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Muriel Barbery: „Die Eleganz des Igels“

Am: | Januar 26, 2011

Unterschätzen Sie niemals Ihren Hausmeister! Das ganze wichtigtuerische Gehabe mit dem angeschmutzten Blaumann, der Freisprech-Prothese des Handys am Ohr, dem dümmlichen Gequatsche und der permanenten schlechten Laune könnte nur eine trickreiche Fassade sein, um den scharfsinnigen Geist und den intellektuellen Tiefgang dahinter zu verbergen.

Ihr Hausmeister könnte ein glühender Anhänger Schopenhauers, ein Spezialist in der Quantenphysik oder gar ein ausgemachter Liebhaber schöngeistiger Literatur sein, wer weiß?!

Hinter einer grauen und bröckeligen Fassade steckt oft ein hübsches Zuhause, und wer sich von Äußerlichkeiten täuschen lässt, dem bleibt der Blick auf die inneren Werte verstellt.

Muriel Barbery ist eine 1969 geborene, studierte Philosophin und Schriftstellerin, eine Französin, die es zurzeit nach Kyoto verschlagen hat. Nach ihrem ersten Roman „Une Gourmandise“ („Die letzte Delikatesse“, 2000 auf Französisch bei Gallimard und 2009 bei dtv auf Deutsch erschienen) ist „Die Eleganz des Igels“ Barberys zweiter Bestseller. Laut Wikipedia lebt sie derzeit in Japan, um sich dem ganzen Medienrummel zu entziehen und Zeit fürs Schreiben zu haben.

„Die Eleganz des Igels“ erzählt die Geschichte der Pariser Concierge Renée, die eine solche Camouflage, wie oben beschrieben, zur Perfektion gebracht hat. Niemand kommt in dem feinen Pariser Mietshaus in der Rue de Grenelle 7 auf die Idee, dass Renée etwas anderes sein könnte als jene mittelalterliche und leicht tumb wirkende Concierge, die den ganzen Tag den Fernseher laufen lässt und in ihrem Verschlag sitzt, um die Mieter und Besucher des Hauses zu kontrollieren und zu schikanieren.

In Wirklichkeit ist Renée aber eine leidenschaftliche Autodidaktin. Wenn Sie etwas in ihrem Conciergen-Leben hat, dann ist es Zeit, und diese Zeit nutzte Renée schon immer zum Lesen. So ist sie nicht nur politisch sehr interessiert und hat Marx und all die anderen wichtigen Theoretiker gelesen, auch die russischen Klassiker wie Tolstoi und natürlich die großen Philosophen. Niemand durchschaut dieses Versteckspiel – niemand außer der kleinen Paloma:

Madame Michel besitzt die Eleganz eines Igels: Außen ist sie mit Stacheln gepanzert, eine echte Festung, aber ich ahne vage, dass sie innen auf genauso einfache Art raffiniert ist wie die Igel, diese kleinen Tiere, die nur scheinbar träge, entschieden ungesellig und schrecklich elegant sind.

Paloma ist das hochbegabte Kind reicher, aber sehr beschäftigter Eltern. Die Karriere steht immer im Vordergrund, und Paloma lernt schon früh, dass das Leben der Erwachsenen eine einzige Katastrophe ist. Und nur „von Zeit zu Zeit nehmen sich die erwachsenen offenbar Zeit, sich hinzusetzen und die Katastrophe zu betrachten, die ihr Leben ist. Sie jammern dann, ohne zu verstehen, und wie Fliegen, die immer gegen die gleiche Scheibe stoßen, werden sie unruhig, sie leiden, verkümmern, sind deprimiert und fragen sich, welches Räderwerk sie dorthin geführt hat, wohin sie gar nicht wollten.

Erstaunlich nüchterne Erkenntnisse für eine Zwölfjährige. Pamela beschließt, in wenigen Monaten Selbstmord zu begehen und vorher das Haus anzuzünden. Gleichzeitig finden sie es gut, noch ein paar tiefgründige Gedanken zu haben, die sie aufschreiben und der Nachwelt hinterlassen möchte.

Dies ist die Ausgangslage des zweiten Romans von Muriel Barbery. Der Leser wird von der ersten Seite an durch den charmanten und leichtfüßigen Schreibstil Barberys in das Buch gezogen. Fortan wird man selbst zum ständigen Besucher des Hauses im 6. Arrondissement und schaut hinter die Kulissen und in die Herzen seiner Bewohner.

Auf 360 Seiten tauchen wir ein in eine schrecklich schöne Welt, die uns zunächst bekannt vorkommt, dann jedoch schon bald ihren ganze eigenen Zauber entfaltet und eine Hintergründigkeit und Tiefe offenbart, wie wir sie in dem sozialen Biotop eines kleinen Pariser Mietshauses nicht erwarteten.

Sowohl Renée als auch Pamela sind auf der Suche nach der Schönheit dieser Welt, in Filmen, Büchern und vielleicht auch in anderen Menschen. Als dann noch der japanische Geschäftsmann Ozu in das Stadtpalais der Rue Grenelle 7 einzieht, droht die kleine Welt seiner Bewohner aus dem Gleichgewicht zu geraten.

„Die Eleganz des Igels“ ist ein durch und durch französischer Roman, ein philosophisches Lehrbuch über den großen Fragen des Lebens und eine unterhaltsame Lektüre für alle, die vielleicht selbst auf der Suche sind nach der Leichtigkeit des Seins, nach der Liebe und letztlich nach dem Sinn des Lebens.

Autor: Muriel Barbery
Titel: „Die Eleganz des Igels“
Taschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN-10: 3423138149
ISBN-13: 978-3423138147

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