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Interview mit Pavel Kohout am 03.11.09 in Berlin

Am: | November 5, 2009

Pavel Kohout (Fotograf: Mariusz Kubik; Creative Commons License: gdfl)

KULTURBUCHTIPPS: Ich habe Ihr neues Buch gelesen, und es ist wirklich eine interessante Geschichte. Ich habe es mit Freude gelesen, denn es ist wirklich spannend geschrieben.

PAVEL KOHOUT: Dazu kann ich nichts sagen. (lacht)

KULTURBUCHTIPPS: Sie haben vorhin im Vorgespräch gesagt, Sie würden Ihr neues Buch, „Die Schlinge“, nicht als Sachbuch bezeichnen. Als was würden Sie es bezeichnen?

PAVEL KOHOUT: Es ist ein Roman, eine totale Fiktion. Wenn Sie Stendhal lesen, z.B. „Rouge et Noir“, dann ist es eine Fiktion, und es hat gleichzeitig eine genaue politische und gesellschaftliche Grundlage.

KULTURBUCHTIPPS: Das ist richtig. Aber bei Ihrem Buch kam ich ins Grübeln. Natürlich ist es einerseits ein Roman. Aber was ist es noch: Es ist eine Liebesgeschichte, es ist ein „Polit-Thriller“, würde man heute sagen. Aber gibt es vielleicht auch einen autobiografischen Anteil? – Auf diese Frage kam ich, nachdem ich ein wenig im Internet recherchiert und mich darüber informiert hatte, wie denn Ihr eigener persönlicher Lebenslauf aussieht. Und dabei fand ich ein paar Sachen, von denen ich dachte, da seien vielleicht Parallelen zu finden.

PAVEL KOHOUT: Ja, das geht im Tschechischen sogar so weit, dass Jan Soukup, der Held des Romans, meine Verse benutzt. Ich habe ihm die eigene Poesie aus den 50er Jahren auf den Weg gegeben. Das habe ich dann jedoch in der deutschen Fassung alles gestrichen – aus einem einfachen Grunde: Meine Poesie aus den 50er Jahren war ideologisch-politisch falsch, aber es war eine gut gemachte Poesie. Die kann man aber nicht mehr übersetzen, denn die gereimte Poesie gehört heute schon der Vergangenheit an. Deswegen wollte ich nicht, dass der Soukup wie ein Idiot aussieht und habe das lieber gestrichen. – Ansonsten ist es nicht autobiografisch, ich habe mit dem Mann nichts zu tun, aber der Soukup gehört zu meiner Generation, er ist sogar zehn Jahre älter als ich damals nach dem Kriege war. Und diese Generation hat bis zu einem gewissen Punkt einen Weg beschritten, der ähnlich war. Bis zu dem Moment, wo man geglaubt hat, dass es eine gerechte Sache ist. In dem Moment, wo man festgestellt hat, es ist keiner, da haben sich die Wege getrennt. Einige konnten nicht dem Teufel widerstehen, und andere haben sich in eine Richtung gedreht, die dann mit dem Prager Frühling endete. Insoweit habe ich mit dem Jan Soukup nichts zu tun.

KULTURBUCHTIPPS: Gut, aber da sind noch andere Details, die mir aufgefallen sind. Ich habe das von einer Seite im Internet, vom Tschechien-Portal der Brücke-Most-Stiftung, die sich sehr ausführlich mit Ihrem Buch „Wo der Hund begraben liegt“ beschäftigt, in dem es ja um die Umstände zu Ihrer Ausbürgerung aus der CSSR nach Verfassung der Charta 77 geht. Und auf diesem Portal findet sich auch ein Abriss Ihres Lebenslaufs, in dem ich einige Details gefunden habe, die sich auch in Ihrem neuen Roman wieder finden: Nehmen wir z.B. den Vater von Jan Soukup, der im Roman als feuriger Kommunist beschrieben wird, der in den 30er Jahren lange arbeitslos ist, oder die Mutter, die mit selbst gestrickten Pullovern den Lebensunterhalt der Familie sichert. Dies sind ein paar Beispiele, die in Ihrem Lebenslauf zu finden sind und die ich auch in Ihrem neuen Buch wieder entdeckt habe. Deshalb kam ich anfangs auf die Frage, ob es nicht auch einen gewissen autobiografischen Anteil in dem Roman gibt.

