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Klaus Modick: „Keyserlings Geheimnis“

Am: | April 3, 2018

Eduard Graf von Keyserling wurde 1855 in Tels-Paddern in Kurland, dem heutigen Lettland geboren und starb Ende September 1918 in München. Keyserling litt seit vielen Jahren unter einem Rückenmarksleiden, das in seinen letzten Jahren zu einer vollständigen Erblindung und letztlich zum Tod führte. Ob diese Krankheit in einer überwundenen maladie francaise (Syphilis) ihren Anfang nahm oder andere Ursachen hat, bleibt im Dunkel seiner Biografie.

Dunkel bleibt in Keyserlings Biografie vieles, denn der Künstler hatte in seinem Testament verfügt, dass seine privaten Aufzeichnungen nach seinem Tod vollständig vernichtet werden sollten. Deshalb öffnet sich ein weiter Raum für Spekulationen.

So bleibt für immer ungeklärt, warum er als junger Student in Dorpat aus der studentischen Verbindung Curonia ausgeschlossen und fortan von seiner Familie und den Standesgenossen gemieden wurde. In seiner Heimat ein gesellschaftlicher Außenseiter, ging er nach Wien und studierte Philosophie und Kunstgeschichte. Man könnte hier in seinem ersten Roman Fräulein Rosa Herz nach Antworten suchen, in welchem er einen Skandal in Dorpat beschreibt.

Auch später bleibt Keyserlings Lebensweg kaum dokumentiert und geheimnisvoll. So ist man auf andere Quellen angewiesen, um ein wenig Licht ins Dunkel zu tragen. In den Erinnerungen von Weggefährten etwa wird man fündig, doch diese Ausbeute ist mager, zu mager, um daraus eine literarische Biografie zu schreiben.

Doch genau dies versucht Klaus Modick in seinem neuen Roman mit dem sprechenden Titel Keyserlings Geheimnis. Er greift hierbei auf die unterschiedlichen Texte aus Tagebüchern und den Erinnerungen von Freunden und Bekannten, von Weg- und Zeitgenossen Keyserlings zurück. Diese Ausbeute ist nicht besonders groß, also wendet Modick einen Trick an, der so einfach wie genial ist:

Ausgehend von der Vorstellung, dass sich in den literarischen Texten eines Schriftstellers immer auch Versatzstücke seines eigenen Lebens finden lassen, hat Klaus Modick die Werke von Eduard Keyserling auf die Frage hin gelesen, wo sich autobiografische Passagen finden könnten. Es ist eine der Hermeneutik verwandte Technik einer einfühlenden Lektüre, die ans Licht bringt, was zwischen den Zeilen steht und mehr oder weniger unverschlüsselt auf den Autor und sein Leben selbst verweist.

Modicks hermeneutische Lektüre führt zu einem faszinierenden Ergebnis. Indem er aus den Werken Keyserlings einzelne Redewendungen, Formulierungen und manchmal auch ganze Sätze in seinen Roman einbaut, diese Passagen verbindet und im eigenen Schreiben fortführt, nehmen sein Schreibstil und seine Sprache den Klang und Duktus der Texte Keyserlings an. Wir haben also gleichzeitig einen Roman über das Leben von Eduard von Keyserling – und einen Roman von Keyserling.

Klaus Modick weist am Ende des Buches ausdrücklich darauf hin, dass er die literarischen Werke Keyserlings zu Rate gezogen und in diesen Text eingearbeitet hat. Neben diesen „mit aller gebotenen Zurückhaltung“ autobiografisch verstandenen Textpassagen griff er auf weitere Quellen zurück, die, wenn auch spärlich, einige Auskunft über die Person des Dichters erteilen.

So sind die autobiografischen Erinnerungen Max Halbes und des Verlegers Korfiz Holm ebenso vertreten wir die Erinnerungen von Otto Freiherr von Taube oder auch die Biografie von Thomas Homsched aus unserer Zeit.

Natürlich soll mit dem Hinweis auf die Verwendung von Originaltexten Keyserlings die schriftstellerische Leistung Klaus Modicks nicht geschmälert werden, ganz im Gegenteil. Auch hier steht die Einfühlung in den Schriftsteller Eduard von Keyserling nur am Anfang des Romanprojekts. Der Zauber jener Welt der großbürgerlichen Schicht und der Künstlerkreise um 1900 wird in der blumigen und ausgeschmückten, eine feine Noblesse verströmenden Sprache jener Zeit gegenwärtig.

Die Sommerszenen am Starnberger See strahlen in einem sonnigen Licht des Friedens und der Zuversicht, selbst wenn die Figur Keyserling aufgrund der fortschreitenden Rückenmarkskrankheit und der immer schwächeren Sehkraft eine leichte Melancholie umgibt.

„Solche melodramatischen Stoffe, solche konstruierten Handlungen mag das Leben schreiben, wie es will. Er hat dafür keinen Bedarf. Er braucht nur das Mondlicht über dem See, jetzt, in dessen Glitzern ein gelebtes Leben aufleuchtet. Und der sanfte Wellenschlag klingt wie das schwächer werdende Echo eines verlorenen Gefühls, das wie der Geist des Nocheinmals zitternd in der Luft schwebt, aber nie mehr in die festen Formen der Wirklichkeit stürzt. Es gibt nur diese Augenblicke, diese kurz aufleuchtenden, vage verwischenden Gesten von Schönheit und Schmerz, von Liebe und Tod.“

So klingt das in diesem schönen und in einer reichen und bildreichen Sprache, die klingt, als ob sie, wie die Romanfigur selbst, aus einer vergangenen und verlorenen Zeit stammt. Dieser biografische Roman ist perfekt durchkomponiert; immer wieder sind Rückblenden in die Vergangenheit eingeschoben und geben dem gesamten Text eine ganz eigene Rhythmik. Die Lektüre wird zu einem langsamen, aber beschwingten Tanz durch ein Schriftstellerleben der Zeit um 1900.

Keyserling stammte aus einem alten baltischen Adelsgeschlecht. Schon früh zog es ihn zu den schönen Künsten, allen voran die Literatur. Charakteristisch für Keyserlings erzählerisches Werk subjektiver Erzählperspektive. Seine frühen Texte sind noch ganz dem Naturalismus verbunden, seine späteren Erzählungen und Novellen weisen ihn als einen der wichtigsten Vertreter des deutschen Impressionismus aus.

Max Halbe, Lovis Corinth und Frank Wedekind gehören unter anderen zu seinen Künstlerfreunden. Gerade jene Kunstszene in München und Schwabing wird für den Heimatlosen zu einer neuen künstlerischen Wahlheimat. In München verbringt Keyserling auch seine letzten Lebensjahre. Als die Krankheit weiterhin fortschreitet und er vollständig erblindet, verlässt er nur noch selten seine Wohnung. Im September 1918 stirbt Keyserling.

 

 

Autor: Klaus Modick
Titel: „Keyserlings Geheimnis“
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 3462051563
ISBN-13: 978-3462051568




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