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		<title>Charles Dickens lesen! Buchempfehlungen zum 200. Geburtstag eines großen englischen Klassikers</title>
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		<pubDate>Fri, 03 Feb 2012 18:00:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Klassiker]]></category>
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		<category><![CDATA[Charles Dickens Buchempfehlungen]]></category>
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		<description><![CDATA[Der zweihundertste Geburtstag von Charles Dickens am 07. Februar 2012 ist ein willkommener Anlass, um eine seiner vielen berühmten Geschichten zu lesen. Für manchen mag dies ein Wiedersehen mit alten Bekannten sein, für Andere ist es vielleicht das erste Mal, dass sie mit Charles Dickens in Berührung kommen. Natürlich liest man Dickens am besten im [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a title="Florian Meimberg: „Auf die Länge kommt es an. – Tiny Tales. Sehr kurze Geschichten“" href="http://www.belletristiktipps.de/images/charlesdickens2-b.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1175" title="Charles Dickens (C) Creative Commons PUBLIC DOMAIN" src="http://www.belletristiktipps.de/wp-content/uploads/2012/02/charlesdickens2.jpg" alt="" width="300" height="300" /></a>Der zweihundertste Geburtstag von Charles Dickens am 07. Februar 2012 ist ein willkommener Anlass, um eine seiner vielen berühmten Geschichten zu lesen. Für manchen mag dies ein Wiedersehen mit alten Bekannten sein, für Andere ist es vielleicht das erste Mal, dass sie mit Charles Dickens in Berührung kommen.</p>
<p>Natürlich liest man Dickens am besten im englischen Original. Nur so kann sich die volle Kraft seiner wundervoll detailreichen Sprache entfalten, die so herrlich altmodisch und doch so menschlich ist wie ein Stich von William Hogarth.</p>
<p>Doch auch auf dem deutschsprachigen Buchmarkt gibt es viele sehr gute Übersetzungen der Romane und Erzählungen von Charles Dickens. Seine Werke sind längst „public domain“, also lizenzfrei, und so gibt es von nahezu allen Werken gleich mehrere hübsche Taschenbuchausgaben. Die meisten Titel haben dtv, Fischer, Diogenes und Insel im Angebot.</p>
<p>Neu übersetzt und in einer schönen roten Hardcover-Ausgabe versammelt wurden jetzt viele Juwelen aus der großen Schatzkiste von kleinen Erzählungen, die es ja neben den großen Romanen von Dickens natürlich auch immer gegeben hat. Der Berliner Aufbau-Verlag hat nun eine abwechslungsreiche Auswahl von vierzehn Erzählungen in diesem Band „Der schwarze Schleier“ zusammen gefasst, die somit zum Teil zum ersten Mal in deutscher Übersetzung erscheinen.</p>
<p>Aber auch die klassischen Übersetzungen von Gustav Meyrink sind in ihrer Fabulierkunst und Farbigkeit sehr nah am Original geblieben. So empfehlen sich hier zum Beispiel als Einstieg in das schriftstellerische Werk Charles Dickens’ der weltberühmte „Oliver Twist“ oder auch die wunderbar schrulligen „Pickwickier“, ein fulminanter 650-seitiger Serien-Roman über die Abenteuer des Forscherklubs des exzentrischen Mr. Pickwick. Mit „Nicholas Nickleby“ nimmt der Leser eine Geschichte zur Hand, die von der Entwicklung eines jungen Mannes erzählt, der sich gegen die ungerechten sozialen Zustände seiner Umwelt einsetzt.</p>
<p>Charles Dickens war ein scharfer Beobachter und ein kritischer Geist, der die Missstände seiner Zeit durchaus auch in seinen Geschichten versuchte anzuprangern. Oft wurde Dickens von seinen Kritikern „Sozialromantik“ vorgeworfen. Doch wer seine Romane richtig liest, entdeckt die versteckte Anklage des Schriftstellers in seinen häufig sehr humorvoll und witzig umschriebenen Szenen aus den unteren sozialen Schichten der englischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts.</p>
<p>Wer dem sozialkritischen Ton des Autors noch näher kommen möchte, dem sei ein bislang nur im englischen original erschienenes Buch mit ausgewählten journalistischen Beiträgen empfohlen, die Dickens zwischen 1850 und 1870 neben all seinen belletristischen Texten für seine beiden eigenen Zeitschriften „Household Words“ und „All the Year Around“ schrieb.</p>
<p>„Selected Journalism 1850-1870“ ist bei Penguin Classics erschienen und versammelt sehr atmosphärische und mitunter auch sehr persönliche Texte des Autors. Wer des Englischen mächtig ist, kann mit Hilfe dieser journalistischen Arbeiten dem Menschen und Künstler Charles Dickens auf eine ganz andere Weise begegnen als durch seine Erzählungen und Romane.</p>
<p>Doch eigentlich ist es völlig gleichgültig, für welche Geschichte Sie sich entscheiden. Entscheidend ist, dass Sie überhaupt einmal wieder zu Charles Dickens greifen. Schon nach wenigen Sätzen werden Sie den Reichtum und den Anmut dieser schönen Sprache entdecken und bemerken, dass man solch einen sprachlichen Goldschmied wie Dickens in der deutschen wie der englischen Gegenwartsliteratur kaum noch findet.</p>
<p>Deshalb lesen Sie Charles Dickens und genießen Sie die langen, dunklen Winterabende mit den lustigen, spannenden und immer bewegenden Geschichten, mit denen uns dieser englische Klassiker beschenkt hat, der vor zweihundert Jahren in der Nähe von Portsmouth geboren wurde.</p>
<p>Wer mehr über den Menschen und Schriftsteller erfahren möchte, findet <a href="http://www.kulturbuchtipps.de/archives/1138" target="_blank">hier ein paar nützliche Hinweise</a> zur Anschaffung einer guten Biografie.</p>
<p><em>Hat Ihnen die Rezension weiter geholfen? – kulturbuchtipps ist ein unabhängiges Medium für Rezensionen von Büchern und Medien aus den Kultur- und Geisteswissenschaften. Damit dies auch so bleiben kann, brauchen wir Ihre Unterstützung: Wenn Sie dieses Buch kaufen möchten, benutzen Sie bitte den folgenden Link zu unserem KULTURBUCHLADEN oder unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer kleinen <a href="https://www.paypal.com/cgi-bin/webscr?cmd=_s-xclick&amp;hosted_button_id=4GPDC4C8K532W" target="_blank">Spende</a>. – Vielen Dank!</em></p>
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<p><a href="http://www.belletristiktipps.de/images/dickens-pickwickier-b.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-1178" title="Charles Dickens: &quot;Die Pickwickier&quot;" src="http://www.belletristiktipps.de/wp-content/uploads/2012/02/dickens-pickwickier-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Autor: Charles Dickens<br />
Titel: „Die Pickwickier“<br />
Taschenbuch: 656 Seiten<br />
Verlag: Diogenes Verlag<br />
ISBN-10: 3257214057<br />
ISBN-13: 978-3257214055</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://astore.amazon.de/kulturbuchtipps-21/detail/3257214057" target="_NEW"><img src="http://www.kulturbuchtipps.de/images/kulturbuchladen.jpg" alt="" width="200" height="65" /></a></p>
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<p><a href="http://www.belletristiktipps.de/images/dickens-olivertwist-b.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-1179" title="Charles Dickens: &quot;Oliver Twist&quot;" src="http://www.belletristiktipps.de/wp-content/uploads/2012/02/dickens-olivertwist-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Autor: Charles Dickens<br />
Titel: „Oliver Twist“<br />
Taschenbuch: 320 Seiten<br />
Verlag: Diogenes Verlag<br />
ISBN-10: 3257210353<br />
ISBN-13: 978-3257210354</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://astore.amazon.de/kulturbuchtipps-21/detail/3257210353" target="_NEW"><img src="http://www.kulturbuchtipps.de/images/kulturbuchladen.jpg" alt="" width="200" height="65" /></a></p>
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<p><a href="http://www.belletristiktipps.de/images/dickens-nickleby-b.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-1180" title="Charles Dickens: &quot;Nicholas Nickleby&quot;" src="http://www.belletristiktipps.de/wp-content/uploads/2012/02/dickens-nickleby-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Autor: Charles Dickens<br />
Titel: „Nicholas Nickleby“<br />
Taschenbuch: 1072 Seiten<br />
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag<br />
ISBN-10: 3423140437<br />
ISBN-13: 978-3423140430</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://astore.amazon.de/kulturbuchtipps-21/detail/3423140437" target="_NEW"><img src="http://www.kulturbuchtipps.de/images/kulturbuchladen.jpg" alt="" width="200" height="65" /></a></p>
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<p><a href="http://www.belletristiktipps.de/images/dickens-schleier-b.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-1181" title="Charles Dickens: &quot;Der schwarze Schleier - Neuentdeckte Meistererzählungen&quot;" src="http://www.belletristiktipps.de/wp-content/uploads/2012/02/dickens-schleier-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Autor: Charles Dickens<br />
Titel: „Der schwarze Schleier – Ausgewählte Erzählungen“<br />
Gebundene Ausgabe: 397 Seiten<br />
Verlag: Aufbau Verlag<br />
ISBN-10: 3351033680<br />
ISBN-13: 978-3351033682</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://astore.amazon.de/kulturbuchtipps-21/detail/3351033680" target="_NEW"><img src="http://www.kulturbuchtipps.de/images/kulturbuchladen.jpg" alt="" width="200" height="65" /></a></p>
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<p><a href="http://www.belletristiktipps.de/images/dickens-journalism-b.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-1182" title="Charles Dickens: &quot;Selected Journalism 1850-1870&quot;" src="http://www.belletristiktipps.de/wp-content/uploads/2012/02/dickens-journalism-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Autor: Charles Dickens<br />
Titel: „Selected Journalism 1850-1870“<br />
Taschenbuch: 688 Seiten<br />
Verlag: Penguin Classics<br />
ISBN-10: 0140435808<br />
ISBN-13: 978-0140435801</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://astore.amazon.de/kulturbuchtipps-21/detail/0140435808" target="_NEW"><img src="http://www.kulturbuchtipps.de/images/kulturbuchladen.jpg" alt="" width="200" height="65" /></a></p>
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		<title>Florian Meimberg: „Auf die Länge kommt es an. &#8211; Tiny Tales. Sehr kurze Geschichten“</title>
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		<pubDate>Fri, 02 Dec 2011 17:12:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
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		<category><![CDATA[Rezension Florian Meimberg Auf die Länge kommt es an]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Idee ist nicht neu. Kürzestgeschichten sind eigentlich eine Prosaform der deutschen Gegenwartsliteratur und waren in den 1950er und 1960er Jahren Mode. Wahrscheinlich gab es auch schon früher Kürzestgeschichten, nur nannte sie damals niemand so. Im Grunde erzählt auch jedes gute Gedicht eine Geschichte, vielleicht sogar besser als mancher lange Roman, und die visuelle Kraft [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.belletristiktipps.de/images/meimberg-aufdielaenge-b.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1170" title="Florian Meimberg: „Auf die Länge kommt es an. - Tiny Tales. Sehr kurze Geschichten“" src="http://www.belletristiktipps.de/wp-content/uploads/2011/12/meimberg-aufdielaenge.jpg" alt="" width="300" height="300" /></a>Die Idee ist nicht neu. Kürzestgeschichten sind eigentlich eine Prosaform der deutschen Gegenwartsliteratur und waren in den 1950er und 1960er Jahren Mode. Wahrscheinlich gab es auch schon früher Kürzestgeschichten, nur nannte sie damals niemand so. Im Grunde erzählt auch jedes gute Gedicht eine Geschichte, vielleicht sogar besser als mancher lange Roman, und die visuelle Kraft eines japanischen Haikus ist ebenfalls den Meisten bekannt. &#8211; Wozu also jetzt noch „Tiny Tales“ im Twitterformat?</p>
<p>Blättert man durch dieses Büchlein mit Kürzestgeschichten, so erlebt man einen sehr interessanten Effekt. Das Kopfkino kommt innerhalb von nur vier groß gedruckten Zeilen in Gang und lässt die Geschichte im Kopf weiter laufen. Das ist witzig und zeigt nur, wie stark die eigene Fantasie an der Entwicklung einer guten Geschichte beteiligt sein könnte, wenn der Autor dem Leser die nötigen Assoziationsfreiheiten lässt.</p>
<p>Das ist ein schöner Effekt, aber mehr auch nicht. Diese Tiny Tales sind nichts weiter als Effekthascherei. Sie geben einen ersten Impuls, der eine bestimmte Stimmung beim Leser aufbaut, Assoziationen weckt und dann – und dann ist Schluss. Ende der Durchsage und Ende der „Message“. Warum erzählt Florian Meimberg diese Geschichtchen? Welchen Antrieb hat er und welche Aussage macht er?</p>