PAVEL KOHOUT: Mein Vater war ein Intellektueller. Er hat acht Sprachen gesprochen, und er hat nie in einem Eisenbahndepot gearbeitet. Aber er wurde von der gleichen Welle der Arbeitslosigkeit erfasst. – Meine Mutter ist die Mutter, die damals gestrickt hat wie auch die Mutter von Jan Soukup. Aber in einer Fiktion ist es so, dass sich die Sachen zusammen reimen, die geschehen sind und ungeschehen sind. Der Spirit, der Geist der Zeit ist geblieben, aber die Einzelheiten stimmen nicht. Ich wohnte nie in Karlín, ich bin kein Proletarier-Kind,…

KULTURBUCHTIPPS: Ja, das habe ich auch gelesen. Der eine Großvater war sogar Filialdirektor bei einer Bank, und der andere eine leitende Stellung bei den Kohlebergwerken.

PAVEL KOHOUT: Richtig, er war Bergingenieur.

KULTURBUCHTIPPS: Sie sagten eingangs, die Erbauungslyrik nach dem Kriege sei ideologisch der falsche Weg gewesen.

PAVEL KOHOUT: Schauen Sie, es ist so: Man versteht heute nicht, wie Menschen wie ich oder damals die Mehrheit der Bevölkerung der Tschechoslowakei die kommunistische Partei wählen konnten. Dabei war das einfach zu erklären. Nach dem Ersten Weltkrieg war die Tschechoslowakei ein Land, das sich unter den zehn größten Industrieländern der Welt befand, und auch sie wurde von der Weltwirtschaftskrise erfasst. Im Vergleich zu der damaligen Wirtschaftskrise ist die heutige ein Schmarren, weil es damals die Welt wirklich so erfasste, dass es zu einer Katastrophe führte. Die Tschechoslowakei – ein Land mit 15 Millionen Einwohnern – hatte damals fast drei Millionen Arbeitslose. Das berührte das ganze Land und hatte es lahm gelegt. Und dies hatte man damals verstanden als das totale Versagen des Kapitalismus. Dann kam einige Jahre später das Münchener Abkommen. Das Land wollte sich wehren, das Land konnte sich wehren, vielleicht nicht auf Dauer, aber sich länger als die Polen, denn wir waren die fünftgrößte Waffenschmiede der Welt, und die Leute wollten sich damals wirklich wehren. Das haben jedoch die Engländer und Franzosen nicht erlaubt, und deren Rückzug auf den Pazifismus, das hat man in der Tschechoslowakei aufgefasst als das totale Versagen der freien Demokratien. Wenn Sie das jetzt also zusammen nehmen – das totale Versagen des Kapitalismus und der freien Demokratien und dann die Befreiung durch die Rote Armee –, dann war meine Generation – ich war damals 17 nach dem Krieg – sicher, dass wir ein anderes System und einen anderen Schirmherrn suchen müssen. Und das ist, was sie gefragt haben: Einige Jahre später hat sich das erwiesen als ein Weg vom Teufel zum Beelzebub, weil da überhaupt nichts gestimmt hat. Dann kam plötzlich die große Ernüchterung, und da hat sich das ganze Ding gespalten – in die Jan Soukups, die unter Schock weiter machten, und in diejenigen, die das Gefühl hatten, dass sie etwas dagegen machen müssten. Ab dann habe ich mit dem Haupthelden nichts zu tun, aber bis dahin ist es das Schicksal meiner Generation, die daran geglaubt hat.

KULTURBUCHTIPPS: Sie haben daran geglaubt und gingen durch die gesamte Stalin-Zeit „im guten Glauben“.

PAVEL KOHOUT: Im guten Glauben, ja. Aber in dem Moment, als man verstand, was da wirklich passiert, da musste man sich entscheiden, ob man weiter „im guten Glauben“ bleibt, wenn man schon keinen echten Glauben hat oder ob man sich dagegen stellt, und das war dann die Zeit, in der der so genannte Prager Frühling eigentlich schon entstanden ist. Das war keine Geschichte des Jahres 1968 sondern ein Prozess, der schon zwölf Jahre dauerte – von der Erkenntnis bis zu den Panzern.

KULTURBUCHTIPPS: Das war ja dann auch der Weg in die Richtung eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, wie Sie es nennen.

