belletristiktipps.de

Mehr lesen. Mehr erleben.

Eugene Drucker: „Wintersonate“ – Interview in Berlin am 08.03.10

Am: | März 14, 2010

KULTURBUCHTIPPS: Mr. Drucker, Ihr Roman erzählt sehr eindrücklich die Geschichte eines deutschen Geigers während der letzten Monate des Zweiten Weltkrieges. Sie haben diese Geschichte sehr dicht geschrieben, und Sie bringen den Leser sehr nahe an das Geschehen heran. Dies unterscheidet Ihren Roman sehr von der Vielzahl anderer Bücher über das Dritte Reich und den Holocaust. Vielleicht liegt es auch gerade daran, dass der Protagonist Ihrer Geschichte selbst nicht Jude ist – ein Deutscher, der in seinem Leben und Erleben und in seinem Handeln gezeigt wird. – Kommen wir einmal auf die Geschichte selbst zu sprechen. Im Nachwort schreiben Sie, dass Teile dieser Geschichte auf Ihren eigenen Erfahrungen basieren, da Sie auch selbst in Hospitälern vor den Patienten Geige gespielt haben. Aber der Hauptteil der Geschichte geht, denke ich, auf die Erlebnisse Ihres Vaters, Ernest Drucker, sowie von Siegfried Borries, eines Freundes Ihres Vaters, während des Dritten Reiches zurück.

EUGENE DRUCKER: Ja, das ist richtig. Aber ich hatte die Idee zu dieser Geschichte lange bevor ich die im Nachwort genannte Biografie über Albert Speer, in der Siegfried Borries eine Rolle spielt, gelesen hatte. Ich hatte dieses Buch erst ein Jahr nach dem Tod meines Vaters gelesen, und ich hatte mir dann gewünscht, dass ich Gelegenheit gehabt hätte, meinen Vater dazu zu befragen. – Die Idee zur „Wintersonate“ war eine erfundene Idee, die nicht von der Geschichte meines Vaters kam, sondern ich hatte die grundsätzliche Idee zu dieser Geschichte. Sie ist vollständig in meinem Kopf entstanden. Vielleicht spielen dabei meine eigenen Erlebnisse in den Krankenhäusern mit hinein. Im ersten Entwurf war die ganze Geschichte das, was jetzt nur noch der Vordergrund der Handlung ist: die Erlebnisse im Lager. Erst danach habe ich dann diese Rückblenden hinzugefügt. Aber zunächst gab es diese einzige Idee, die Dynamik zwischen dem Künstler und dem Zuhörer ins Extreme zu ziehen, aber diese Idee reichte allein für die Geschichte nicht aus. Ich musste den Charakter des Protagonisten noch weiter vertiefen und ihm eine Vergangenheit geben. Das erste Kapitel ist aus meinen eigenen Erinnerungen entstanden, um einen guten Anfang für die Geschichte zu haben.

KULTURBUCHTIPPS: Der Beginn Ihres Romans wirkt ja auch auf den Leser wie eine kalte Dusche. Einer der Patienten im Lazarett ruft dem Geiger zu: „Kannst Du nicht lieber „Wiener Blut“ spielen?!“ und bringt ihn fast aus der Fassung. Ist Ihnen das selbst auch so gegangen, als Sie in Hospitälern gespielt haben, dass die Patienten gesagt haben, was Du da spielst, will ich gar nicht hören, spiel’ doch lieber mal dies und das?

EUGENE DRUCKER: Ja, das ist wirklich so passiert. Es war ein bisschen komisch. Ich hatte damals zum Glück auch andere künstlerische Tätigkeiten und probte für den Queen Elizabeth Geigen-Wettbewerb. Deshalb waren diese Erlebnisse im Hospital für mich nicht so schlimm wie für Burkhard Keller in meinem Roman.

KULTURBUCHTIPPS: Der Protagonist Burkhard Keller ist ja vom Kriegsdienst befreit, weil er eine schwache Gesundheit hat, aber er muss seinen „Kriegsdienst“ in Form seiner Musik ableisten. Gab es so etwas wirklich? Haben Sie das recherchiert?

EUGENE DRUCKER: Ich habe für meinen Roman etwas Recherche gemacht, aber nicht über diesen Punkt. Ich weiß nicht, ob es diese Form von Kriegsdienst im Deutschen Reich gab. Aber es gab solche Dienste auf der amerikanischen Seite, dass Künstler für die Truppen gespielt haben, um sie zu motivieren. Sogar Jascha Heifetz hat für die Soldaten gespielt.

KULTURBUCHTIPPS: In dieser Form gab es das bestimmt auch in Deutschland: dass deutsche Künstler für die Truppen gespielt haben. Man sprach dann von „Truppenbetreuung“. Aber in Lazaretten oder gar in Konzentrationslagern, das ist ja noch einmal eine ganz andere Geschichte… – Es gab auch Musik in den Konzentrationslagern, das ist ja dokumentiert, die jedoch im Lager selbst entstanden ist.

EUGENE DRUCKER: Wir wissen, dass die Insassen der KZs Musik gespielt haben. So zum Beispiel Alma Rosé in Auschwitz. Die Nazis hatten Alma Rosé sogar sehr gut behandelt und als sie sehr krank geworden ist, wollten sie sie retten. Sie genoss also eine außergewöhnliche Behandlung für eine Jüdin zu dieser Zeit. Also die Musik war den Nazis sehr wichtig und das ist ein Rätsel. Wie konnte jemand, der die Musik so sehr liebt, auch Menschen töten?