<p>Florian Meimbergs berufliche Heimat ist, so steht es in der Autoren-Info, die Welt der Werbung. Er hat schon mehrere Kreativpreise eingeheimst und reist als Creative Director für seine Werbefilm-Produktionen rund um den Globus. Das ist schön für ihn, und wahrscheinlich hätte er auch gar nicht die Zeit, eine echte Erzählung, geschweige denn einen Roman, zu schreiben. Muss er auch nicht und will er wahrscheinlich auch gar nicht. Deswegen twittert er ja auch seine Teaser, jene hier versammelten und sogar mit dem ehrenwerten Grimmepreis ausgezeichneten „Twitter-Storys“.</p>
<p>„Auf die Länge kommt es an“ ist nur scheinbar das ideale Buch für die junge, kurzatmige Lesergeneration. Die Jungen und Erfolgreichen im Lande sind „Zeitknappen“ geworden, das sind diese Leute, die wie der gestresste Hase in „Alice im Wunderland“ hektisch durch die Gegend rasen, ständig auf die Uhr schauen und jammern: „Keine Zeit, keine Zeit!“. – Das Problem jener Zeitknappen ist ja nicht das Lesen dieser kurzen Häppchen, sondern die Tatsache, dass jene drei, vier Zeilen im Kopf weiter laufen und eine Geschichte ins Rollen bringen, die man so schnell nicht wieder los wird.</p>
<p>Am besten geeignet sind diese Teaser wohl als Kreativimpuls für die Teilnehmer eines Workshops für Kreatives Schreiben. Nach dem Motto: „Schreiben Sie diese Geschichte weiter und hören Sie erst auf, wenn Ihnen die Finger abfallen!“</p>
<p>Fazit: Tiny Tales sind eine nette Idee, muss aber nicht sein.</p>
<p>Autor: Florian Meimberg<br />
Titel: „Auf die Länge kommt es an. Tiny Tales. Sehr kurze Geschichten“<br />
Broschiert: 192 Seiten<br />
Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt<br />
ISBN-10: 3596192374<br />
ISBN-13: 978-3596192373</p>
<p><em>Hat Ihnen die Rezension weiter geholfen? – belletristiktipps ist ein unabhängiges Medium für Rezensionen von belletristischen Neuerscheinungen. Damit dies auch so bleiben kann, brauchen wir Ihre Unterstützung: Wenn Sie dieses Buch kaufen möchten, benutzen Sie bitte den folgenden Link zu unserem KULTURBUCHLADEN oder unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer kleinen <a href="https://www.paypal.com/cgi-bin/webscr?cmd=_s-xclick&amp;hosted_button_id=4GPDC4C8K532W" target="_blank">Spende</a>. – Vielen Dank!</em></p>
<p><a href="http://astore.amazon.de/kulturbuchtipps-21/detail/3596192374" target="_NEW"><img src="http://www.belletristiktipps.de/images/kulturbuchladen.jpg" alt="" width="200" height="65" /></a></p>
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		<title>Heinrich von Kleist – 200. Todestag am 21. November 2011</title>
		<link>http://www.belletristiktipps.de/archives/1151</link>
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		<pubDate>Mon, 21 Nov 2011 12:18:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anthologien]]></category>
		<category><![CDATA[Biografien]]></category>
		<category><![CDATA[Klassiker]]></category>
		<category><![CDATA[biografie kleist]]></category>
		<category><![CDATA[deutsche klassik]]></category>
		<category><![CDATA[heinricch von kleist bücher]]></category>
		<category><![CDATA[heinrich von kleist]]></category>
		<category><![CDATA[Heinrich von Kleist 200. Todestag am 21. November 2011]]></category>
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		<description><![CDATA[Am 21. November 1811 erschoss Heinrich von Kleist zunächst seine Geliebte, die an Krebs leidende Henriette Vogel, und danach sich selbst. Er starb als ein Mensch, der an seinen Leidenschaften zerbrach, und als ein erfolgloser Schriftsteller, dessen Werk seinerzeit nur wenig Beachtung erfuhr. Heute kennen wir natürlich „Die Marquise von O“, den „Zerbrochenen Krug“, das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.belletristiktipps.de/images/kleist-portrait-b.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1159" title="Heinrich von Kleist (C) Creative Commons" src="http://www.belletristiktipps.de/wp-content/uploads/2011/11/kleist-portrait.jpg" alt="" width="300" height="300" /></a>Am 21. November 1811 erschoss Heinrich von Kleist zunächst seine Geliebte, die an Krebs leidende Henriette Vogel, und danach sich selbst. Er starb als ein Mensch, der an seinen Leidenschaften zerbrach, und als ein erfolgloser Schriftsteller, dessen Werk seinerzeit nur wenig Beachtung erfuhr.</p>
<p>Heute kennen wir natürlich „Die Marquise von O“, den „Zerbrochenen Krug“, das „Käthchen von Heilbronn“, die „Herrmannsschlacht“, den „Prinz Friedrich von Homburg“, den „Amphitryon“ und die „Penthesilea“ aus dem Schulunterricht. Kleist, der König der Schachtelsätze, ist ein fester Bestandteil des Kanons der deutschen Klassiker.</p>
<p>Es steht außer Frage, dass Heinrich von Kleist neben Friedrich Schiller vielleicht der bedeutendste deutsche Dramatiker, doch zu Lebzeiten wurden seine Stücke nicht einmal aufgeführt. Das einzige Stück, das Kleist selbst auf der Bühne erleben konnte, war seine „Penthesilea“. Ansonsten fanden seine Dramen kaum Beachtung.</p>
<p>Heinrich von Kleist wuchs in einer Offiziersfamilie auf, und selbstverständlich wurde auch für Heinrich die militärische Laufbahn als verbindlich angesehen. Doch Heinrich von Kleist fügte sich nur kurz dem väterlichen Wunsch. Bereits mit 22 Jahren quittierte er den Militärdienst und wechselte in den Zivildienst. An sich ist solch ein Schritt nichts Ungewöhnliches, und die Beweggründe können auch nicht mehr eindeutig nachvollzogen werden.</p>
<p>Das darauf folgende Studium war kurz, auch hier sind die verbliebenen Dokumente lückenhaft. Immer wieder wird Kleist auf Reisen gehen um zu studieren und zu schreiben. Zweimal hielt sich Kleist als freier Schriftsteller länger an einem Ort auf: 1807 bis 1809 in Dresden und in Berlin ab Februar 1810 bis zu seinem Tod.</p>
<p>Natürlich sind die Dramen Kleists auch heute noch lesens- bzw. sehenswert. In diesen Tagen wird überall Kleist gespielt, nicht nur in Berlin, aber hier ganz besonders. 200 Jahre sind ein willkommenes Jubiläum, um diesen zornigen und schwierigen jungen Mann wieder ins kulturelle Gedächtnis zurück zu rufen.</p>
<p>Für heutige Schüler sind die Kleistschen Schachtelsätze eine echte Herausforderung, die das Fassungsvermögen mancher jungen Köpfe übersteigen mag und trotzdem (oder gerade deswegen) eine gute Übung darstellen. Kleist kann man eben nicht runter lesen wie eine Irving oder eine Dora Heldt. Bei Kleist ist Substanz drin, auch wenn sie auf den ersten Blick kaum erkennbar, sondern gut versteckt in dem hintersten Winkel eines dritten oder vierten Nebensatzes steckt.</p>
<p>Einen sehr schönen Überblick und schnellen Einstieg in die Biografie Heinrich von Kleists gibt das kleine Büchlein von Hans Joachim Kreutzer, das im C.H.Beck-Verlag erschienen ist. Auf 130 Seiten erfährt man alles Wissenswerte über Kleists Leben und sein Werk.</p>
<p>Wer sich wieder einmal oder erstmalig mit den Werken Kleists befassen möchte, dem können zwei interessante und preisgünstige Taschenbücher ans Herz gelegt werden: zum Einen die in der Reihe „Fischer Klassik“ erschienene Anthologie „Heinrich von Kleist – Das große Lesebuch“ mit Briefen, Gedichten und Werksauszügen auf 368 Seiten (mit einem stimmungsvollen und atmosphärischen Nachwort von Clemens Meyer), zum Anderen das im Aufbau-Verlag erschienene Taschenbuch mit sämtlichen Erzählungen Kleists („Im Taumel wunderbar verwirrter Sinne“).</p>
<p>Vielleicht beginnen Sie aber auch mit einem der bekanntesten Stücke Kleist, dem „Zerbrochenen Krug“. Ein schöner Nachdruck der Erstausgabe von 1811 ist im Reprint-Verlag Leipzig erschienen. Nach wenigen Minuten hat man sich an die Frakturschrift gewöhnt und kann komplett in die turbulente Handlung dieses Lustspiels abtauchen. Drehen Sie Ihre Petroleumlampe auf und genießen Sie diese hinreißende Komödie eines der größten deutschen Schriftsteller.</p>
<p>Mit nur 34 Jahren nahm sich Heinrich von Kleist am 21. November 1811 am Kleinen Wannsee bei Berlin das Leben. Man muss davon ausgehen, dass durch seinen Tod viele bedeutende Werke der deutschen Klassik nicht geschrieben wurden. Aber schon allein mit seinen in wenigen Jahren geschriebenen Dramen und Erzählungen gehört Heinrich von Kleist zweifellos zu den wichtigsten Klassikern der deutschen Literatur.</p>
<p><em>Hat Ihnen die Rezension weiter geholfen? – kulturbuchtipps ist ein unabhängiges Medium für Rezensionen von Büchern und Medien aus den Kultur- und Geisteswissenschaften. Damit dies auch so bleiben kann, brauchen wir Ihre Unterstützung: Wenn Sie dieses Buch kaufen möchten, benutzen Sie bitte den folgenden Link zu unserem KULTURBUCHLADEN oder unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer kleinen <a href="https://www.paypal.com/cgi-bin/webscr?cmd=_s-xclick&amp;hosted_button_id=4GPDC4C8K532W" target="_blank">Spende</a>. – Vielen Dank!</em></p>
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<p><a href="http://www.belletristiktipps.de/images/kreutzer-kleist-b.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-1152" title="Hans Joachim Kreutzer: &quot;Heinrich von Kleist&quot;" src="http://www.belletristiktipps.de/wp-content/uploads/2011/11/kreutzer-kleist-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Autor: Hans Joachim Kreutzer<br />
Titel: „Heinrich von Kleist“<br />
Taschenbuch: 128 Seiten<br />
Verlag: Beck<br />
ISBN-10: 3406612407<br />
ISBN-13: 978-3406612404</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://astore.amazon.de/kulturbuchtipps-21/detail/3406612407" target="_NEW"><img src="http://www.kulturbuchtipps.de/images/kulturbuchladen.jpg" alt="" width="200" height="65" /></a></p>
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<p><a href="http://www.belletristiktipps.de/images/meyer-kleist-b.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-1153" title="Clemens Meyer (Hg.): &quot;Heinrich von Kleist - Das große Lesebuch&quot;" src="http://www.belletristiktipps.de/wp-content/uploads/2011/11/meyer-kleist-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Autor: Clemens Meyer (Hg.)<br />
Titel: „Heinrich von Kleist – Das große Lesebuch“<br />
Broschiert: 367 Seiten<br />
Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt<br />
ISBN-10: 3596903319<br />
ISBN-13: 978-3596903313</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://astore.amazon.de/kulturbuchtipps-21/detail/3596903319" target="_NEW"><img src="http://www.kulturbuchtipps.de/images/kulturbuchladen.jpg" alt="" width="200" height="65" /></a></p>
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<p><a href="http://www.belletristiktipps.de/images/kleist-imtaumel-b.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-1154" title="Heinrich von Kleist: &quot;Im Taumel wunderbar verwirrter Gefühle - Sämtliche Erzählungen&quot;" src="http://www.belletristiktipps.de/wp-content/uploads/2011/11/kleist-imtaumel-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Autor: Heinrich von Kleist<br />
Titel: „Im Taumel wunderbar verwirrter Sinne – Sämtliche Erzählungen“<br />
Taschenbuch: 330 Seiten<br />
Verlag: Insel Verlag<br />
ISBN-10: 345835736X<br />
ISBN-13: 978-3458357360</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://astore.amazon.de/kulturbuchtipps-21/detail/345835736X" target="_NEW"><img src="http://www.kulturbuchtipps.de/images/kulturbuchladen.jpg" alt="" width="200" height="65" /></a></p>
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<p><a href="http://www.belletristiktips.de/images/kleist-zerbrochenerkrug-b.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-1155" title="Heinrich von Kleist: &quot;Der zerbrochene Krug&quot; (Reprint von 1811)" src="http://www.belletristiktipps.de/wp-content/uploads/2011/11/kleist-zerbrochenerkrug-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Autor: Heinrich von Kleist<br />
Titel: „Der zerbrochene Krug“ (Reprint von 1811)<br />
Gebundene Ausgabe: 174 Seiten<br />
Verlag: Reprint Verlag, Leipzig<br />
ISBN-10: 3826230116<br />
ISBN-13: 978-3826230110</p>
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<p><a href="http://astore.amazon.de/kulturbuchtipps-21/detail/3826230116" target="_NEW"><img src="http://www.kulturbuchtipps.de/images/kulturbuchladen.jpg" alt="" width="200" height="65" /></a></p>
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		<title>Interview mit Christoph Poschenrieder am 12.10.11 auf der Frankfurter Buchmesse über seinen neuen Roman &#8220;Der Spiegelkasten&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Nov 2011 09:15:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[KULTURBUCHTIPPS: Sie haben im vergangenen Jahr Ihren ersten Roman „Die Welt im Kopf“ über den jungen Arthur Schopenhauer geschrieben, ein sehr erfolgreiches Debüt. Jetzt ist Ihr zweites Buch erschienen: „Der Spiegelkasten“. Die Handlung spielt auch wieder in der Vergangenheit. Diesmal ist es die Zeit des Ersten Weltkriegs an der Westfront in Nordfrankreich. Die Geschichte basiert [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.belletristiktipps.de/images/poschenrieder2011-b.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1145" title="Christoph Poschenrieder (C) 2011 Ralph Krüger" src="http://www.belletristiktipps.de/wp-content/uploads/2011/11/poschenrieder2011.jpg" alt="" width="300" height="300" /></a>KULTURBUCHTIPPS: Sie haben im vergangenen Jahr Ihren ersten Roman „Die Welt im Kopf“ über den jungen Arthur Schopenhauer geschrieben, ein sehr erfolgreiches Debüt. Jetzt ist Ihr zweites Buch erschienen: „Der Spiegelkasten“. Die Handlung spielt auch wieder in der Vergangenheit. Diesmal ist es die Zeit des Ersten Weltkriegs an der Westfront in Nordfrankreich. Die Geschichte basiert zum Teil auf der Aufzeichnungen und Fotos Ihres Großonkels Ludwig Rechenmacher.</p>
