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Uwe Timm: „Ikarien“

Am: | September 8, 2017

Ende April 1945. Der junge deutsch-amerikanische Offizier Michael Hansen kommt in der allerletzten Kriegsphase von Frankreich nach Deutschland. Sein Spezialauftrag ist die Sichtung der Unterlagen des 1940 verstorbenen Rassentheoretikers Alfred Ploetz sowie die Befragung von Zeitzeugen und Mitarbeitern. In einem Münchner Antiquariat findet er einen alten Mann, Wagner, der seit der Studentenzeit mit Ploetz lange Jahre eng befreundet war, bevor die Freundschaft aus politischen Gründen in die Brüche ging, deren Wege sich aber immer wieder bis zuletzt kreuzten.

Wer war Alfred Ploetz? Geboren 1860 in Swinemünde, hatte Ploetz zunächst Ökonomie studiert und danach Medizin. Während der Studentenzeit gründete er mit einigen Mitstreitern, unter Anderem auch den Brüdern Carl und Gerhart Hauptmann, den Verein Pacific, der sich für die Ideen der ikarischen Gemeinden in Übersee begeisterte. Nach dem Studium der Medizin und arbeitete er im berüchtigten Burghölzli, der Zürcher Psychiatrischen Universitätsklinik mit Auguste Forel zusammen; auch politisch wechselte Alfred Ploetz in jener Zeit radikal Seiten und fühlte sich schon bald in nationalkonservativen, rassistischen und antisemitischen Kreisen zuhause. Das Ende des 19. Jahrhunderts war die Blütezeit eines neu aufkeimenden und sich politisch formierenden Rassismus. Zusammen mit Wilhelm Schallmayer gilt Alfred Ploetz als Begründer der Eugenik in Deutschland, er war es auch, der den Begriff der Rassenhygiene prägte.

1904 gründete er die Zeitschrift Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie (ARGB); kurze Zeit später war er Initiator der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene. Bereits 1895 entwarf Alfred Ploetz in seinem Buch Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen das Bild einer Gesellschaft, in der die rassenhygienischen Ideen zur Anwendung kommen. Ploetz pflegte auch engen fachlichen Kontakt zu Ernst Haeckel, der ebenfalls mit seiner „vergleichenden Anatomie“ und seinen Überlegungen zur „künstlichen Züchtung“ von Menschen in modernen Gesellschaften die wissenschaftlichen Grundlagen geliefert hatte, aus denen sich die Nationalsozialisten später für die Entwicklung ihrer Rassen-Ideologie bedienten.

So weit die Fakten. Doch die Frage nach der Bedeutung von Alfred Ploetz hat für Uwe Timm noch eine weitere, ganz persönliche Dimension. Denn eben jener Alfred Ploetz war der Großvater von Uwe Timms Frau Dagmar. Der richtige Umgang mit diesem fernen Verwandten war für Uwe Timm, auch wenn Ploetz bereits tot war, als Uwe Timm geboren wurde, zeitlebens eine schwer zu bewältigende Aufgabe, und sie ist es bis heute.

Die Unfassbarkeit der rationalen Kälte und die völlige Abwesenheit von Empathie in dem Verhalten der eugenischen Wissenschaftler, die an dem Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten beteiligt waren, darunter eben auch Alfred Ploetz, macht Uwe Timm bis heute sprachlos. Sein neuer Roman Ikarien ist auch Timms Versuch, sich diesem monströsen Wissenschaftler schreibend zu nähern und ihn für sich fassbar zu machen.

Doch zurück zur Geschichte: Wagner hatte einen Großteil des zwölfjährigen Tauendjährigen Reiches in dem Münchner Antiquariat verbracht, meistens unten im Keller und im Lager des Antiquariats. Gleich nach der Machtübernahme wurde Wagner von der Gestapo abgeholt und auf „schweren Urlaub“ ins Lager Dachau geschickt; als politischer Dissident kam er ins Lager und wurde zu schwerer Zwangsarbeit verpflichtet. Nach einigen Monaten kam er auf Betreiben seines alten „Freundes“ Alfred Ploetz wieder frei, obwohl sich die Wege der beide schon lange zuvor getrennt hatten; nach seiner Freilassung zog Wagner es vor, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen und mehr oder weniger unterzutauchen. Dank seines Alters musste er nicht mehr in den Krieg, aber der Krieg tobte ja auch so um ihn herum.