KULTURBUCHTIPPS: Es ist eine weitere Facette dieser unlösbaren Frage, wie ein Volk mit einer solch hohen Kultur wie die Deutschen zu derartigen Gräueltaten in der Lage ist. Dies ist wohl eine Frage, auf die es wahrscheinlich niemals eine abschließende Antwort geben kann, die jedoch immer wieder neu gestellt werden muss.

EUGENE DRUCKER: Man kann nur andere Arten finden, diese Frage zu stellen, aber keine Antwort erhoffen.

KULTURBUCHTIPPS: Während der Lektüre Ihres Buches kam mir eine solche andere Frage in den Sinn: Burkhard Keller ist ja ein Charakter, der eher passiv auf seine Umwelt reagiert; der einerseits seine Liebe zur Kunst und zur Musik hat, der aber andererseits gut verdrängt, dass sein Geigenspiel im Lazarett und später im Konzentrationslager durchaus missbraucht wird. Besonders im Lager bekommt er jedoch immer mehr mit, dass er eine aktive Rolle spielt und Teil eines Experiments wird. Am Anfang denkt er noch, er spielt in einem Arbeitslager; der Lagerkommandant scheint ein kulturbegeisterter Mann zu sein, der ihn eingeladen hat, dort zu spielen. Burkhard Keller redet sich das Ganze schön, aber er merkt sehr bald, womit er wirklich zu tun hat. Was er zunächst für eine Gummifabrik auf dem Lagerkomplex hält, sind in Wirklichkeit die Öfen der Krematorien; die Produktion wird auch nicht, wie der Kommandant ihm erzählt, aus Rücksicht auf seine empfindliche Künstlernase eingestellt, sondern schlicht und einfach, weil die Verbrennungsöfen hoffnungslos überlastet sind und gereinigt werden müssen. Eines kommt zum Anderen. Keller lernt im Lager eine Frau aus seinem „Publikum“ näher kennen: Margret, die ihm dann auch ihre Geschichte und die Geschichte ihrer Familie im Lager erzählt, und spätestens dann wird auch ihm klar, dass er aktiv an einem höllischen Experiment Teil nimmt. Trotzdem spielt er weiter. Wie schafft er das? In der Geschichte konzentriert sich Keller allein auf seine Musik. Er möchte weiter vor diesen Menschen spielen, diesen Kreaturen, die bis aufs Skelett abgemagert und vom nahenden Tod gezeichnet sind. Er konzentriert sich auf sein Geigenspiel, auf seine Fingerfertigkeit, und schafft es dadurch, sein eigenes Überleben zu sichern und nicht an der Situation zu zerbrechen oder aus ihr auszubrechen.

EUGENE DRUCKER: Die Gelegenheit, mit Margret aus dem Lager zu fliehen, versäumt Burkhard Keller. Aber vielleicht ist es auch keine Gelegenheit gewesen, sondern eine Falle des Kommandanten. Das Tor stand offen. Ich wollte in meinen Roman auch einige Elemente aus dem Mythos von Orpheus und Eurydike einbauen: Orpheus stieg in die Unterwelt hinab, um seine Frau wieder zu finden. Er hatte durch seine eigene Schuld seine Frau vor Jahren verloren. Burkhard Keller findet dort im Lager eine Frau, die ihn an seine frühere Liebe Alina erinnert, und er hat vielleicht die Gelegenheit, mit Margret aus diesem Lager weg zu gehen. Aber er nimmt diese Gelegenheit nicht wahr; aber vielleicht war es keine Gelegenheit und man hätte die beiden einfach erschossen.

KULTURBUCHTIPPS: Man merkt ja auch, wie Kellers Verhältnis zu dem Kommandanten sich wandelt. Zunächst denkt Keller, dass der Kommandant ihn ins Lager zum Spielen beordert hat, weil er ein Kunstliebhaber und ihm wohl gesonnen ist, und er wird ihn sicherlich gut behandeln. Dann merkt er jedoch bald, dass diese Einschätzung gar nicht so sicher ist. Das betrifft auch die Möglichkeit, mit Margret und den Leuten aus ihrer Baracke durch das Tor in die Freiheit zu gehen. Das geschieht aber zu einem Zeitpunkt, an dem die Geschichte schon kippt und Burkhard Keller immer mehr seine eigene Sicherheit verliert und versteht, dass er selbst nur ein Teil des Experiments geworden ist. Keller hat die Gefahr auf sich gezogen, allein weil er Augenzeuge des Lagers geworden ist. In dem Moment, wo er das Lager verließe, wäre er als Augenzeuge der Geschehnisse im KZ selbst zu einem Sicherheitsrisiko geworden.

EUGENE DRUCKER: Er fühlt in sich eine gewisse Verantwortlichkeit für die Insassen im Lager und fühlt sich durch seine Aufführungen mehr und mehr zu den Insassen gehörig als zu den Machthabern. Und er nähert sich auch seinem musikalischen Selbst an während dieser Tage im Lager, weil er auch musikalisch tot ist durch die Erlebnisse am Anfang der Geschichte. Es scheint ihm, dass es eine Möglichkeit gibt, diese Insassen zu retten. Es gibt nur eine sehr kleine Chance, aber es könnte möglich sein, weil er die Motivation des Kommandanten nicht ganz verstehen kann. Ich mache diesen Punkt auch während der Geschichte nicht ganz klar bis kurz vor dem Ende.

