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Egyd Gstättner: „Wiener Fenstersturz“

Am: | November 6, 2017

Am Abend des 16. März 1938 stürzte sich der Wiener Schriftsteller und Kulturhistoriker Egon Friedell aus dem Fenster seiner Wohnung in der Gentzgasse 7, um sich der Verhaftung durch zwei SA-Männer zu entziehen, die in seine Wohnung eingedrungen waren. Er sprang in den Tod, allerdings nicht ohne zuvor die untenstehenden Passanten umsichtig durch den Zuruf „Treten Sie zur Seite!“ zu warnen.

Doch sprang er wirklich in den Tod? Nein. Ja. Doch nicht. Doch. — Die Meinungen gehen auseinander, und doch sind die Indizien eindeutig. Eindeutig tot. Begraben auf dem Wiener Zentralfriedhof, evangelischer Teil, Tor 3, und das Wohnhaus mit einer hübschen Gedenktafel versehen, wie sich das eben so gehört.

Doch der Klagenfurter Schriftsteller Egyd Gstättner erzählt da eine ganz andere Version der Geschichte, und wie er diese Geschichte erzählt, ist einfach und in mehrfacher Hinsicht wunderbar!

Egon Friedell (eigentlich Egon Friedmann) wurde als der jüngste Sohn des jüdischen Textilfabrikanten Moriz Friedmann am 21. März 1878 in Wien geboren. Noch während seiner Kindheit verlor er beide Eltern; als er ein Jahr alt war, verließ die Mutter die Familie, der Vater starb einige Jahre später an gebrochenem Herzen. Nach einem Umzug nach Frankfurt sorgte eine Tante für den kleinen Egon. Schule, Ausbildung und Studium nahm Friedell nicht allzu ernst. Friedell war kein praktizierender Jude, und so war es auch folgerichtig, dass er als Erwachsener schon bald seine jüdische Konfession ablegte und zum Protestantismus konvertierte — eine für diese Zeit weitverbreitete Maßnahme, von der er sich wohl auch bessere Berufsaussichten und eine stärkere gesellschaftliche Akzeptanz erhoffte.

Friedell studierte Philosophie in Berlin und Heidelberg und schloss in Wien sein Studium der Deutschen Literatur ab. Fortan schrieb er Beiträge für Die Fackel von Karl Kraus, wurde künstlerischer Leiter des Wiener Kabaretts Die Fledermaus, spielte selbst auf dieser Bühne. Seine zahlreichen Schriften, Theaterstücke, Aufsätze, Erzählungen und Romane, nicht zuletzt das große kulturhistorische Werk Die Kulturgeschichte der Neuzeit waren seinerzeit sehr erfolgreich, sind aber heute in ihrer Mehrheit vergessene Schätze einer vergangenen Zeit.

Seit 1900 bewohnte Friedell zusammen mit seiner Haushälterin Hermine Schimann und ihrer Tochter Herma eine Wohnung im 3. Stock der Gentzgasse 7. Friedell war nie verheiratet. Seine große Liebe war die junge Schauspielerin Lina Loos, die mit dem Architekten Adolf Loos verheiratet war. Friedell machte Lina mehrmals einen Heiratsantrag, aber immer erfolglos.

Als am Abend des 16. März 1938 zwei SA-Männer an der Wohnungstür klingelten und nach dem „Juden Friedell“ fragten, wählte Friedell den Weg in den Freitod, um dem Zugriff durch die Nationalsozialisten zu entgehen. Friedell war Wiener durch und durch. Er brauchte die Stadt, wie sie ihn brauchte. Eine Emigration ins Ausland, wie sie viele Intellektuelle vor und nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich wählten, war für Friedell schlichtweg keine Option. Wohin hätte er auch gehen und was hätte er dort machen sollen? Welchen Sinn hätte ein solches Exil? Wie sollte er in der Fremde überleben? Ohne Freunde, ohne Sprache?

