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Nicole Krauss: „Das große Haus“

Am: | Februar 18, 2011

Kaum war der neue Roman von Nicole Krauss erschienen, überschlug sich das Feuilleton mit Lobpreisungen und Bravo-Rufen. Der allgemeine Jubel übertönte manchmal sogar fast den tosenden Applaus für den in Deutschland nahezu zeitgleich erschienenen neuen Roman „Freiheit“ von Jonathan Franzen.

Haben wir es aber bei der filigran und durchschimmernd wirkenden Nicole Krauss wirklich mit einem neuen Schwergewicht der amerikanischen Literaturszene zu tun?

Die Vorschuss-Lorbeeren der Literaturkritik waren groß, aber berechtigt. Die Autorin hatte bereits mit ihren zwei vorangegangenen Romanen „Die Geschichte der Liebe“ und „Kommt ein Mann ins Zimmer“ ihr großes Talent bewiesen, und ihre Kurzgeschichten wurden bereits mehrfach in die jährlichen Ausgaben der „Best American Short Stories“ aufgenommen.

„Das große Haus“ setzt sich aus mehreren Geschichten zusammen, die anfangs scheinbar keine Verbindung zueinander haben, dann jedoch kristallisiert sich mehr und mehr heraus, wie alle Handlungsstränge auf einen einzigen Punkt zurückzuführen sind.

Der jüdische Kunsthändler Georg Weisz hat seine Familie im KZ verloren. Nun jagt er dem Hab und Gut seiner Angehörigen, das durch die Kriegswirren in der ganzen Welt verstreut ist, hinterher und sammelt die persönlichen Dinge seiner Familie wieder ein, um ihre Spuren zu erhalten. Nur ein Möbelstück fehlt: ein großer klobiger Schreibtisch.

Dieser Schreibtisch ist der Dreh- und Angelpunkt in Nicole Krauss’ neuem Roman „Das große Haus“. Auf verschiedenen Erzählebenen und Handlungssträngen erzählt die junge amerikanische Autorin (Jahrgang 1974) einfühlsame Geschichten von Liebe, Glück und Verlust, von Hoffnung und Verzweiflung, von Leben und Tod.

Vier verschiedene Personen erzählen in „Das große Haus“ aus der Ich-Perspektive ihre Geschichte. Die Sprache, in der wir von diesen Menschen lesen, lässt uns ihnen sehr nahe kommen; wir lernen sie kennen, verstehen ihr Verhalten und werden immer tiefer in die Handlung hineingezogen.

Diese Sogwirkung ist vergleichbar mit der Anziehungskraft, die Jonathan Franzen’s neuer Roman „Freiheit“ entwickelt, wenn er es dem Leser derart realistisch ermöglicht, in die Köpfe seiner Charaktere hineinschauen, dass wir sie fast für reale Menschen halten, die wir auch aus der wirklichen Welt außerhalb des Buches zu kennen glauben.

Die eigentliche Kunst der Autorin ist aber die Verknüpfung dieser vier Erzählebenen zu einem einheitlichen Gebilde. Dies gelingt durch den letzten Erzähler des Buches, dem jüdischen Kunsthändler Georg Weisz.

Nicole Krauss schrieb ihren Roman „Das große Haus“ an einem großen klobigen Schreibtisch, und sie berichtet in einem Interview mit PBS Newshour, wie ihr eines Tages beim Schreiben einer Kurzgeschichte plötzlich die Idee kam, diesen Schreibtisch zur Hauptperson eines Buches werden zu lassen, in dem die „Last des Erbens“ (burden of inheritance) deutlich machen wollte.

Auf ihrer sehr schön gestalteten Homepage gibt die Autorin weitere Informationen über die Entstehung von „Das große Haus“ preis.

Nicole Kraus ist mit dem ebenfalls sehr erfolgreichen Schriftsteller Jonathan Safran Foer verheiratet, der kürzlich mit seinem Buch „Tiere essen“ auf sich aufmerksam machte, und lebt mit ihm und den zwei Kindern in Brooklyn.

„Das große Haus“ gehört in der Tat zu den bemerkenswertesten Büchern dieses Winters. In der hervorragenden Übersetzung von Grete Osterwald bei Rowohlt erschienen, ist der Roman eine spannende Lektüre einer hochbegabten Autorin auf höchstem Niveau.

Autor: Nicole Krauss
Titel: „Das große Haus“
Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Rowohlt
ISBN-10: 3498035533
ISBN-13: 978-3498035532

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