KULTURBUCHTIPPS: Am Ende der Geschichte zeigt sich dann die wirkliche Motivation des Kommandanten, und das geht einem als Leser schon wirklich sehr nahe. – Sie sagten gerade, Burkhard Keller war tot für seine Musik. Der Auslöser für diesen Tod ist ja Jahre vorher passiert, das ist seine Geschichte mit Alina. Burkhard lernt Alina auf dem Konservatorium kennen; er möchte mit ihr zusammen musizieren, aber man merkt sehr schnell, dass da mehr dahinter steckt. Sie verlieben sich und werden für kurze Zeit ein Paar. Er ist Deutscher und kein Jude; Alina stammt aus einer jüdischen Emigrantenfamilie aus Rumänien. Und da beginnen schon die Probleme. Alina steht zwar zu dieser Beziehung, aber es gibt auch eine Begegnung zwischen Burkhard Keller und Alinas Vater, Herrn Lupescu, wo es nur um das gemeinsame Musizieren geht. Aber selbst das wird von dem Vater kategorisch abgelehnt und Burkhards vorsichtiger Vorstoß abgeschmettert. Somit kommt Burkhard Keller erst gar nicht zu seinem eigentlichen Anliegen, um die Hand seiner Tochter Alina anzuhalten, sondern wird im Vorfeld abgewiesen.

EUGENE DRUCKER: Ja, natürlich geht es beim Musizieren um eine andere Sache.

KULTURBUCHTIPPS: Das gemeinsame Musizieren, das betrifft auch ein Konzert des Kulturbundes, wenn ich es richtig verstanden habe.

EUGENE DRUCKER: Ich habe in meinem Roman zwei Organisationen zusammen gefasst: den Jüdischen Kulturbund und das Orchester, das Toscanini und Huberman in Palästina gegründet haben (Israel Philharmonic Orchestra). Das sind natürlich zwei verschiedene Organisationen, aber mein Vater hat vor Huberman ein Probespiel gespielt und er wurde beim Orchester angenommen. Er hatte schon seinen Vertrag unterzeichnet, aber danach hatte er es sich anders überlegt und ist mit seiner Familie in die USA emigriert und nicht nach Palästina. Das war eine große Enttäuschung für Marietta [die damalige Freundin des Vaters Ernest Drucker, die dann später nach Palästina auswanderte und die Vorlage für die literarische Figur der Alina in der „Wintersonate“ bildete]. In dieser Geschichte ist das Problem zwischen Burkhard und Alina jedoch etwas anders, weil er Deutscher und kein Jude ist, sie aber ist eine Jüdin. Um eine gemeinsame Zukunft haben zu können, muss er auswandern. So hatte ich die Idee, ein Dokument für ihn fälschen zu lassen, das ihm eine jüdische Großmutter nachweist.

KULTURBUCHTIPPS: Das ist auch eine wirklich schöne Idee. Zu dieser Zeit hatte man ja möglichst versucht, sich aller Nachweise seiner jüdischen Wurzeln zu entledigen, wenn man in Deutschland bleiben wollte, und scheute auch vor Urkundenfälschungen nicht zurück. In Kellers Fall wäre es genau das Gegenteil, und keiner käme auf die Idee, die Echtheit dieser gefälschten Papiere mit der falschen jüdischen Großmutter anzuzweifeln oder nachzuprüfen.

EUGENE DRUCKER: Ja, es gibt da eine Ironie. Denn während dieser Zeit musste man verrückt sein, um ein solch falsches Dokument zu präparieren.

KULTURBUCHTIPPS: Eine traurige Ironie. Dann jedoch geht die Geschichte anders weiter. Keller unternimmt wieder einmal gar nichts. Das scheint auch sein Lebens-Credo zu sein: Ich mache nichts und ich treffe keine Entscheidungen. Aber auch durch dieses Nichts-Tun trifft er natürlich genauso eine Entscheidung, als wenn er offen mit Alina gesprochen und ihr gesagt hätte, dass er nicht mit ihr nach Palästina auswandern möchte, weil damit alle seine Lebenswurzeln ausgerissen wären.

EUGENE DRUCKER: Das kann er nicht machen, denn ihm fehlt der Mut.

KULTURBUCHTIPPS: Er ist feige. Aber diese Eigenschaft macht den Charakter Burkhard Keller auch wiederum so authentisch.

EUGENE DRUCKER: Burkhard Keller ist ein Anti-Held.

KULTURBUCHTIPPS: Aber auch durch sein Nichts-Tun entscheidet er den weiteren Weg seines Lebens. In diesem konkreten Fall gerät er ins Grübeln und verpasst prompt seine Aufnahmeprüfung für das Orchester in Palästina, läuft weiter zum Bahnhof und steigt in einen Zug. Er sagt nicht einmal Alina Bescheid, sondern wartet auf eine Nachricht von ihr, die nicht kommt. Er vermutet später, dass sie seinerzeit nach Palästina ausgewandert ist, aber er weiß es nicht genau.

EUGENE DRUCKER: Aber 1935 war es noch nicht ganz so gefährlich in Deutschland. Sie konnte also wahrscheinlich auswandern.

KULTURBUCHTIPPS: Ein anderer Freund von Burkhard Keller, der auch ausgewandert ist, ist Ernst. Ist Ernst so etwas wie das „alter Ego“ von Burkhard? Burkhard ist dieser passive, reaktive Typ, während Ernst ja sehr entschlussfreudig und entschieden ist. Mit Ernst kommt auch wieder die reale Geschichte ihres Vaters ins Spiel.

