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Caterina Bonvicini: Interview auf der Buchmesse 2010

Am: | Januar 18, 2011

Caterina Bonvicini: Interview auf der Frankfurter Buchmesse am 07.10.10 über „Das Gleichgewicht der Haie“

KULTURBUCHTIPPS: Caterina, Ihr Buch “Das Gleichgewicht der Haie” war in Italien ein großer Erfolg und ist nun auch in Deutschland erschienen bei S.Fischer. Wurde Ihr Roman auch in andere Sprachen übersetzt?

CATERINA BONVICINI: Ja, “L’equilibrio degli squali” ist auch Frankreich, Holland, Spanien und in der Türkei veröffentlicht worden.

KULTURBUCHTIPPS: Ihr Roman erzählt die Geschichte einer Frau. Wie würden Sie Sofia, die Hauptfigur, beschreiben. Sie ist eine unglückliche Frau, sie kämpft, leidet unter ihrer Depression, auch ihre Mutter war depressiv und nahm sich das Leben, als Sofia noch ein Kind war… Auch ihr Ehemann leidet unter einer psychischen Krankheit, einer bipolaren Störung, sie lassen sich scheiden, dann ist ihr nächster Freund auch selbst depressiv… Es liest sich wie eine ständige Wiederholung des persönlichen Unglücks.

CATERINA BONVICINI: Ich wollte Sofias Geschichte so erzählen, dass sie immer auch depressive Partner braucht, weil sie nicht selbst in der Lage ist, die Probleme aus ihrer Kindheit zu überwinden. Erst durch diese ständige Wiederholung der Leidensgeschichte ist es ihr Möglichkeit, die Geschichte ihrer eigenen Mutter zu verstehen und ihre hinterlassenen Briefe zu lesen. Zu Beginn der Geschichte ist Sofia stark und auch selbstironisch, aber je tiefer sie in die Welt der Vergangenheit eintaucht, indem sie die Briefe ihrer Mutter liest, wird sie immer zerbrechlicher und verletzlicher. Sie hat dieselben psychischen Probleme wie die Männer, auf die sie trifft.

KULTURBUCHTIPPS: Ich fand das sehr interessant. Selbst in Ihrem Schreibstil kommen diese Zerbrechlichkeit der Figur und die Gefühlslage einer Depression sehr gut zum Vorschein. Sofia versucht ihr Leben mit der Depression in den Griff zu kriegen, wird jedoch immer wieder von ihren Gedanken und Erinnerungen an die Mutter und die traumatischen Erlebnisse in der frühen Kindheit zurück geworfen in das Dunkel der Nacht. Diese Stellen Ihres Buches fand ich besonders bewegend. Ich möchte sie „die stillen Dialoge“ nennen, einerseits zwischen Sofia und ihrer toten Mutter, wenn sie deren Briefe liest, und andererseits die Videobotschaften ihres Vaters, der sich als Meeresbiologe ganz dem Leben mit den Haien verschrieben hat.

CATERINA BONVICINI: Wir haben ja drei Stimmen in diesem Buch. Wir haben da zum einen die Ich-Erzählerin. Aber ich mag das Schreiben in der ersten Person nicht besonders, sondern versuche immer auch andere Stimmen in einer Geschichte einzubauen. Daher sind auch die Stimmen des Vaters und der Mutter komplett anders. Die Mutter lebte in der Vergangenheit, liebte Lyrik und interessierte sich für Politik. Der Vater wiederum kennt nur seine Wasserwelt und kann nur über Bilder dieses Mediums kommunizieren. Alle drei Charaktere haben also eine unterschiedliche Sicht auf die Welt. Das finde ich spannend, denn es ist eine Möglichkeit, etwas weiter von der ersten Person weg zu kommen und die Geschichte nicht zu egozentrisch klingen zu lassen..

