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Tatiana de Rosnay: „Bumerang“

Am: | März 29, 2010

Antoine möchte seine Schwester zu ihrem 40. Geburtstag überraschen. Er fährt mit ihr nach Noirmoutier, einen kleinen Ferienort im Pays de la Loire an der Atlantikküste. Dort hatten sie als Kinder oft die Ferien verbracht, bis ihre junge Mutter Clarisse eines Tages unerwartet und plötzlich starb.

Seitdem waren sie beide nie wieder dort gewesen. In die Freude über die wieder entdeckte Vergangenheit unbeschwerter Ferienerlebnisse ihrer frühen Kindheit mischen sich schon bald lange verdrängte Erinnerungen an traumatische Erlebnisse.

Auf der Rückfahrt möchte Mélanie ihrem Bruder davon erzählen, doch plötzlich kommt der Wagen ins Schleudern und es gibt einen schweren Unfall. Antoine bleibt wie durch ein Wunder völlig unverletzt, aber Mélanie muss lange im Krankenhaus bleiben.

In ihrem neuen Roman „Bumerang“ erzählt Tatiana de Rosnay die Geschichte einer Suche nach der Wahrheit über die eigene Mutter. Clarisse starb mit Mitte dreißig, als Antoine gerade zehn und Mélanie erst sechs Jahre alt waren. Ein Aneurysma, ein platzendes Blutgefäß im Gehirn, führte wahrscheinlich zu dem schnellen und plötzlichen Tod der Mutter – so die offizielle Diagnose. Der Vater heiratete kurz darauf Régine, eine junge, aber kalte Stiefmutter für die beiden Kinder.

Während Antoines Beziehung zu seinem autoritären Vater von kalter Distanz und Sprachlosigkeit geprägt ist, liebt und verklärt er seine Mutter Clarisse, über die er nur wenig weiß. Seit seine Frau Astrid sich von ihm getrennt hat, um mit dem jüngeren Serge ein neues Leben zu beginnen, ist Antoine allein mit seinen Gefühlen. Die halbwüchsigen Kinder Margaux und Arno gehen bereits ihre eigenen Wege, und auch der kleine Lucas leidet unter der Trennung der Eltern.

Im Krankenhaus eines kleinen Ortes in der Nähe von Nantes wird Mélanie behandelt. Antoine bleibt bei seiner Schwester und lernt Angèle kennen: Angèle Rouvatier, eine junge, unabhängige Schönheit, die sich selbst als „Leichenkosmetikerin“ bezeichnet. Mit ihr beginnt Antoine eine leidenschaftliche Affäre, aus der bald mehr wird.

Der Unfall bringt die Familienmitglieder das erste Mal seit langer Zeit wieder zusammen. Der ferne Vater taucht auf, wirkt nicht mehr so despotisch wie früher, sondern gealtert und krank. Astrid kommt mit den Kindern Margaux, Arno und Lucas. Im Unglück scheinen sich alle besser zu verstehen und einander besser zu ertragen. Auch im weiteren Verlauf gibt es immer wieder Ereignisse, die Antoine und seine Kinder zwingen, sich miteinander auseinander zu setzen.

Antoine macht sich auf die Suche nach der Vergangenheit seiner Mutter, auf die Suche nach sich selbst. Als Mélanie sich wieder an das erinnert, was sie im Auto erzählen wollte, erhält die Geschichte der Mutter eine ganz neue Wendung. Plötzlich kommen Familiengeheimnisse zum Vorschein, die keiner der beiden geahnt hätte. Wer war ihre Mutter wirklich? War die glückliche Familie nur eine Fassade?

Tatiana de Rosnays neuer Roman ist sowohl vom Thema als auch von seiner Stilistik her sehr französisch. Die inneren Monologe des Ich-Erzählers Antoine und die vielschichtigen psychologischen Beziehungsebenen zwischen den einzelnen Personen sowie diese permanente Reflexion der Gefühlsebenen machen zwar einerseits den Reiz dieses komplexen Romans aus, andererseits halten sie den Leser auf Distanz und ziehen ihn nicht in die Geschichte hinein. Man sitzt bei der Lektüre wie im Theater oder besser: wie in einem französischen Spielfilm à la Eric Rohmer.

Der Schreibstil der Autorin ist flüssig, und die Charakterisierung der Protagonisten gelungen. „Bumerang“ ist ein psychologischer Roman über die Suche nach der verlorenen Mutter, eine Detektivgeschichte der besonderen Art. Der als Geburtstagsgeschenk gedachte Ausflug an den geliebten Ferienort der Kindheit wird zum Bumerang der Gefühle und der verdrängten Bilder. Tatiana de Rosnays neuer Roman ist eine authentisch wirkende Geschichte über ein erwachsenes Geschwisterpaar auf der Suche nach ihrer verlorenen Kindheit – eine Geschichte, die den Leser nicht unberührt lassen wird.

In Ihrem Interview mit kulturbuchtipps auf der Leipziger Buchmesse erzählte die Autorin noch mehr über die Hintergründe dieser Geschichte und über ihre weitere Arbeit.

Autor: Tatiana de Rosnay
Titel: „Bumerang“
Gebundene Ausgabe: 347 Seiten
Verlag: Bloomsbury
ISBN-10: 3827008654
ISBN-13: 978-3827008657

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