EUGENE DRUCKER: Mein Vater versuchte 1934 nach England auszuwandern, aber er wurde von den englischen Behörden wieder zurück gesandt. Er hatte zu viele Papiere dabei gehabt. Er hatte als Tourist einreisen wollen, aber hatte auch ein Empfehlungsschreiben bei sich, und die Behörden hatten diesen Brief entdeckt. Nach der Abweisung war er mindestens eine Woche lang sehr betrübt, lag im Bett und konnte nichts tun. Aber 1936 ist er Konzertmeister des Orchesters des Jüdischen Kulturbunds geworden, und er hatte große Erlebnisse mit diesem Orchester. Er hat viele Male die Konzerte von Brahms und Beethoven unter der Leitung von William Steinberg und Julius Prüwer gespielt. Das war ein Höhepunkt seiner Karriere und es war wunderbar für ihn. Er dachte immer, dass der Kulturbund eine gute Sache war. Aber später hat man auch die Frage gestellt, ob er wirklich so gut war. Denn am Anfang unterstützten die Nazis den Kulturbund als Propaganda für das Ausland. Bis zur Auflösung des Kulturbunds 1941 ist es am Ende sehr schwierig geworden. In der Mitte der 1930er Jahre dachte jedoch nicht nur das Ausland, dass sich die Nazis gar nicht so schlecht gegenüber den Juden verhielten, sondern auch die deutschen Juden dachten so. Sie hatten den Eindruck, dass sie ein relativ normales kulturelles Leben führen konnten. Aber das war gefährlich, denn vielleicht sind einige Leute nicht ausgewandert, weil sie dieses Leben hatten.

KULTURBUCHTIPPS: Dafür kann man natürlich nicht den Kulturbund verantwortlich machen. Der Kulturbund war der Kulturbund. Aber das Teuflische an den Machthabern im Dritten Reich war eben, dass sie den Kulturbund als Vorzeige-Organisation und als Feigenblatt dem Ausland und auch den eigenen jüdischen Mitbürgern gegenüber missbrauchten um zu zeigen, dass das eigene System doch gar nicht so schlecht sei und die Juden gut behandelte. Aber zu jener Zeit haben die Juden den Kulturbund einfach als eine Organisation genutzt, in der man sich engagieren und an der man partizipieren konnte; aber was die Nazis letztlich mit ihrer Unterstützung und Duldung des Kulturbunds bezweckten, das konnte man seinerzeit nicht absehen. Viele Juden haben sicherlich gedacht, solange es solche Einrichtungen wie den Kulturbund gibt, kann es ja so schlimm nicht werden.

EUGENE DRUCKER: Weil die deutschen Juden die Idee hatten, dass sie zuerst Deutsche sind und dann erst Juden. Man konnte sich nicht vorstellen, was geschehen würde.

KULTURBUCHTIPPS: Aber kommen wir zurück auf Ernst. Kann man nicht wirklich sagen, dass Ernst solch ein „alter Ego“ von Burkhard Keller ist? – Es kommt ja später in Ihrem Roman auch ein Brief an Burkhard von Ernst aus England…

EUGENE DRUCKER: Dieser Brief ist die letzte Passage, die ich für die „Wintersonate“ geschrieben habe. Ich habe darin einige Elemente einer wahren Geschichte von Hugo Kolberg verarbeitet, der damals Konzertmeister der Berliner Philharmoniker war. Er war mit einer Jüdin verheiratet, aber ihre Ehe war nicht mehr glücklich. Die Nazis haben Kolberg gesagt, dass er seine Stelle an der Berliner Philharmonie behalten könne, wenn er sich von seiner jüdischen Ehefrau scheiden lassen würde. Kolberg ist daraufhin mit seiner Frau nach Amerika ausgewandert, und einen Monat später haben sie sich dort scheiden lassen. Das ist Mut.

KULTURBUCHTIPPS: Das ist Mut und das ist Courage. Aber davon gab es nicht viel. Doch vielleicht ist es auch menschlich. Ich denke, die meisten Menschen sind eher passiv und warten ab. Sie sind die Burkhard Kellers ihrer Zeit.

EUGENE DRUCKER: Ich wollte aus Burkhard Keller einen Jedermann machen. Ernst ist aktiver und wahrscheinlich auch eine stärkere Persönlichkeit als mein Vater. Er ist feuriger als mein Vater. Wie ich schon öfters gesagt hatte: Einen kritischen Leserbrief an den Völkischen Beobachter zu schreiben, war 1933 noch nicht wirklich gefährlich. Aber im Roman wollte ich eine Stimmung schaffen, in der es bereits gefährlich sein konnte, sich in der Öffentlichkeit klar gegen die Position der Nazis zu stellen. – Doch das ist ein guter Punkt, den ich so noch nicht durchdacht habe; aber Sie haben recht, dass Ernst in gewisser Weise ein Kontrapunkt zu Burkhard ist. Ich habe diesen Brief ziemlich spät in der zweiten Hälfte der Geschichte eingebaut, und direkt danach kommt die Szene in Frankfurt, wo Burkhard Keller sein Vorspiel versäumt. Dort gibt es einen Kontrapunkt zwischen dem Mut des Hugo Albers (alias Hugo Kolberg) und der Tatenlosigkeit des Burkhard Keller. Nach der Lektüre hatte Keller den Brief zerrissen und danach gibt es diese Szene, wo er diese Gelegenheit, mit Alina zusammen zu bleiben, versäumt.

KULTURBUCHTIPPS: Wie war das bei Ihrem Vater? Warum hatte er sich damals für Amerika und gegen Palästina entschieden? War es ähnlich wie bei Burkhard Keller, der Alina sagt, dass seine ganzen kulturellen und familiären Wurzeln ausgerissen würden, wenn er mit ihr nach Palästina ginge? – Würde dies nicht auch für Amerika gelten oder gab es bereits Verwandtschaft in Amerika, bevor Ihr Vater dorthin emigrierte?