Friedell stürzt sich also aus dem Fenster, nachdem er die Passanten auf dem Bürgersteig durch den Zuruf „Treten Sie zur Seite!“ auf seine Niederkunft vorbereitet hatte. Noch während des Fluges zieht sein ganzes Leben wie im Zeitraffer an ihm vorbei. Da unten auf der Straße steht ein Mann mit Hut; die Krempe ist tief ins Gesicht gezogen, so dass er ihn nicht erkennen kann. Der Mann hält irgend etwas Metallisches in der Hand.

Dieser Mann ist H. G. Wells, der englische Schriftsteller und Autor des berühmten Romans Die Zeitmaschine. Diese Geschichte hatte Friedell so sehr fasziniert, dass sie ihn dazu inspirierte, eine Art Fortsetzung zu schreiben — Die Rückkehr der Zeitmaschine. Das Manuskript war vor einer Weile fertig geworden, lag aber ungenutzt in seiner Schreibtisch-Schublade. In diesen braunen Zeiten war an eine Veröffentlichung von Texten des „Juden Friedell“ in Deutschland nicht zu denken. Postum gelangte das Manuskript über Umwege zu einem Exil-Verlag und wurde gedruckt. Ein Exemplar wird sieben Jahre später auf dem Nachttisch von H. G. Wells landen. Aber was sind schon sieben Jahre für jemanden, der eine Zeitmaschine besitzt?!

Wells hat über seine Zeitmaschine und Friedell hat auch über eine Zeitmaschine geschrieben, und so spricht Wells zu dem in Super-Slow-Motion herabstürzenden Friedell von einer Zeitmaschinenhochzeit: „Wollen Sie die hier anwesende Zeitmaschine zu Ihrer Zeitmaschine nehmen und sie warten und benützen in guten und in schlechten Tagen, Friedell, so antworten Sie mit Ja! So! Aber jetzt schnallen Sie sich an!“ – „Wo fahren wir denn hin, Wells?“ – „Erst einmal weg von hier … weg von den Nazis. Erst einmal bringen wir uns in Sicherheit.“ Damit endet auf Seite 145 der erste Teil des Buches, und die Zeitreise beginnt.

Der Roman gliedert sich in drei „Bücher“. Im ersten Teil wird Egon Friedells Sprung in den Freitod, jene ewig lange Sekunde zwischen Leben und Tod, von Augenzeugen und Freunden Friedells aus den unterschiedlichsten Perspektiven erzählt. Auf diese Weise entsteht ein buntes Mosaik jenes kalten und trüben Tages im März 1938, nur wenige Tage nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich. In diesem ersten Buch sind „das alles historisch nachweisbare Figuren, allerdings im Roman biographisch nicht mit dem Anspruch auf absolute Wahrheit gebaut, wiewohl das Meiste schon stimmt. Die Faktentreue ist eigentlich erstaunlich hoch, aber es gibt immer wieder Scharniere, die einfach mit meiner Fantasie gebaut sind.“ sagt der Autor in unserem Gespräch.

Während im ersten Teil des Romans die Faktentreue und die realistische Beschreibung der Vorkommnisse im Vordergrund stehen, geht es im zweiten Teil plötzlich sehr fantastisch zu: Hier beginnt die Reise der beiden Schriftsteller Friedell und Wells in die Wiener Gegenwart. Das Ganze liest sich als eine Kulturkritik der Konsumgesellschaft unserer Zeit mit den Mitteln der literarischen Fiktion. Der Zeitmaschine von Wells entstiegen, sehen die beiden (und wir Leser) plötzlich unsere gegenwärtige Welt mit den Augen des englischen Schriftstellers, der sich einen Reim auf unsere seltsamen Verhaltensweisen zu machen versucht: Über der Erde scheinen die Eloi zu leben, ein Volk von ferngesteuerten Menschen, die nur noch zum Konsumieren taugen. Die unterirdische Welt der U-Bahnen wird folgerichtig bevölkert von den Morlocks. Hier eine längere Passage, die deutlich macht, wie erfrischend sich der distanzierte Blick des Kulturhistorikers Friedell auf unsere Gegenwart liest:

„Die Zukunftsuntermenschen der U3 waren seltsame Wesen. Sie saßen zusammengepfercht an die Rücklehnen des Waggons gepresst, ohne einander auch nur eines Blickes zu würdigen. Sie aßen in Stanniolpapier gewickelte fremdländische Wurstsemmeln, die sie ‚Döner‘ nannten: in Fladenbrot versteckte Speisereste! Die Melange hieß jetzt Cappuccino, sie tranken sie aus Pappbechern mit Röhrchen. Die Morlocks hatten ähnlich wie das schwachsinnige süße Mädel aus der Gentzgasse Drähte in den Ohren stecken — sinnfälliges Zeichen ihrer Ferngesteuertheit — und spielten mit den kleinen metallenen Zauberkästchen herum, Zigarettenetuis ohne Zigaretten, die sie auf ihre Oberschenkel gelegt hatten. Niemand rauchte. Die ganze Fahrt lang redete niemand mit irgendjemandem. Niemand schaute irgendjemanden an. Millionen zusammengepferchte Fremde, völlig desinteressiert aneinander. Alle wiesen alle ab: Menschen, die das Bedürfnis hatten, allein zu sein, aber dazu Gesellschaft brauchten, mit Polgar gesprochen.“

Der ganze Roman zeichnet sich nicht nur durch seinen fantastischen Plot aus, sondern ganz besonders durch den kreativen und spielerischen Umgang mit Sprache. Gstättner ist ein Meister der pointierten Formulierungen, in seiner Sprachfreude durchaus vergleichbar mit Egon Friedell. Die polyphone Komposition der Erzählung, man kann auch von Multiperspektivität sprechen, macht die Lektüre zu einem abwechslungsreichen und unterhaltsamen Unternehmen. Wir hören weniger die Stimme eines allwissenden Erzählers, als vielmehr die Polyphonie eines griechischen Chores, der uns diese tragische Komödie und auch immer wieder das Komische in der tragischen Geschichte aus vielen Perspektiven erzählt.

Egyd Gstättner ist ein Sprachspieler. Er liebt es, mit der Sprache zu spielen; er legt großen Wert auf die Wortstellungen, und seine Texte liest man mit umso größeren Genuss, je genauer man liest. Das Aufeinanderprallen eines Zeitreisenden aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit unserer postmodernen Gegenwart führt so auch haufenweise zu wunderbaren Wortschöpfungen, wenn Friedell nach Begriffen und Erklärungen für seine befremdlichen Beobachtungen sucht. So wird beispielsweise ein Computer bei ihm zur „Lichtspielschreibmaschine“ und ein Tablet zur „Zaubermappe“.

Auf ihrer Zeitreise in die Zukunft und später in die Vergangenheit schließen sich den beiden (Friedell und Wells) schon bald weitere Personen an. Peter Altenberg kommt mit, auch Thomas Bernhard ist mit dabei sowie ein „Dichter der Zukunft“ aus der Wiener Gegenwart. Bei ihm handelt es sich um „eine Kombinationsfigur, wo mehrere drinstecken, die aber auch erstens einen Bezug zu Wien haben müssen und zweitens auch in ihrer Biographie dem Friedell nahestehen können“, wie Egyd Gstättner in unserem Telefoninterview erzählt. Der Dichter der Zukunft ist Purist und lässt alles Unnötige weg; so nennt sich, folgerichtig und dem Zeitgeist entsprechend, nur noch Schrftstllr. „Er schreibt einfach alles mit, was er sieht, was er tut, was ihm passiert oder was überhaupt passiert. Der Dichter der Zukunft erzählt der Welt, welche SMS er verschickt und welche E-Mails man ihm sendet, wie viel er trinkt, mit welcher Frau er schläft, mit welchen nicht, noch nicht, nicht mehr. […] Man nennt das unprätentiöse Metaphorik! Metaphorique automatique. Der Dichter der Zukunft nennt sich Schrftstllr, und am liebsten baut er übrigens Autobahnen.“

