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Carolina De Robertis: „Die unsichtbaren Stimmen“

Am: | Juli 28, 2009

Carolina De Robertis: "Die unsichtbaren Stimmen"„Die unsichtbaren Stimmen“ ist der erste Roman von Carolina De Robertis. Sie erzählt darin die Geschichte einer Familie über drei Generationen. Beginnend im Städtchen Tacuarembó im ländlichen Uruguay, spannt sie den Bogen von der Zeit um 1900 bis heute.

Alles beginnt mit einem Wunder: Aus einem Baum, aus schwindelnder Höhe, fällt ein kleines Mädchen. Man nennt sie Pajarita, den »kleinen Vogel«.

Aus Tacuarembó, einem verschlafenen Nest am Rio Negro nahe der brasilianischen Grenze, verschlägt es Pajarita nach Montevideo, wo sie ganz allein vier Kinder großzieht.

Ihre Tochter Eva geht „über den Fluss“ vom kleinen und rückständigen Uruguay nach Argentinien, findet ihre große Liebe und lebt als Dichterin in den Kreisen der Bohème von Buenos Aires. Es ist die Zeit der Ära Perón, die kurze Blütezeit von Evita, dann der Rutsch in die Diktatur.

Eva und ihr Mann müssen alles zurück lassen und fliehen nach Montevideo. Später zerbricht die Ehe, ihr Mann geht allein zurück nach Argentinien, und Eva zieht die beiden Kinder Roberto und Salomé allein bei ihrer Familie groß.

Es sind die 1960er Jahre, die Zeit der Revolutionen in aller Welt. Es ist die große Zeit von Fidel Castro und Che Guevara. In Uruguay kämpfen die „Tupamaros“ gegen die Militärdiktatur. Evas Tochter Salomé schließt sich heimlich den Rebellen an, wird bei Unruhen verhaftet und verschwindet für viele Jahre hinter Gefängnismauern. Nach der Haft erholt sie sich im Montevideo der 1980er Jahre und findet nur sehr langsam wieder ins Leben zurück.

„Die unsichtbaren Stimmen“ ist eine gewaltige Familiensaga. Auf 460 Seiten lesen wir die Lebensgeschichte von drei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Drei Frauen mit einem unbändigen Drang zu einem selbst bestimmten Leben – gegen alle Widerstände. Drei Frauen, die auch stellvertretend für die Geschichte Südamerikas im 20. Jahrhundert stehen.

Carolina De Robertis wurde 1975 geboren. Sie wuchs in England, der Schweiz und Kalifornien auf. Ihre Eltern stammen aus Uruguay. Zur Zeit lebt die Autorin in Oakland, Kalifornien.

Der Originaltitel „The Invisible Mountain“ spielt an auf den „Berg“ von Montevideo, der Hauptstadt Uruguays. Der Legende nach rief der erste Europäer, der dieses Land erblickte: „Monte, Vide Eu“ (Berg, ich sehe Dich!). Aber hier gab es keinen Berg, nur eine leichte Anhöhe im Landesinneren.

Der deutsche Titel „Die unsichtbaren Stimmen“ ist aber auch sehr hübsch; er bezieht sich auf die Stimmen und Gesänge der Guaraní, der indianischen Urbevölkerung Uruguays. Wie das Volk der Guaraní verschwunden ist, so sind auch ihre Stimmen verstummt und ihre Geschichten unsichtbar geworden.

Carolina De Robertis ist mit ihrem Debüt ein echtes Meisterwerk gelungen. Anders als eine Isabel Allende schreibt sie nicht nur in einer verzaubernden und epischen Sprache, sondern verknüpft ihre Geschichten noch stärker mit den politischen Verhältnissen und der Zeitgeschichte.

In ihrem ersten Roman gelingt ihr auch das, was wirklich große Literatur ausmacht: Sie verdichtet und überhöht die Wirklichkeit und zeigt, dass das Leben eines Menschen nicht nur mit den Menschen in seiner Nähe, sondern immer auch mit seiner Umwelt, mit dem Land, den politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten verknüpft ist, die dieses Leben beeinflussen und seine Entwicklung in die eine Richtung lenken und gleichzeitig den Zugang zu anderen Richtungen versperren.

Pajarita, Eva und Salomé sind nicht nur drei Frauen mit drei verschiedenen Charakteren aus drei Generationen. Sie sind auch Frauen, die in verschiedenen Gesellschaftssystemen und unter sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen leben.

Die Lektüre dieses Romans öffnet dem Leser alle Sinne. Er ist mit dabei, wenn die Autorin das rückständige Uruguay um 1900 mit ihren Beschreibungen der Armut auf dem Lande zum Leben erweckt und wenn die Stadt Montevideo in den 1920er und 1930er Jahren wächst. Er begleitet die junge Eva, die in den 1950ern nach Buenos Aires geht, weil sie es in Montevideo nicht mehr aushält. Der Leser ist dabei, wenn Eva den berühmten Arzt Dr. Santos heiratet und als erfolgreiche Dichterin und Mutter ihr mondänes Leben in der argentinischen High Society genießt. Und er ist ebenfalls Zeuge des jahrelangen, entwürdigenden und alle Hoffnung raubenden Gefängnisaufenthalts Salomés, die während der Haft ihre Tochter Victoria zur Welt bringt und weggeben muss.

Stimmungsvoll und lebensnah sind die Figuren in den Geschichten gezeichnet. Eingestreute spanische Dialoge unterstreichen die Authentizität des Textes. – An dieser Stelle einen Dank an den Verlag, der den beiden Übersetzerinnen die Freiheit gewährt hat, viele spanische Originalstellen im Text zu belassen! – Die Handlung ist chronologisch geschrieben und lässt bei aller Ausführlichkeit noch viel Platz für die Fantasie des Lesers.

Carolina De Robertis ist ohne Zweifel der neue Stern am Himmel der südamerikanischen Literatur. Auch wenn die Autorin heute in den Vereinigten Staaten lebt, so verkörpert sie ihrem Herzen, ihrer Sprache und ihrer Erzählfreude nach eine neue, große literarische Stimme Südamerikas, von der wir hoffentlich noch lange hören und vieles lesen werden.

Lesen Sie „Die unsichtbaren Stimmen“ von Carolina De Robertis, sobald es geht. Denn der zweite Roman über eine junge Argentinierin ist schon in Arbeit.

 

Autor: Carolina de Robertis
Titel: „Die unsichtbaren Stimmen“
Gebundene Ausgabe: 461 Seiten
Verlag: Krüger, Frankfurt
ISBN: 3810507997
EAN: 978-3810507990

 

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