<p>CHRISTOPH POSCHENRIEDER: Ich muss vorausschicken, dass sich die Geschichte des Romans natürlich aus einer Mischung von verschiedenen Inspirationen heraus entwickelt hat. Ich hatte einen Großonkel, der nun schon lange tot ist, der war im Ersten Weltkrieg ein Offizier, der fotografierte, wie viele damals fotografierten, unter er hinterließ untere Anderen fünf Fotoalben. Als er gestorben ist, sind diese fünf Fotoalben in meiner Familie gelandet, und ich war damals dreizehn Jahre alt, als er starb. Mit dreizehn war ich genau in jenem Alter, in dem sich fast alle Jungs mit dem Thema Krieg beschäftigen, und so war das natürlich interessant. Ich habe mir dann diese Fotoalben angeguckt, und die haben mich dann später auch begleitet. Sie sind dann bei mir gelandet, und die gehören zu dem, was immer mit umzieht und was ich niemals vernichten würde. Als ich seinerzeit mit der Rohfassung meines ersten Buches („Die Welt im Kopf“) fertig war, überlegte ich, was ich als Nächstes machen wollte, und habe ein bisschen in meinem Fundus geblättert. Dabei stieß ich wieder auf diese Alben und ein paar andere Dinge, und dann ging’s weiter.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Ihr Großonkel ist der Offizier Ludwig Rechenmacher, im Roman taucht er jedoch als Oberstleutnant auf. Für die Hauptfigur, die auch die besagten Fotos macht, haben Sie jedoch die Person des jüdische Offiziers Ismar Manneberg gewählt. Warum sind Sie nicht bei der realen Vorlage geblieben, sondern haben die Personen vertauscht?</p>
<p>CHRISTOPH POSCHENRIEDER: Anfangs war es noch andersherum. Aber dann habe ich entdeckt, dass es so interessanter wird. Dadurch dass die Hauptperson ein jüdischer Offizier ist, kommt noch eine weitere Komponente hinzu, die die Geschichte insgesamt komplexer macht.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Mich würde interessieren, was Sie dazu bewogen hat, aus einem Teil Ihrer Familiengeschichte ein Buch zu machen. Natürlich gab es diese Fotoalben, aber was gab den eigentlichen Anstoß zu Ihrer Entscheidung, diese Fotos zur Grundlage eines Romans zu machen? Nicht wenige Leute dürften solche alten Fotoalben von ihren Großeltern vererbt bekommen haben, aber nur wenige lassen daraus ein Buch entstehen und noch weniger Menschen kommen auf die Idee, daraus einen Roman zu machen.</p>
<p>CHRISTOPH POSCHENRIEDER: Im Prinzip kann man ja eine Geschichte aus allem entwickeln. Wenn ich einen Regenschirm vom Großvater gefunden, der mich interessiert hätte, dann hätte ich wahrscheinlich diesen Regenschirm zum Anlass genommen. Aber in diesem fall muss ich gestehen, dass ich mich an den entscheidenden Moment nicht mehr wirklich erinnern kann. Es gab eben diese Fotoalben, es diesen einen Freund von mir, der in Wien den ganzen Tag in dieser Agentur saß, Zeitung las und es großartig fand, und es gab diesen Artikel im New Yorker, in dem ich über diesen Spiegelkasten las, und dann fügte sich so eines zum anderen, und ich dachte mir: Wenn irgendwann solch ein Spiegelkasten zur Heilung von Phantomschmerzen gebraucht würde, dann wäre dies im Ersten Weltkrieg gewesen. Denn damals gab es viele Amputierte. Hinzu kam dann die Komponente meines Freundes, der in dieser Wiener Agentur saß, der die Jetzt-Zeit im Roman übernimmt. Denn ich meinte, dass es für die Geschichte nicht ausreichend wäre, die Handlung ausschließlich in der Vergangenheit des Ersten Weltkriegs spielen zu lassen. Beim Schreiben ist es irgendwie ganz seltsam. Erst ist das Wägelchen auf dem Gleis, und dann kommen plötzlich Weichen, die man zuvor nicht ins Gleis reingesetzt hat. Dann verzweigt sich das und hängt noch ein paar Wägelchen an, und auf einmal hat’s so vie Schwung, dass niemand den Zug mehr bremsen kann.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Manche Nebenstränge entwickelten sich vielleicht auch, als Sie die Fotos genauer anschauten und darauf Personen entdeckten, die ihnen zuvor nicht aufgefallen waren.</p>
<p>CHRISTOPH POSCHENRIEDER: Ja, das kam zwangsläufig. Im Nachhinein habe ich mich sowieso gewundert, warum ich diese Fotoalben so lange Zeit so unhinterfragt gelassen habe und nicht schon viel früher auf die Idee gekommen bin, diese Geschichte zu erzählen. Ich hatte mir ja nicht einmal die Mühe gemacht, das genau zu lokalisieren, bevor ich an dem Buch gearbeitet habe. Auch die Schrift – das ist ja alles in Sütterlin geschrieben – konnte ich früher nicht lesen. Ich hatte immer nur die Bilder angeschaut und fand die so unmittelbar. Darin lag natürlich auch ein Reiz dieser Alben. Die Bilder stammten aus einer Zeit, die sich nicht schriftlich erklären musste, sondern die ich rein visuell wahrgenommen habe. Dies hatte zur Folge, dass ich schon ein bestimmtes Bild dieses Krieges im Kopf hatte, das ich später nur noch durch die Fakten ergänzen musste. Das hat dann im Roman dieser Ich-Erzähler übernommen, der zwar einige Sachen macht, die ich auch gemacht habe, aber der ansonsten mit mir natürlich nicht identisch ist.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Aber Sie haben sich doch, das kann man sehr schön auf Ihrer Website nachlesen, versucht, dem Thema und der Landschaft um Arras emotional zu nähern. Sie haben den „Genius loci“ gesucht, ihn jedoch in dieser stark veränderten Landschaft nicht wirklich finden können.</p>
<p>CHRISTOPH POSCHENRIEDER: Die Ansicht vor Ort habe ich mir erst verschafft, als das Buch schon fertig war. Das war so geplant, weil auch der Ich-Erzähler im Buch keine Informationen aus erster Hand von dieser Gegend und dem Schlachtfeld hat, sondern diese Landschaft mit Google Earth erforscht. So schaut man auf das Satellitenbild und sieht, dass man nichts sieht. Aber die Figur des Ich-Erzählers und natürlich auch ich, wir haben recherchiert, haben uns alte Regiments-Geschichten besorgt, vor allem aus dem englischen Sprachraum alles Mögliche über diesen Krieg und den Frontverlauf. Irgendwann konnte ich dann auch diese Regimentskarten, denn es wurde damals ja immer alles kartographiert, über das Satellitenbild von Google Earth legen. Wenn man dann eine Zeitlang genauer hinschaut, dann finden sich Geländemarken, die man zuordnen kann, manchmal eine Vertiefung im Gelände, alte Feldwege oder weißliche runde Gebilde im Acker, die auf große Minensprengungen hinweisen. Auf diese Weise konnte ich die alten Schwarzweiß-Fotos auf dem Google Earth Bild platzieren.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: So wird also eine moderne Ackerlandschaft im Nordwesten Frankreichs durch ihren „Genius loci“, durch die historischen Geschehnisse an diesem Ort, zu einem Ort der Geschichte und der persönlichen Geschichten.</p>
<p>CHRISTOPH POSCHENRIEDER: Wobei dieser Ort ja ansonsten eigentlich kein Ort ist, an dem Erinnerung sichtbar wird. Wenn man in irgendein altes Schloss rennt oder eine alte Burg anschaut, dann ist dieser Ort mit Geschichte voll gepackt bis unters Dach. Jedoch an diesem speziellen Ort, auf diesem Acker, wo mein Großonkel einst in Gefangenschaft geriet, fand ich den Vorgang, diesen Ort zu einem geschichtlichen Ort zu adeln, fast etwas anrührend. Die meisten Leute möchten gern etwas Sichtbares haben, was ihre Fantasie befeuert. Man schaut sich diese historischen Stätten an und möchte sie am liebsten vielleicht noch multimedial aufbereitet haben, eine kleine Videoshow angucken um zu wissen, was da passiert ist. Aber bei mir hat’s funktioniert, an diesem Acker zu stehen und mir die Geschehnisse der Vergangenheit hinzu zu denken. Dieser Ort hat etwas Besonderes für den, der es weiß, ansonsten ist es lediglich ein ganz normaler Rübenacker.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: In Ihrem Roman verlegen Sie die Erfindung des Spiegelkastens zur Behandlung von Phantomschmerzen in die Zeit des Ersten Weltkriegs. In Wirklichkeit wurde ein solcher Spiegelkasten jedoch in den 1990er Jahren von dem indischen Neurologen V.S. Ramachandran zusammen mit anderen Kollegen entwickelt. Dabei hätte ich gedacht, dass man sich während des Ersten Weltkriegs mit seinen vielen Verwunderten und Verstümmelten schon eines solchen Verfahrens bedient hätte.</p>
<p>CHRISTOPH POSCHENRIEDER: Ja, aber die Herangehensweise an solche medizinischen Probleme wie Phantomschmerzen war damals eine andere. Die Entwicklung der Spiegeltherapie kommt ja nicht von der Apparate-Industrie her, sondern von einer wissenschaftlichen Auffassung, die sich sehr mit der Funktionsweise des Gehirns beschäftigt, und diese Forschungen sind vergleichsweise neu.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Damals ging man auch mit Schädigungen des Gehirns und neurologischen Erkrankungen anders um.</p>
<p>CHRISTOPH POSCHENRIEDER: Das ist richtig, wobei der Phantomschmerz ja nichts mit einem neurologischen Defekt zu tun hat. Auch das gesunde Gehirn kann einem jede Menge Streiche spielen. Deswegen funktioniert ja auch wiederum das Prinzip des Spiegelkastens. Denn das Gehirn hat ja einen Plan von seinem eigenen Körper und ergänzt das, was es für normal hält, auch wenn es nach einer Amputation nicht mehr da ist.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Mich beeindruckte sehr die emotionale Intensität mancher Passagen, in denen Sie die Atmosphäre des Schlachtfelds beschrieben. Wie ist es Ihnen gelungen, den Wahnsinn, die Ohnmacht und die blinde Gewalt des offenen Kampfes so zu verdichten? Konnten Sie auf historische Quellen zurück greifen?</p>
<p>CHRISTOPH POSCHENRIEDER: Die historischen Quellen sind eigentlich ganz anders. Ich habe viel von dem gelesen, was die damals geschrieben haben. Die Kriegsteilnehmer, angefangen bei Ernst Jünger über Ludwig Renn, Remarque und andere Schriftsteller jener Zeit, haben den Krieg sehr sachlich beschrieben; da wird beschrieben, wie die Leichenteile rum liegen und was für Grausamkeiten passieren, was man erleiden muss, was man aber auch selbst anrichtet als Soldat im Krieg. Diese Lektüre führte bei mir sehr schnell zu Abstumpfung und Ermüdung. Wenn Sie einmal die Tagebücher von Ernst Jünger gelesen haben oder die „Stahlgewitter“, dann wird es einem nach einiger Zeit relativ egal, ob da schon wieder einer von einer Granate zerrissen wird oder nicht. Ich dachte mir, auch im Einklang mit diesem Spiegelkasten, es müsse doch möglich sein, diese Wahrnehmung zu drehen. Es muss doch möglich sein, diese ganzen Gräuel umzukehren und aus der Umkehrung wieder auf die Gräuel zurück zu schließen. Dieses Verfahren war ein Experiment, und eine andere Rezensentin, bei der es nicht funktioniert hat, hat mir sogar Kriegsverherrlichung und eine Ästhetisierung des Krieges unterstellt. Mein Roman ist also ein Versuch, über den Krieg zu schreiben und das Furchtbare des Krieges fassbar zu machen. Im Grunde versuche ich auch hier wieder eine Spiegelung zu schaffen. Aber das funktioniert natürlich nicht, wenn der Leser da nicht mitspielt.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Ihr erster Roman trug den Titel „Die Welt im Kopf“. Genau diese Formulierung („Die Welt ist im Kopf“) verwendet Ihr Protagonist Ismar Manneberg, als er in einem Brief an Ariadne versucht, den Spiegelkasten zu beschrieben.</p>
<p>CHRISTOPH POSCHENRIEDER (lacht): Ja, das war vielleicht ein bisschen versteckte Eigenwerbung, aber mir haben auch mehrere Leute gesagt, dass mein neuer Roman ebenfalls durchaus den Titel „Die Welt im Kopf“ tragen könnte. Vielleicht sind dies ja die eigentlichen Themen meiner Bücher, wie die Welt im Kopf entsteht und was bei der Konstruktion von Wirklichkeit im Kopf passiert.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Der Ich-Erzähler bedient sich bei seinen Recherchen fast ausschließlich des Internets und verbringt viel Zeit in Chatrooms und Foren. Gibt es solche Diskussionsforen über den Ersten Weltkrieg wirklich für den deutschsprachigen Raum?</p>