PAVEL KOHOUT: Das habe nicht ich mir ausgedacht, sondern das war die Dubcek-Geschichte von damals. Aber ich möchte noch einmal betonen: Alles was ich schreibe, sind Romane, aber auch Romane können und müssen verankert werden. Ich hatte eingangs Stendhal erwähnt, aber das gilt für viele Romane von Tolstoi, von Dostojewski und anderen: Sie sind verankert in der Zeit und in der Gesellschaft. Aber die Handlung ist natürlich fiktiv.

KULTURBUCHTIPPS: Das ist aber auch, wenn man mal die Fantasy-Literatur weg lässt, der Ansatz eines jeden Romans: in einer bestimmten Gesellschaft zu spielen, in einer gewissen Zeit zu spielen und darin verankert zu sein und über diese Schiene Geschichte auch nacherlebbar und erfahrbar zu machen. Das ist Ihnen in Ihrem neuen Roman wirklich hervorragend geglückt. Ich bin selbst Jahrgang 1961 und habe mit dieser Zeit gar nichts zu tun gehabt, und fand es faszinierend, wie es Ihnen gelungen ist, in der Handlung auch die Vielschichtigkeit der Motivationen der einzelnen Protagonisten  deutlich werden bzw. immer wieder aufblitzen zu lassen, so dass man denkt, okay, das geht jetzt in diese Richtung, und beim nächsten Kapitel wendet sich die Richtung komplett. Zum Beispiel die Passage mit der Entführung von Felix Fischer: Ist es nun eine Aktion, die vielleicht von vornherein geplant war? Oder die Verwirrungen bei der Flucht über die Grenze… Das waren wirklich Sachen, wo ich das, was sonst in Geschichtsbüchern versucht wird zu vermitteln, durch die Lektüre viel greifbarer nacherleben konnte.

PAVEL KOHOUT: Das klingt gut.

KULTURBUCHTIPPS: Ihr Buch ist für mich wirklich eine der besten Neuerscheinungen dieses Herbstes.

PAVEL KOHOUT: Das freut mich sehr.

KULTURBUCHTIPPS: Und ich bin sicher, dass es auch von der Presse sehr gut aufgenommen wird.

PAVEL KOHOUT: Ich habe noch keine Ahnung, denn es ist noch zu frisch. Aber es ist schon verfilmt und zwar als Fernsehfilm. Ich selbst schreibe entweder zunächst einen Roman und dann das Drehbuch oder zunächst das Drehbuch und dann einen Roman, weil ich also gleich an eine Umsetzung denke. Dieses Mal schrieb ich zunächst das Drehbuch, dann den Roman. Der Roman hat den Vorteil, dass er viel erzählen kann über die Figuren und die Geschichten, die man nicht im Film zeigen kann. Aber es wurde schon verfilmt, und es ist eine wunderbare Verfilmung. Aber es wurde noch nicht gesendet, es ist also quasi noch jungfräulich.

KULTURBUCHTIPPS: Ihr Roman ist also in der Tschechischen Republik schon früher erschienen.

PAVEL KOHOUT: Ja, schon vor einem Jahr. In diesem Jahr vor einigen Tagen erschien auch schon mein neuer Roman. Ich habe ja praktisch nichts zu tun, deswegen arbeite ich immer.

KULTURBUCHTIPPS: Das klingt schön.

PAVEL KOHOUT: Ja, das ist so meine Art, wie ich mein Leben so überleben kann. Und „Die Schlinge“ ist also die Arbeit des vorigen Jahres.

KULTURBUCHTIPPS: Das wäre eigentlich eine meiner letzten Fragen gewesen: „Was kommt als nächstes?“