KULTURBUCHTIPPS: Ich hatte mich auch schon gefragt, wie Sie das gemacht haben. Der Roman wirkt wie ein Netzwerk mit verschiedenen Ebenen. Auf der einen Seite scheint es ein sehr offenes Feld zu sein: Man kann die Handlungsstränge von dieser, von jener Richtung aus betrachten, jedoch der eigentliche Kern, die depressive Erkrankung, die alles überlagert, scheint ein sehr statisches Element zu sein.

CATERINA BONVICINI: Die Stimme, die ich Sofia gegeben habe, ist jedoch sehr auto-ironisch. Auf diese Weise können all diese sehr ernsten Dinge und Ereignisse der Geschichte in einer Art beschrieben werden, die sehr ironisch und auch sehr distanziert wirkt. Mir war es wichtig, mich selbst in das Problem zu begeben und dann die Geschichte aus der Sicht jedes einzelnen Charakters zu erzählen, um diese sehr ernsten Dinge beschreiben, jedoch gleichzeitig mit Hilfe der Ironie die Distanz wahren zu können.

KULTURBUCHTIPPS: Ironische Distanz ist ja oft ein probates Mittel, um mit Problemen und Ängsten fertig zu werden beziehungsweise sie sich vom Hals zu halten. Aber mir ist beim Lesen auch aufgefallen, dass gerade das, was Sie über die Gemütszustände während einer Depressionen schreiben, sehr sensitiv und mitfühlend ist. Nehmen wir zum Beispiel die Passage, in der die Mutter in einem Brief schreibt: „Ich fürchte mich, wenn ich glücklich bin, und ich fürchte mich, wenn ich leide. Erst wenn ich gar nichts fühle und auch keine Angst mehr habe, dann weiß ich, dass ich mein Gleichgewicht verloren habe.“ Das klingt dermaßen authentisch, dass ich mich frage, ob Sie in der Vergangenheit vielleicht selbst Erfahrungen mit depressiven Zuständen hatten.

CATERINA BONVICINI: Ja, ich hatte verschiedene Erfahrungen gemacht, und auch einige Leute in meiner Umgebung litten an Depressionen. Als ich 30 war, litt ich selbst an einer Depression. Ich kenne mich also aus. Auch meine Mutter war depressiv. Natürlich habe ich auch sehr viel über Depression gelesen. Eigentlich hat ja jeder irgendwann in seinem leben mindestens eine Depression. Es ist eine Krankheit der Westlichen Welt.

KULTURBUCHTIPPS: Vielleicht auch der Östlichen Welt. Ich denke, Depression ist eine ganz normale Erkrankung, derer man sich nicht schämen muss. Aber es hängt vom eigenen Charakter ab, wie man mit dieser Erkrankung umgeht.

CATERINA BONVICINI: Wenn man sich die Statistiken anschaut, ist es wirklich beeindruckend deutlich: Fast jeder hat schon einmal an einer depressiven Erkrankung gelitten, aber es gibt natürlich verschiedene Arten von Depression. Auch im Buch sind nicht alle Charaktere gleichermaßen depressiv. Manche haben die Depression hinter sich, andere stecken mittendrin, und wieder andere, wie Marcello, sind nicht eigentlich depressiv, sondern eher chronisch eifersüchtig.

KULTURBUCHTIPPS: Aber Ihr Roman ist wirklich sehr einfühlsam geschrieben.

CATERINA BONVICINI: Ich versuche immer, mit Liebe und mit Grausamkeit zu schreiben. Mit Liebe und Verständnis für meine Figuren, gleichzeitig aber mit einer fast grausamen Kälte bei der Suche nach Genauigkeit und Wahrheit. Ich möchte in die Charaktere eintauchen und die Geschichte in Liebe mit ihren Augen sehen, und gleichzeitig versuche ich, eine heilsame Distanz zu bewahren und die Handlung genau zu beschreiben.

KULTURBUCHTIPPS: Auch das ist eine Frage des Gleichgewichts.

CATERINA BONVICINI: Ja, es ist die Balance zwischen Außen und Innen.