Mit Straßen und Autobahnen sind jene Linien weißen Pulvers gemeint, die der moderne Schrftstllr neben all den Psychopharmaka braucht, um gut durch den Tag zu kommen und nicht an der Bilderflut der Wirklichkeit zu zerbrechen. Entscheidend ist für den Schriftsteller der Zukunft, dass es beim Schreiben nicht mehr um die Schaffung von fiktiven Welten und Visionen geht. „Es gibt so viele Millionen Zukunftsvisionen, dass Sie sich vor lauter Zukunftsvisionen nicht mehr retten können! Ich brauche keine Vision, meine Herren! In einer so großartigen Welt wie dieser braucht man überhaupt keine Vision mehr. Im Mittelalter waren Visionen notwendig, als es nichts gab außer Schafen und Königen und Sänften und einem, der einen Brotwecken gemacht hat. Aber heute, wo alles in der Welt ist, braucht kein Mensch eine Vision!“

Schreiben wir lieber, wie es ist! Metaphorique automatique, die totale Mimesis der Realität, ein Logbuch der Ereignisse. An vielen Stellen wird der Wiener Fenstersturz somit auch zu einer virtuellen Diskussion über Literatur und die Aufgabe des Schriftstellers in einer Welt voller Fiktionen und Fake News. Wie soll man heutzutage noch vernünftig als Schrftstllr arbeiten, in einer Zeit, wo in vielen Wiener Kaffeehäusern am Eingang ein Hinweisschild aufgestellt ist: „Please wait to be seated!“?!

„Die Elois hießen jetzt Konsumenten oder Endverbraucher, die Morlocken unter der Mariahilfer Straße und hinter deren Fassaden Humanressourcen.“ Das ist die schöne neue Welt der New Economy und der neoliberalen Träume, mit denen wir uns heute rumplagen müssen!

Friedell und die anderen Zeitreisenden sind von unserer Gegenwart sichtlich überfordert; vor allem die digitale Revolution, auf die wir uns so vieles einbilden, ist für die Menschen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Zumutung. Der Egon Friedell des Romans fasst es zusammen:

„Die einzige Revolution, die wirklich stattgefunden hatte, führte prompt in die falsche Richtung, in den Abgrund. […] Das Zaubermappengesicht [ein Telefonkontakt via Skype] erklärte, es meine die Revolution, die mit den Smartphones in Kombination mit den sozialen Netzwerken entstanden war, die digitale Revolution, die Online-Revolution, die Informationsrevolution. Die Worte der Zukunft waren wie ein Hagelschlag, immer dichter prallten sie auf uns nieder. Die Sprache der Zukunft war eine Folter!“

Manchmal muss man mehr als einen Schritt zurücktreten um besser sehen zu können. Der historische Blick des Zeitreisenden auf unsere Gegenwart verwendet diesen kleinen Taschenspielertrick der zeitlichen Distanz und eröffnet uns einen erfrischenden und erhellenden Blick auf den Zustand unserer Kultur. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge müssen wir erkennen, dass nicht jeder Fortschritt, nicht jeder Schritt nach vorne, unbedingt und immer ein Schritt in die richtige Richtung sein muss.

Egyd Gstättners Wiener Fenstersturz ist nicht nur ein spannender und unterhaltsamer Roman über den Wiener Kulturhistoriker und Schriftsteller Egon Friedell, sondern auch eine beißende Gesellschafts- und Kulturkritik unserer Gegenwart mit literarischen Mitteln: ein wunderbares Buch, ein wirklich großer Wurf, ein Roman, den man gelesen haben muss!

 

Lesen Sie auch das interessante Telefoininterview mit Egyd Gstättner, das wir am 31.10.17 geführt haben!

 

Autor: Egyd Gstättner
Titel: „Wiener Fenstersturz“
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Picus Verlag
ISBN-10: 3711720552
ISBN-13: 978-3711720559

 

 




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