<p>CHRISTOPH POSCHENRIEDER: Ja, die gibt es durchaus. Eines heißt, glaube ich, „Westfront 1914-18“ [stimmt: <a href="http://www.milex.de/forum/index.html" target="_blank">http://www.milex.de/forum/index.html</a>]. Oft muss man bei Recherchen zu diesem Thema natürlich aufpassen, wo man landet, aber dieses Forum ist relativ sauber und es geht vor allem um Genealogie und militärhistorische Fragen. Jedoch was sich da im deutschen Sprachraum findet, ist wirklich mickrig klein und unbedeutend im Vergleich zu dem, was sich diesbezüglich im englischsprachigen Web tummelt.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Die deutsche Geschichtserinnerung ist eben durch den Zweiten Weltkrieg derart überschattet, dass die Geschichte des Ersten Weltkriegs kaum Beachtung findet. Diese Tatsache spiegelt sich, wie in anderen Medien, anscheinend auch im Web wider.</p>
<p>CHRISTOPH POSCHENRIEDER: Das war eine Tatsache, die mir zwar grundsätzlich auch so halb bewusst war, jedoch bei den Recherchen zu diesem Roman erst richtig bewusst wurde. Als ich dann vor Ort in Arras war, wurde mir klar, dass dieser Erste Weltkrieg jedoch für die andere Seite der Alliierten ein Krieg war, der bis heute nicht vergessen ist, und doch ist es nur der erste. Wir nummerieren die Weltkriege heute so durch, während die Engländer vom „Great War“ sprechen und nicht vom „First World War“, und damit ist seine Einzigartigkeit für die Engländer schon einmal gesichert. Wir Deutschen haben den Ersten, den Zweiten, und dann schauen wir mal, wie wir weiter zählen müssen. – Hoffentlich nicht!</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Mich würde noch interessieren, wie viel von Ihnen in der Figur des Ich-Erzählers Ihres neuen Buches steckt. Es ist ja klar, dass auch Sie für dieses Buch im Internet recherchiert haben; aber sind Sie selbst auch wirklich so weit gegangen und so tief in die Welt des Ersten Weltkriegs eingetaucht wie ihr Ich-Erzähler?</p>
<p>CHRISTOPH POSCHENRIEDER: Ich hatte mir in der Tat während der Recherchen auch solch ein Computerspiel gekauft wie mein Ich-Erzähler. Das habe ich aber auch sehr schnell wieder auf die Seite gelegt, weil ich es einfach doof fand. Wenn darin irgendwelche Pixel-Soldaten ihr Leben ließen, dann haben die „Quiek!“ gemacht wie ein Schweinchen, und dann kam Pixel-Blut, das wirklich eher pink als rot war. Dazu war das Spiel auch unheimlich schwierig zu steuern, so dass ich dachte, dass ich das jetzt nicht wirklich haben muss. Da kann ich in meiner Fantasie doch wesentlich weiter gehen, auch ohne dieses Spiel durchgespielt zu haben.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Wie sieht es mit aktuellen Projekten aus? Arbeite Sie schon wieder an einem neuen Buch?</p>
<p>CHRISTOPH POSCHENRIEDER: Ich halte mich da noch ein wenig bedeckt, weil ich noch einen wesentlichen Test machen muss: eine zweiwöchige Schreibklausur, in der ich mir mal ein paar wichtige Dinge ausmale, und erst danach kann ich relativ sicher sagen, ob diese Idee insgesamt belastbar ist oder nicht. Das Thema hat auch wieder etwas Geschichtliches, es hat mich halt wieder angesprungen, ich kann da nichts für, ich habe es mir nicht ausgesucht, sondern es ist zu mir gekommen.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Letzte Frage: Auf dieser Buchmesse, wie schon auf der vergangenen in 2010, wird überall von der Ebook-Revolution geredet. Wie stehen Sie selbst zum Thema Ebook?</p>
<p>CHRISTOPH POSCHENRIEDER: Ich habe keinen eigenen Ebook-Reader, aber ich habe einen Tablet-Computer, auf dem ich auch ein paar Ebooks gespeichert habe. Aber ich habe noch keins gelesen. Ich muss es nicht unbedingt haben, aber ich bin auch nicht streng dagegen. Ich denke, ich werde rein von der Leseerfahrung das Buch noch sehr, sehr lange vorziehen, weil ich das Individuelle brauche, auch für meine eigene Erkennbarkeit. Ich finde das Buch einfach unproblematisch, bewährt, und es hat mich schon so lange begleitet, ich würde das Buch ungern als Medium aufgeben. Aber dass da Umbrüche anstehen, ist schon klar. Und es wäre sehr vernünftig, wenn die Verlagswelt da wirklich auf Zack bleibt oder endlich mal ein bisschen auf Touren kommt, denn ich glaube, dass da noch nicht bei allen der Groschen schon richtig gefallen ist. Spätestens in zwei, drei Jahren wird das Ebook auch in Deutschland ein wichtiges Thema sein. Bislang ist es ja mehr noch ein Ankündigungsthema.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: In Deutschland bewegen sich die Verkaufszahlen von Ebooks ja noch im unteren einstelligen Prozentbereich, aber die Zahlen steigen kontinuierlich und recht flott. Also warten wir es ab.</p>
<p>CHRISTOPH POSCHENRIEDER: Sie sagen es.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Herr Poschenrieder, ich bedanke mich für das interessante Interview.</p>
<p>CHRISTOPH POSCHENRIEDER: Ich danke Ihnen.</p>
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		<title>Christoph Poschenrieder: „Der Spiegelkasten“</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Nov 2011 09:06:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Was weißt Du über den Spiegelkasten?“ – „Arras.“ – „Das genügt nicht.“ „Was weißt Du denn?“ – „Schön, dann gebe ich Dir dieses: Karamchand – was kannst Du damit anfangen?“ Dieser seltsam anmutende Dialog findet zwischen dem Ich-Erzähler und einem gewissen „WarGirl18“ in einem Internetforum statt, das sich mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt. In seinem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.belletristiktipps.de/images/poschenrieder-spiegelkasten-b.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1139" title="Christoph Poschenrieder: „Der Spiegelkasten“" src="http://www.belletristiktipps.de/wp-content/uploads/2011/11/poschenrieder-spiegelkasten.jpg" alt="" width="300" height="300" /></a>„<em>Was weißt Du über den Spiegelkasten?“ – „Arras.“ – „Das genügt nicht.“ „Was weißt Du denn?“ – „Schön, dann gebe ich Dir dieses: Karamchand – was kannst Du damit anfangen?</em>“</p>
<p>Dieser seltsam anmutende Dialog findet zwischen dem Ich-Erzähler und einem gewissen „WarGirl18“ in einem Internetforum statt, das sich mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt.</p>
<p>In seinem zweiten Roman erzählt Christoph Poschenrieder seine eigene Geschichte. Natürlich sind die Fakten verschleiert, die Namen zum Teil geändert und das ganze mit einer fiktiven Geschichte des Ich-Erzählers garniert.</p>
<p>Der Kern des Romans beruht jedoch auf Tatsachen. Seit seiner Kindheit kennt Poschenrieder die alten Fotoalben, die sein Großonkel Ludwig Rechenmacher aus dem Ersten Weltkrieg von der Westfront in Nordfrankreich mitgebracht hatte.</p>
<p>Diese gestochen scharfen Schwarzweiß-Aufnahmen und die mit weißer Tinte in der für ihn damals unentzifferbaren Sütterlin-Schrift geschriebenen Beschreibungen übten schon früh eine starke Faszination aus.</p>
<p>Nach vielen Jahren holte der Autor diese Fotoalben wieder hervor und machte sich daran, die Geschichte seines Großonkels zu recherchieren. Schnell waren die Bildunterschriften entziffert, aber wie hing das alles zusammen? Was war wirklich auf den Fotos zu sehen? Und wer waren die anderen Männer auf den Bildern? Was war ihre Geschichte?</p>
<p>Was als eine Schatzsuche im Umkreis der Familie begann, wurde schnell zu einer aufwändigen und spannenden Aufgabe. Fachliteratur über den Ersten Weltkrieg und besonders zur Geschichte des Regiments, in dem der Großonkel diente.</p>
<p>In der Geschichte des Romans wird der Fotograf der Alben zu dem jüdischen Offizier Ismar Manneberg; Rechenmacher selbst ist sein Freund seit der gemeinsamen Studentenzeit in München, und beide treffen auch bei der Schlacht um Arras immer wieder zusammen. Auch dieser Teil der Geschichte ist wahr. Der Großonkel Rechenmacher und Manneberg waren wirklich befreundet, seitdem beide in München Jura studierten.</p>
<p>Auch in seinem zweiten Roman gelingt Christoph Poschenrieder wieder, den Leser durch eine raffinierte Collagetechnik immer weiter in die Geschichte zu ziehen. War es im Debütroman „Die Welt im Kopf“ der junge Arthur Schopenhauer, der nach Venedig reist, dort das süße italienische Leben genießt und auf den jungen Lord Byron trifft, so befasst sich Poschenrieder dieses Mal mit einem Ausschnitt aus der eigenen Familiengeschichte – der Geschichte seines Großonkels – und überblendet diese in großen Teilen wahre Geschichte mit der Suche des Ich-Erzählers nach der Wahrheit.</p>
<p>Der Ich-Erzähler arbeitet zusammen mit seinen Kollegen als Dossier-Schreiber für eine unbekannte staatliche Organisation, die Informationen über die mediale Rezeption der Politik des eigenen Landes erhalten will. So wühlt er sich jeden Tag durch riesige Stapel an Zeitungen und schreibt seine Dossiers, von denen er sicher ist, dass niemand sie wirklich liest.</p>
<p>Als er sich immer tiefer in die Geschichte seine Großonkels verstrickt und nächtelang seine Recherchen nach Spuren des Onkels in den Schlachten des Ersten Weltkriegs betreibt, lebt er irgendwann nur noch in einer doppelt virtuellen Welt, die längst für ihn zur realen Welt geworden ist.</p>
<p>Ismar Manneberg ist Jude und überzeugter Patriot. Er hofft, wie viele Juden während des Ersten Weltkriegs, durch den leidenschaftlichen Kampf fürs Vaterland endlich auch die nötige Anerkennung in der Gesellschaft zu erlangen und als wahre Deutsche akzeptiert zu werden. Doch die Geschichte zeigte schnell, dass diese Hoffnungen unbegründet waren.</p>
<p>Die „deutschen Soldaten israelitischen Glaubens“ wurden von reaktionären Kräften schon bald als Drückeberger verleumdet, die die Moral der Truppe unterliefen und es sich lieber in der Etappe gemütlich machten als mit dem Feind zu kämpfen. Auch Ismar Manneberg musste sich nach seiner Verwundung und der post-traumatischen Genesungszeit zu Unrecht solche Vorwürfe anhören.</p>
<p>Die Männerfreundschaft zwischen Fortunatus Redux (alias Ismar Manneberg) und Cursus Velox (alias Ludwig Rechenmacher) wird zu einem der tragenden Elemente dieser spannend geschriebenen Kriegsgeschichte. Das andere tragende Element sind die Briefe, die Manneberg an das ihm unbekannte Fräulein Müller schreibt.</p>
<p>Weil alle an der Front ihre Briefe an die geliebten Frauen zu Hause schrieben, Manneberg selbst aber niemanden hatte, dem er schreiben konnte, erfand er sich ein Fräulein Müller, dem er sein Herz öffnete. Die Verblüffung war groß, als er nach einiger Zeit eine Antwort erhielt. So begann sein Briefwechsel mit einer Unbekannten.</p>
<p>Ähnliches widerfährt dem Ich-Erzähler, der mit WarGirl18 in Kontakt kommt. Sie schreiben sich und tauschen Informationen über den seltsamen Spiegelkasten aus, den Manneberg in seinem Fotoalbum verewigt hatte. Was war das für ein Kasten und wozu war er gut?</p>
<p>Der für seine Zeit außergewöhnliche und unkonventionelle Frontarzt und Buddhist Karamchand, der im nahe der Front bei Arras gelegenen Feldlazarett diente und auch Manneberg nach seiner Verwundung in nächtelangen Gesprächen von seinem Trauma befreite, benutzte diesen von ihm selbst entwickelten Kasten mit sich gegenüber liegenden Spiegeln, um die frisch Amputierten von ihren Phantomschmerzen zu befreien.</p>
<p>„Die Welt entsteht im Kopf“ schreibt Ismar Manneberg später an Frl. Müller in einem Brief, um ihr die Funktionsweise des Spiegelkastens zu erklären. Die Macht der Imagination wurde hier gewinnbringend eingesetzt, um den Verwunderten ihre Schmerzen zu nehmen.</p>
<p>Die Amputierten können mit Hilfe der Spiegelung des gesunden Arms und der Überrumpelung des Gehirns durch die optische Wahrnehmung wirklich von ihren Phantomschmerzen befreit werden. Diesen heilsamen Effekt entdeckte man jedoch nicht im Ersten Weltkrieg, sondern erst in den 1990er Jahren, als der indische Neurologe V.S. Ramachandran zusammen mit anderen Kollegen seine Spiegeltherapie entwickelte.</p>
<p>„Der Spiegelkasten“ ist ein gelungener Roman, eine spannende und vielschichtig erzählte Geschichte. Christoph Poschenrieder hat die Hürde des zweiten Romans mühelos und geradezu meisterhaft genommen. Damit ist er endgültig in der vorderen Riege der interessantesten neuen deutschsprachigen Schriftsteller angekommen. Man darf also gespannt sein, wie sich sein literarisches Werk in Zukunft weiter entfalten wird.</p>
<p><strong>Zum Weiterlesen: kulturbuchtipps hat auf der Frankfurter Buchmesse 2011 mit Christoph Poschenrieder über seinen neuen Roman gesprochen. Der Autor erzählt <a title="Interview mit Christoph Poschenrieder am 12.10.11 auf der Frankfurter Buchmesse über seinen neuen Roman “Der Spiegelkasten”" href="http://www.belletristiktipps.de/archives/1144">in dem ausführlichen Interview</a> unter Anderem, was diese Geschichte mit seiner eigenen Familie verbindet und wie er die Recherchen für dieses Buch unternommen hat.</strong></p>
<p>Autor: Christoph Poschenrieder<br />
Titel: „Der Spiegelkasten“<br />
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten<br />
Verlag: Diogenes<br />
ISBN-10: 3257067887<br />
ISBN-13: 978-3257067880</p>
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		<title>Volker Braun: „Die hellen Haufen“</title>