KULTURBUCHTIPPS: Und die Balance zwischen Empathie und Grausamkeit. Gleichgewicht ist ja das Schlüsselwort für alle Personen in Ihrem Roman. Jeder hat seine eigene Balance. Der Vater findet das Gleichgewicht zwischen sich selbst und den Haien, die er beobachtet. Die Mutter sucht ihr Gleichgewicht zwischen der Liebe zur Lyrik und der Liebe zu Sofia. Sofia findet ihr Gleichgewicht nur, wenn sie schläft.

CATERINA BONVICINI: Sie sagt, wenn sie schläft, kann sie nicht verrückt werden. Das ist ihr Weg zum Gleichgewicht.

KULTURBUCHTIPPS: Als die Mutter mit der kleinen Sofia im Bett liegt und Sofia fragt, warum sie so traurig ist, sagt sie: „Ich habe mein Gleichgewicht verloren.“ – „Was ist ein Gleichgewicht?“ – „Wenn ein Fisch ganz gerade in eine Richtung schwimmt.

CATERINA BONVICINI: Weil die Haie immer ganz gerade in eine Richtung schwimmen. Deswegen haben die Haie ihr Gleichgewicht gefunden, die Menschen jedoch nicht. Gleichwohl ist diese Balance trügerisch und labil. Die fragilen Charaktere sind eine Gefahr für sich selbst und auch für andere – wie die Haie.

KULTURBUCHTIPPS: Ich fand es jedoch bemerkenswert dass gerade Sofias Mutter, die nach der Geburt vom Vater allein gelassen wurde, weil er sich lieber um seine Haie als um die Familie kümmern wollte, dass die Mutter gerade eine Metapher aus der Meereswelt verwendet, um Sofia den Begriff des Gleichgewichts zu erklären.

CATERINA BONVICINI: Die Mutter hofft, dass Sofia nicht ihre eigenen depressiven Neigungen geerbt hat, sondern das Gleichgewicht des Vaters. Wenngleich es vollkommen verrückt scheint, ohne einen Schutzkäfig mit den Weißen Haien zu tauchen, so ist doch der Vater der einzige in der ganzen Familie, der wirklich sein Gleichgewicht gefunden hat. Sofias Mutter hat Sorge, dass Sofia wie sie selbst werden könnte, und selbst wenn sie den Vater und sein Verhalten nicht versteht, ahnt sie doch, dass er seine Balance gefunden hat. Deshalb hofft sie, dass Sofia wie ihr Vater wird.

KULTURBUCHTIPPS: Wie würden Sie selbst Sofia beschreiben? Ist sie mehr wie ihre Mutter, kommt sie mehr nach dem Vater oder ist sie eine Mischung aus beiden?

CATERINA BONVICINI: Sie ist eine Mischung aus beiden. Meine Geschichte hat ja ein offenes Ende. Es ist nicht wie in einem amerikanischen Kinofilm mit einem Happy End. Denn mit einer Depression ist es so, dass sie immer wieder kommen kann. Ich wollte also nicht eine endgültige Genesung beschreiben, sondern den weiteren Verlauf der Handlung offen lassen. Ich bin auch der Meinung, dass man keine Lösungsvorschläge geben, sondern nur das Problem genau beschreiben kann. Man kann nur den Leser in einen Zustand des Zweifelns versetzen und die Probleme aufzeigen. Dann muss jeder für sich selbst die Lösung finden.

KULTURBUCHTIPPS: Nicola und Sofia trennen sich am Anfang des Buches. In der zweiten Hälfte treffen sie jedoch wieder aufeinander. Dieses Mal spricht Sofia erstmals offen über ihre eigene Depression. Eine frage, die Nicola ihr stellt, hat mich sehr beschäftigt. Er fragt sie, ob es wirklich ihre eigene Depression ist oder ob sie nicht eher die Depression ihrer Mutter nacherlebt.

CATERINA BONVICINI: Richtig. Diese Frage ist sehr gut, denn ich wollte zeigen, dass Sofia zu einer bestimmten Zeit der Geschichte so sehr in die Depression der Mutter eintaucht, indem sie ihre hinterlassenen Briefe liest, dass die damalige Depression der Mutter zu ihrer eigenen Depression wird. Sofia fühlt sich auch sehr schuldig, denn sie konnte als kleines Kind ihrer Mutter damals auch nicht helfen.