EUGENE DRUCKER: Es gab entfernte Verwandte in New York. Und meine zwei Onkel sind verschiedene Male nach New York gekommen, um die Papiere für die Einwanderung vorzubereiten. Letztlich hatte es geklappt, und die ganze Familie konnte nach Amerika ausreisen. Für meinen Vater war es sicherer, mit seiner Familie dorthin zu gehen als nach Palästina.

KULTURBUCHTIPPS: In Palästina war es ja seinerzeit auch eine schwierige Situation. Es gab noch keinen Staat Israel. Und insgesamt war der Weg in die Vereinigten Staaten sicherer als nach Palästina.

EUGENE DRUCKER: Das musste ich auch Marietta [der damaligen Freundin des Vaters] erklären, als ich sie viel später 1996 in Israel besuchte. Sie war inzwischen zwei Mal verheiratet und hatte auch ihren Mann verloren. Aber sie war sich immer noch nicht ganz sicher, warum mein Vater damals abgelehnt hatte, nach Palästina zu kommen.

KULTURBUCHTIPPS: Dieses Zusammentreffen mit Marietta muss für Sie persönlich auch sehr bewegend gewesen sein.

EUGENE DRUCKER: Ja, mein Bruder war auch da. Ich glaube, dass sie jetzt gestorben ist. Denn die letzten beiden Male, als ich jetzt in 2009 in Israel war, konnte ich sie nicht erreichen. Aber sie war eine sehr interessante Persönlichkeit. [E.D. macht eine Pause] – Der Charakter Burkhard Kellers war eine Mischung aus mir selbst und auch ein bisschen aus meinem Vater, aber mein Vater war eher vom Charakter her so wie der Ernst in meiner Geschichte. Durch Burkhard Keller wollte ich einen Jedermann und einen Anti-Helden schaffen. Das hat mich immer interessiert in der Literatur – bei Dostojewski, bei Kafka -, und ich wollte etwas über die Dynamik zwischen einem Musiker und seinen Zuhörern schreiben, etwas Unerwartetes. Im Allgemeinen denkt man, wenn ein Musiker spielt, dann ist er ganz in der Musik. Und ich dachte, es ist möglich, eine Geschichte durch die Gedanken eines Musikers während seines Spiels zu erzählen.

KULTURBUCHTIPPS: Das ist Ihnen auch zweifellos gelungen. Wir sehen ja auch immer wieder im Text die Gedanken Burkhard Kellers in Kursiv gesetzt. Das ist übrigens auch eine Frage, die ich mir selbst stellte, wie das ist, wenn man ein vortragender Künstler ist. In Ihrer Geschichte wird immer wieder die Chaconne von Bach gespielt, beileibe kein einfaches Stück, das doch wohl die volle Konzentration des Musikers erfordert, und selbst wenn man es vielleicht schon hundert Mal gespielt hat, gehört eine starke Konzentration dazu, fehlerfrei zu spielen… Bleibt da noch viel Platz für andere Gedanken?

EUGENE DRUCKER: Also ich kann nicht ehrlich behaupten, dass ich nie an etwas Anderes denke, während ich spiele; man ist ja kein Übermensch und ist manchmal auch etwas zerstreut.

KULTURBUCHTIPPS: Mir fällt gerade eine Szene im Lager ein, die mich doch sehr erschreckt hat und mit der ich nicht wirklich klar komme: Während Kellers ersten Aufführungen im Lager gibt es ja kaum Reaktionen von den Zuhörern, vielleicht ml ein Seufzen, ein Stöhnen; es gibt einen mechanischen Applaus, der auch erst von den Wächtern erzwungen werden muss. Dann wird das jedoch mit jedem Mal freier und immer besser. Doch dann gibt es eine Aufführung, bei der es Burkhard Keller kaum fertig bringt, mit dem Spielen aufzuhören. Selbst wenn er aufhört zu spielen, sind die Zuhörer außer Rand und Band. Sie steigen auf die Bänke, sie nähern sich ihm, beginnen an seinen Kleidern zu zerren und hören nicht auf, selbst wenn die Geige verstummt. Sie beginnen ihn zu kratzen, ihre Nägel in seine Haut zu graben… – Es ist eine sehr dichte und bedrückende Szene, die da beschrieben wird. Es erinnert auch wieder an die Unterwelt, die ja auch im Mythos von Orpheus und Eurydike einen zentralen Platz einnimmt.

EUGENE DRUCKER: Ja, die Geister der Unterwelt gehen umher, und auch bei Orpheus und Eurydike wollen sie vielleicht Blut sehen. In diesem Fall wollen sie jedoch kein Blut, sondern ein Stück von seiner Lebensenergie. Sie wollen etwas Lebendiges in dieser toten Welt haben, das er durch seine Musik ausgedrückt hat.

KULTURBUCHTIPPS: Ist das nicht der Alptraum eines jeden Künstlers? Künstler und Publikum brauchen ja einander: Der Künstler ist der Beschenkende, er macht dem Publikum ein Geschenk durch den Vortrag seiner Kunst; gleichzeitig ist der Künstler aber auch der Beschenkte durch den Applaus und die Anerkennung durch das Publikum. Wenn es dann aber so weit kommt, dass man als Künstler angegriffen wird (im wahrsten Sinn des Wortes), ist das nicht vielleicht sogar ein Alptraum, den man als Künstler selber hat?

EUGENE DRUCKER: Das geschieht natürlich nicht unter normalen Verhältnissen. Hier im Lager jedoch besitzt Keller eine Macht, und diese Macht ist für ihn fürchterlich.

