Lebenslauf geben mehrere kleine Texte am Ende des Buches Auskunft.

Was hier als Studentengeschichte mit dem Setting des Bauhauses in Weimar und Dessau verknüpft wird, ist nett geschrieben und wirkt auch gut recherchiert. Vor allem im zweiten Teil, der am Bauhaus Dessau spielt, wird der Leser durch ein regelmäßiges Namedropping (Gropius, Itten, Meyer, Moholy-Nagy, Klee usw.) daran erinnert, wo und in welcher zeit er sich befindet. Man erfährt auch, dass am Bauhaus Dessau viel gefeiert wurde, die berühmten Bauhaus-Feste der Künstler. Jedoch wie sich die Feste abspielten und was ihre Besonderheit ausmachte, erfahren wir leider nicht.

Es ist eine bewegte Geschichte, die die Autorin hier entfaltet. Das Studentenleben vor dem Hintergrund der Bauhaus-Stätten in Weimar und Dessau und das Gefühlsleben einer jungen und selbstbewussten Frau werden hier lebendig erzählt und erhalten durch zahlreiche Berührungspunkte mit berühmten Persönlichkeiten der Zeit eine eigene Authentizität. Dennoch stimmt hier irgend etwas nicht.

Während der Lektüre kommt es einem so vor, als sei das Ganze nicht echt. „Blaupause“ ist ein Campus-Roman, der um 1921 spielt, aber alles klingt so, als ob man im Jahre 2017 wäre. Es fehlen eigentlich nur noch Smartphones, Internet und Facebook, um den Plot in die Gegenwart zu katapultieren. — Jene Querverbindung zur Gegenwart mag durchaus auch von der Autorin intendiert sein, schließlich leben wir auch heute wieder in einer politisch und gesellschaftlich labilen Phase, die jener der Weimarer Republik nicht unähnlich scheint. Somit könnte der Roman auch als eine Blaupause für heute dienen und Parallelen aufzeigen zur gegenwärtigen Situation.

Diese Parallelität überrascht natürlich nicht, denn schließlich ist Theresia Enzensbergers Debüt ja auch jetzt geschrieben worden, als eine Art historischer Roman über die Zeit der klassischen Moderne. Wenn man sich als Schriftsteller dazu entschließt, seine Geschichte in einer vergangenen Zeit spielen zu lassen, so hat man die Aufgabe, die damalige Zeit nicht nur anhand von Ortsbeschreibungen und durch die Einbindung historischer Ereignisse zu beleben, sondern auch die damals gesprochene Sprache in ihrem Duktus, ihrer Wortwahl, ihren Idiomen und Eigenheiten für den heutigen Leser zu reproduzieren.

Gerade an diesem letzten Punkt scheint es jedoch zu hapern… — Die Stimme der Erzählerin will nicht in die Zeit passen. Da ist zu viel Lockerheit für eine Studienanfängerin und zu wenig zeitgenössischer Slang. Wo ist der „Glanz“ des kunstseidenen Mädchens? Wo sind die sprachlichen Besonderheiten der Figuren? Alle sprechen irgendwie gleich, bei keinem kann man seine soziale oder regionale Herkunft heraushören. Das alles fehlt leider.

Insgesamt liegt hier ein braves und recht gut geschriebenes Debüt vor uns, auch wenn einige Abstriche hinsichtlich der Sprachfärbung und des Verhaltens der Figuren gemacht werden müssen. Das Ganze wirkt ordentlich und zeugt von einer soliden Handwerkskunst. Kein Wunder, schließlich schreibt Theresia Enzensberger seit vielen Jahren für die FAZ, FAS, ZEIT Online, Krautreporter und Monopol und hat darüber hinaus 2014 auch noch das preisgekrönte BLOCK-Magazin gegründet.

Dennoch bleibt ein etwas schaler Geschmack auf der Lesebrille zurück. Man greife einfach nur mal zu einem zeitgenössischen Roman von Irmgard Keun, Gabriele Tergit, Erich Kästner, Alfred Döblin oder Vicki Baum und wird von dem Tempo und der Frische jener Erzählweisen regelrecht weggeblasen. Den direkten Vergleich sollte man besser vermeiden. „Blaupause“ ist die interessante Geschichte einer jungen Studentin am Bauhaus Weimar, die sich selbst zur Freidenkerin und Feministin erzieht, einer Frau, die politisch wach und mit offenen Augen die Missstände ihrer Zeit angeht und dabei auch nicht vor unkonventionellen Mitteln zurückschreckt. — Ein schönes Debüt und eine unterhaltsame Geschichte über das bunte Studentenleben am frühen Bauhaus in Weimar.

 

Autor: Theresia Enzensberger
Titel: „Blaupause“
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
ISBN-10: 3446256431
ISBN-13: 978-3446256439

 




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