KULTURBUCHTIPPS: Sie konnte nur zuschauen, als ihre Mutter vom Balkon sprang.

CATERINA BONVICINI: Und deshalb fühlte sie sich schuldig. Sie versucht ihre Mutter zu verstehen und empathisch zu sein, doch das treibt sie so tief in die eigene Depression, weil sie nur so die Depression der Mutter begreifen kann. Dies ist der Schlüssel für Sofias Depression. Eigenes Leiden macht einen selbst für die Leiden anderer empfänglich.

KULTURBUCHTIPPS: Aber die Männer in Ihrem Roman sind anders. Die sind nicht so empathisch.

CATERINA BONVICINI: Oh nein, die Männer sind furchtbar. Sie sind ignorant und egoistisch, jedoch gleichzeitig sind die Männer nicht in der Lage, sich selbst zu hinterfragen. Sie können alles immer nur aus einer einzigen Perspektive betrachten, und sie fragen sich auch nicht, was sie falsch machen, wenn sie andere Menschen verletzen.

KULTURBUCHTIPPS: Die Männer sind also sehr eindimensionale Wesen. Aber dies ist eigentlich auch wieder eine Wiederholung dessen, was Sofias Mutter in ihren Briefen über ihre Probleme mit Nando und Carlo geschrieben hat: dass nämlich jeder Mann immer sehr beherzt und engagiert über viele verschiedene äußere Probleme sprechen konnte, nie jedoch über sich selbst und seine Beziehung zu Sofias Mutter.

CATERINA BONVICINI: Ja, ich verwende solche Spiegelungen sehr gerne. Eine Szene spiegelt sich in einer neuen Konstellation und an einem anderen Punkt der Handlung wider.

KULTURBUCHTIPPS: Solche Parallelen gibt es auch immer wieder bei Sofia. Während sie immer tiefer in ihre Depression abtaucht, empfängt sie die Videobotschaften ihres Vaters, der gerade in der Tiefsee taucht.

CATERINA BONVICINI: Der Vater ist ja auch in seiner Kommunikation eingeschränkt. Ihm bleibt nur, über die Welt der Haie zu sprechen. Dies ist seine Art, mit Sofia zu kommunizieren.

KULTURBUCHTIPPS: Aber es sind auch gleichzeitig schöne Metaphern, die sie da erfinden.

CATERINA BONVICINI: Wenn ihr Vater von dem Leben der Haie erzählt, so wirkt das wie ein Spiegelbild von Sofias Seele und ihren Gefühlen. Dasselbe gilt übrigens auch für die Stadt Turin, die in meinem Buch wie ein eigener Charakter behandelt wird. Sowohl Turin als auch die Haie reflektieren immer wieder die Situation um Sofia herum.

KULTURBUCHTIPPS: Ist Turin denn wirklich solche eine schöne Stadt, wie sie sie beschreiben?

CATERINA BONVICINI: Ich finde schon. Ich habe über vier Jahre dort gelebt. Ich habe zwar in Bologna studiert, aber gleichzeitig auch in Turin gearbeitet. Dort habe ich auch mein erstes Buch veröffentlicht. Jetzt lebe ich jedoch in Rom. Ich liebe Turin jedoch sehr. Es ist manchmal eine Stadt mit einer fast melancholischen Atmosphäre, und Turin hat mich auch sehr geformt. Mit ihrem geometrischen Grundriss erinnert sie mich an eine Miniatur von Italo Calvino. Dies beeinflusste meine Art zu schreiben sehr: geometrisch zu sein – weiß, geometrisch und rein. Ich glaube, dass die Zeit in Turin für meine Schriftstellerei sehr wichtig war.