PAVEL KOHOUT: Als nächstes kommt ein neuer Roman, der heißt „Der Fremde und die schöne Frau“. Es ist eine Geschichte, die ich für eine tschechische Zeitung geschrieben habe. Sie ist die führende seriöse Zeitung auf dem Markt, und ich habe sie überzeugt, dass wenn sie mal wirklich eine große Zeitung sein wollen, dann müssen sie auch einen Roman auf Fortsetzungen schreiben, und die sagten mir: „Dann schreiben Sie es!“ So habe ich es geschrieben, und mit 64 Fortsetzungen ist das schon im Frühjahr über die Bühne gegangen. Es ist eine Geschichte, die eigentlich auch ein bisschen eine deutsche Geschichte ist, denn die Überfremdung tschechischer Städte geht genauso voran wie in den deutschen Städten. Die Geschichte spielt in einer nordböhmischen Stadt, wo eine alte Frau, die man ihr Leben lang immer nur „die schöne Frau“ nennt, weil sie so schön war und bleibt, plötzlich allein geblieben ist in einem Straßenzug, wo nur noch Fremde wohnen. Sie nimmt einen Untermieter, und das ist ein Kurde. Der Kurde wollte im Iran der erste kurdische Chirurg werden, und er wurde in Tschechien der erste Polier auf einem Bau. Aber er ist siebzig, und sie ist fast siebzig, und es ist die Geschichte zweier Menschen verschiedener Herkunft, die sich plötzlich treffen und etwas Schicksalhaftes erleben miteinander.

KULTURBUCHTIPPS: Das klingt spannend. Das wird doch wahrscheinlich auch einen deutschen Verlag finden?

PAVEL KOHOUT: Wollen wir mal sehen, ob der Osburg-Verlag das aufnimmt. Ich habe jetzt eine achtjährige Pause gehabt. Ich war bei Bertelsmann 15 Jahre. In diesen 15 Jahren habe ich zwar sieben Romane geschrieben, aber auch acht Verlagsleiter kennen gelernt. Das war mir zu bunt. Deswegen habe ich sie verlassen, habe meine Rechte an mich gezogen, und es dauerte acht Jahre, bis ich wieder frei war. Und jetzt habe ich einen kleinen, aber feinen Verlag. Und der nächste Titel wird meine Autobiografie, die in Tschechien schon erschienen ist. Die wird auf Deutsch heißen: „Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel“.

KULTURBUCHTIPPS: Was für ein schöner Titel!

PAVEL KOHOUT: Ja, ich habe sie alle schon irgendwie miterlebt und überlebt – bis auf Havel natürlich. Den habe ich gerade vorige Woche getroffen, und er ist noch ganz gesund. Gott sei Dank. Aber das ist eine echte Biografie, ein Versuch zu erklären, was ich Ihnen vorhin bereits gesagt habe: Warum war man Kommunist und warum ist das nicht mehr an der Zeit.

KULTURBUCHTIPPS: Ich finde das auch aus der Zeit heraus durchaus plausibel: Es war die Zeit der großen Ideen. Es war aber auch die Zeit der Verblendungen oder der falschen Umsetzungen dieser Ideen. – Aber ich wollte Sie noch einmal fragen: Sie sind ja auch selbst leidgeprüft gewesen durch dieses System, sind ja auch nach der ganzen Geschichte mit der Charta 77 letztlich ausgebürgert und zuvor aus der Partei ausgeschlossen worden. Nun feiern wir in diesen Tagen gerade 20 Jahre Mauerfall: Die Wende war ja noch einmal ein ganz anderer Bruch, wodurch die ganze sozialistische Idee, wie man jetzt einmal unterstellen könnte, vom Kapitalismus überholt bzw. abgelöst wurde. Ist denn dadurch die sozialistische Idee oder das sozialistische Empfinden auch bei Ihnen verschwunden?

PAVEL KOHOUT: Ich habe mich nie auf die so genannte andere Seite begeben. Ich kam also nie auf die Idee, dass das Gegenteil [vom Sozialismus] richtig ist. Ich glaube aber, dass inzwischen in der europäischen Gesellschaftsordnung ein Zwischenweg gefunden wurde: also eine Art „Kapitalismus mit menschlichem Antlitz“. Jedenfalls eine kapitalistische Gesellschaft mit einer starken sozialistischen Note, das finde ich auch für die Zukunft unumgänglich. Ansonsten wird das nicht mehr lange so funktionieren, wenn sich die soziale Schere sich so auseinander zieht, bis es in einer Katastrophe endet. – Ein Schriftsteller steht immer gewissermaßen automatisch links von der Mitte, weil er die Sache der Gerechtigkeit ernster nimmt als ein Banker. Daher habe ich nicht das Gefühl, dass ich mich von der ursprünglichen Idee entfernt habe bis auf eines: Sie darf  nicht mit Gewalt durchgesetzt werden, und sie darf nicht als Vorwand für egoistische Ziele dienen, wie es in der Sowjetunion der Fall war. Die Sowjetunion war ein imperialistisches Ungetüm und hat sich als ein sozialer Staat ausgegeben.

