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Burghart Klaußner: „Vor dem Anfang“

Am: | September 25, 2018

Dieses Buch ist eine Zumutung! Kaum beginnt man mit dem Lesen, kann man nicht mehr aufhören! Berufliche Termine, familiäre Verabredungen, Essens- und Schlafenszeiten: kannste alles vergessen! Jetzt ist der Klaußner dran, und der schreibt als Schriftsteller so gut, wie er als Schauspieler schauspielert!

„Vor dem Anfang“ kommt das Ende. Aber das dauert. 172 Seiten lang muss man darauf warten, dass endlich der Zweite Weltkrieg in Berlin zu Ende geht. Auch das ist ziemlich nervenaufreibend. Wir lesen die Geschichte zweier Männer — Fritz und Schultz. Der eine hat Familie, der andere nicht. Der eine will sich verstecken, der andere natürlich auch, aber der weiß nicht, wo. Fritz hingegen weiß genau, wo er untertauchen kann, bis dieser verrückte Krieg endlich zu Ende ist. Kann ja nicht mehr lange dauern. Ist alles in Auflösung. Aber umso gefährlicher ist es, sich draußen zu zeigen. Überall lauern die Kettenhunde der Feldgendarmerie, und die machen schnell kurzen Prozess.

Die ganze Stadt liegt im Endkampf, die Russen sind schon ganz nah, überall in der Stadt, und trotzdem bekommen die beiden einen Marschbefehl: Sie sollen eine kleine Blechkiste mit 750 RM von Johannisthal zum Reichsluftfahrtministerium nach Mitte bringen. Mittenrein in die Kampfzone. Eigentlich ein Himmelfahrtskommando, aber Befehl ist Befehl. Von dort aus will sich Fritz weiter bis zum Wannsee durchschlagen, wo sein Boot liegt, auf dem er sich verstecken und das Ende des Krieges abwarten will.

Einmal quer durch das umkämpfte Berlin geht also die Reise. Fahrräder haben sie zwar, aber das ist Ende April 1945 nur ein schwacher Trost, schließlich sind viele Straßen unpassierbar wegen der ganzen Trümmer und der Barrikaden für den Volksturm.

Burghart Klaußner hat einen temporeichen Abenteuerroman geschrieben, eine Zeitreise in das kriegszerstörte Berlin Anfang 1945. Es ist zugleich eine Zeitreise in das Berliner Milieu und eine „Tour de Force“ einmal quer durch die kaputte Frontstadt. Der Autor ist gebürtiger Berliner, das merkt man nicht nur an seiner Sprache und am Wortwitz, sondern auch an seiner Ortskenntnis.

In seinem Debütroman zeichnet er ein liebevolles Bild seiner Stadt und ihrer Bewohner im Belagerungszustand, und er gewährt dabei auch jener sprichwörtlichen Berliner Schnauze genug Raum, die für das alte Berlin so charakteristisch war. — Fast könnte man glauben, Burghart Klaußner hätte nie in seinem Leben etwas Anderes gemacht, als zu schreiben. Doch er hat eigentlich immer etwas Anderes und alles Mögliche gemacht, außer zu schreiben. — Das ist ein Skandal, und nun haben wir gottseidank endlich den ersten Roman von ihm auf dem Tisch, in der Hand, im Bett, vor der Nase und wo auch immer sonst.

Hoffentlich folgen noch viele weitere. Man hörte es munkeln, dass bereits ein zweites Buch in Arbeit sei. Der Autor befände sich im Zustand der akuten Inkubation mit einem neuen Stoff. Wohlan denn! Greif´ zur Feder, Kumpel! Oder besser: Hau in die Tasten! Wir warten. Sind ungeduldig. Freuen uns. Sind erwartungsvoll. Neugierig. Und warten, bis es (hoffentlich schon bald!) wieder klaußnert.

 

 

Autor: Burghart Klaußner
Titel: „Vor dem Anfang“
Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 3462051962
ISBN-13: 978-3462051964




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