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		<pubDate>Thu, 03 Nov 2011 09:06:21 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Dieser Aufstand hat nicht stattgefunden. In einer kargen Sprache beschreibt der Erzähler ein Aufbegehren gegen die Umwälzungen der Nachwendezeit auf dem Boden der ehemaligen DDR. Die großen Bergbau-Kombinate, darunter auch die von Bitterrode und Mansfeld, werden von der mächtigen Kali und Salz AG aus dem Westen bedroht Treuhand abgewickelt. Die Menschen kommen mit dem Kapitalismus [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a title="Volker Braun: „Die hellen Haufen“" href="http://www.belletristiktipps.de/images/braun-diehellenhaufen-b.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1130" title="Volker Braun: „Die hellen Haufen“" src="http://www.belletristiktipps.de/wp-content/uploads/2011/11/braun-diehellenhaufen.jpg" alt="" width="300" height="300" /></a>Dieser Aufstand hat nicht stattgefunden. In einer kargen Sprache beschreibt der Erzähler ein Aufbegehren gegen die Umwälzungen der Nachwendezeit auf dem Boden der ehemaligen DDR. Die großen Bergbau-Kombinate, darunter auch die von Bitterrode und Mansfeld, werden von der mächtigen Kali und Salz AG aus dem Westen bedroht Treuhand abgewickelt.</p>
<p>Die Menschen kommen mit dem Kapitalismus in Berührung und erleben die vollständige Umwertung ihrer bisherigen Welt. Waren Sie nicht die Eigentümer dieser Werke? Waren es nicht ihre eigenen Produktionsmittel, mit denen sie arbeiteten? War das nicht ihre Arbeit, die sie für das Volk machten und die sie gut machten?</p>
<p>Es ist die Sprache des Bergbaus, die dieser Erzählung eine seltsame Sprödigkeit und Wahrhaftigkeit verleiht und die nicht nur als Sinnbild für die Umwälzungen nach der Wende fungiert, sondern auch die Sprache derer ist, die da aufbegehren und den Aufstand proben.</p>
<p>So ist vom Abraum die Rede, vom Berg, der durchbohrt und abgetragen wird, von den Schätzen, die aus der Verborgenheit im Berg befreit und hervor geholt werden, um sie auf dem Markt zu verkaufen. Es ist vom guten Salz die Rede, das man in Bitterrode und Mansfeld fördert, das Salz der Erde, das in er Lage ist, das Laue der Gesellschaft zu würzen, sich den neuen zerstörerischen Einflüssen zu widersetzen und gegen die Enteignung aufzubegehren.</p>
<p>Es sind einfache Menschen, die die neuen Regeln nicht verstehen, die ihnen von außen aufgezwungen werden. Ihr Salz ist doch gut, warum schließt man dann das Bergwerk? Warum werden wir abgewickelt und mit welchem Recht? Waren wir nicht die Herren in unserem Werk, wenn nicht die Eigentümer, so doch seine Betreiber?</p>
<p>Der Aufstand gegen die Treuhand und ihre Granden wird zum Aufbegehren gegen die neue Wirklichkeit. Die Umwertung aller Werte mache man nicht mit. Die Bitterröder nicht und auch nicht die Mansfelder. Gemeinsam geht man in den Streik und gemeinsam zieht man nach Berlin. Man drängt die Zeitungen zur Veröffentlichung der „Mansfelder Artikel“, die die Forderungen klar machen sollen. Doch man scheut sich, sie „Artikel“ zu nennen, aus Angst, man könne die Forderungen für Waren halten, die man käuflich erwerben könne. Denn alles ist käuflich in dem neuen Land, die Waren wie die Menschen, und von diesem Denken geht das Böse aus, das sie jetzt bedroht.</p>
<p>„Die hellen Haufen“ liest sich wie ein Stück vergangener deutscher Geschichte. Es erzählt von einem Aufstand, wie es ihn gegeben haben könnte, ja müsste, doch die Wende hat keine Revolution gebracht, das westliche Wirtschafts- und Werte-System wurde widerstandslos angenommen oder besser: hingenommen.</p>
<p>Doch in dieser Erzählung begehren die Arbeiter auf und widersetzen sich dem Diktat der Treuhändler, die den Staat verzocken und seine Menschen wie schlechte Ware behandeln. Ausverkauf und Abräumer-Mentalität bestimmen über das Leben der sechzehn Millionen. Der Widerstand ist entschlossen, aber friedlich. „Keine Gewalt“ ist die Parole, die über allem Protest steht. Doch das Ende ist gewaltsam und blutig. Der neue Staat lässt sich nicht auf Diskussionen ein, sondern wählt eine ökonomische Lösung für das Problem.</p>
<p>Volker Braun erzählt in seinem neuen Buch die fiktive Geschichte einer Arbeiterschaft in Sachsen-Anhalt. Die Beschreibungen sind karg und trocken wie die schwarzbraune Erde des Tagebaus um Bitterrode. Dieses Land war schon immer von Kämpfen zwischen Oben und Unten gezeichnet. So vermischen sich die aktuellen Berichte immer wieder mit Passagen aus den Bauerkriegen des 13. Jahrhunderts und den Arbeiterkämpfen der KPD in Mitteldeutschland unter <a href="http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/innenpolitik/maerzkaempfe/index.html" target="_blank">Max Hölz</a> in den frühen 1920er Jahren.</p>
<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Volker_Braun" target="_blank">Volker Braun</a> selbst ist Jahrgang 1939. Er arbeitete nach dem Abitur zunächst einige Jahre im Bergbau und Tiefbau, bevor er in Leipzig Philosophie studierte. Seine ersten schriftstellerischen Arbeiten veröffentlichte er in den 1960er Jahren. Volker Braun war überzeugter Sozialist und wollte als Arbeiter-Schriftsteller am Aufbau des Sozialismus in der DDR mitwirken. Er war, was man in der DDR als „Arbeiterdichter“ bezeichnete: ein Schriftsteller, der das Sujet der Arbeit und das Leben der Arbeiter fokussierte und damit das Leben im „ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden“ in eine literarische Form goss.</p>
<p>Das Interesse des Autors hat sich nicht wesentlich geändert, auch „Die hellen Haufen“ spielen in der Welt der Arbeiter und der Schwächeren. Somit könnte man Volker Braun auch heute noch einen Arbeiter-Dichter nennen – oder vielleicht besser: einen Dichter der Arbeit -, obwohl diese Bezeichnung in der heutigen Zeit eher einer Brandmarkung als einer Auszeichnung gleichkäme. Doch die Welt der Arbeit ist und bleibt das Sujet Volker Brauns.</p>
<p>Die neue Erzählung Volker Brauns schließt eine seit vielen Jahren klaffende Lücke in der deutschen Literatur. Endlich werden das verbrecherische Handeln der Treuhand und die Ohnmacht der Arbeiter im Osten in einer Fiktion thematisiert, die gedanklich mit den Möglichkeiten der Geschichte spielt. Geschichte ist nicht nur das, was stattgefunden hat, sondern immer auch das, was nicht stattgefunden hat. Wir sehen immer nur einen Teil des Ganzen und einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit. Auch das Andere, Unsichtbare ist real, und auch das nicht Geschehene ist möglich und denkbar.</p>
<p>So verstanden, wird diese Erzählung zum Fanal einer verpassten historischen Chance und der Aufstand zu einem Ereignis, das die politische Entwicklung in der Nachwende-Zeit nachhaltig beeinflusst hätte, wenn er denn stattgefunden hätte. Volker Braun schließt seine Erzählung lakonisch mit den Worten: „<em>Diese Geschichte hat sich nicht ereignet. Sie ist nur, sehr verkürzt und unbeschönigt, aufgeschrieben. Es war hart zu denken, dass sie erfunden ist; nur etwas wäre ebenso schlimm gewesen: wenn sie stattgefunden hätte.</em>“</p>
<p>Autor: Volker Braun<br />
Titel: „Die hellen Haufen“<br />
Gebundene Ausgabe: 96 Seiten<br />
Verlag: Suhrkamp Verlag<br />
ISBN-10: 3518422391<br />
ISBN-13: 978-3518422397</p>
<p><a href="http://astore.amazon.de/kulturbuchtipps-21/detail/3518422391" target="_NEW"><img src="http://www.belletristiktipps.de/images/kulturbuchladen.jpg" alt="" width="200" height="65" /></a><br />
<em></em> </p>
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		<title>Interview mit Harald Martenstein auf der Frankfurter Buchmesse 2011</title>
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		<pubDate>Thu, 20 Oct 2011 08:28:04 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[KULTURBUCHTIPPS: Herr Martenstein, Ihr neues Buch „Ansichten eines Hausschweins“ trägt einen seltsamen Titel. Wie kam es dazu? Hat sich der Verlag diesen Titel ausgedacht oder waren Sie das? HARALD MARTENSTEIN: Ich bin das gewesen. Denn es hat vor einiger Zeit eine Rezension in der Süddeutschen Zeitung gegeben, die sich mit meinen letzten Roman befasste, der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.belletristiktipps.de/images/martenstein-b.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1113" title="Harald Martenstein (C) C.Bertelsmann" src="http://www.belletristiktipps.de/wp-content/uploads/2011/10/martenstein.jpg" alt="" width="300" height="300" /></a>KULTURBUCHTIPPS: Herr Martenstein, Ihr neues Buch „Ansichten eines Hausschweins“ trägt einen seltsamen Titel. Wie kam es dazu? Hat sich der Verlag diesen Titel ausgedacht oder waren Sie das?</p>
<p>HARALD MARTENSTEIN: Ich bin das gewesen. Denn es hat vor einiger Zeit eine Rezension in der Süddeutschen Zeitung gegeben, die sich mit meinen letzten Roman befasste, der durchweg so ganz positiv besprochen wurde und teilweise sogar sehr positiv – diese Rezension aber war ein Verriss. In diesem Verriss wurde ich als ein Hausschwein bezeichnet. Und ich dachte mir, damit gehe ich jetzt mal ganz offensiv um. Das mache ich jetzt zum Markenzeichen. Wenn man mich so bezeichnet, dann nehme ich das ganz einfach an. Schweine sind ja intelligente und sympathische Tiere, denen auch Leid und Schmerz zugefügt wird, und, so gesehen, ziehe ich mir die Schweinemaske gerne an.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: In einer der in dem neuen Buch enthaltenen Kolumnen beschreiben Sie auch, wie Sie eine Kolumne schreiben („Über das Thema, wie eine Kolumne entsteht“), aber ich würde es trotzdem gern noch etwas genauer wissen: Wie gehen Sie vor, wenn Sie eine Kolumne schreiben? Wie finden Sie zu Ihren Themen? Und brauchen Sie den zeitlichen Druck, um eine Kolumne zu schreiben?</p>
<p>HARALD MARTENSTEIN: Da gibt es natürlich mehrere Aspekte. Erstens schaffe ich es nicht zu schreiben, ohne dass mich jemand dazu zwingt. Wenn mein Lebenswerk aus den Texten bestünde, die ich freiwillig und aus einem inneren Drang heraus verfasst habe, dann würde es sich wahrscheinlich um drei oder vier Texte handeln. Ich brauche immer jemanden, der hinter mir steht und sagt: „Wir wollen dazu was von Dir, das hast Du bis dann und dann zu liefern.“ Dann mache ich das auch – meistens. Unter einem extremen Zeitdruck zu arbeiten, liegt mir jedoch nicht. Ich habe dann das Gefühl, unter meinen Möglichkeiten zu bleiben. Das heißt, mit meinen Kolumnen für DIE ZEIT, die ich im Normalfall am Montagabend abgeben muss, beginne ich meist am Freitagmorgen mit der Arbeit. In guten Wochen schaffe ich das auch an einem Tag, dann ist die Kolumne tatsächlich schon am Freitag fertig. Aber ich habe dann eben auch noch den Samstag, Sonntag und Montag als Reserve. Manchmal nutze ich das natürlich auch aus und werfe einen Teil des Textes weg, weil er mir dumm erscheint, oder ich fange völlig neu an. – Was die Themenfindung betrifft, so habe ich mir relativ früh klar gemacht, dass ich als Kolumnist eigentlich in einer unauflösbar widersprüchlichen Situation stecke: Einerseits wollen die Leute, wenn sie regelmäßig eine Kolumne lesen, diesen gleichen Sound und die Welt des Kolumnisten immer wieder haben; deswegen mögen und lesen sie das. Andererseits stellen sich, wenn man immer das Gleiche macht, schnell Eintönigkeit und Langweile ein. Also muss ein Kolumnist im Idealfall auf immer wieder andere Weise das Gleiche produzieren, was natürlich einen kuriosen Widerspruch darstellt. Ich selbst versuche diesen Widerspruch dadurch zu lösen, indem ich möglichst unberechenbar und unvorhersehbar bin. Dazu gehört, dass ich meistens humoristisch schreibe, von Zeit zu Zeit aber auch mal was ganz Todernstes und Humorfreies schreibe. Man kann also nie sicher sein, bis man in dem Text drin ist, wie ich es diesmal meine, ob humorvoll oder ernst. Das ist der eine Aspekt. Der andere Aspekt ist, dass ich mir mit der Zeit so eine Art Kommode mit verschiedenen Schubladen gezimmert habe, die ich abwechselnd aufziehe: Geschichten über meinen Sohn und mein Leben als Vater, dann Geschichten, in denen es um so genannte politisch korrekte Vorstellungen geht, zum Beispiel gegen die Radfahrer, gegen das gesunde Essen oder fürs Rauchen – all solche Dinge, die man eigentlich nicht tut. Aber ich mache das auch ganz gerne mal. – Ansonsten ist zum Kolumnenschreiben natürlich Lust etwas ganz Entscheidendes. Man muss Lust dazu haben und in der richtigen Stimmungslage sein. Manchmal setze ich mich freitags an meinen Computer, gucke in diesen Computer rein und stelle mir die Frage: „Was würdest Du jetzt gerne machen?“ Unglaublich luxuriös, denn welcher Arbeitnehmer ist schon in der Situation, dass er an seinen Arbeitsplatz geht und sich fragt: Wozu hätte ich jetzt Lust?! – Das ist also einerseits unglaublich luxuriös, andererseits aber natürlich auch schwierig.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Diese Freiheit kann auch belastend sein.</p>