KULTURBUCHTIPPS: Er möchte gar nicht so viel Macht haben, denn er möchte ja auch gar nicht selbst entscheiden. Das ist ja immer wieder seine Haltung. Einerseits genießt er diese macht, die ihm die Musik ermöglicht; andererseits schreckt er vor ihr zurück. Und es bleibt auch das Gefühl der Unsicherheit und der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins gegenüber dem Lagerkommandanten und den Soldaten. Burkhard ist ein sehr zwiespältiger Charakter und gerade diese Brüche machen ihn authentisch und lassen den Leser diese Szene so nahe erleben. [Pause] Ich sehe gerade vor uns auch die englische Originalausgabe Ihres Buches liegen. Der Titel lautet: „The Savior“. Warum dieser Titel?

EUGENE DRUCKER: „Savior“ bedeutet Erretter oder auch Erlöser. Das Wort hat diese zwei Bedeutungen. Mein erster Vorschlag für den Titel war „Descent“, also „Niedergang“ auf Deutsch. Dieser Titel hat zwar der Übersetzerin gefallen, aber sonst leider Niemandem, auch nicht in Amerika. „The Savior“ war der Vorschlag des Verlegers. Zuerst habe ich ihn nicht gemocht, aber dann habe ich mich daran gewöhnt, und jetzt gefällt mir dieser englische Titel. Jedoch liebe ich auch den deutschen Titel „Wintersonate“.

KULTURBUCHTIPPS: „Wintersonate“ ist ja im Vergleich zu „The Savior“ sehr neutral.

EUGENE DRUCKER: Neutral durchaus, aber er vermittelt eine gewisse Stimmung für die Geschichte, die ja während eines Winters spielt.

KULTURBUCHTIPPS: Aber Erlöser oder Erretter? Wer ist damit gemeint? Ist Burkhard Keller der Erlöser?

EUGENE DRUCKER: Er will vielleicht ein Retter dieser Insassen sein. Und er hat selbst ein gequältes Verhältnis zu Jesus Christus, dem christlichen Erlöser, und zu seiner Religion. Keller identifiziert sich auch ein wenig mit Judas. Rudolph und Burkhard haben beide dieses Problem mit Judas. Ich versuche ein bisschen einen Vergleich zwischen dem Handeln der Juden und Jesus Christus in dieser Geschichte zu machen. Aber ich denke, ich bin nicht der Erste, der diese Idee hatte.

KULTURBUCHTIPPS: Rudolph ist auch ein Charakter, der sehr gespalten ist. Rudolph ist einer der Wachmänner im Lager. Keller lernt ihn kennen als einen sehr kunstinteressierten, jungen Mann, der klassische Musik liebt, der die Chaconne von Bach auf einer alten Platte sooft hoch und runter gespielt hat, dass sie schon ganz zerkratzt ist; er kann sich mit ihm wunderbar über Musik unterhalten,… – Wenn ich Rudolph mit einem Satz charakterisieren wollte, so ist er für mich ein „Burkhard Keller im Lager“: Er hält sich eher zurück und sieht zu, dass er nicht zu sehr auffällt, ist dann jedoch auch in erschreckender Weise in der Lage, kaltblütig einen Häftling durch Kopfschuss zu töten. Er erzählt zwar schon Burkhard Keller, dass es ihm am Anfang sehr nahe ging, jedoch hat er sich im Laufe der Zeit eine gewisse Routine angeeignet, die ihm das eigene Überleben unter jenen Umständen des Lageralltags ermöglicht. – Ich denke, dass man im Krieg oder in anderen extremen Situationen wie im Lager oder in Gefangenschaft eigentlich immer einen eigenen Mechanismus finden muss, der einem das Überleben sichert. Bei Rudolph ist es eben auch so und er argumentiert, dass er so handeln muss, sonst würde er auffallen, verdächtig werden und selbst in diese ganze Maschinerie hinein geraten.

EUGENE DRUCKER: Es gibt eine Skala der Komplizenschaft einer Person. Rudolph ist weiter auf dieser Skala als Burkhard, aber es ist dieselbe Richtung. Die Wärter sind schlimmer als Rudolph, denn sie sind Täter ohne Gewissen. Und vielleicht ist der Kommandant ja noch schlimmer. Es gibt eine Szene, in der der Kommandant sehr stumm ist, als Keller ihn fragt, ob es möglich sei, diese Insassen zu retten. Und der Kommandant antwortet nicht. Vielleicht ist er betrübt, dass er es nicht veranlassen kann.

KULTURBUCHTIPPS: Der Kommandant gibt Keller auf dessen Bitte um Verschonung der Insassen eine Antwort, die sehr orakelhaft ist: „Ich werde alles, was in meiner Macht steht, tun, um Ihren Wünschen zu entsprechen.“ Da kommt wieder eine andere Facette von Kellers Persönlichkeit auf. Keller hat ja durchaus immer wieder Gedanken, die ihn selbst erschrecken, sehr aggressive Gedanken. Auch bei jener Frau, der Margret, die er im KZ kennen lernt, eine ausgemergelte Frau, die fast bis aufs Skelett abgemagert ist, und trotzdem merkt er, wie sie ihn sexuell stimuliert. Er schreckt davor zurück, könnte aber auch dort gleichzeitig zum Täter werden, weil er seine Macht über diese Frau spürt. Und an diesem Punkt wird auch die Ambiguität Kellers direkt von dem Kommandanten angesprochen: „Alle, was Ihre Wünsche sind, Herr Keller, soll geschehen.“ – Um das Ganze jetzt einmal auf die Spitze zu bringen: Ob es nicht vielleicht sogar ein Wunsch Burkhard Kellers ist, dass die Insassen eben nicht befreit werden, sondern seine Musik genießen und danach direkt in den Tod gehen?