KULTURBUCHTIPPS: Der berühmte „Wolf im Schafspelz“ also. Das haben Sie sinngemäß auch in einer Rede gesagt, die ich im Internet gefunden habe – die Festrede anlässlich der Verleihung des Kulturpreises von Niederösterreich 2003. Das sagen Sie unter anderem: „Mein Leben hat mir drei Gewissheiten beschert: 1. Die persönliche Erfahrung ist nicht übertragbar – 2. Der Tropfen höhlt den Stein nicht durch Kraft, sondern durch stets Fallen.“ Und das dritte ist das, worauf das andere dann letztlich auch hinaus führt: dass letztlich „die Kraft aller Kräfte, mit der sich alles erreichen lässt, der Kompromiss ist“. Und in einem anderen Zusammenhang kommen Sie auch auf die „Wahrheitsträger“ zu sprechen: jene Leute, die meinen, die Wahrheit mit Löffeln gegessen zu haben und im Glauben und Verteidigen dieser alleingültigen Wahrheit auch jedes Mittel einsetzen zu dürfen, sei es Macht oder auch Gewalt. Und ich denke, dies ist genau das, was zu jener Zeit passiert ist: dass man überzeugt war, die Wahrheit gefunden und den richtigen Weg eingeschlagen zu haben und diesen Weg dann auch mit Macht verteidigt hat. Und so geschah dann, was Sie auch schon beschrieben haben: dass die Einen gesagt haben: „Halt, ich gehe da nicht weiter.“, und die Anderen waren dann in ihrem Machtstreben gefangen und innerhalb des Machtapparats so verflochten, dass sie beschlossen weiter zu machen.

PAVEL KOHOUT: Das habe ich nicht nur für die Kommunisten gesagt. Ich bin eingeladen in 14 Tagen zum Kongress deutscher Schriftsteller, wo ich den Kollegen in Erinnerung rufen will, wie sie sich in den 70er und 80er Jahren verhalten haben. Ich habe damals zum Beispiel Bernt Engelmann, das war der damalige Vorsitzende des Verbandes, gebeten, sich für Vaclav Havel einzusetzen, der im Gefängnis saß. Und er sagte mir damals: „Zuerst müssen wir einen Frieden auskämpfen, und dann werden auch die Gefangenen befreit.“ Diese Idiotie gab es schon damals, und dann hat sich auch noch herausgestellt, dass der Engelmann ein IM der Staatssicherheit war. Das war dann die bittere Pointe.

KULTURBUCHTIPPS: Dies erklärt aber auch seine Antwort, jenes ideologisch Getragene „Erst den Frieden auskämpfen und dann kommen wir zu den kleinen Dingen“… – Wie war das eigentlich bei Ihnen? Gut, dies ist eine Frage, die brauchen Sie nicht zu beantworten…

PAVEL KOHOUT: Ich beantworte alle Fragen! (lacht)

KULTURBUCHTIPPS:  Jüngst sind diese Fragen nach dem Verhältnis zur Staatssicherheit auch im Zusammenhang mit Milan Kundera aufgetaucht. Sie selbst gehen diese Fragen ja eher progressiv an und sagen sehr offen, dass es solche Kontakte gab in früherer Zeit…