In seiner kleinen Dachkammer erzählt der 81-jährige Wagner Hansen die Geschichte seiner Freundschaft mit Alfred Ploetz. Wagner spricht von Ploetz als dem „Freund“, erwähnt seinen Namen nicht. Sein Bericht führt zurück bis an Ende des 19. Jahrhunderts, in die Studentenzeit in Breslau, nach Zürich und bis nach Amerika. Doch am Ende ist es viel mehr, als nur die Geschichte dieser Freundschaft. Wagner hat das deutsche Kaiserreich erlebt, dann zwei Weltkriege und dazwischen die Münchner Räterepublik und die Weimarer Zeit. Seine Erzählungen machen all diese Phasen deutscher Geschichte lebendig.

In ihrer Studentenzeit in Breslau gründeten Ploetz und Wagner den Geheimbund Pacific, der von Étienne Cabets Roman Die Reise nach Ikarien (1840) inspiriert war; diesem Bund gehörten auch Ferdinand Simon, die Brüder Carl und Gerhart Hauptmann, Heinrich Lux und Charles Proteus Steinmetz an. Die Reise nach Ikarien war ein politisch-utopischer Roman des französischen Revolutionärs Étienne Cabet, der 1840 in Frankreich erschien und mehrere Auflagen erreichte.

Der Roman war ein großer Erfolg, und Cabet fand viele Anhänger für seine Idee, sozialistische Siedlungsgemeinschaften zu gründen und nach dem Ideal der Gütergemeinschaft zu leben. So wurden in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA solche Siedlungen gegründet, von denen die meisten schon nach einiger Zeit in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerieten und andere Schwerpunkte ausbildeten.

Von Zürich aus wurde Ploetz im Auftrag von Pacific in die USA entsandt, um diese utopische Kolonisten-Idee in einer Ikarier-Kolonie zu überprüfen, welche in Iowa eine Niederlassung hatte. Es wurde eine Reise mitten in eine Auseinandersetzung um die Frage nach der besten gesellschaftlichen Ordnung: hier Marx, dort Ikarien.

Wagner und Ploetz begeisterten sich beide für diese sozialistische Utopie und reisten Ende des 19. Jahrhunderts in das amerikanische Ikarien. Was sie in den USA unter den Siedlern erlebten, ernüchterte beide. Das sozialistische Ideal schien an den realen Schwierigkeiten eines entbehrungsreichen Lebens zu scheitern. Während Wagner zur Amana-Gemeinde weiterreiste und dort im kleinen Maßstab doch noch fand, was er als eine gelungene sozialistische Utopie beschreibt, keimte in Ploetz schon früh der Gedanke an eine eugenische Lösung des menschlichen Problems der Ungleichheit. In direkter Folge beschloss er, Medizin zu studieren.

Michael Hansen kommt durch die Lebensbeichte Wagners einem faustischen Pakt auf die Spur, den der Rassehygieniker Ploetz mit den Nazis einging, und dem ganz anderen Schicksal, das den Antiquar wegen seiner widerständigen Haltung ereilte.

Seine Reise durch das materiell und moralisch zerstörte Deutschland lässt Michael Hansen Zeuge eines Aufbruchs werden, der die deutsche Geschichte prägen sollte. Eine faszinierende Zeitreise durch die deutsche Geschichte und eine ganz eigene und überraschende Darstellung der „Stunde Null“.