KULTURBUCHTIPPS: Lassen Sie uns gleich beim Thema Schreiben bleiben. Wie entwickeln Sie eine Geschichte? Haben Sie eine Grundidee und beginnen einfach mit Kapitel Eins…?

CATERINA BONVICINI: Nein. Ich schreibe immer viele, viele Versionen meiner Geschichte. Viele Versionen, an denen ich dann noch sehr viel verändere. Ich bin sehr kritisch mit mir selbst. Also arbeite ich wirklich sehr viel. Ich bin auch der Überzeugung, dass es nicht allein genügt, Talent zu haben und sich nur auf die Inspiration zu verlassen. Du musst wirklich sehr hart arbeiten, den Text immer wieder verändern, um das Beste heraus zu holen. All dies natürlich nur im Rahmen deiner eigenen Möglichkeiten. Aber ich möchte innerhalb dieser Grenzen das Beste erreichen. Und so gibt es manchmal bis zu zwanzig verschiedene Versionen, die ich immer wieder verändere, etwas heraus nehme und wegschmeiße…

KULTURBUCHTIPPS: Haben Sie denn eine Storyline, wenn Sie mit dem Schreiben beginnen? Oder entwickeln Sie Ihre Geschichte eher aus den einzelnen Charakteren heraus?

CATERINA BONVICINI: Ich habe anfangs mehrere Ideen für Themen und Szenen, und ich weiß, was ich erzählen möchte. Aber zum Beispiel eine wichtige Figur wie Mutter in „Das Gleichgewicht der Haie“ beginnt sich während des Schreibens weiter zu entwickeln, sie wächst im Laufe des Schreibprozesses. Ich wusste am Anfang unter Anderem, dass sie Briefe geschrieben und ihrer Tochter hinterlassen haben wird; doch plötzlich verstand ich während des Schreibens, dass diese Briefe der Schlüssel zur ganzen Geschichte sein werden! – Als das Manuskript fertig war, dachte ich, dass es nicht mehr verändert zu werden bräuchte. In der italienischen Ausgabe ist auch nichts mehr am Text verändert worden. Aber als ich dann mit dem Lektor von Gallimard, meinem französischen Verlagspartner, über den Text sprach, fanden wir heraus, dass man an manchen Stellen etwas ändern müsste. Ich mag diese Dialoge sehr, und ich möchte selbst eine neue Lösung für die Textpassagen finden, die man noch verbessern kann. Ich mag diesen Austausch auch mit den Kritikern, denn sie bieten mir immer die Möglichkeit zu wachsen und besser zu werden.

KULTURBUCHTIPPS: Und so verändert sich die Geschichte immer wieder bis zum Schluss. Bis Sie an einem Punkt sagen, nun ist es genug, jetzt ist die Geschichte fertig.

CATERINA BONVICINI: Ja, spätestens, wenn der Abgabetermin des Verlags kommt, ist Schluss, und dann muss ich die Geschichte nicht mehr weiter überarbeiten.

KULTURBUCHTIPPS: Sie schreiben am Computer.

CATERINA BONVICINI: Ja, sicher, am Computer, und ich ändere sehr viel während des Schreibens. Oft gehe ich im Text auch zurück und ersetze ein unpassendes Wort durch ein besseres. Vor allem bei den Dialogen ändere ich viel. Zunächst beinhalten die Dialoge die Aussage, die ich vermitteln möchte, aber manchmal fällt mir später eine bessere Art ein, wie diese Inhalte in den Dialogen gesagt werden könnten. Das ist ein ziemlich harter Job, aber ich könnte mir auf der anderen Seite keine schönere Arbeit vorstellen, als zu schreiben.

KULTURBUCHTIPPS: Und mittlerweile können Sie sogar vom Schreiben leben.

CATERINA BONVICINI: Ja, mit Hilfe von Literaturpreisen und ähnlichen Dingen geht das.

KULTURBUCHTIPPS: Ihr Buch hat unter Anderem den Premio Rapallo und den Prix Littéraire de L’Heroine „Madame Figaro“ gewonnen.

