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Caterina Bonvicini: „Das Gleichgewicht der Haie“

Am: | Januar 18, 2011

Es genügen kleinste falsche Bewegungen oder leichte Unachtsamkeiten, um das Tauchen mit einem Schwarm Weißer Haie für den Menschen zu einer tödlichen Gefahr werden zu lassen. Nur wenn das Gleichgewicht der Haie stabil ist, kann der Mensch in diesem feindlichen System überleben. Wer dieses Gleichgewicht zu erhalten vermag, versteht die Haie und lernt sie in ihrem natürlichen Lebensraum kennen.

Caterina Bonvicini wählt dieses Bild als Metapher für das fragile Gleichgewicht ihrer depressiven Protagonistin Sofia, die in „Das Gleichgewicht der Haie“ versucht, ihr Leben zu leben. Frisch von ihrem Mann Nicola getrennt, der ebenfalls bipolar gestört ist, begegnet Sofia, die Malerin, in loser Abfolge einer Reihe von Männern, die alle ihr seelisches „Päckchen“ zu tragen haben, manisch-depressiv oder depressiv oder einfach nur krankhaft eifersüchtig sind.

Gleichzeitig zieht sich Sofia immer mehr von der Außenwelt zurück, liest endlich die Briefe ihrer Mutter und erhält regelmäßig Videobotschaften ihres Vaters Nando, dem Meeresbiologen und passionierten Hai-Taucher. Der Vater war schon immer ein Mann des Meeres, seine Sprache ist die der Meeresbiologie; in ihren Bildern zu sprechen, ist seine einzige Möglichkeit, mit Sofia zu kommunizieren.

Der Vater ist auch nur selten zu Hause, als die Mutter noch lebte. Sein Leben war der Meeresbiologie gewidmet, nicht der Familie. Das klassische Familienglück war nichts für ihn. Sobald er von seinen langen Expeditionen nach Hause kam, so zog es ihn auch schon wieder hinaus. Die Zeit daheim wurde ihm fast unerträglich.

Die Mutter vergräbt sich in der Literatur und versucht, ihre liebe zu Sofia zu entwickeln. Doch erst der rebellische Carlo, der durch seinen Intellekt und seine politische Radikalität fasziniert, erobert ihr Herz und scheint ihr das zu geben, was sie so sehr vermisste.

Als sie nach langem Zögern Carlos Drängen nachgibt und mit ihm nach Rom gehen möchte, wendet er sich von ihr ab. Die Mutter bricht zusammen und hat ihr labiles Gleichgewicht verloren. Die kleine Sofia fragt die Mutter, was ein Gleichgewicht ist. Die Mutter antwortet mit einem Bild, das auch von ihrem Vater stammen könnte: „Das Gleichgewicht ist „ein Fisch, der geradeaus durchs Wasser schwimmt.

Sofia war noch ein Kind, als sich ihre Mutter vom Balkon in den Tod stürzte. Es war ein lauer Sommerabend im Juni 2980, als die Mutter mit der kleinen Sofia auf dem Boden spielte. Es war das biblische „Spiel“ von Abraham und Isaak, ein fast tödliches Spiel.

Die Mutter litt unter einer bipolaren Störung, sie hatte Probleme mit der Mutterschaft, das Verhältnis zu ihrer eigenen Tochter war schwierig. Trotz ihrer Erkrankung hat sie sich jedoch im Griff, und Sofia hilft ihr sogar dabei: „Ich fühle mich jetzt auch ohne Medikamente ruhig, da Sofias Existenz eine instinktive, permanente Konzentration erfordert.“

Sofia sah, wie die Mutter sich in den Tod stürzte. Sie fühlte sich schuldig. Zu ihrem 18. Geburtstag schenkte ihr Vater ihr die Perlenkette der Mutter und einen Stapel ungeöffneter Briefe. Als Sofia beginnt, die Briefe ihrer Mutter zu lesen, hilft es ihr, sich von ihren eigenen Schuldgefühlen zu befreien. Je länger sie jedoch in den Briefen liest, desto weiter wandert sie in die eigene Vergangenheit und somit parallel auch in die Vergangenheit ihrer Mutter zurück. Umso tiefer fällt sie in eine neue Depression, die es ihr jedoch ermöglicht, die tödliche Depression der Mutter nachzuempfinden.

Meisterhaft ist die Sprache dieses Romans, die den vorsichtigen Tanz auf dem Schwebebalken des Lebens verdeutlicht, den jeder Mensch mit einer bipolaren Störung vollziehen muss. Labil ist das Gleichgewicht zwischen „himmelhoch jauchzend“ und „zu Tode betrübt“.

Ich fürchte mich, wenn ich glücklich bin. Ich fürchte mich, wenn ich leide. Wenn ich nichts fühle und nichts fürchte, weiß ich, dass ich mein Gleichgewicht verloren habe.“ Sofias Mutter weiß, wie gefährlich ihre Erkrankung für sie selbst, aber auch für Sofia sein kann.

Um die kleine Sofia zu beruhigen, liest sie ihr in einem fröhlichen Singsang die Selbstmord-Lyrik der Sylvia Plath vor. Sylvia Plath, die selbst unter einer bipolaren Störung litt und sich im Alter von 32 Jahren mit Tabletten das Leben nahm, ist das Vorbild für die Charakterisierung von Sofias Mutter gewesen, wie Caterina Bonvicini in ihrem Interview mit kulturbuchtipps verrät.

„Das Gleichgewicht der Haie“ ist ein psychologischer Roman, der den Leser in eine scheinbar vertraute Welt führt, die aber immer wieder durchbrochen wird von Impulsen und Nachrichten von anderen Zeitebenen. Vergangenheit und Gegenwart fallen zusammen bei Sofias Lektüre der Briefe ihrer Mutter. Und sie vermischen sich mit den Gedanken an das Morgen, das in der Depression unerreichbar weit entfernt zu liegen scheint.

Wie es der Autorin gelingt, so feinfühlig über den Zustand der Depression zu schreiben, verrät sie in ihrem Gespräch mit kulturbuchtipps.

„Das Gleichgewicht der Haie“ ist der erste Roman von Caterina Bonvicini, der auf Deutsch erscheint. Der Roman hat viele Preise erhalten, unter Anderem den renommierten Premio Rapallo und den französischen Prix Littéraire de L’Heroine „Madame Figaro“. Es ist bereits das fünfte Buch, das sie in Italien veröffentlicht hat. in Italien gehört Caterina Bonvicini zu den erfolgreichsten und wichtigsten Autorinnen der Gegenwart, auch wenn sie in Deutschland bislang noch unbekannt ist. Aber das wird sich bald ändern. Denn „Das Gleichgewicht der Haie“ ist ein beeindruckendes Debüt einer jungen italienischen Autorin in Deutschland. Und es wird sicherlich nicht das letzte Buch sein, das wir von ihr lesen werden.

In aller Kürze: „Das Gleichgewicht der Haie“ ist einer der besten Romane des Jahres 2010.

Autor: Caterina Bonvicini
Titel: „Das Gleichgewicht der Haie“
Gebundene Ausgabe: 283 Seiten
Verlag: Fischer (S.), Frankfurt
ISBN-10: 3100035143
ISBN-13: 978-3100035141

Interview mit Caterina Bonvicini auf der Buchmesse 2010

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