EUGENE DRUCKER: Ich denke nicht, dass dies ein möglicher Aspekt von Burkhards Charakter ist. Aber der Kommandant sagt dies und will das glauben. Es ist auch ein wenig wie ein Orakel. In der griechischen Mythologie erfüllt man immer, was das Orakel sagt, aber es geht immer anders aus, als man denkt, es wird immer gefährlicher und zeigt oft auch viel Ironie. Ich dachte auch an Macbeth, als die Hexen ihm sagen, dass ihn niemand, der von einem Weib geboren ist, töten kann. Und dann wird er am Ende von Macduff getötet.

KULTURBUCHTIPPS: Wie war die Rezeption Ihres Buchs in den USA?

EUGENE DRUCKER: Sehr gut. Ich habe eine sehr gute Kritik erhalten von der Los Angeles Times, der sich auch die Chicago Tribune angeschlossen hat. Aber die zwei wichtigsten Zeitungen in den USA, die New York Times und die Washington Post, haben leider keine Besprechungen des Romans gemacht. Es gab zwar einen Artikel über mein Buch und einem anderen Buch über das Dritte Reich im Juli 2007, das mir viel Aufmerksamkeit einbrachte. Aber leider gab es im New York Times Book Review oder im Kulturteil der Tageszeitung keine Buchbesprechung. Aber ich hatte 25-30 Lesungen in den USA gemacht, was für mich ein großes Erlebnis war, wenn ich diesen Text zusammen mit diesen Zuhörern las. Und es gab auch viele persönliche Reaktionen, die sehr positiv waren.

KULTURBUCHTIPPS: Ich denke, dass Sie mit der deutschen Übersetzung Ihres Buches beim Osburg-Verlag auch sehr gut aufgehoben sind. Der Osburg-Verlag legt ja den Schwerpunkt seines Programms auf geschichtliche Themen und auf das eigene Erleben der Autoren, also auf Geschichte und Erleben; man verlegt geschichtliche Sachbücher, Augenzeugenberichte und in letzter Zeit auch verstärkt belletristische Titel. Und da passt Ihr Buch hervorragend rein, denn die Geschichte Ihres Romans ist keine reine Fiktion, sondern basiert auf den Erlebnissen Ihres Vaters, auf Ihren eigenen Erlebnissen, und das macht das Ganze auch sehr eindrücklich.

EUGENE DRUCKER: Ich habe den richtigen Verleger gefunden, und ich bin auch sehr glücklich mit diesem Verlag.

KULTURBUCHTIPPS: Sie hatten gestern auf die Frage, ob es ein neues Buch geben wird, geantwortet, wenn die richtige Idee kommt. Mir fiel spontan ein, dass Sie vielleicht die Geschichte Ihres Vaters in Amerika erzählen könnten. Eventuell auch die Geschichte mit Marietta.

EUGENE DRUCKER: Das ist ein guter Vorschlag.

KULTURBUCHTIPPS: Wie schreiben Sie eigentlich? Sie hatten erzählt, dass Sie sehr lange die Idee zu dieser Geschichte mit sicher herum getragen haben.

EUGENE DRUCKER: Ja, am Ende 1976 habe ich diese Geschichte angefangen, und der erste Entwurf war im Sommer 1977 fertig. Danach habe ich eine andere Geschichte geschrieben, aber es gab immer Probleme mit diesen anderen Geschichten. So bin ich mehrmals zu dieser Geschichte zurück gekommen. Dann gab es eine Unterberechung von sieben Jahren, und in den Neunziger Jahren noch einmal eine Unterbrechung von vier Jahren, wo ich nicht an der Geschichte gearbeitet habe. Ich war damals sehr beschäftigt mit meiner Karriere und mit meinem Quartett, aber ich habe immer wieder versucht, die Geschichte weiter zu schreiben. Ich fühlte, dass es eine Möglichkeit für die Fortsetzung der Geschichte gab, und ich musste diese Möglichkeiten erforschen. Wäre ich ein vollberuflicher Schriftsteller, dann wäre es etwas Anderes gewesen, und ich hätte sicherlich nicht so lange gebraucht, um die Geschichte zu beenden. Ich bin auch nicht stolz darauf, dass es so lange gedauert hat, aber so war es eben. Ich denke, ich war sehr hartnäckig und konnte kein Nein als Antwort akzeptieren. Meine Frau hatte mich manchmal gefragt, warum ich an dieser Geschichte schreibe; sie wollte mich unterstützen, aber nach den vielen verschiedenen Versionen dachte sie, dass es keinen Lösungsweg für diese Geschichte gab. Warum also diesen Versuch fortsetzen? Es gab andere Menschen wie die Dichterin Denise Levertov, die eine frühere Version der Geschichte gelesen hatte und glaubte, dass sie gut sei. Und auch die anderen Personen, die ich im Anhang dankend erwähne, wie zum Beispiel Martha Cooley, die selbst Romane schreibt, oder auch Elizabeth Benedict haben mir sehr geholfen. Und so bin ich sehr glücklich, dass ich solche Freunde hatte und habe.

KULTURBUCHTIPPS: Und ich denke, die Leser werden auch sehr glücklich sein, dass dieses Buch erschienen ist und sie das über die vielen Jahre durchgehalten haben. Im Deutschen gibt es ein Sprichwort: „Gut’ Ding will Weile haben.“ Ich denke, das trifft es auf den Punkt.