PAVEL KOHOUT: Nicht Kontakte. Ich habe die Staatssicherheit gegründet! Nein, ich sage es ganz genau so; denn die Kommunisten der ersten Stunde vergleiche ich immer mit der Französischen Revolution: Wenn man die Bastille erstürmt, dann muss man auch dafür sorgen, dass es eine Organisation gibt, die die Revolution verteidigt. Das ist ganz klar. Und als ich damals jung war, gehörte ich zu der Generation, die die Wahl hatte: Armee oder Staatssicherheit oder Partei oder oder. Und ich hatte das Glück, dass ich bei der Poesie blieb, aber ansonsten war ich damit einverstanden, dass das existiert. – Aber der Milan ist sicher unschuldig, denn er war damals Funktionär von einer Hochschule und dafür verantwortlich, dafür zu sorgen, dass da keiner übernachtet. Er konnte nicht wissen, das ist meine Erklärung, ob es vielleicht eine Prüfung ist – also dass man seine Loyalität prüfte – oder ob es wirklich war. Er hat es schlicht und einfach gemeldet. Er war kein Kollaborant, er war kein Mensch, der andere schädigen wollte. – Sein Fehler ist, aber das ist unser ewiger Streit, dass er seine Vergangenheit unter den Teppich kehrte. Für ihn beginnt seine Biografie eigentlich erst, als er 30 war. Er bekam den Staatspreis für ein Poem über einen kommunistischen Heiligen, und das sind die Sachen, mit denen ich nichts zu tun haben will. – Schade. Aber er ist sicher ein Ehrenmann, das ist für mich keine Frage. Er hat sich aber wirklich selbst geschadet mit seiner Geheimhaltung.

KULTURBUCHTIPPS: Ich denke auch, Offenheit ist der einzige Weg. Man muss dies doch auch im historischen Rückblick betrachten, falls die Leute nicht gerade IMs waren und wirklich aktiv andere Leute bespitzelt haben; denn dann ist dies natürlich noch einmal eine ganz andere Sache. Aber wenn Leute aufgrund ihrer Funktion oder, wie Sie es für sich selbst beschrieben haben, durch ihre Befürwortung die Staatssicherheit unterstützt haben, so hat dies einfach eine andere Wertigkeit und ist im damaligen historischen Kontext zu verstehen.

PAVEL KOHOUT: Ich habe dem Milan Kundera immer gesagt – wir sind und waren Freunde – ich habe immer gesagt: Es ist doch sehr wichtig, dass die jungen Menschen wissen, dass aus einem, wie wir es waren, ein Kundera werden kann. Und dass es unsere Pflicht ist zu versuchen, dies zu erklären. Deshalb schreibe ich seit vierzig, fünfzig Jahren über meinen Fall um zu erklären, wie es passieren kann, dass man guten Glaubens auf etwas reinfällt, was sich als Verbrechen entpuppt.

KULTURBUCHTIPPS: Und dass man auch daraus lernen und die Erfahrung nutzen kann, um das eigene Verhalten zu ändern. Das ist schon ein Auftrag, den man generationsübergreifend erfüllen sollte.

PAVEL KOHOUT: Wobei natürlich, wie schon gesagt, die persönliche Erfahrung nicht übertragbar ist. Sie muss immer wieder selbst gemacht werden, da hilft einem keiner. Aber wenn man doch noch einige warnende Beispiele vor Augen hat, so kann man ein bisschen darüber nachdenken, wie man sich verhalten sollte.

KULTURBUCHTIPPS: Kommen wir zu einem anderen Punkt. Wie verliefen Ihre Recherchen zu diesem Buch?

PAVEL KOHOUT: Ich mache gar keine Recherchen. Ich schreibe aus der Erinnerung, ich habe es ja erlebt. Ich schreibe ohne Konzept und ohne Gerüst. Ich lasse alle meine Sachen sich entwickeln und versuche immer, am Anfang eine interessante Mannschaft zusammen zu bringen, die die Handlung irgendwie bewegen kann, und dann lasse ich mich vom Dialog der Figuren führen. Das endet bei etwa 30% der Versuche mit einem Misserfolg, wenn es plötzlich nicht mehr funktioniert und ich nicht weiter weiß. Aber wenn es funktioniert, dann ist es natürlich sehr lebendig. Denn dann bin ich mein erster Leser, der dann dieses Buch weiter entwickelt. Aber Recherchen brauche ich keine. Alle Figuren sind fiktiv. – Allerdings haben sich schon zwei Leute gemeldet in Prag, die das Gefühl haben, dass in der Geschichte echte Personen des Jahres 1948 gemeint wurden. Es gab tatsächlich, aber das habe erst nachträglich erinnert, den realen Fall eines sozialdemokratischen Ministers, der aus Salzburg entführt wurde und dann im tschechischen Gefängnis starb. Als mir seine Familie schrieb, das Buch solle ihm gewidmet werden, sagte ich nur, es tut mir sehr leid, aber ich wusste von dem Fall wirklich nichts. Jedoch kann ich mir vorstellen, dass es ein typisches Problem der Zeit war. Auch die Art und Weise, wie sich die Kommunisten mit ihrem letzten Gegner auseinander setzen – das war die Sozialdemokratie.

