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Joseph Caldwell: „Das Schwein war´s“

Am: | November 3, 2010

Ein Kriminalroman – so steht es vorne. Und wer „Glenkill“ mit Genuss gelesen hat, stürzt sich eben darauf. Mal schauen, was Schweine so drauf haben.

Auf dem Buchrücken wird kurz der Plot erzählt, in vier Zeilen. Die treffen es übrigens – mehr gibt es nicht zu sagen. Und darunter eine Bewertung, die animiert. Absurde Begebenheiten in einer humorvollen Sprache und einem überraschenden Ende. – Na dann.

Aaron McCloud ist die Hauptfigur des Romans. Über ihn wird berichtet. Teilweise mit schönen, gewählten Worten. Der Typ bleibt – oder besser: wird jedoch sehr schnell unerträglich. In der ständigen Wiederholung seines Wunsches nach Selbstmitleid, in der bis zum Ende des Buches währenden Nabelschau ist er ein Störfaktor.

Zumal er sowieso der Handlanger diverser Akteure ist. Da lohnt es nicht, wiederholt lesen zu müssen, wie sehr er doch seiner Eitelkeit frönt, wie furchtbar es ist, nicht beachtet zu werden von einer – von ihm selbst als unzureichend interessant beschriebenen – Frau in seiner Heimat.

Er fährt also nach Irland zu seiner Tante, um in Ruhe in seinem Innersten zu wühlen. Bei langen Strandspaziergängen – das war der Plan. Jedoch gerät er mit dem Bus zum Dorf in eine Panne, die eine Schweinejagd zur Folge hat. Alle Mitreisenden – und er als eitler Mann an vorderster Front – lassen die Sau raus, indem sie sich als Naturburschen mit Schweineflüsterqualitäten versuchen.

Leider wird diese Jagd über etwa 10 Seiten geschildert. Das war bis zur Seite 24 bereits der erste Langeweilefaktor. Jedes Detail, jede Drehung des Schweins, einer Mitreisenden, wie ihr Haar aussieht, wie er sich dreht, wohin er nun und dann rennt, wie das Schwein zur Seite geht – mit allem soll sich der geneigte Leser beschäftigen und für all das interessieren.

Zu diesem Zeitpunkt hoffte ich, dass es sich nur um eine eben nicht so gut gelungene Passage handelte. Die Geschmäcker sind ja auch verschieden. Und zu lachen gab es mal kurz etwas bei der Beschreibung, wie das Schwein ihm hinterherläuft. Die Schilderung der etwas eigenen Tante und eines LKW Fahrers mit Ausflügen philosophischer Art über die Iren als solche war amüsant.

Aber es ging weiter. Ja, er begrüßt seine Tante. Ja, sie ist etwa wortkarg und dann wieder auch sehr wortreich – das will man sich aber lieber sparen. Die Diskussionen am Ende des Buches über längst vergangene Liebes- und Nachbarsgeschichten sind nicht nachvollziehbar und einfach nervig.

Wenn alle Nachbarn den „typisch irischen“ Stil anwenden und einfach konfus schwafeln – nein, danke. Wäre interessant, wie ein Ire auf diese Beschreibung reagiert.

Das war aber am Schluss. Zunächst versucht er, dem Leser seinen Spaziergang nahe zu bringen. Die Wellen, der Sand, die Gezeiten und irgendwelche krausen Gedanken über die eigenen Eitelkeiten und Befindlichkeiten – der Leser wird mit allem in qualvoller Länge konfrontiert.

Es findet sich durch das Schwein eine bereits zum Skelett verkommene Leiche. Dazu drei Leute – nämlich seine Tante und zwei aus der Nachbarschaft –, die zu diesem Verstorbenen eine besondere Beziehung hatten und nun ihre Eifersucht ausleben. Alle halten mit Hilfe von Aaron zusammen, um diesen rätselhaften Todesfall selbst aufklären zu können – in endlosen Diskussionen, ohne von der Polizei dabei gestört zu werden.

Aaron selbst gerät ins Hintertreffen, denn er hat, wie bereits angedeutet, nur Handlangerdienste zu erfüllen. Ab da wird, weiterhin mit Fokus auf ihn, im Grunde nur noch geschildert, wie er dank des Meeres und der unverhofften Flut immer mal wieder mehr verdreckt und vor sich hin stinkt.

Wahnsinnig interessant.

Die ausführliche Schilderung, wie die Leiche in einen geheimen Gang geschafft wird, dann in eine Kammer und wieder retour mit mehrfachem Sortieren der Knochen, ist auch nicht wirklich spannend. Die Dialoge über das Sitzen der Mütze und die Befindlichkeiten der Betroffenen nebst Monologen über das Leben an sich und im Besonderen, sind auch nicht geeignet zu unterhalten und dem Leser die Lektüre wenigstens ansatzweise zu erleichtern.

Fazit: Spätestens ab Seite 30 war des Lesers Langeweile vollkommen. Es blieb nur noch ein Funke der Hoffnung, es könnte noch lustig, spannend, amüsant werden. Doch selbst wenn man sich auf eine langweilige Geschichte einstellte und nichts Aufregendes erwartete, war die Lektüre langwierig und eine echte Geduldsprobe. Es war über lange Strecken langweilig, konfus und absurd. Die Handlungsabläufe wiederholten sich oft und wurden dennoch in geradezu mikroskopischer Detailverliebtheit beschrieben. Ich war froh, das Buch am Ende aus der Hand legen zu können.

Joseph Caldwell hat mit „Das Schwein war’s“ ein ziemlich langweiliges Buch vorgelegt – der erste Roman, der von ihm in Deutsch erschienen ist. Leider wird es bei diesem einen nicht bleiben… – Caldwell stammt aus Wisconsin und lebt in New York. „Das Schwein war’s“ ist der erste Teil einer Schweine-Trilogie. Demnächst folgen also wahrscheinlich auch noch die deutschen Übersetzungen von „A Pig comes to Dinner“ und “The Pig Enters Hog Heaven”. Joseph Caldwell scheint sich im Laufe seiner Schriftsteller-Karriere auf Tier-Charaktere spezialisiert zu haben: Neben der Schweine-Trilogie lassen Roman-Titel wie „The Deer at the River“ und „Under the Dog Star“ solch eine Neigung vermuten.

Wenn Sie also Schweine niedlich finden und zuviel Zeit haben, dann werfen Sie ruhig einen Blick in dieses Buch. Wie gesagt, die Geschmäcker sind ja verschieden. Aber „Das Schwein war’s“ zählt definitiv nicht zu den Büchern, die man im Herbst 2010 unbedingt gelesen haben muss.

Autor: Joseph Caldwell
Titel: „Das Schwein war’s“
Taschenbuch: 234 Seiten
Verlag: Aufbau Taschenbuch
ISBN-10: 3746626277
ISBN-13: 978-3746626277

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