<p>HARALD MARTENSTEIN: Das ist es eben: Die Freiheit macht das Leben kompliziert. Es ist natürlich viel unkomplizierter, wenn es jemanden gibt, der einem sagt, was man zu machen hat.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Schreiben Sie dann, nachdem Sie ein Thema gefunden haben, eine Kolumne in einem Rutsch oder benötigen Sie viel Zeit für die Überarbeitung?</p>
<p>HARALD MARTENSTEIN: Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt tatsächlich Kolumnen, die ich in einem Rutsch runter schreibe, und nach drei Stunden ist sie fertig. Das ist der Idealfall, und das sind natürlich großartige Momente. Aber es gibt auch Kolumnen, an denen ich drei Tage rumschufte, wegschmeiße, zusammenstückele… &#8211; Es ist niemals vorhersehbar, und das ist das eigentlich Unangenehme beim Schreiben. Darüber hinaus gibt es überhaupt keinen Zusammenhang zwischen der Qualität der Kolumne und der Art, wie es gelaufen ist. Es gibt Kolumnen, an denen ich wirklich tagelang schufte wie im Bergwerk, sie wollen aber einfach nicht gut werden. Irgendwann ist der Moment da, an dem ich sie abgebe, und dann habe ich das Gefühl, in dieser Woche nicht die volle Leistung erbracht zu haben. Und dann gibt es Kolumnen, an denen arbeite ich auch drei Tage, aber am Ende denke ich, dass diese drei Tage Arbeit auch etwas gebracht haben und die Kolumne so geworden ist, wie ich mir das vorgestellt hatte.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Ihre Kolumnen zeichnen sich vor allem durch ein gewisses Zögern des Kolumnisten aus. Sie geben zu Beginn meist ein Stichwort, benennen einen Missstand und wechseln dann meist zu einem scheinbar völlig anderen Themenkreis. Dadurch halten Sie oft über mehrere Absätze, manchmal bis zum Schluss, den Spannungsbogen, bis Sie am Ende der Kolumne zum eigentlichen Thema zurück kehren.</p>
<p>HARALD MARTENSTEIN: Das ist richtig. Man braucht im Grunde für eine Kolumne zwei Themen, die man zusammen bringt. – Ich habe ja vor einigen Jahren angefangen zu unterrichten. An der Gruner+Jahr-Schule leitete ich ein Seminar zum Glossenschreiben, und dabei habe ich natürlich auch selbst einiges gelernt. Denn als Lehrender ist man gezwungen, über das eigene Handwerk nachzudenken und Dinge, die man bislang vielleicht instinktiv gemacht hat, zu reflektieren. Natürlich ist das auch gefährlich. Dabei ist mir klar geworden, dass ich bei jeder Kolumne versuche, immer zwei Ebenen zu haben, zwischen denen ich hin und her wechsele. Ein bisschen ist das so wie mit einem Standbein und dem Spielbein. Es muss immer auf einer Ebene scheinbar um etwas gehen, aber in Wirklichkeit um etwas ganz Anderes gehen. – Ein ergiebiger Ausgang zum Schreiben ist für mich auch, wenn ich feststelle, dass der ganze Strom der öffentlichen Meinung nur in eine einzige Richtung geht. Dann kann es sehr sinnvoll und inspirierend sein, wenn man sich fragt: „Was ist eigentlich, wenn die sich alle irren und überhaupt nicht stimmt, was alle sagen?“ Lasst mich doch mal versuchen, etwas außerhalb davon einen Beobachtungspunkt zu finden und das Ganze aus einem ganz anderen Winkel zu betrachten. So hatte es zum Beispiel mal eine Phase geben, als alle, alle, alle auf Guido Westwelle herum hackten. Das war für mich solch ein Signal darüber nachzudenken, wie man eine positive Kolumne über Westerwelle schreiben könnte. Das wäre etwas Anderes gewesen und auch überraschend, aber ich bin daran gescheitert, es ist mir nicht gelungen. Aber ich hatte tatsächlich in meinem Computer drei, vier Anfänge einer „Westerwelle-Verteidigungs-Kolumne“ gehabt.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Das bewusste Schreiben gegen den Mainstream ist also eine Quelle der Inspiration. In ähnlicher Weise hätten Sie auch versuchen können, eine Kolumne über den Freiherr zu Guttenberg und die Vorzüge des Plagiats zu schreiben.</p>
<p>HARALD MARTENSTEIN: Genau. So etwas ist eine ergiebige Position.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Ihre Kolumnen behandeln ja oft politische und gesellschaftliche Themen. Überwiegend sind sie im Großstadtmilieu angesiedelt. Sie selbst sind ja in Mainz geboren, leben aber seit vielen Jahren in Berlin – und hier auch noch in einem der lebendigsten Bezirke, in Kreuzberg. Ich frage mich, wie viel Großstadt steckt in Martensteins Texten – oder anders gefragt: Würden Sie dieselbe Art von Kolumnen schreiben können, wenn Sie in Mainz lebten oder gar in der ländlichen Uckermark, wo Sie ein Ferienhaus haben?</p>
<p>HARALD MARTENSTEIN: Na, in der Uckermark schreibe ich ja manchmal meine Kolumnen. Aber es stimmt, ich brauche die Großstadt für meine Themen. Aber ich brauche natürlich auch die Medien der Großstadt, die solche Texte drucken: Ich bezweifle, dass das, was ich mache, bei der Regionalzeitung einer Mittelstadt gedruckt worden wäre. Jetzt vielleicht schon, weil ich einen gewissen Namen habe. Wenn ich jedoch jetzt als Nobody mit meinen Texten da ankäme, würden die garantiert nicht genommen. Zum Beispiel die Allgemeine Zeitung in meiner Heimatstadt Mainz hätte diese Kolumnen wohl nicht genommen, weil sie ihnen irgendwie zu schräg vorgekommen wären. – Ich brauche also eine Großstadt mit einer Medienlandschaft, in der mehr möglich ist, in der man ein breiteres Spektrum hat und in der es auch zahlenmäßig ein starkes Bildungsbürgertum, wie immer man das auch nennen mag, gibt.</p>
<p>Berlin ist da schon meine Stadt. Ich habe mich dazu entschieden, da zu leben, und ich wollte da immer hin. Nach meinem Abitur bin ich jedes Jahr für ein, zwei Wochen in Berlin gewesen. Ich hatte damals noch einen Job in Stuttgart, aber mein ziel war eben, irgendwann in Berlin zu leben. Seinerzeit las ich in einer Stellenanzeige in der ZEIT, dass der TAGESSPIEGEL einen Redakteur suchte, ich bewarb ich und wurde dann auch genommen. Es war also kein Zufall, dass ich nach Berlin kam, sondern ich wollte das. Zwischendrin habe ich noch ein Jahr in München gelebt, aber sehr schnell gemerkt, dass ich für ein Leben in München vollkommen ungeeignet bin und auch das gesellschaftliche Klima mir in München überhaupt nicht entgegen kommt.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Was meinen Sie genau?</p>
<p>HARALD MARTENSTEIN: Das Harte, Raue und Schnoddrige, das ist ja kein Klischee, sondern so ist ja Berlin wirklich, irgendwie. Daran habe ich mich aber sehr schnell gewöhnt. Jedoch auf diesen sehr indirekten, weichen, aber auch schwer zu durchschauenden Münchner Stil konnte ich mich nicht umstellen. – In Berlin musst du einfach damit rechnen, dass Dir jemand sagt, Du bist ein Arschloch. Das kann Dir dort jederzeit passieren, und in München kann Dir das nicht passieren. Aber Du weißt dann wenigstens, was dieser Typ von Dir hält.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: In München erfährt das dann erst über zwei, drei Ecken.</p>
<p>HARALD MARTENSTEIN: Genau. Und in Berlin weißt du’s einfach direkt. Das ist mir irgendwie lieber. Es ist schon so, ich liebe wirklich diese Stadt, und es müsste schon sehr viel passieren, damit ich von dort wieder weg ginge. Ich kann mir immer vorstellen, mal ein paar Monate woanders zu sein, aber ich würde immer wieder dorthin zurück gehen.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Wenn Sie die Großstadt und insbesondere Berlin so lieben, wie sind Sie denn dann darauf gekommen, sich ein zweites Domizil in der Uckermark zu suchen? Dient das beschauliche Landleben als Gegengewicht zum Großstadtleben und seiner Hektik?</p>
<p>HARALD MARTENSTEIN: Ich habe mir vor einiger Zeit angewöhnt, mich zum Schreiben zurück zu ziehen. Zum Schreiben brauche ich irgendwie meine Ruhe. Ich bin dann manchmal weg gefahren, ich habe auch mal ein Buch auf Mallorca geschrieben, habe mir da für sechs Wochen ein Zimmer gemietet in der Nebensaison, wo das nicht so teuer ist. Es war also immer so, dass ich mich abnabeln musste fürs Schreiben. Ich lasse mich auch gerne ablenken, wenn zum Beispiel Freunde sagen, komm’ mit und lass’ uns doch ins Kino gehen, dann mache ich das gerne mit, und dann ist das nicht gut für das Projekt. Und so brauchte ich also ein Quartier, das außerhalb von Berlin liegt, wo ich wirklich Ruhe habe. Jahrlang habe ich dann also geguckt in Brandenburg, und es ist fast so eine Art Hobby geworden. Zwei Mal im Monat habe ich dann solche Ferienhäuser, Datschen oder Lauben im Computer gefunden, bin dann so dahin gefahren und habe auch die Gegend erkundet. Auf diese Weise habe ich auch Brandenburg so ein bisschen kennen gelernt. Und bei einem Objekt hat’s dann eben mal geschnackelt, und so bin ich dann in der Uckermark gelandet. Das ist solch ein kleines Haus, in dem man auch im Winter sein kann. Dort habe ich auch meinen letzten Roman („Gefühlte Nähe“) so im Wesentlichen geschrieben. Wenn ich größere Projekte habe, dann fahre ich dahin und bleibe dann mal eine Woche oder auch zwei Wochen am Stück und arbeite. Und wenn ich mal nicht mehr in die Redaktion gehen muss, dann werde ich in Berlin vielleicht noch eine Anderthalb-Zimmer-Wohnung haben, aber immer mit der Perspektive, dass man jederzeit nach Berlin fahren kann.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Sie hatten eben schon erwähnt, dass Sie Ihren letzten Roman („Gefühlte Nähe“) überwiegend dort geschrieben haben. Mich würde mal interessieren, wie Sie im Unterschied zu den Kolumnen an ein solches Buch-Projekt herangehen? Wie finden Sie das Thema, wie entsteht der Plot? Manche Autoren gehen von einem einzigen Satz aus und lassen sich dann von der Geschichte selbst fort tragen, andere wieder brauchen ein ganz klares Konzept, einen Überblick über alle Personen und Handlungsstränge, also eine feste Struktur mit einzelnen Kapiteln, bevor sie schreiben können. Wie ist das bei Ihnen?</p>
<p>HARALD MARTENSTEIN: Bei meinem letzten Roman „Gefühlte Nähe“ war der Ausgangsgedanke, dass ich etwas über Liebe, Partnerschaft oder Sexualität schreiben wollte, weil das ein Thema ist, das ich in meinen Kolumnen ausspare. Das ist zu intim, zu privat, und das behandele ich in den Kolumnen nicht oder nur sehr am Rande, darüber wollte ich aber mal schreiben. Ich wusste, dass dies ein Feld ist, auf dem ich noch nicht geackert habe, das aber interessant ist; das war der erste Schritt. Der zweite Schritt war, dass ich auch schon im vorigen Roman („Heimweg“) versucht hatte, bundesdeutsche Geschichte und Familiengeschichte gleichzeitig zu erzählen und beides miteinander zu verbinden. Das wollte ich wieder machen, wollte also eine deutsche Geschichte schreiben, die im Hintergrund abläuft, und diese mit etwas Privatem verbinden. Natürlich ist klar, dass Liebe das Weltliteratur-Thema Nummer eins ist; aber die Frage, die ich mir stelle, ist, was an der Liebe heute anders ist als an der Liebe vor dreißig, vierzig, fünfzig oder hundertfünfzig Jahren. Ich bin dann zu der Überzeugung gekommen, dass es das Fragmentarische ist, also dass immer weniger Leute diesen „Lebensmenschen“ haben, den es in der Generation meiner Großeltern noch gegeben hat, bei meinen Eltern schon nicht mehr – meinen Eltern hatten sich geschieden, noch als ich Kind war -, und ich kenne fast niemanden, der irgendwann mit zwanzig einen Menschen gefunden hat, und jetzt – vierzig Jahre später oder so – immer noch mit diesem Menschen zusammen ist. Meine Großeltern zum Beispiel sind kurz hintereinander gestorben und waren sechzig Jahre miteinander verheiratet, obwohl die gar nicht so gut miteinander klar kamen und sich in heutiger Zeit wahrscheinlich hätten scheiden lassen – aber damals machte man das einfach nicht. – Solch einen Lebenslauf von heute wollte ich beschreiben. Also einen Lebenslauf, der aus lauter Anläufen besteht und sich einen Lebensmensch aus ganz vielen Facetten zusammen setzt. Wenn man dann eines Tages stirbt, hat man so eine Art virtuelle Witwen- oder Witwer-Gemeinschaft, die am Grab steht, und nicht den einen „Lebensmenschen“.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Diese Idee ist ja auch sehr spannend im Roman umgesetzt: die Hauptperson „N“, die niemals selbst zu Wort kommt und nur durch die Augen ihrer vielen Partner gesehen und beschrieben wird.</p>
<p>HARALD MARTENSTEIN: Ich scheine wohl etwas vertracktere Kompositionen zu mögen; denn auch in meinem ersten Roman („Heimweg“) hatte ich auch mit verschiedenen Ebenen gearbeitet, was letztlich zur Folge hat, dass ich mir für meinen nächsten Roman, den ich im kommenden Jahr schreiben möchte, vorgenommen habe, zur Abwechslung einmal etwas ganz Konventionelles auszuprobieren – also eine Geschichte ohne Fisimatenten, mit einer Hauptfigur und von Anfang bis zum Ende ganz linear durch erzählt. Das habe ich in meinen beiden ersten Romanen nicht gemacht, und das will ich einfach mal ausprobieren. – Weil Sie mich vorhin fragten, wie ich zu meinen Themen und Geschichten komme: Bei meinen nächsten Roman ist der erste Schritt die Konstruktions-Entscheidung gewesen. Die Entscheidung also, dass ich eine Geschichte kontinuierlich und linear erzählen und ein oder zwei Hauptfiguren haben möchte. An erster Stelle stand dieses Mal die Konstruktion und erst dann kam die Frage nach dem Thema. Und beim Thema war mir auch klar, dass sich auch in diesem Roman wieder die politische und Alltags-Geschichte mit der privaten Geschichte vermischen soll. Mein erster Roman („Heimweg“) war eine Geschichte über das Nachkriegsdeutschland und über das Kriegstrauma Heimweh, das zweite Buch war so ein 68er-Roman über die sexuelle Revolution, wenn man so will.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Steckt in dem letzten Buch eigentlich auch viel Autobiographisches?</p>