EUGENE DRUCKER: Jedenfalls bleiben mir jetzt wohl nicht mehr weitere dreißig Lebensjahre, um noch solch ein Buch zu schreiben…

KULTURBUCHTIPPS: Sie sind Jahrgang 1952, also jetzt 57 Jahre alt; das könnte doch noch klappen… – Wie war das eigentlich, hat Ihr Vater Ihnen in Ihrer Jugend viel vom Holocaust erzählt?

EUGENE DRUCKER: Ja, er hat viel davon erzählt, aber er hat es nicht als persönliche Geschichte erzählt.

KULTURBUCHTIPPS: Konnte Ihre Familie denn wirklich komplett aus Deutschland emigrieren?

EUGENE DRUCKER: Er hatte eine sehr große Familie, und ich glaube, dass er wohl eine Tante und einen Onkel verloren hat. Und seine Cousine, die Tochter von diesem Onkel und dieser Tante, war gegen die Deutschen sehr bitter. Mein Bruder, der fünf oder sechs Jahre älter ist also ich, hatte 1964 eine junge deutsche Freundin, die in den Vereinigten Staaten war, aber diese Cousine konnte es damals nicht annehmen. Das ist verständlich.

KULTURBUCHTIPPS: Das war und ist auch immer noch so, diese Generalschuld der Deutschen, aller Deutschen aller Generationen. Ich denke, es ist eine Frage der Einstellung, ob man sagt, dass alle Schuld sind oder ob man differenzieren kann.

EUGENE DRUCKER: Mein Vater schien immer mehr Deutscher als Jude zu sein. Er hatte blaue Augen und sah wie ein Arier. Ich selbst komme eher nach meiner Mutter; meine Mutter hatte auch dunkle Haare und dunkle Augen. – Mein Vater spielte für 37 Jahre im Metropolitan Opera Orchestra, und in seinen letzten Jahren hatte ihn James Levine etwas zurück gestuft, weil er wahrscheinlich nicht mehr so gut wie früher spielen konnte. Aber das konnte mein Vater überhaupt nicht gut annehmen. Ich habe darüber mit einem seiner Kollegen gesprochen, und dieser Kollege, der ein amerikanischer Jude war, hat etwas über die „Gestapo-Mentalität“ meines Vaters gesagt. Das war wohl, weil mein Vater so deutsch aussah.

KULTURBUCHTIPPS: Dieser Kollege wusste also nicht, dass Ihr Vater Jude war.

EUGENE DRUCKER: Doch, das wusste er schon. Die meisten amerikanischen Juden sind osteuropäische Juden; sie sind nicht in dieser Generation, aber ein bis zwei Generationen zuvor aus dem Osten nach Amerika gekommen. Die Eltern meiner Mutter stammen auch aus Russland am Anfang des 20. Jahrhunderts, um den Pogromen zu entkommen. Und dies ist ein ganz anderer Stil des Judentums als bei den deutschen Juden. Ich selbst bin in einem Teil von New York City aufgewachsen, der sich Washington Heights nennt; damals in den Fünfziger und Sechziger Jahren nannte man diese Gegend auch das „Vierte Reich“, weil so viele deutsche Juden dort lebten. Die meisten amerikanischen Juden stammen aber aus Osteuropa. Also sagte dieser Geiger, mein Vater hätte eine Gestapo-Mentalität, und natürlich gefällt mir nicht, dass man solche Dinge über meinen Vater sagen konnte, der Jude war und seinen Lebensweg wegen der Nazis radikal verändern musste. Er hat zwar nicht sein Leben verloren und auch nicht seine Familie außer dieser Tante und diesen Onkel…

KULTURBUCHTIPPS: Aber er musste sein Leben ändern. Er musste fliehen und aus Deutschland emigrieren; das sind einschneidende Erlebnisse, die in dieser Form wahrscheinlich nicht statt gefunden hätten, wenn es die Nazis nicht gegeben hätte.

EUGENE DRUCKER: Ich wollte diese Geschichte auch schreiben, weil man solche Dinge über meinen Vater sagen durfte – die „Gestapo-Mentalität meines Vaters“. Ich wollte zeigen, dass nicht alle Deutschen Nazis waren, aber auch dass die Sache sehr kompliziert war. Wir haben schon von diesem Spektrum der Komplizenschaft gesprochen. Einige Freunde meiner Frau haben gesagt, dass die Geschichte für sie sehr schwer zu lesen war, weil sie der Meinung waren, dass ich die Deutschen nicht so böse gemacht hatte, wie sie dargestellt sein sollten. Aber das ist nicht wahr und hat mich sehr überrascht.

KULTURBUCHTIPPS: Das habe ich auch anders gelesen. Die Deutschen, das ist eigentlich eine amorphe Masse, und die ganze Geschichte besitzt eine Art Hintergrundrauschen, die Stimmung in dem Land, das Gedrückte, die Winterstimmung, der Winter der Kultur und der Menschlichkeit – das alles beinhaltet ja auch der deutsche Titel des Romans „Wintersonate“. Es geht gegen Ende des Krieges, Keller fährt immer nur durch Trümmerlandschaften, und der Krieg ist längst auch in Deutschland angekommen, und es ist insgesamt eine sehr bedrückende Stimmung…

EUGENE DRUCKER: … und die Kultur wird selbst als Waffe benutzt.

KULTURBUCHTIPPS: Das ist eine der letzten Perversionen, dass selbst die Kunst und das Schöne im Geiste – oder besser – im Ungeiste dieser Machthaber missbraucht wird. [Pause] – Mt. Drucker, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mit uns über Ihren Roman zu sprechen.

EUGENE DRUCKER: Ich danke Ihnen.




Suche

Autoren

Kategorien


Feed abonnieren

Links

Empfehlungen