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Paul Auster: „Unsichtbar“

Am: | August 31, 2010

New York 1967. Adam Walker ist ein zurückhaltender junger Mann. Er interessiert sich für französische Literatur, studiert Literatur an der Columbia Universität in New York, versucht sich selbst als Dichter und träumt von einer großen Karriere als erfolgreicher Autor.

Auf einer Party lernt er Born kennen, einen französischen Gastprofessor an der Columbia University. Er unterrichtet dort für ein Jahr an der School of International Affairs. An Borns Seite steht Margot, eine geheimnisvolle und schweigsame existenzialistische Schönheit.

Adam Walker lernt Born näher kennen, es folgt eine Essenseinladung, und Born bietet ihm Margot an. Bald darauf schlafen die beiden miteinander.

Gemeinsam planen Adam und Born das Projekt einer neuen Literaturzeitschrift. Born will das Geld geben. Während eines Abendspaziergangs werden sie jedoch überfallen und es kommt zu einem Mord.

Walker hat sich schon als Junge geschworen, immer gut und ehrlich zu sein. Als Adam 12 war, ertrank sein kleiner Bruder Andy. Durch dieses traumatische Ereignis rückten Adam und seine ein Jahr ältere Schwester Gwyn noch näher zusammen. Er liebt seine Schwester über alles. Auch ihre ersten sexuellen Erfahrungen machten sie miteinander. Auch als Gwyn und Adam 1967 für einige Monate das Apartment teilen, kommt es zu einer Neuauflage dieser inzestuösen Beziehung.

Es ist Liebe, keiner drängt den anderen zu etwas, was er nicht will, und so kann es auch nicht unrecht sein. So steht es in Walkers Manuskript. Ob dieser wiederholte Inzest in gegenseitigem Einverständnis wirklich der Wahrheit entspricht, wird der Leser erst am Ende des Buches heraus finden.

Born ist der Mörder des jungen Schwarzen Cedric Williams. Davon ist Adam Walker überzeugt. Er geht zur Polizei und macht seine Zeugenaussage, doch Born ist bereits wieder in Frankreich. Bald schon geht auch Walker nach Paris, um seine Französischkenntnisse zu vertiefen und weil er es in New York nicht mehr aushält.

In Paris trifft er erneut auf Born. Weil er sich der Polizei entzogen hat, will Walker ihn auf andere Weise bestrafen. Er freundet sich mit Borns zukünftiger Ehefrau und ihrer jungen Tochter an. Er verfolgt einen teuflischen Plan. Doch Born ist ein einflussreicher Mann mit guten Kontakten zur Polizei, zur Justiz und zur Regierung. Ist er vielleicht sogar beim Geheimdienst?

Adam Walker hat keine Chance, das heraus zu finden. Schon nach kurzer Zeit muss er Frankreich wieder verlassen und wird in die USA abgeschoben. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Born dahinter steckt.

Walker beschreibt all diese Erlebnisse in seinen Aufzeichnungen, die er in der Rückschau mit dem Arbeitstitel „1967“ versieht. Walker ist todkrank und weiß, dass er schon bald an Leukämie sterben wird.

Deshalb nimmt er Kontakt zu seinem alten Collegefreund, James Freeman, auf und bittet ihn um das Lektorat seiner Aufzeichnungen. Jim ist ein bekannter Autor, und seine Einführung auf Seite 79 des Romans hebt die Geschichte auf eine zweite Ebene.

Walkers Manuskript teilt sich in drei Abschnitte – Frühling, Sommer und Herbst. Je weiter er im Text voran kommt, desto weniger Zeit bleibt ihm bis zu seinem Tod. Dieser Abschied vom eigenen Leben spiegelt sich in der Erzählperspektive der drei Kapitel wider: „Frühling“ wird aus der Ich-Perspektive erzählt, „Sommer“ spricht den Protagonisten mit „Du“ an, während im letzten Kapitel der auktoriale Erzähler die Geschichte in der dritten Person weiterführt. Je näher der Tod kommt, desto weiter entfernt sich Adam Walker von sich selbst – vom Ich über das Du zum distanzierten Er.

Am Ende des Romans unternimmt Jim einige Nachforschungen und versucht, den Wahrheitsgehalt von Walkers Geschichte heraus zu finden. Mit jeder neuen Erkenntnis bekommt der ganze Plot immer wieder eine neue Nuance oder eine unerwartete Wendung. Es bleibt spannend bis zur letzten Seite. Mehr kann man eigentlich von einem guten Roman nicht erwarten.

Mit „Unsichtbar“ ist Paul Auster wieder einmal ein guter und spannender Roman gelungen, der nicht nur durch die Vielschichtigkeit der Geschichte, sondern immer wieder auch durch Austers Erzählkunst begeistert. Paul Auster schreibt in einem klug durchdachten und fein formulierenden Stil, der klar und schnörkellos den Plot auf den Punkt bringt, die Geschichte erzählt, ohne langweilig zu werden und der auch bei den vielen Dialogen ganz ohne Gänsefüßchen auskommt.

Keine Frage, „Unsichtbar“ gehört zu den besten Neuerscheinungen dieses Jahres.

Autor: Paul Auster
Titel: „Unsichtbar“
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Rowohlt
ISBN-10: 3498000810
ISBN-13: 978-3498000813

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