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Terry Pratchett: „Der Club der unsichtbaren Gelehrten“

Am: | Januar 13, 2011

Wow – wieder ein fulminantes Werk von Pratchett! Es macht Freude die stellenweise erlesene, immer jedoch gepflegte und anspruchsvolle, Sprache zu lesen. Teilweise auch irritierend – war das nun ein Fremdwort oder doch ein Fantasiewort? In der Freizeit dann immer nachschlagen, ist nicht wirklich ein Herzenswunsch – egal, wie sehr man Sprache liebt.

Womit wir auch schon beim Thema sind: Seine Geschichten und Romane wurden im Laufe der Jahre immer länger, verwobener, ausgeschmückter, raffinierter. Vielleicht sogar besser. Wer kennt nicht noch die übersichtlichen Werke wie „Nur du kannst sie retten“?

Die Fantasie ist bewundernswert – auf solche Geschichten muss man erst mal kommen. Nach wie vor ist bei mancher Bezugnahme oder Fortsetzung jeder Roman einzeln lesbar und das jederzeit. Da müssen keine kurzen Abstände, sein damit der Witz nicht vergessen wird oder der Hintergrund. Jedes Werk spricht für sich.

Wenn Sie jetzt jedoch aufgrund des Klappentextes glauben, ein passendes Werk für einen lesenden(?) Fußballfan gefunden zu haben, könnte das schief gehen. Denn auf insgesamt 507 Seiten geht es höchstens auf insgesamt 150 Seiten wirklich um Fußball.

Der Rest des Romans besteht aus Witz, Nebengeschichten, Drumherum-Geschichten und aus Pratchetts immer wieder hintergründigem Humor, der übrigens auch und vor allem wegen der guten Übersetzung Spaß macht.

Alles in allem ist „Der Club der unsichtbaren Gelehrten“ ein anspruchsvoller Roman. Ein „Scheibenwelt“-Roman. Denn „dort ist das Fußballfieber ausgebrochen“. So der erste Teil des Eröffnungssatzes des Klappentextes. Zu gerne wird nicht über den zweiten Teil dessen nachgedacht. Erst jetzt, nach der Lektüre und bei bewusster Reflektion, ergibt der zweite Teil einen Sinn: „…Oder warum es letztlich nie nur darum geht, das Runde ins Eckige zu befördern.

Wenn Sie sich diesen Rest des Satzes auf der Zunge zergehen lassen, ist Pratchetts „Club der unsichtbaren Gelehrten“ ein gelungenes Satirestück über Fußball als Politikum, soziales Instrument und natürlich auch als Sport. – Hier ein kurzer Einblick in die Geschichte:

Die Zauberer sind in Not: Sie sind dazu verdonnert, dieses Fußball-Spiel (oder besser: dieses „Armer Leit Spiel“) mitzumachen, um an ihren finanziellen Standards festhalten zu können. Verfressen, wie sie sind, wäre sonst die eine oder andere Zwischenmahlzeit oder kulinarische Köstlichkeit nicht mehr gesichert.

Pratchett ist ein begnadeter Sprachspieler, ein Wort-Zauberer. Und so wirken einzelne Textpassagen auch immer wieder wie ein Zauber, dem der Leser gerne erliegt. So taucht im Text immer wieder einmal eine „Käseplatte mit 107 Sorten“ auf. Durch solche Wiederholungen bleibt der Gedanke einer „luxuriösen Käseplatte“ am Leser hängen und beschäftigt durchaus auch außerhalb des Romans. Beim nächsten Einkauf im heimischen Supermarkt bekommt das Angebot der Käsetheke für einen kurzen Moment einen ganz anderen Informationsgehalt. Da gibt es Sorten…

Nicht zu vergessen, es spielt sich sehr viel in der Küche ab. Genauer, in der Nachtküche. Denn Zauberer haben immer Hunger. Aber die Küchen sind in den Kellergewölben, und da treibt sich vor allem der wichtige Bewohnerteil der unsichtbaren Universität herum.

Die werden auch geheimnisvoll und humorvoll beschrieben. Schon mal was von Trollen, die Lippenstift tragen, gehört? Zwerge kennt man ja, aber weiß auch jeder, wie unkultiviert die doch früher waren? Einfach die Beine von Menschen mit einer Axt teilen? Nein? Dann lesen Sie dieses Buch, und solcher Gestalten gibt es in Pratchetts neuem Roman noch mehr.

Eine der wichtigen Hauptpersonen heißt Nutt und ist ein Goblin. Später muss er traurig feststellen, er ist ein Ork. So eine mordende Spezies – im Grunde sind beide gleich. Aber er ist stolz und wird von seinen Menschenfreunden geliebt. Nutt ist ein ständiges Rätsel für den Leser. Seine Herkunft erklärt sich nur in Andeutungen. Die Hintergründe bleiben unklar. Er ist wirklich sehr belesen und kann, im Notfall, jemanden in Grund und Boden schwafeln – eine der gefährlichsten Waffen überhaupt. Meistenteils sind die Zitate höchst interessant und mehrfach stellt sich der Leser die Frage, ob die genannten Bücher nicht vielleicht doch existieren.