<p>HARALD MARTENSTEIN: Nicht sehr. Es gibt so drei, vier Kapitel, die mit Autobiographischem unterfüttert sind; aber es gibt auch viele Kapitel, die wirklich völlig frei erfunden sind. Also autobiographisch im klassischen Sinne ist es nicht. Da war der erste Roman „Heimweh“ näher an der realen Familiengeschichte meiner Großeltern dran. Und jetzt nach 68 müsste im dritten Buch eigentlich irgendetwas über die 80er Jahre kommen. – Und so arbeite ich: Ich entscheide mich für eine Geschichte, ich entwerfe die Geschichte und lege Karteikarten an – Anfang, Ende, die einzelnen Kapitel – das heißt, das Buch ist so fertig konstruiert, bevor ich anfange zu schreiben.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Wenn Sie also anfangen zu schreiben, wissen Sie auch schon, wo das Ganze einmal endet.</p>
<p>HARALD MARTENSTEIN: Na ja, so ungefähr jedenfalls. Wobei man das im Produktionsprozess auch öfters mal umschmeißt. Es ist sehr beruhigend, eine Vorstellung davon zu haben, wo man hin will und was man machen will; aber manchmal merkt man auch, das schreibt sich in eine andere Richtung, und dann baut man das halt ein bisschen um.<br />
KULTURBUCHTIPPS: Wie sieht es denn beim Schreiben eines Romans mit der Motivation aus? Denn um einen Roman zu schreiben, bedarf es doch einer viel stärkeren Motivation als zum Schreiben einer Kolumne.</p>
<p>HARALD MARTENSTEIN: Das ist für mich wirklich sehr schwierig. Ich bin ein Kurzstreckenläufer, ein Sprinter, dem man sagt: „Jetzt lauf’ mal einen Marathon“. – Ich habe gelernt, dass die Frustration, die sich beim Langstrecken-Schreiben irgendwann einstellt, und der Zweifel, ob ich das richtige Thema gewählt habe, sehr schwierig zu handhaben sind. Ich habe bei beiden Romanen so eine Krise gehabt und zwar immer so ungefähr nach einem Viertel der Strecke. Das sind ja jeweils so ungefähr 220 Seiten gewesen. Man hat also sechzig Seiten geschrieben und weiß, dass man noch sehr viel vor sich hat, man hat noch nicht einmal die Hälfte geschafft. Man fängt aber auch schon an, so ein bisschen müde zu werden und fragt sich, ob die Motivation wirklich reicht – das ist dann so der Punkt, an dem man sich fragt: Setze ich jetzt neu an? Das habe ich dann bei meinem ersten Roman auch tatsächlich gemacht: Ich hatte sechzig Seiten geschrieben, dann wieder neu angesetzt und noch einmal von vorne angefangen.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: So nach sechzig Seiten kommen einem also die ersten Seitenstiche beim Schreiben…</p>
<p>HARALD MARTENSTEIN: Ja, genau. Ich hatte meinen ersten Roman angefangen, in derselben Tonlage zu schreiben, in der ich Kolumnen verfasse, also, im Grunde genommen, eine Kolumne als Roman zu schreiben. Dann habe ich irgendwann gemerkt, dass das überhaupt nicht funktioniert und sehr ermüdend wird, weil es viel zu schnell ist für die lange Strecke, und dass ich einen ganz anderen Duktus brauche. Diese sechzig Seiten habe ich dann wirklich weg geworfen. Ich finde, dass eine der wichtigsten Sachen, die man beim Schreiben können muss, das Wegschmeißen ist. Wenn man das nicht kann, kommt man in Schwierigkeiten. Man muss in der Lage sein, sich auch von Sachen zu trennen, die einem lieb geworden sind – ganz im Sinne von „Kill your darlings“.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Wie ist es Ihnen dann gelungen, am Ball zu bleiben? In welcher Phase haben Sie einen Verlag kontaktiert – oder hatten Sie eine Literaturagentur, die auf Sie zugekommen ist?</p>
<p>HARALD MARTENSTEIN: Ich brauche ja, wie gesagt, den äußeren Druck. Und so bin ich schon ein Kind des so genannten Agenten-Wesens in der Literatur. Die Agenten schwärmen aus und gucken, welche Autoren sind in den Zeitungen vorhanden und welche halten sie für interessant. In meinem Fall war das eine Agentur, die auf mich zukam und fragte, ob ich mir vorstellen könne, einen Roman zu schreiben. Ich sagte natürlich: „Vorstellen kann ich mir vieles…“, und dann hatte ich etwas später einen Vertrag in der Tasche, in dem stand, dass ich achtzehn Monate später einen Roman abzuliefern habe, und so bin ich dazu gekommen. Und so gibt es ganz unterschiedliche Motive &#8211; Leute haben auch schon Romane geschrieben, weil sie dringend Geld brauchten. Bei mir war es eben der Weg über den Agenturvertrag. Das Handwerk des Schreibens hatte ich ja bereits über viele Jahre praktiziert, da traue ich mir auch etwas zu, und ob ich das bei dieser langen Form hinkriegte, würde sich zeigen – aber das zeigt sich ja bei jedem Autor erst beim Schreiben selbst, ob er das kann oder nicht.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Gehen wir mal ganz weit in die Vergangenheit zurück: Wann wussten Sie, dass Sie schreiben möchten? Gab es da ein bestimmtes Erlebnis, einen Zeitpunkt, an den Sie sich erinnern?</p>
<p>HARALD MARTENSTEIN: Ich habe ganz am Anfang Schülerzeitung gemacht und da geschrieben, nach der Schule ein Lehramts-Studium angefangen und gedacht, das ich vielleicht Lehrer werde. Meine ersten Erfahrungen, als ich so vor einer Klasse stand, waren jedoch wenig ermutigend. Allein das frühe Aufstehen und mich da schon um acht Uhr morgens zu produzieren, das hat mir echt Mühe bereitet. Ich hatte Geld gebraucht und weil ich nicht so viel gekriegt habe, habe ich mich als freier Mitarbeiter bei Lokalzeitungen beworben. Das war damals noch so eine paradiesische Zeit, in der man tatsächlich genommen wurde; dann durfte ich für die so Lokaltermine machen und habe dafür Geld gekriegt. Damals habe ich gemerkt, dass mir das leicht fällt und auch Spaß macht. So bin ich dann nach und nach weg geglitten von dem Berufziel Lehrer und habe begriffen, dass das etwas ist, was mir so viel Spaß macht und leicht genug fällt, dass ich das als Beruf machen möchte. Es hat ja keinen Sinn, etwas zu tun, was einem überhaupt nicht liegt. Ich war dann viele Jahre Lokalredakteur und habe wirklich diese Geschichten vom Kleintierzüchterverband geschrieben – all dieses Zeug. Irgendwann bin ich dann aufs Glossen- und Kolumnen-Schreiben gekommen, aber wirklich erst so mit vierzig ungefähr.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Wann erschien dann Ihre erste Kolumne?</p>
<p>HARALD MARTENSTEIN: Bei der ZEIT im Jahr 2002. Davor habe ich aber auch schon beim TAGESSPIEGEL Kolumnen geschrieben. So sind die von der ZEIT auch auf mich gekommen.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Letzte Frage: Auf der Buchmesse reden alle von Ebooks. Was halten Sie persönlich von Ebooks und welche Entwicklungen prognostizieren Sie für den Buchmarkt im Allgemeinen?</p>
<p>HARALD MARTENSTEIN: Das Ebook wird natürlich einen gewissen Platz im Markt erobern, keine Frage. Aber die Erfahrung lehrt, dass neue Medien oder neue Maschinen das Alte niemals vollständig zum Verschwinden gebracht haben. Das Fernsehen hat das Kino und das Radio nicht vernichtet, das Kino ist geblieben, das Radio ist geblieben, das Fernsehen ist geblieben. Und das gedruckte Buch wird auch nach der breiten Einführung des Ebooks bleiben. Denn das gedruckte Buch hat einfach Vorteile, die das Ebook niemals haben wird: Man kann es in der Badewanne lesen, man kann es ohne Weiteres verleihen, man kann anfassen, in den Bücherschrank stellen – da fallen mir tausend Vorteile ein, die das gedruckte Buch vor dem Ebook hat. Deswegen glaube ich, der Buchmarkt wird kleiner werden, ganz klar, und das Ebook schneidet sich eine Scheibe davon ab; aber es wird weiter gedruckt werden wie eh und je. Ich selbst werde vielleicht im nächsten oder übernächsten Jahr mal ein Ebook machen, denn ich habe viele Reportagen und Essays, und daraus könnte man so einen Sammelband machen. Vielleicht probiere ich das ja als Ebook aus. Wir werden das irgendwie machen müssen. So wie wir uns aufs Internet eingestellt und Videoblogs gemacht haben, so werden wir uns auch auf die Ebooks einstellen müssen. Letztendlich ist der Literaturbetrieb ja auch nur ein Markt, an den sich der Autor eben anpassen muss, wenn er überleben will.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Es wird wohl eine Entwicklung sein, die sich über mehrere Jahre hinziehen wird und vor allem wohl zunächst von den jungen Lesern schneller antizipiert wird als von den Älteren, die noch stärker durch das gedruckte Buch medial sozialisiert wurden als die Jungen, die von klein auf mit Internet und Computern aufgewachsen sind.</p>
<p>HARALD MARTENSTEIN: Ich denke auch, dass ich wohl nie als Leser zum Ebook wechseln werde.</p>
<p>KULTURBUCHTIPPS: Danke für dieses schöne Schlusswort und das anregende Gespräch.</p>
<p>HARALD MARTENSTEIN: Ich danke Ihnen.</p>
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		<title>Harald Martenstein: „Ansichten eines Hausschweins &#8211; Neue Geschichten über alte Probleme“</title>
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		<pubDate>Thu, 20 Oct 2011 08:15:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Von A wie Altersvorsorge bis Z wie Schnecken dürfen wir in dem neuen Buch „Ansichten eines Hausschweins“ in den gesammelten Kolumnen der letzten Jahre lesen, wie Harald Martenstein die Welt sieht. Um es für alle, die Harald Martenstein nicht kennen (solche Leute soll es tatsächlich noch geben), ganz deutlich zu sagen: Harald Martenstein gehört zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.belletristiktipps.de/images/martenstein-ansichten-b.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1109" title="Harald Martenstein: „Ansichten eines Hausschweins - Neue Geschichten über alte Probleme“" src="http://www.belletristiktipps.de/wp-content/uploads/2011/10/martenstein-ansichten.jpg" alt="" width="300" height="300" /></a>Von A wie Altersvorsorge bis Z wie Schnecken dürfen wir in dem neuen Buch „Ansichten eines Hausschweins“ in den gesammelten Kolumnen der letzten Jahre lesen, wie Harald Martenstein die Welt sieht. Um es für alle, die Harald Martenstein nicht kennen (solche Leute soll es tatsächlich noch geben), ganz deutlich zu sagen: Harald Martenstein gehört zu den witzigsten und dabei auch scharfzüngigsten Zeitkritikern weit und breit.</p>
<p>Dabei schreckt er auch vor scheinbar schwierigen Themen wie Antifaschismus, Berlusconi, Drogenhandel, Glücksspiel und Orgasmusproblemen nicht zurück – im Gegenteil. Es macht ihm Spaß, besonders heiße Themen anzufassen und seine unkonventionelle Meinung in solch entwaffnender Logik zu entfalten, dass dem Leser am Ende oft nichts anderes übrig bleibt als dem Zeitgeist zu widersprechen.</p>
<p>Denn immer öfter begegnet der Autor dem wohlklingenden Kanon der so genannten öffentlichen Meinung mit gesunder Skepsis und fragt sich: „<em>Was würde eigentlich passieren, wenn die sich alle irrten?</em>“ – Nicht selten ist die Antwort verblüffend. Aus solch einer zweifelnden Haltung bezieht er oft die Inspiration für seine Kolumnen.</p>
<p>Am Freitag setzt sich der Autor vor den Computer und überlegt. Bis Montagabend hat er Zeit, dann muss die Kolumne für die ZEIT fertig sein. Manchmal hat er Glück, und die zwei Themen, die er im Text miteinander verbindet, sind schnell gefunden. Doch an anderen Tagen will der Text einfach nicht gelingen. Dann wird überarbeitet, gestrichen oder auch neu geschrieben. Was am Ende so leichtfüßig und flüssig daher kommt, ist oft das Ergebnis harter Arbeit und eiserner Disziplin.</p>
<p>„<em>Ich schaffe es nicht zu schreiben, ohne dass mich jemand dazu zwingt</em>“, sagt Harald Martenstein in seinem <a title="Interview mit Harald Martenstein auf der Frankfurter Buchmesse 2011" href="http://www.belletristiktipps.de/archives/1111">Interview mit kulturbuchtipps</a>. Ohne Abgabetermin würde er wohl gar nichts schreiben. Zum Glück gibt es Leute bei der ZEIT, die ihn nicht in Ruhe lassen und die regelmäßige Abgabe seiner Texte einfordern.</p>
<p>Die humoristischen Kolumnen von Harald Martenstein verleiten viele Menschen am Donnerstag zum Kauf der Wochenzeitung DIE ZEIT. Seit einigen Jahren veröffentlichen die Hamburger wöchentlich eine neue Kolumne des Autors. Ein ähnliches Glück haben die Berliner, wenn der TAGESSPIEGEL, für den der Meister auch noch schreibt, am Wochenende regelmäßig einen schmunzelnden Einblick in Harald Martensteins Gedankenwelt gewährt.</p>