Bereits seit etwa 1978 beschäftigt sich Uwe Timm mit den Themen, die jetzt in seinem neuen Roman Ikarien zur Sprache kommen. Manche Dinge brauchen eben länger, und die fast vierzig Jahre überspannende Inkubationszeit hat dem Text gutgetan. Lange suchte der Autor nach der richtigen epischen Form, richtig in dem Sinne von geeignet, und er hat sie gefunden. Ikarien ist über weite Strecken eine Folge von Gesprächsprotokollen, in denen der alte Wagner aus dem Gedächtnis seine Lebensgeschichte und die des ehemaligen „Freundes“, Alfred Ploetz, erzählt.

Was in dieser Kurzbeschreibung vielleicht etwas langweilig klingt, wird bei der Lektüre zu einem lebendigen und komplexen Gebilde, einem kleinen Kosmos, der den Leser packt und bis zum Ende nicht mehr loslässt. Die Materie ist alles Andere als leicht: Es geht um Eugenik, um die Rassenlehre der Nazis, um die Judenverfolgung, um den Lebensborn und die Zuchtversuche an Kaninchen und Menschen, um das Euthanasie-Programm und die Vernichtung unwerten Lebens.

Schon diese kurze Inhaltsangabe zeigt, dass sich Uwe Timms neuer Roman wieder einmal auf einem hochbrisanten historischen Terrain bewegt, welches einen neuen Zugang zu den medizinischen und wissenschaftlichen Abgründen des nationalsozialistischen Rassismus eröffnet. Die Verknüpfung des persönlichen Schicksals des Dissidenten Wagner mit den eugenischen Versuchen und den rassehygienischen Träumen des früheren „Freundes“ Ploetz macht den Roman zu einer Ausnahmeerscheinung. Hier treffen und trennen sich, hier überschneiden sich Biographien und driften wieder auseinander, hier werden aus Freunden mit gemeinsamen Träumen und Utopien keine erbitterten Gegner, sondern sie bleiben bei aller Enttäuschung und Entfremdung immer noch einander verbunden, jedoch auch politische Feinde.

So stellen sich auch hier wieder, wie in vielen Romanen Uwe Timms, die Fragen nach den Verstrickungen des Einzelnen in die historischen Prozesse und die Frage nach der eigenen Schuld, der kollektiven und individuellen Verantwortung für das eigene Handeln in Krisenzeiten und nicht zuletzt die Frage nach den Folgen des eigenen Handelns oder Nichthandelns.

Der amerikanische Soldat Hansen zieht die Befragung des alten Wagner, die eigentlich in nur zwei bis drei Sitzungen erfolgen sollte, bewusst in die Länge, weil er spürt, wie die Erzählungen dieses alten Mannes ein immer komplexeres Bild der deutschen Politik- und Mentalitätsgeschichte ergeben. Hansen versucht, mit Hilfe der Erzählungen Wagners dem Unfassbaren näher zu kommen und eine Antwort auf die Frage nach der Mittäterschaft und der Mitschuld zu finden. Wie können Wissenschaftler ihre Verantwortung ausblenden, keinerlei Empathie im Umgang mit hilf- und wehrlosen Kranken zeigen und ihre aktive Beteiligung an medizinischen Experimenten, am Euthanasie-Programm und anderen Gräueltaten leugnen? — Doch die Erzählungen Wagners liefern keine Antworten. Am Ende stehen die Ratlosigkeit und die Unfassbarkeit des Grauens.

Uwe Timm ist seit Langem bekannt für seine flüssig geschrieben und gut lesbaren Texte. Dieser neue Roman macht da keine Ausnahme, vielleicht ist er sogar eine besonders abwechslungsreiche Lektüre: Es gibt in diesem Roman ja nicht nur die Erzählebene der Gespräche zwischen Hansen und Wagner (vorwiegend über Alfred Ploetz), sondern der Autor berichtet auch über die amourösen Verstrickungen Hansens; daneben gibt es zahlreiche Rückblenden und ausführliche Erzählungen über die ikarischen Gemeinschaften in den USA, Einblicke in das Leben der alliierten Streitkräfte im besetzten Deutschland und einige weitere Erzählstränge, die alle kunstvoll miteinander verbunden und ineinander verwoben sind.