Die Mannschaft der Zauberer wird von Nutt trainiert. Schließlich geht es in diesem Buch ja um Fußball. Das Training beginnt allerdings erst auf Seite 90. Davor wird über Fußball nur der eine oder andere Gedanke gewechselt. Die anderen Hauptakteure Trev und Glenda und natürlich einige Zauberer – nicht zu vergessen der einstige und jetzige Erzkanzler – sind zunächst interessanter.

Ab etwa Seite 90 folgen dann sehr komprimierte Schilderungen des Spiels an sich. Wie spielt man Fußball an der Unsichtbaren Universität? – Alles ziemlich roh, mit Mord- und Totschlag. Keiner sieht etwas, aber alle brüllen mit. Ist auch nicht ganz so lebensgefährlich, denn die Stadt teilt sich in die einzelnen Lager bzw. Mannschaften. Trev ist der Klassespieler, sofern er eine Dose zur Verfügung hat. Dies zahlt sich schließlich bei dem einzigen real stattfindenden Fußballspiel in diesem Buch auch aus. Beschrieben ab Seite 441.

Auch Glenda, die mit Fußball an sich nichts zu tun hat, rettet das Spiel. Die Frau ist clever und hat einen guten Trick parat. Ansonsten ist sie die Zauberin der Speisen. Damit lässt sich ohne Ausnahme jeder einwickeln, egal um was es geht und wie mächtig der Gesprächspartner ist. So etwas verschafft Respekt. Sie ist in der Hauptsache eine Frau aus dem Volk und hat nicht ernsthaft Interesse an Fußball.

Daneben wacht sie über einen Zögling namens Juliet. Beide durchwandern einen Prozess der Reife. Und beide finden am Ende ihr Glück in verschiedener Weise. Und beide sind Freunde von Nutt und irgendwie auch von Trev – es gibt schließlich auch Freundschaften, die aus alten Feindschaften entstehen können.

Ein paar kleine Schwächen hat der lange Roman von Pratchett jedoch: In einer Szene sind Juliet und Trev arg kitschig beschrieben. Das passt so gar nicht zum sonstigen Ton. Der eine oder andere Witz ist auch etwas ausgewalzt. So haben zwei Figuren Namenszusätze, die beinahe immer genannt werden.

Das ermüdet etwas. Jedoch die vielen Namensanlehnungen an irgendwelche charakterlichen Eigenschaften, eine besondere Spezialität Prachetts, machen diese kleinen Schwächen mehr als wett.

An dieser Stelle muss endlich auch einmal die hervorragende Übersetzungsarbeit ausdrücklich gelobt werden. Mancher Name wird klar genannt – so die „Times“ und deren engagierter, aber ahnungsloser Chef. Die namentliche Camouflage eines sehr bekannten Fußballspielers wird sogar mir als Fußball-Laien klar. Oder mancher andere Name wird durch einen Dialekt verfremdet – so heißt eine Zwergen-Boutique „Shissa“. Das klingt so, als ob man im hessischen Dialekt jemanden als Angsthasen bezeichnete.

Terry Pratchett (und sein Übersetzer) pflegt auch in diesem Roman, wie gewohnt, einen virtuosen Umgang mit jeder Art von Sprache. Der „Pöbel“ besteht auch aus einem Menschen namens „Furzer“. Das „Frollein“ und ein „Suffkopp“ kommen vor. Aber auch ein Zauberer für Postmortale Kommunikation, der fast entschuldigend einen Totenkopfring trägt, um seinem Status gerecht zu werden. Und ein Bibliothekar, der in seiner Beschreibung sehr deutlich geoutet wird, jedoch wird nicht mit einem Wort die Spezies klar benannt.

Kurzum, es macht Spaß, den „Club der unsichtbaren Gelehrten“ zu lesen. Unterhaltsam, manchmal zum Lachen. Leicht und doch mit dem Angebot zum Denken.

Kurzweilig – es kommt zu keiner Zeit die Versuchung auf, nach der Anzahl der noch zu lesenden Seiten zu schauen. Alles muss auch nicht verstanden werden, einiges ist doch etwas wirr. Der Schluss wird aufgeteilt – lesen Sie und Sie verstehen, was ich meine.

Doch ganz zum Schluss noch einmal der Hinweis: Es ist kein Buch, in dem es wirklich um Fußball geht, sondern um das ganze Leben. Na ja, zumindest um einen Teil davon. Viel Vergnügen beim Lesen!

[Rezensentin: C.S:]

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Autor: Terry Pratchett
Titel: „Der Club der unsichtbaren Gelehrten“
Broschiert: 512 Seiten
Verlag: Manhattan
ISBN-10: 3442546737
ISBN-13: 978-3442546732

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