<p>Doch was ist eigentlich so komisch an diesen Texten, die selten länger sind als zwei Buchseiten? Es ist der zögerliche Stil des Autors bei der Behandlung kultureller Themen. Der Leser wird zunächst mit einem Satz konfrontiert, der ihn verblüfft, erschreckt, verwirrt. Dann jedoch erzählt Martenstein oft etwas völlig anderes, das jedoch auf einer unausgesprochenen Ebene sehr wohl einen Bezug zum ersten Thema hat. Je länger der Autor nun über das zweite Thema und eben gerade nicht über das erste redet, umso deutlicher wird der Zusammenhang, der oft erst am Ende der Kolumne mit einem Knalleffekt zur Entladung kommt.</p>
<p>Diese schwebende Balance zu halten, versteht Harald Martenstein meisterhaft. Er beherrscht diese Technik scheinbar im Schlaf. Doch es ist gar nicht so leicht, die richtigen Themenpaare zu entdecken. Seine Ideen findet Martenstein im eigenen Leben und im Chaos der Großstadt. Seit 1988 lebt er mit Unterbrechungen in Berlin; er ist überzeugter Wahl-Berliner, wie er im Interview bekennt. Harald Martenstein kennt noch das alte West-Berlin mit seinen dörflichen Strukturen und dem verschlafenen Charme der Mauerstadt, aber gerade das neue, bunte und laute Berlin ist seine Welt. Trotzdem zieht er sich gern zum Schreiben zurück und braucht ungestörte Ruhe um kreativ zu sein. So hat er sich vor einiger Zeit ein Ferienhaus in der Uckermark gekauft, in dem er auch einen Großteil seines letzten Romans „Gefühlte Nähe“ geschrieben hat.</p>
<p>Den seltsamen Titel des neuen Sammelbands erklärt Harald Martenstein in seinem <a title="Interview mit Harald Martenstein auf der Frankfurter Buchmesse 2011" href="http://www.belletristiktipps.de/archives/1111">Interview</a> mit kulturbuchtipps: „<em>Es hat vor einiger Zeit eine Rezension in der Süddeutschen Zeitung gegeben, die sich mit meinen letzten Roman befasste, der durchweg so ganz positiv besprochen wurde und teilweise sogar sehr positiv – diese Rezension aber war ein Verriss. In diesem Verriss wurde ich als ein Hausschwein bezeichnet. Und ich dachte mir, damit gehe ich jetzt mal ganz offensiv um. Das mache ich jetzt zum Markenzeichen.</em>“</p>
<p>Dass hier das Hausschwein wieder einmal die schönsten Trüffel aus dem Mutterboden unserer Kulturlandschaft gebuddelt hat, soll als Kompliment verstanden werden. Schweine sind intelligente Tiere. Wer dieses Buch liest, wird dem nur zustimmen können.</p>
<p>Doch nun endlich genug mit dem Schweinkram und ran an die Lektüre! Lesen Sie „Ansichten eines Hausschweins“ und schmunzeln Sie Ihre falschen Vorstellungen über unser Leben in dieser Gesellschaft weg. Harald Martenstein zeigt Ihnen die Wahrheit.</p>
<p>Halten Sie es mit Immanuel Kant („Sapere aude“) und benutzen Sie ihren Kopf zum Denken, wenn Sie das nächste Mal merken, dass alle, alle auf derselben Welle schwimmen und derselben Meinung sind. Dies ist ein untrügerisches Warnzeichen, dass etwas nicht stimmt.</p>
<p>Doch in Martensteins Welt stimmt dann doch wieder alles, auch wenn vieles zunächst politisch nicht ganz so korrekt klingt. Am Ende macht es Sinn, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Wer selbst denkt, hat mehr vom Leben. – In diesem Sinne: viel Spaß beim Leben!</p>
<p><strong>Lesen Sie auch das vollständige <a title="Interview mit Harald Martenstein auf der Frankfurter Buchmesse 2011" href="http://www.belletristiktipps.de/archives/1111">Interview mit Harald Martenstein</a> auf der Frankfurter Buchmesse 2011.</strong></p>
<p>Autor: Harald Martenstein<br />
Titel: „Ansichten eines Hausschweins“<br />
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten<br />
Verlag: C. Bertelsmann Verlag<br />
ISBN-10: 3570101118<br />
ISBN-13: 978-3570101117</p>
<p><em>Hat Ihnen die Rezension weiter geholfen? – belletristiktipps ist ein unabhängiges Medium für Rezensionen von belletristischen Neuerscheinungen. Damit dies auch so bleiben kann, brauchen wir Ihre Unterstützung: Wenn Sie dieses Buch kaufen möchten, benutzen Sie bitte den folgenden Link zu unserem KULTURBUCHLADEN oder unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer kleinen <a href="https://www.paypal.com/cgi-bin/webscr?cmd=_s-xclick&amp;hosted_button_id=4GPDC4C8K532W" target="_blank">Spende</a>. – Vielen Dank!</em></p>
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<p><a href="http://astore.amazon.de/kulturbuchtipps-21/detail/3570101118" target="_NEW"><img src="http://www.belletristiktipps.de/images/kulturbuchladen.jpg" alt="" width="200" height="65" /></a></p>
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		<title>Axel Hacke: „Das Beste aus meinem Liebesleben – Ein  kleiner Beziehungsratgeber“</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Aug 2011 13:00:24 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Satire]]></category>
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		<description><![CDATA[Axel Hacke ist ein Spalter. Die Männer mögen seine Bücher, weil sie ihnen durch die Lektüre seiner larmoyanten Kritik an den Zuständen der ungleichgeschlechtlichen Beziehungen die Möglichkeit einer unterhaltsamen zeitlichen Expansion der gruppentherapeutischen Dienstagabend-Sitzungen mit den Kumpeln sowie im Rahmen der gesellschaftspolitischen Strukturen eine sogar leicht kathartische Verarbeitung der wiederholten repressiven Erlebnisse häuslicher Gewalt ermöglichen. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.belletristiktipps.de/images/hacke-liebesleben-b.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1093" title="Axel Hacke: „Das Beste aus meinem Liebesleben – Ein  kleiner Beziehungsratgeber“" src="http://www.belletristiktipps.de/wp-content/uploads/2011/08/hacke-liebesleben.jpg" alt="" width="300" height="300" /></a>Axel Hacke ist ein Spalter. Die Männer mögen seine Bücher, weil sie ihnen durch die Lektüre seiner larmoyanten Kritik an den Zuständen der ungleichgeschlechtlichen Beziehungen die Möglichkeit einer unterhaltsamen zeitlichen Expansion der gruppentherapeutischen Dienstagabend-Sitzungen mit den Kumpeln sowie im Rahmen der gesellschaftspolitischen Strukturen eine sogar leicht kathartische Verarbeitung der wiederholten repressiven Erlebnisse häuslicher Gewalt ermöglichen.</p>
<p>Die Frauen allerdings mögen Axel Hackes Bücher aus einem ganz anderen Grund. In der weiblichen Sympathie schwingt viel weniger eine gesunde Selbstironie mit als vielmehr ihre Befriedigung durch die literarische Bestätigung jener post-patriachalischen und auf der kapitulativen Anerkennung des weiblichen Herrschaftssystems basierenden Strukturen, die auf perfide Weise die erzkonservativen Strömungen des klassischen Ehe-Lebens zementieren, indem sie die berechtigte Kritik an jenen künstlichen Lebens-Verhältnissen durch ein schaumweiches Unterhaltungserlebnis abschwächen und damit eine Überwindung jener unhaltbaren gesellschaftlichen Strukturen im Keim ersticken.</p>
<p>Nach diesem Verständnis wäre Axel Hacke ein Kollaborateur der katholischen Kirche und ein anti-moderner Autor. Doch wir leben nicht in Zeiten politischer Umwälzungen und revolutionärer Utopisten, sondern in der bestmöglichen Spaßgesellschaft zu Beginn des dritten Jahrtausends.</p>
<p>Anders gesagt: Axel Hackes Bücher sind witzig und geistreich, und sein Wortwitz und seine Selbstironie machen auch vor auch Axel Hackes „Liebesleben“ nicht Halt. „Das Beste aus meinem Liebesleben“ liest sich wie Axel Hacke sich immer liest. Spaßig und amüsant und für den genau Lesenden auch immer mit einer leicht subversiven Note im Abgang. Sein neuestes Buch erweitert den Horizont des Hackeschen Adepten um den bislang mehr oder weniger geheimen Kosmos des Intimen.</p>
<p>Ja, Axel ist verheiratet, und er lebt mit seiner Frau, der Jazz-Sängerin Ursula, in „ehelicher Zucht“, wie man es als Pendant zum Terminus der „unehelichen Unzucht“ formulieren könnte. – „Eheliche Zucht“, was auch immer man damit assoziieren möge.</p>
<p>Wir regen uns alle über die Frauen auf, mit denen wir zusammen leben (oder es täglich versuchen). Die Frauen regen sich ebenso über uns auf, und das lässt doch hin und wieder die Frage aufkommen, warum das alles?! War es früher nicht besser? Und warum ist es jetzt anders? Warum kann es jetzt nicht so wie früher sein?</p>
<p>Diese Fragen sind ebenso sinnlos wie schmerzhaft. Die therapeutische Wirkung regelmäßigen gemeinsamen Jammerns in abgelegenen Männer-Häusern mit Zapfhähnen ist immer nur von kurzer Dauer, bald schon ist man wieder dem eiskalten Wind der ungleichgeschlechtlichen Zweierbeziehungen ausgesetzt.</p>
<p>Wer zwischen den Männertreffen seine geistige und mentale Gesundheit im Zweierkampf erhalten möchte, der lese Axel Hackes „Das Beste aus meinem Liebesleben“. Das knapp 140 Seiten starke Büchlein ist „ein kleiner Beziehungsratgeber“, wie der Autor auf dem Umschlag anmerkt.</p>
<p>In aller Kürze: Axel macht das Leben leichter. Auch das Liebesleben.</p>
<p>Autor: Axel Hacke<br />
Titel: „Das Beste aus meinem Liebesleben – Ein kleiner Beziehungsratgeber“<br />
Gebundene Ausgabe: 120 Seiten<br />
Verlag: Kunstmann<br />
ISBN-10: 3888977274<br />
ISBN-13: 978-3888977275</p>
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		<title>Doris Dörrie: „Alles inklusive“</title>
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		<pubDate>Thu, 25 Aug 2011 13:37:22 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Frauen]]></category>
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		<category><![CDATA[dörrie alles inklusive kritik]]></category>
		<category><![CDATA[familie]]></category>
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		<description><![CDATA[Wenn man die Tochter einer Hippie-Mutter ist, kann es schon mal passieren, dass man „Apple“ heißt. Doch damit nicht genug, alle Versuche Apples, der chaotischen Kindheit und Jugend zu entfliehen und es im eigenen Leben geordneter und ruhiger zugehen zu lassen, scheitern, weil Apples Liebesleben von einem Desaster ins nächste schlittert. Nie mehr soll es [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.belletristiktipps.de/images/doerrie-allesinklusive-b.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1085" title="Doris Dörrie: „Alles inklusive“" src="http://www.belletristiktipps.de/wp-content/uploads/2011/08/doerrie-allesinklusive.jpg" alt="" width="300" height="300" /></a>Wenn man die Tochter einer Hippie-Mutter ist, kann es schon mal passieren, dass man „Apple“ heißt. Doch damit nicht genug, alle Versuche Apples, der chaotischen Kindheit und Jugend zu entfliehen und es im eigenen Leben geordneter und ruhiger zugehen zu lassen, scheitern, weil Apples Liebesleben von einem Desaster ins nächste schlittert.</p>
<p>Nie mehr soll es so schlimm sein wie damals, im Sommer 1976, als in Spanien die Hippie-Kommune von Torremolinos die freizügige Kulisse abgab für Ingrid, Apples Mutter, und Karl, einem biederen Bankangestellten aus Hannover, der mit Frau und Kind zugfällig am selben Strand Urlaub machte. So verschieden die beiden waren (oder vielleicht gerade deswegen), verliebten sie sich ineinander und stellten dadurch ihr jeweiliges Umfeld auf den Kopf und vor viele offene Fragen.</p>
<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Doris_D%C3%B6rrie" target="_blank">Doris Dörrie</a> ist bekannt für solche heiklen Plots und turbulente Geschichten. So ist „Alles inklusive“ ein typischer Dörrie-Roman und macht keine Ausnahme. Starke Frauen sind Programm, und die Freundschaft zwischen Mutter und Tochter wird mehr als einmal auf die Probe gestellt.</p>
<p>Trotz aller Turbulenz ist „Alles inklusive“ auch eine sehr schöne Geschichte mit leisen Zwischentönen. Das eigentliche Leben findet gerade dort statt, wo es nicht in Schwarz und Weiß gekleidet ist. Doris Dörrie versteht sich hervorragend auf diese Zwischentöne. Das macht ihre Geschichten so besonders – und besonders lesenswert.</p>
<p>Autor: Doris Dörrie<br />
Titel: „Alles inklusive“<br />
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten<br />
Verlag: Diogenes<br />
ISBN-10: 325706781X<br />
ISBN-13: 978-3257067811</p>
<p><em>Hat Ihnen die Rezension weiter geholfen? – belletristiktipps ist ein unabhängiges Medium für Rezensionen von belletristischen Neuerscheinungen. Damit dies auch so bleiben kann, brauchen wir Ihre Unterstützung: Wenn Sie dieses Buch kaufen möchten, benutzen Sie bitte den folgenden Link zu unserem KULTURBUCHLADEN oder unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer kleinen <a href="https://www.paypal.com/cgi-bin/webscr?cmd=_s-xclick&amp;hosted_button_id=4GPDC4C8K532W" target="_blank">Spende</a>. – Vielen Dank!</em></p>
<p><a href="http://astore.amazon.de/kulturbuchtipps-21/detail/325706781X" target="_NEW"><img src="http://www.belletristiktipps.de/images/kulturbuchladen.jpg" alt="" width="200" height="65" /></a></p>
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