CATERINA BONVICINI: Ja. Darüber hinaus hat es aber auch noch eine Menge kleinerer Preise gewonnen, und die geben dir immer wieder etwas Geld… Es sind zwar keine berühmten Preise, aber das damit verbundene Preisgeld hilft doch sehr.

KULTURBUCHTIPPS: Am Ende muss ich noch einmal zurückspringen ins Buch. Die Autorin Sylvia Plath wird mehrmals im Buch erwähnt. Inwieweit hat die Biografie der Sylvia Plath Eingang gefunden in die Figur der Sofia oder auch die ihrer Mutter?

CATERINA BONVICINI: Sylvia Plath ist sehr wichtig als ein Spiegel. Ich liebe sie und ihre Lyrik. Und ihre Geschichte, ihr Leiden an der Depression und der Selbstmord haben mich sehr beschäftigt. Die Aufzeichnungen in ihren Tagebüchern und die Briefe, die ihr Leiden beschreiben, ihre Probleme mit dem eigenen Kind und ihrer Mutterschaft, all dies wurde zu einem wichtigen Spiegel für die Geschichte in meinem Buch.

KULTURBUCHTIPPS: Sie haben am Anfang bereits gesagt, dass gerade ein neues Buch von Ihnen in Italien erschienen ist.

CATERINA BONVICINI: Es heißt “Il sorriso lento”, das langsame Lächeln. Es handelt von einer Krebserkrankung. Es ist die wahre Geschichte meiner Freundin, die mit 33 starb. Sie war für mich wie eine Schwester. Ich erzähle also diese Geschichte einer Gruppe von Freunden in Bologna, die zusammen aufgewachsen und immer um sie herum waren. In einer zweiten Geschichte, die jedoch komplett erfunden ist, geht es um den Sinn des Lebensendes. Beide Themen sind ja immer noch Tabus, man schreibt weder über Krankheit noch über den Tod, doch ich möchte genau das tun. Dabei ist es mir wichtig, so viel Leben wie möglich in die Geschichte zu packen. Gleichzeitig soll auch immer wieder Freude und Glück in diesem Buch auftauchen, denn auch das gehört dazu, genau so wie das Leiden und der Tod. Dieses Buch zu schreiben, war für mich noch schwerer, als „Das Gleichgewicht der Haie“ zu schreiben. Das „langsame Lächeln“ ist das Lächeln des Endes, des Sterbens, wenn sich das Leben aus dem Körper zurückzieht.

KULTURBUCHTIPPS: Gibt es denn schon Anzeichen dafür, dass auch dieses Buch von Ihnen ins Deutsche übersetzt werden wird?

CATERINA BONVICINI: Ich hoffe es. Meine Übersetzerin hat es bereits gelesen, und es hat ihr sehr gefallen.

KULTURBUCHTIPPS: Gibt es denn aktuell einen Text, an dem Sie gerade schreiben?

CATERINA BONVICINI: Ich möchte gern über das Italien unter Berlusconi schreiben. Aber das ist gar nicht so einfach. Ich kann Berlusconi nicht ausstehen.

KULTURBUCHTIPPS: Wer nicht?! Das geht wohl den meisten Italienern so.

CATERINA BONVICINI: Aber die haben ihn doch gewählt! Aber für die Geschichte ist es sehr schwierig, die richtige Stimme und den passenden Erzählton zu finden. Und so befinde ich mich aktuell noch in der Phase der Ideenfindung. Ich werde sehen, in welcher Form ich darüber schreiben kann.

KULTURBUCHTIPPS: Dann warten wir mal ab. Ich bin sehr gespannt auf diese Geschichte – und zuvor auch auf „Il sorriso lento“, Ihr neues Buch, das hoffentlich auch auf Deutsch erscheinen wird.

CATERINA BONVICINI: In Frankreich wird es schon übersetzt. Dort erscheint ist dann im kommenden Jahr (2011), wahrscheinlich im September.

KULTURBUCHTIPPS: Vielen Dank für das interessante Interview.

CATERINA BONVICINI: Ich danke Ihnen.




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