Die Komposition des Textes ist durchgehend chronologisch geordnet, jedoch wird die Parallelität der einzelnen Erzählebenen durch die erzählerischen Rückblenden der Hauptfigur Wagner immer wieder durchbrochen. Das macht die Lektüre interessant und abwechslungsreich. Die Gesprächsprotokolle der Befragungen Wagners und die persönlichen Tagebucheintragungen Hansens machen den Hauptanteil dieses Romans aus; die verbindenden und beschreibenden Passagen aus dem Alltag eines amerikanischen Soldaten im Nachkriegsdeutschland und seiner Liebesabenteuer haben einen ganz eigenen Reiz und runden das Gesamtbild eines großen Zeitromans ab.

Exemplarisch zeigt Uwe Timm anhand der Lebenswege von Alfred Ploetz und der fiktiven Romanfigur Wagner auch, wie leicht, wie schnell und unbemerkt sich Lebenswege voneinander entfernen können, wie kleine Unterschiede im Umgang mit äußeren Reizen minimale Kursänderungen bewirken, die über die Jahre zu einer geradezu komplementären Einstellung gegenüber dem Leben führen.

Auf diese Weise richtig verstanden, ist Ikarien daher auch ein Text über unsere Zeit und unsere Gesellschaft, in der wieder (wie schon einmal vor hundert Jahren) eine „transzendentale Obdachlosigkeit“ (Georg Lukács) herrscht und der Hunger nach einem Sinn, nach einer fundamentalen Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens, so groß ist wie lange nicht mehr. Diese Leere und Obdachlosigkeit birgt die Gefahr, dass die Radikalität rechtspopulistischer und nationalistischer Bewegungen für manche wieder attraktiv werden und dass die historischen Abläufe der 1920er Jahre, wenn auch mit Abweichungen, sich wiederholen könnten.

Der Roman verbindet also die deutsche Vergangenheit mit unserer aktuellen Gegenwart; er zeigt am Beispiel seiner Protagonisten, wie sich scheinbare Binsenwahrheiten immer wieder bestätigen: dass man achtsam durch das Leben gehen sollte, dass man für das eigene Handeln und Wegschauen irgend wann zur Verantwortung gezogen wird, dass einen die eigene Vergangenheit immer wieder einholt, dass man nur nach vorne schauen kann, wenn man mit dem, was hinter einem liegt, ins Reine gekommen ist.

Wieviel Autobiographisches steckt in diesem Roman? Eine Menge: Uwe Timms Vater war, es wurde oben schon erwähnt, wie Michael Hansens Vater ein erfolgreicher Tierpräparator. Timms älterer Bruder, im Zweiten Weltkrieg bei der SS, mit dem er sich in  Am Beispiel meines Bruders auseinandersetzte, war zwei Jahre älter als jener fiktive Michael Hansen. Und selbstverständlich fließen Uwe Timms früheste Kindheitserinnerungen in seine Beschreibungen der unmittelbaren Nachkriegszeit ein. Es liegt demnach nahe, dass Uwe Timm in Ikarien nicht zuletzt auch mit der Frage spielt, was aus ihm und seine Familie geworden wäre, wenn sein eigener Vater nach Amerika rechtzeitig ausgewandert wäre. 1930 hatte es ein solches Angebot gegeben, doch der Vater und die Familie blieben in Deutschland.

So waren es wohl nicht zuletzt die vielfältigen persönlichen Verbindungen zum Stoff, die eine solch lange Inkubationszeit erklären. Uwe Timm hat mit Ikarien nicht nur ein privates Projekt zu seinem glücklichen Ende gebracht, an dem er seit vielen Jahrzehnten arbeitete; es ist auch ein wirklich großartiger und bemerkenswerter Roman geschrieben worden, den zu lesen man allen empfehlen möchte, die sich (immer noch und immer wieder) für die bewegte deutsche Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts interessieren: ein spannendes Buch von wundervoller Komplexität und Farbigkeit.

 

 

Autor: Uwe Timm
Titel: „Ikarien“
Gebundene Ausgabe: 512 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 3462050486
ISBN-13: 978-3462050486

 

 




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