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Ulrich Alexander Boschwitz: „Der Reisende“

Am: | Februar 16, 2018

Kennen Sie Ulrich Alexander Boschwitz? Aller Wahrscheinlichkeit nach kennen Sie ihn nicht, aber Sie sollten, ja, Sie müssen ihn kennenlernen!

Dieser Roman ist eine echte Wiederentdeckung. Das Typoskript hat der damals 23-jährige Ulrich Alexander Boschwitz im englischen Exil verfasst, kurz nach dem Ausbruch der Novemberpogrome in Deutschland.

Das kurze Leben des Autors ist schnell erzählt: Er wurde 1915 in Berlin geboren und emigrierte bereits 1935 nach Schweden, später nach Norwegen, Frankreich, Luxemburg und Belgien. 1939 ging er nach England, wo er als deutschstämmiger Flüchtling kurz vor Kriegsbeginn interniert und später nach Australen verbracht wurde. Nach seiner Freilassung 1942 wurde sein Schiff auf der Rückfahrt nach England kurz vor der Ankunft von einem deutschen U-Boot versenkt.

Von Ulrich Alexander Boschwitz sind zwei Romane erschienen: Menschen neben dem Leben (1937) und Der Reisende (1939). Sein erster Roman wurde nur in Schweden publiziert, und auch der zweite Roman erschien niemals in Deutschland, sondern wurde unter dem Pseudonym John Grane zunächst in englischer Übersetzung (The man who took trains / The fugitive) und in französischer Übersetzung (Le fugitif) veröffentlicht.

Jetzt ist es dem Herausgeber Peter Graf, Geschäftsführer des Verlages Das Kulturelle Gedächtnis, zu verdanken, dass wir Boschwitz‘ zweiten Roman lesen können. Der Text folgt dem deutschen Original-Typoskript von 1939 und wurde lediglich behutsam lektoriert. Aus ihm spricht ein Zeitzeuge zu uns, der selbst von der Verfolgung durch die Nationalsozialisten betroffen war; dementsprechend dicht und lebensnah, packend und aufwühlend ist der letzten Endes scheiternde Fluchtversuch des jüdischen Kaufmanns Otto Silbermann beschrieben.

Das Thema Judenverfolgung im Dritten Reich hat sich in unzähligen literarischen Texten niedergeschlagen, die mehr oder weniger erfolgreich versuchen, die traumatischen Erfahrungen der Verfolgung, Entrechtung und Vernichtung mit literarischen Mitteln einer Leserschaft zu vermitteln, welche diese grauenhaften Erfahrungen aufgrund des zeitlichen Abstands glücklicherweise nicht machen musste und auch nicht deren Zeugen sein konnten.

Dieser Roman ist jedoch anders. Boschwitz begann unmittelbar nach dem Ausbruch der Pogrome im November 1938 mit der Verfassung seines Typoskripts. Damals lebte er schon seit drei Jahren im Exil, doch die persönliche Erfahrung der Verfolgung kannte er bereits aus eigener Erfahrung, und diese Angst sollte für ihn auch in den nächsten Jahren zu einem ständigen Begleiter werden.

Als ein distanzierter Beobachter der Geschehnisse im Deutschen Reich, den dennoch, was dort geschah, alles unmittelbar anging, weil er selbst seit 1933 zu den Verfolgten und Verhafteten gehört hätte, schreibt Boschwitz seinen Roman des Reisenden in kürzester Zeit.

Die Fluchtgeschichte des Kaufmanns Otto Silbermann, dessen Existenz als reicher und angesehener Bürger von einem Moment auf den nächsten vernichtet wird, als die SA vor seiner Tür steht und ihm nur noch die Flucht durch den Hinterausgang bleibt, ist temporeich geschrieben. Die Erzählung verweilt überwiegend in der Perspektive des personalen Erzählers mit enger Fokalisierung; große Teile des Textes geben die inneren Monologe des Protagonisten wider, die durch einen unsichtbaren auktorialen Erzähler verbunden werden.

Somit liest sich dieser Roman wie der Erlebnisbericht einer atemlosen und letztlich erfolglosen Flucht, ja, mehr noch: Der Leser flüchtet mit, hofft, bangt, ist selbst Getriebener wie der Jude Otto Silbermann; der Leser begleitet den Flüchtenden, von einer Zugfahrt an die Grenze zur nächsten wieder zurück, dann in eine andere Richtung und wieder zurück, er reist mit ihm von Seite zu Seite, immer weiter, immer weiter, bis am Ende… Aber das müssen Sie schon selbst lesen!

Ulrich Alexander Boschwitz ist nicht nur eine literarische Entdeckung, denn sein packender Schreibstil und die Treffsicherheit seiner Wortwahl sind wirklich beeindruckend und zeugen von einem großen schriftstellerischen Talent; dieser Roman ist auch eines der ganz seltenen Beispiele einer gelungenen emotionalen Vermittlung der Absurdität und Ausweglosigkeit der Lage, in welche die Juden durch die Pogrome und die sich daran anschließenden Jahre des Genozids in Deutschland befanden.

Wie absurd und willkürlich die rassistische Diskriminierung der Juden durch die Nationalsozialisten war, kann man sich vielleicht bewusstmachen, wenn man sie durch irgendeine beliebige andere Form der Diskriminierung aufgrund physischer Merkmale ersetzt, beispielsweise durch das Merkmal der blonden Haare: Alle Menschen mit blonden Haaren werden verfolgt, entrechtet und schließlich umgebracht. Nicht anders muss ein Jude seine Diskriminierung und Verfolgung im Dritten Reich erlebt haben, als vollkommen willkürlich und ungerecht.

Der Reisende ist ein fesselndes Buch, das den Leser von der ersten Seite an in den Mahlstrom der historischen Ereignisse reißt, die durch den Pogrom, die sogennnte Reichskristallnacht, angestoßen wurden. Plötzlich nahm die auch schon zuvor spürbare Ausgrenzung der Juden in der deutschen Gesellschaft an Fahrt auf, und aus einer von den Betroffenen schon lange erfahrbaren Benachteiligung und Gängelung wurden plötzlich offene Ablehnung, Verfolgung, Verhaftung, Abtransport und Vernichtung.

Scheinbar ohne Vorwarnung brach ein Sturm los, vor dem sich nur die Wenigsten zu schützen in der Lage sahen. Wer bis dato noch nicht im Ausland das Weite gesucht hatte, musste jetzt zusehen, seine Haut zu retten, das blanke Leben. Für die meisten Juden war der Weg ins Exil verschlossen; wer nicht das Glück hatte, von helfenden Menschen versteckt zu werden, wurde früher oder später verhaftet, geplündert, deportiert und umgebracht.

Viele Leser könnten die Meinung vertreten, schon genug über die Judenverfolgung im Dritten Reich gelesen zu haben und eigentlich alles zu wissen, was man darüber wissen sollte. Gleichwohl sei an dieser Stelle nochmals darauf hingewiesen, dass dieser Roman aufgrund seiner emotionalen Dichte und der Intensität der Beschreibung in der zeitgenössischen Literatur seinesgleichen sucht. „Der Reisende“ lässt uns Nachgeborene nachempfinden, wie man sich als Jude in Deutschland in jenen Novembertage 1938 und danach gefühlt haben muss. — Ein außergewöhnliches und bemerkenswertes Buch, eine aufwühlende und mitreißende Entdeckung!

 

 

Autor: Ulrich Alexander Boschwitz
Titel: „Der Reisende“
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Klett-Cotta
ISBN-10: 3608981233
ISBN-13: 978-3608981230

 




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