KULTURBUCHTIPPS: Der nächste Nachbar ist der größte Feind.

PAVEL KOHOUT: Genau.

KULTURBUCHTIPPS: Noch einmal zu der Person des Jan Soukup. Bei einem Roman stellt sich ja immer die Frage der Erzählperspektive. Ich fand die Entscheidung sehr gut, die Geschichte aus der Perspektive des Jan Soukup zu erzählen. Man hätte sie ja auch aus der Perspektive der Kamila erzählen können, einer Frau, die zwischen den beiden Männern steht… Aber dann wäre sicherlich ein anderer Roman daraus geworden.

PAVEL KOHOUT: An sich ist die Geschichte erzählt aus meiner Perspektive; denn alle Figuren haben das Recht bekommen, ihre Vergangenheit zu äußern, und natürlich ist Jan Soukup die tragische Figur. Und ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, meine Frau ist Zeuge, dass ich selbst bis zu der Gerichtsszene nicht wusste, wie er sich entscheidet. Er ist zu ernst und zu positiv, als dass er wirklich an einen Verrat denken könnte. Er hat ja sogar von selbst den Wunsch geäußert, bei seiner Zeugenaussage Nein zu sagen. Es war seine Idee, niemand hat ihn gezwungen, und er hat es der Kamila erzählt. Und dann plötzlich kommen da die zwei Schläge von dem unbekannten Boxer, das war die Erschütterung. Und dann ist da plötzlich der totale Verlust der Identität. Und das passiert bei vielen Menschen.

KULTURBUCHTIPPS: Beim ersten Lesen des Endes habe ich gedacht, das passt einfach nicht. Denn der Jan geht doch wirklich so entschieden auf das alles ändernde „Nein“ in der Gerichtsverhandlung zu, und ich war beim Lesen fest davon überzeugt, dass es jetzt am Ende wirklich knallt. Doch dann kommt dieses „Ja, ich habe ihn gesehen“, und ich dachte nur, was ist das denn?! – Danach habe ich dann jedoch überlegt, welches Verhalten realistisch wäre und habe mir die Situation im Gerichtssaal vorgestellt. Dieser Jan Soukup steht ja nun wirklich zwischen den Fronten. Er ist einerseits ideologisch überzeugt davon, dass es richtig ist. Andererseits ist hier sein Freund angeklagt, und Felix Fischer ist ihm ja auch zum Freund geworden. Und auf einer dritten Ebene ist er der Mann seiner Geliebten…

PAVEL KOHOUT: … und vor allem ist es kein einziges Mal in den 50er Jahren vorgekommen, dass so etwas geschah: ein Nein. Deswegen hielt ich es in diesem Moment für absolut unrealistisch, und die Geschichte wäre eigentlich ein Märchen geworden. – Ich mag sehr den Film „Das Leben der Anderen“. Ein wunderbarer Film, aber der Stasi-Mann ist natürlich ein Märchenonkel, der Stasi-Mann. Obwohl es ein wunderbarer Film ist, passierte soetwas nicht.

KULTURBUCHTIPPS: Ich fand es dann auch am plausibelsten, dass er Ja sagt…

PAVEL KOHOUT: Aber das ist dann auch sein Ende. Und das Wichtigste ist, als er dann mit dem Teringl spricht und ihm sagt, es hätte sowieso nichts genutzt.

KULTURBUCHTIPPS: Es wäre nur „ein Schlag ins Wasser“ gewesen…

PAVEL KOHOUT: Dann sagt der Teringl: „Ja, aber es wäre eine Sintflut daraus geworden!“ Da weiß Jan, dass sein Verhalten eine absolute Katastrophe gewesen ist. Und danach musste er ein Zyniker werden; denn es gibt dann nur noch zwei Möglichkeiten: entweder Selbstmord oder Zynismus.

KULTURBUCHTIPPS: Und auf diese Weise endet die Geschichte wirklich mit einem großen Knall.

PAVEL KOHOUT: Na ja, es ist schließlich mein 13. Roman, und ich müsste inzwischen gelernt haben, wie es geht.

KULTURBUCHTIPPS: Herr Kohout, ich danke Ihnen für das Gespräch.




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